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Digitales Leben

Krautreporter-Herausgeber Sebastian Esser: „Das erwartet unsere Leser“ [Interview]

    Krautreporter-Herausgeber Sebastian Esser: „Das erwartet unsere Leser“ [Interview]

Das Team der Krautreporter. (Screenshot: Krautreporter)

Wir haben mit Sebastian Esser, dem Herausgeber der Krautreporter, über Learnings aus der Crowdfunding-Kampagne, Krautreporter-Kritiker und das im September erscheinende Magazin gesprochen.

Nach dem Vorbild des niederländischen Magazins De Correspondent sind die Krautreporter im Mai angetreten, auch den deutschen Online-Journalismus besser zu machen: Mit einem per Crowd finanzierten Digitalmagazin, das sich nicht den Gesetzmäßigkeiten der Werbeindustrie unterordnen muss. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten schaffte das vielbeachtete Projekt auf den letzten Metern das Kampagnenziel von 15.000 zahlenden Mitgliedern.

Treibt das Projekt Krautreporter mit dem nötigen Selbstbewusstsein voran: Herausgeber Sebastian Esser. (Screenshot: Krautreporter)
Treibt das Projekt Krautreporter mit dem nötigen Selbstbewusstsein voran: Herausgeber Sebastian Esser. (Screenshot: Krautreporter)

t3n.de: Du hast gerade bestimmt viel um die Ohren. Welche Projekte laufen jetzt nach der erfolgreichen Finanzierung an?

Sebastian Esser: Ganz viele verschiedene. Wir brauchen eine Software-Plattform, müssen Arbeitsabläufe finden, Geschichten planen und vorproduzieren. Daneben arbeiten wir an der geschäftlichen Struktur – wir prüfen, das Unternehmen in eine Genossenschaft umzuwandeln.

Eine ganz wichtige Baustelle ist erst während der Crowdfunding-Kampagne deutlich geworden: Wir müssen die Kommunikation mit der Community besser organisieren. Die Leute sollen besser darüber informiert sein, was gerade bei uns passiert, und schnellere und bessere Antworten bekommen. Wir machen uns momentan sehr viele Gedanken darüber, wie das funktionieren wird und stellen zusätzliche Leute ein.

t3n.de: Wann genau geht das Magazin der Krautreporter live?

Sebastian Esser: Der Start ist für September geplant, allerdings ist so ein Prozess immer mit vielen Unwägbarkeiten behaftet. Für interessierte Mitglieder soll es Anfang September eine Closed Beta geben, sodass sie die Plattform testen und uns Feedback geben können.

t3n.de: Welche Benefits werden die zahlenden Mitglieder sonst noch erhalten? Habt ihr schon konkrete Vorstellungen?

„In geschlossenen Communitys funktionieren die Diskurse besser.“

Sebastian Esser: Es wird Krautreporter in einer Basis-Version und einer Pro-Version geben. Ohne Abo bekommst du nur die Texte und eine begrenzte Auswahl an Fotos. Und du bist ein passiver Konsument, das heißt, du darfst auch nicht kommentieren. Wenn du zahlst, darfst du mitreden. Das klingt nicht nach einem Riesen-Benefit, ist aber nicht zu unterschätzen, denn in geschlossenen Communitys funktionieren die Diskurse besser und arten nicht in die üblichen Schreikonzerte aus, die man aus dem Netz kennt. Diese Erfahrung haben die niederländischen Kollegen von „De Correspondent“ gemacht, mit denen wir uns ausgetauscht haben.

Unsere Mitglieder bekommen Zusatzmaterial – Videos, Hintergründe und Making-Ofs, aber auch Original-Dokumente zum Download. Und wir denken über Offline-Events nach: Gelegenheiten, sich zu treffen und persönlich auszutauschen, sodass die Community auch im analogen Leben zu spüren ist.

t3n.de: Zwischendurch sah es ja so aus, als würde diese Community gar nicht erst zustande kommen. Dann hat eure Crowdfunding-Kampagne einen spektakulären, erfolgreichen Endspurt hingelegt. Wie erklärst du dir, dass es am Ende doch noch geklappt hat?

Sebastian Esser: Der Verlauf der Kampagne war gar nicht so untypisch. In der letzten Woche gibt es bei Crowdfunding-Projekten meistens einen Endspurt, von daher lagen wir gar nicht so schlecht in der Zeit.

Ungünstig war sicherlich, dass direkt davor das Pfingstwochenende lag, an dem es auch noch total heiß war und niemand am Rechner saß. Da habe ich zwischendurch auch gedacht, das kann uns jetzt den Kopf kosten. Aber das Momentum war da. Die Leute kamen aus dem Urlaub und haben gesehen: Da geht noch was. Und egal, ob sie geschimpft oder um Unterstützung geworben haben: Das Thema hat viele Leute emotional bewegt. Das hat der Kampagne gerade auf den letzten Metern unheimlich gut getan.

t3n.de: Hohe Wellen hat ja unter anderem die Abnahme von 1.000 Mitgliedschaften durch die Augstein-Stiftung geschlagen. Kannst du die Kritik nachvollziehen, dass somit die Zahl der realen Unterstützer verfälscht wurde?

Sebastian Esser: Nein, eigentlich nicht. Denn am Ende ist es ja egal: Es wurde keinerlei Abhängigkeit begründet, unser Journalismus wird dadurch nicht anders. Die Augstein-Stiftung wird die 1.000 gekauften Abos an Studenten und Volontäre ausgeben, sodass auch die Krautreporter-Community tatsächlich um 1.000 Mitglieder stärker wird. Diese Form von Partnerschaft haben wir von Anfang an aktiv gesucht und offen kommuniziert.

Wir haben uns sehr über das Engagement der Augstein-Stiftung gefreut, das zum richtigen Zeitpunkt der Kampagne kam. Und es gab noch weitere Mehrfach-Abnehmer: Eine Firma von Konstantin Neven Dumont beispielsweise hat Abos für 9.000 Euro finanziert und will diese ebenfalls an Studenten verteilen. All diese Dinge sind transparent auf unserer Website einsehbar. Daher verstehe ich das spekulative Geraune auch nicht, das durchs Netz gegeistert ist. Ich finde es gut, kritische Fragen zu stellen und Dinge zu erörtern. Aber es muss auf Fakten begründet sein.

Sebastian Esser, Herausgeber der Krautreporter, im Interview. (Screenshot: Krautreporter)
Sebastian Esser, Herausgeber der Krautreporter, im Interview. (Screenshot: Krautreporter)

t3n.de: Ein weiterer Einwand war, dass vor allem Leute euch unterstützt haben, die selbst journalistisch tätig sind – und dass das Krautreporter-Projekt insofern nur ein Experiment innerhalb einer Filter-Bubble ist. Wie stehst du dazu?

Sebastian Esser: Erstens glaube ich das nicht. Es kam sicherlich vielen so vor, da viele Multiplikatoren aus der Medienbranche das Thema aufgegriffen haben, aber dann wären wir niemals auf mittlerweile 17.000 Abonnenten gekommen. Und selbst wenn: Dann wären unsere Leser eben mehrheitlich Journalisten. Das ist doch eine coole Zielgruppe – sehr kritisch natürlich, da müssen wir uns ordentlich anstrengen.

t3n.de: Den Mainstream beziehungsweise die Masse habt ihr dann aber nicht erreicht …

„Wir haben nicht den Anspruch, ein Massenmedium zu sein.“

Sebastian Esser: Wir haben auch gar nicht den Anspruch, ein Massenmedium zu sein. Das ist ja gerade unser Experiment: Können wir den „Erfolg in der Nische“, den das Internet mit seinen Mechanismen der Ausdifferenzierung ermöglicht, auch für den Online-Journalismus nutzbar machen? Wir verzichten auf riesige Reichweiten und können trotzdem von unserer Arbeit leben. Wir glauben: Mit einer Community-getriebenen, narrativen Plattform kann das funktionieren.

Ein Vorbild für andere Journalisten sehe ich in unserem Experiment durchaus. Beispielsweise für Lokalzeitungen, die eingestellt werden sollen: Warum starten die Redakteure nicht eine Crowdfunding-Kampagne, um unter anderen Bedingungen weitermachen zu können? Im Falle der Financial Times Deutschland hätte so etwas wahrscheinlich funktioniert. Crowdfunding ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um die Ecke zu denken. Ich hoffe, wir werden zeigen, dass sich das lohnt.

t3n.de: Ihr wollt 90.000 Euro für die technische Umsetzung von Krautreporter investieren. Welche speziellen Funktionen werden außer der bloßen Darstellung zu erwarten sein?

Sebastian Esser: Wir arbeiten nicht auf einen bombastischen Start hin. Denn wir wollen nicht den Fehler machen, uns irgendetwas total Abgefahrenes auszudenken, es für teures Geld programmieren zu lassen und nachher festzustellen, dass es gar nicht im Sinne unserer Leser war.

Beim Start im September muss vor allem die Basis-Infrastruktur funktionieren: Inhalte einstellen, Inhalte lesen, diskutieren. Das sind aus unserer Sicht die wichtigsten Grundzutaten für guten Online-Journalismus. Diese Startversion soll responsive sein, also auf jedem Bildschirm funktionieren, und leicht und schnell zu bedienen sein. Alles Weitere werden wir agil anpassen, sobald wir das Nutzungsverhalten unserer Leser kennen.

t3n.de: Gibt es denn Kriterien, nach denen ihr die Gestaltung der Website vornehmen wollt?

„Klicks sind nur gut für die Werbeindustrie.“

Sebastian Esser: Ja. Zum Beispiel wollen wir unseren Lesern möglichst wenig Klicks zumuten. Denn die sind im Online-Journalismus vor allem gut für die Werbeindustrie: Je mehr Leute klicken, desto mehr verdiene ich. Das führt zu unschönen Verzerrungen. Journalismus plus Werbung – das ist ein Usability-Desaster. Scrollen ist intuitiver und angenehmer. Das ist man ja von Twitter, Facebook, Instagram und so weiter gewöhnt – eigentlich von jeder Seite im Netz außer vom Online-Journalismus. Das liegt aber daran, dass Werbung so funktioniert. Glücklicherweise sind wir an diese Systematik nicht gebunden.

Eines unserer Vorbilder, was den Aufbau der Seite angeht, ist quartz.com. Das ist allerdings ein Wirtschaftsmagazin, also sehr sachlich gehalten. Wir wollen dagegen Geschichten erzählen, persönliche Geschichten. Daher werden wir einen stärkeren Fokus auf Emotionen legen, wie bei Medium zum Beispiel: Die schaffen es, eine starke Konzentration auf die Inhalte zu erzeugen und sie mit großen Bildern richtig in Szene zu setzen.

t3n.de: Und wie wird die Themenfindung ablaufen? Welche Rolle werden die Community-Mitglieder spielen?

Sebastian Esser: Gute Geschichten fliegen einem nicht einfach zu. Daher ist der Community-Dialog ein zentraler Punkt im Krautreporter-Konzept. Den Mix aus harten und weichen Themen geben wir vor, also Politik, Wirtschaft, aber auch unterhaltsame Stücke. Denn wir werden nicht jedem einzelnen Leser-Tipp nachgehen können. Umso wichtiger ist es, Prozesse zu schaffen und das richtige Team aufzustellen, um das Beste aus dem Dialog auf der Plattform herauszuholen.

t3n wünscht den Krautreportern viel Erfolg!

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4 Reaktionen
Göran Nitsche
Göran Nitsche

Lieber Herr Esser,

September weiß mittlerweile jeder.

Allein das Jahr wurde mir noch kein einziges Mal von irgendeinem Verantwortlichen genannt.

WARUM?

MfG

Antworten

Rico Weigand
Rico Weigand

Wie Herr Esser bereits erwähnte sehe ich in diesem Geschäftsmodell die Zukunft von Lokalzeitungen. Die Print-Ausgabe und ein geschlossener mit dem Abo verbundener Bereich würden sicher einige Verlage für die Zukunft sichern.

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Katharina von Bloggen für schlaue Frauen
Katharina von Bloggen für schlaue Frauen

Chapeau! Der Herr Esser hat aus meiner Sicht stimmige Antworten geliefert. Ich bin nun auch sehr gespannt auf das Ergebnis und hoffe, dass digitale Themen nicht zu kurz kommen werden - davon war bisher kaum die Rede.

Antworten

Muschelschloss
Muschelschloss

Danke für das Interview - Freue mich schon auf die 1. Ausgabe von "Krautreporter" :-)

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