Der Vergleich ist dabei nicht nur äußerlich passend, sondern durchaus auch inhaltlich. Während beim PICNIC Festival in zwangloser Atmosphäre Ideen ausgetauscht und weiterentwickelt werden, versucht die dmexco Produkte an den Mann zu bringen. Dass beim Verkaufsgespräch mitunter die Lautstärke das eigentliche Produkt übertüncht, also bei den großen Portalen etwa die Inhalte und das Werbeumfeld, liegt in der Natur der Sache.

Das Schaulaufen der „Sieger“
Leider bleibt beim Kölner „Klassentreffen“ nur wenig Zeit, beim Begleitkongress oder einem der anderen Formate (Debate Hall, Speaker's Corner, Guided Tour oder Seminar) vorbeizuschauen. Nach drei Tagen purer Inspiration auf den Amsterdocker Docks verging mir allerdings vergleichsweise schnell die Lust mich angesichts des Gewühls auf Vorträge einzulassen, die – so die weit verbreitete Meinung – kaum etwas Neues zu Tage förderten.
Die Themen, die das dmexco Geschehen bestimmen würden, waren bereits im Vorfeld abzusehen und wer wirklich wollte, konnte sich die Einzelheiten in Fachpublikationen oder Weblogs bereits vorher ausführlich zu Gemüte führen – und das wahrscheinlich viel intensiver als das auf der dmexco jemals der Fall sein kann. Es ist eben ein Schaulaufen, ein Sehen und Gesehen werden, eine Visitenkartenhalde – für Anbieter und Nachfrager von Lösungen und Jobs.
Beide Events sind für mich seit Jahren – aus völlig unterschiedlichen Gründen – Pflichtveranstaltungen. Mein Herz aber hängt ganz klar an der PICNIC, auch wenn hier in diesem Jahr regelrechtes „Konferenzroulette“ gespielt wurde. Das Networking einer mitteleuropäischen Veranstaltung Mitte September zu weiten Teilen im Außenbereich stattfinden zu lassen, ist nicht nur mutig, sondern bei genauer Betrachtung fahrlässig. Wie der erste Tag, an dem Niesel, Wind und Temperaturen um die 16 Grad dominierten, gezeigt hat, hätte dieser Teil gehörig in die Hose gehen können. Dass es anders kam und die von mir so lieb gewonnene PICNIC Atmosphäre an den beiden Folgetagen Einzug hielt, war allein dem Wettergott zu verdanken und weniger der guten Eventplanung.
Das Treffen der Vordenker
Warum aber fährt eine eingeschworene, deutsche Community, bestehend aus Journalisten, Bloggern, Kreativen, Beratern und Veranstaltern dann zur PICNIC? Soviel sei verraten: Es ist nicht das Essen, das in der Regel aus einem bescheidenen Lunchpaket besteht (unvorstellbar für deutsche Konferenzveranstaltungen). Auch am Komfort der Location kann es nicht liegen. Wer bitte wartet schon darauf, mit einer Fähre vom Bahnhof zu einem Gelände gebracht zu werden, das mehr an eine Industriebrache erinnert denn an den Austragungsort einer hochwertigen, internationalen Konferenz? Es ist vor allem die in jeder Hinsicht unkonventionelle Machart. Zelte, Hangar und Container wirken alles andere als steril und reißen die (Denk-)Barrieren der Besucher nieder, die tatsächlich aus unterschiedlichsten Branchen stammen.
Auch für mich ist es immer wieder ein Aha-Erlebnis, einem Vortrag über urbane Architektur zu lauschen und dabei zu entdecken, dass Inspiration selten aus der eigenen Fachdisziplin kommt. Interdisziplinarität heißt Perspektivenwechsel und dazu bringt einen die PICNIC mit Keynotes, Pausenunterhaltungen, Workshops und Formaten, für die es eigentlich keine Schublade geben kann. Die Geeks, die sich hier ein Stelldichein geben, stammen aus den unterschiedlichsten Nischen – da gibt es kein selbstverständliches Abnicken. Jeder muss sich erklären, es wird hinterfragt.
Scheuklappenblick statt das große Ganze
Im Vergleich dazu kommt einem wenige Tage später der Aufgalopp der dmexco wie ein Treffen von Strebern und Jahrgangsbesten vor. Steht bei der PICNIC das Zuhören im Vordergrund, dominiert bei der dmexco das Reden. Das eben noch in Amsterdam geöffnete Visier verengt sich binnen einer Woche zu einem schmalen Sehschlitz, der kein links, rechts, oben oder unten mehr zulässt. Das konspirative Zunicken der Branchenteilnehmer gepaart mit dem mit Zahlenmaterial untermauerten Siegeszug der Online-Werbung (sparen wir die Brutto-/Netto-Diskussion mal aus) wirkt auf mich bisweilen wie Autosuggestion. Von Nachhaltigkeit ist hier – auch das ein Unterschied zum PICNIC Festival - keine Rede. Citius, altius, fortius: Jeder kann es irgendwie schneller, gezielter und weiß es irgendwie besser – in seiner ganz speziellen Nische.
Nein, Konferenzen und Kongressveranstaltungen, die über den Tellerrand blicken und den Gesamtkontext (nicht nur Werbung im Allgemeinen, sondern Ökonomie, Gesellschaft und Kultur) berücksichtigen, in dem man sich als (Teil-)Branche bewegt, sind nach wie vor spärlich gesät. Genau das macht aber die PICNIC so attraktiv und führt ihr Teilnehmer aus allen möglichen Bereichen (und Ländern) zu. Eine Mischung, wie man sie bei kaum einem anderen Konferenzevent findet, weder bei der SIME (Stockholm) noch bei LeWeb (Paris), The Next Web (Amsterdam) oder dem DLD (München). Wobei letzterer schon dank monetärer Gestaltung diese Mischung verhindert.
Ein Silberstreif am Horizont
Ein Blick an den Veranstaltungshorizont 2011/12 lässt allerdings Hoffnung aufkeimen. Im Mai 2012 finden erstmals die re:publica und die NEXT innerhalb der Berlin Webweek statt. Die Konferenzmacher beider Events habe ich als offen für branchenferne Impulse kennengelernt. Nicht umsonst zählen sie daher zu den Stammbesuchern der PICNIC. Sollten die Ankerveranstaltungen der Webweek einen Weg finden, ihre Inhalte aufeinander abzustimmen, sehe ich gute Chancen die unterschiedlichsten Facetten, Visionen und Impulse an einem Ort zu versammeln. Und hierfür kann es aktuell keinen besseren Platz geben als Berlin. Frei nach dem Motto: Geeks aller Länder, versammelt Euch! Und wir sind für eine ganze Woche mittendrin. Hach!
Disclaimer: Der Autor hat mit seinem Team die Kommunikation zur NEXT Conference 2011 übernommen, verfügt aktuell aber über kein Mandat bei einer der genannten Veranstaltungen.



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2 Answers
von Konferenzen im Duell: dmexco vs PICNIC (… 10.10.2011 (16:39Uhr) 1.
[...] wenn es die Überschrift so nicht (mehr) hergibt: Der Beitrag bei t3n ist weitaus mehr als ein einfacher Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Letztlich [...]
von Franz Josef Neffe 13.10.2011 (01:33Uhr) 2.
Dass AUTOSUGGESTION Scheuklappendenken sei, entspricht dem Stand von etwa 1890. In der Zeit entwickelte sich - vor allem durch die 1.Nancyer Schule mit Bernheim und Liébault - die SUGGESTION als Heilfaktor.
Zwanzig Jahre drauf machte É.Coué mit seiner 2.Nancyer Schule durch seine enormen praktischen Erfolge die AUTOSUGGESTION in wenigen Jahren zu einer weltberühmten Selbsthilfe-Methode.
Vor 4 Wochen hat der Nancyer Bürgermeister bei der Eröffnung des 1.Int.Coué-Kongresses an der Universität Nancy gezeigt, dass es Zeit wird, aus dem 19.Jahrhundert ins 21. zu finden. Es wird Zeit für ein wenig Selbsterkenntnis, dass wir immer noch über 100 Jahre alte, längst überholte Schablonen hin und herschieben und damit unseren GEIST in seiner intelligenten Entfaltung behindern.
Guten Erfolg wünscht
Franz Josef Neffe