Techniker kommt. Alles wird gut. Hoffentlich.
Alles wird gut: Techniker hat gerade angerufen, kommt morgen. Wurde auch Zeit, nur noch ein Tag dann geht es wieder. Der Heilsbringer kommt pünktlich. Schraubt Buchse auf, fummelt am Modem, misst. „Ich muss mal zum Hauptverteiler-Kasten im Keller.“ Gerne, mir nach. Paar Minuten später: „Tut mir Leid, aber ich kann nichts machen. Die Anlagen im Haus sind in Ordnung, das Problem liegt wohl auf der Straße. Dafür bin ich aber nicht zuständig, das muss ich melden. Unterschreiben Sie hier. Wiedersehen.“
Vorher beruhigt er allerdings, es gehe meist schnell, wenn einmal ein Knotenpunkt „auf der Straße“ ein Problem hat, möglicherweise sogar noch diesen Nachmittag. Was natürlich nicht geschieht, da betreffender Techniker seinen Besuch und Nicht-Entstörung erst 24 Stunden später im System vermerkt. Vielleicht hatte aber der berittene Bote auf dem Weg in die Zentrale mit dem Wetter zu kämpfen, wer weiß, die Hotline zumindest weiß stets am Wenigsten und kann nur „um Geduld bitten...“
Ende Woche 1: Entzugserscheinungen
Die Geduld jedoch neigt sich im nunmehr einwöchigen Offline-Haushalt dem Ende zu: Sie wird nervös, die Entzugserscheinungen haben voll zugeschlagen. Wut, Schuldzuweisungen an Unschuldige (mich), pure Verzweiflung. Aus letzterer heraus hat sie sogar angefangen, am PC „Mahjong“ und „Minesweeper“ zu spielen. Psychologisch kommt das nur knapp vor der Stufe „Rechner aus dem Fenster werfen“.
Irgendwann jedoch akzeptiert man sein Schicksal. Man sieht sich Dokus und Reportagen im Fernsehen an, legt sich eine DVD ein oder hat tatsächlich wieder einmal Zeit für ein Buch. Und irgendwie ist das nicht schlecht: keine Termine in Online-Spielen, kein Zwang in Diskussionsforen posten zu müssen, kein Beantworten von Mails aus Höflichkeit, …
Einen Haken hat die besinnliche Offline-Zeit jedoch: Ohne Internet lässt sich heutzutage nur schlecht Geld verdienen. Für Recherchen findet man dort viele Buchstaben, die meisten von ihnen ergeben sogar einen Sinn, und ein Brockhaus ist nun mal leider nicht im Haus. Klar, man könnte auch telefonieren. Bloß: Wen anrufen und wo die Nummer finden? Und zu welchem Thema? Als professioneller News-Junkie reichen die Fernsehnachrichten gerade einmal zur Stillung der Grundbedürfnisse, in etwa als würde ein Crack-User auf Kamillentee umsteigen.
Will! Internet! Sofort!
Gerade zum zwölften Mal mit dem Support telefoniert. Das Internet-Fasten ist wie erwähnt zwar auch irgendwie entspannend, aber langsam reicht's. Will! Internet! Sofort! Bekomme mit jedem Anruf eine neue „Eskalationsstufe“ als Status verpasst. Bedeutet das eigentlich, dass man besonders vorsichtig mit dem Kunden umgehen muss oder dass die Störung eine höhere Priorität bekommt? Bekannt: Taten != Worte. Weiterer Versuch: Beim Kundenservice sogar „in die Zentrale“ verbunden worden. Netter Mitarbeiter, bedauert alles ganz furchtbar, „zwei Wochen sind wirklich etwas lang.“ Sag' ich doch! Machen könne er aber nichts, „bitte wenden Sie sich an unsere technische Hotline.“ Hmpf …
Finale Phase: Akzeptanz
Bin nach Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross in der finalen Phase angekommen: Akzeptanz (alle anderen vier Phasen zuvor durchlaufen: Nichtwahrhabenwollen, Wut, Verhandeln und Depression). Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen. Ruhe in Frieden, Internet. War schön mit Dir. So viele Stunden haben wir gemeinsam verbracht, zusammen neue Musik entdeckt, über lustige Videos gelacht, etliche Lösungen für Probleme (die man ohne Computer nicht hätte) gefunden, gezockt, gechattet und gepostet. Werde Dich vermissen.
Ziemlich genau zwei Wochen danach, späterer Abend. Diskussion, was tun? Vor allem Arbeit betreffend. Irgendwohin muss ich an den Tropf. Internet-Café oder auf das Angebot eines Kollegen zurückkommen und als Gastarbeiter in einer Redaktion digitales Obdach finden? Stimmung: leicht gereizt. Ein Scherz sollte die Situation auflockern: „Hab schon lange nicht mehr nachgeschaut, ob es geht. Drei Stunden schon, haha“. Aber weil ein Alkoholiker auch nie ganz trocken wird, dann trotzdem ins Arbeitszimmer gegangen. Müder Blick zum Modem ...
Happy End (?)
Vier grüne Lämpchen (LEDs um genau zu sein) glühen. Sicher eine optische Täuschung. Genauer hingeschaut: Tatsächlich! „Schaaaaatz. Es geeeeeeeeeht!“ (im Drehbuch stünde an dieser Stelle: Blickt euphorisch bis geisteskrank und doch ungläubig. Mit zitternder Hand startet er den Computer. Sie eilt heran, sieht verstört in den Raum.) „Du willst mich jetzt sicher verarschen!“ - „Nein, wirklich. Schau her“. Klick. Seite lädt. Seite da.
Endlich! Internet. Mails, Facebook, Twitter checken: Tja, nichts Interessantes. Müdes Herumklicken, wahlloses Surfen. Gähn.
Mmh. Irgendwie war das Web früher aber noch interessanter ...
Über den Autor
Witold Pryjda (35) lebt als Ösi unter Ossis in Berlin und will das auch nicht missen, weil man da den Akzent so süß und lustig findet. Er arbeitet mit Buchstaben, ordnet sie und hofft, dass die Wirtschaftskrise noch Honorar-Krümmel für freie Journalisten übrig gelassen hat. Ist Popkultur-Nerd und schreibt auch darüber, digital, aber auch auf dem Zeug, in das man Fisch einwickelt und vor dem iPad aufs Klo mitnahm. Außerdem möchte er Mama, Papa, Bruder, Freundin, seine Katzen und alle, die ihn kennen, grüßen, dazu ZEIT Online (www.zeit.de), gamona (www.gamona.de), die Kleine Zeitung (www.kleinezeitung.at) und die Tiroler Tageszeitung (www.tt.com).





9 Answers
von Roland 11.02.2010 (10:30Uhr) 1.
JAAAHH, ICH BIN NICHT ALLEIN!!! ;-)
von herby 11.02.2010 (11:01Uhr) 2.
Einfach köstlich. Ich weiss nicht, was ich in solch einer Situation hätte machen sollen.
von René Fischer 11.02.2010 (11:56Uhr) 3.
Einfach zu geil. Hab das Schmunzeln noch immer auf den Lippen.
Kleiner Tipp am Rande: Für so etwas hat man immer einen Prepaid UMTS-Stick parat. Internet für 2,50 EUR am Tag (Fonic) ist immer noch besser als keins ;)
von Sven Johannsen 11.02.2010 (14:47Uhr) 4.
Sehr unterhaltsam! Und doch genieße ich stets meine webfreien Tage wie 2 Wochen Urlaub ohne digitalen Anschluss. Viel lesen, neugierig in die Welt schauen, die ganze Aufmerksamkeit der Liebsten widmen. Wunderbar!!
von Dominik 11.02.2010 (16:03Uhr) 5.
Hmmm ... also wenn ich in den Urlaub fahre dann bin ich freiwillig 2 Wochen ohne Internet und tauche nicht in die digitalen Welten ein. Ein Buch zu lesen, Spazieren zu gehen, das Schwimmbad zu besuchen und vieles mehr ist heute zwar oft eher eine exotische Tätigkeit ... aber das entspannt und man merkt wie lebendig man eigentlich ist, wenn man nicht auf das eckige Wunderding namens Monitor guckt.
2 Wochen sind also durchaus akzeptabel und wie schon von Vorgängern geschrieben, wenn man es für die Arbeit oder so braucht gibt's ja UMTS-Sticks und andere Alternativen.
von Vlad 11.02.2010 (17:14Uhr) 6.
OMG!!!
2 wochen ohne, ist sehr hart !
In der Zeit hätte ich geübt mit einem Gamepad buchstaben so zu sortieren dass sie einen Sinn ergeben.
Übrigens tolle Google anzeigen unten an der Seite.
Alkoholentzug in 21 Tagen lol
von Max 11.02.2010 (18:08Uhr) 7.
diesen Tag würde ich gelassen nehmen
von Paul 13.02.2010 (14:49Uhr) 8.
Ich glaube das viele Firmenstrukturen zusammenbrechen würden. Privat gesehen ist das aber eine Bereicherung. Arbeit kann man so nicht mehr so einfach mit nach hause nehmen. =)
von Stephan 15.02.2010 (12:11Uhr) 9.
Ich hab ja in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass google öfter mal stehen bleibt. In Bezug auf die Aufnahme oder die Updates meine ich
gruss
stephan