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„Kreativität schlägt Handwerk” – Markus „Videopunk” Hündgen im Gespräch

Markus Hündgen – besser bekannt als Videopunk – beschäftigte sich schon mit professionellen Webvideos, als es auf frühen Videoplattformen noch nicht viel mehr als Katzenclips gab. Mit Andreas Weck spricht er über interaktive Videoformate, das Vehältnis von Journalismus und Webvideo und über das von ihm organisierte Videocamp.

„Kreativität schlägt Handwerk” – Markus „Videopunk” Hündgen im Gespräch

Lieber Markus, Ihr verleiht nicht nur Auszeichnung an die kreativsten und aufschlussreichsten Internet-Videos, Ihr macht es euch auch zur Aufgabe, die Macher dieser Filme miteinander zu vernetzen und das Know-how der Szene in Form eines BarCamps zu bündeln. Wie können wir uns das nächste VideoCamp im September vorstellen?

Markus Hündgen

Auch beim mittlerweile 6. VideoCamp setzen wir auf die Stärke des BarCamp-Formates: Die Teilnehmer sind das Format. Gerade deswegen verzichten wir bewusst auf die Nennung von durchaus bekannten Teilnehmernamen, lassen das übliche Veranstaltungs-Bling-Bling weg und geben die inhaltliche Gestaltung an die Leute selbst. Das VideoCamp ist eben ein Sandkasten für kreative Bewegtbildmacher. Wir sorgen für die Förmchen. Die Sandburg bauen müssen die Teilnehmer selbst.

Würdest du sagen, dass sich das VideoCamp auch für Anfänger der Community eignet oder ist es grundsätzlich eher für Leute interessant, die bereits einiges an Erfahrung in der Videoproduktion mitbringen? Ziel eines BarCamps ist es ja, dass jeder Teilnehmer einen Workshop, eine Session oder eine Präsentation hält. 

Auch das hängt wiederum von den Teilnehmern ab - und zwar auf beiden Seiten. Wer blutiger Anfänger ist und den Umgang mit der Kamera lernen will, soll dies ruhig in der Morgenrunde sagen. Sicherlich finden sich auch andere, die eine Auffrischung vertragen können oder als Trainer ihr Handwerk teilen wollen. Das Niveau der Vorträge und Workshops steigt derweil von Camp zu Camp. Das haben auch die Profis begriffen. Nicht umsonst sind Vertreter der großen Portale und des Fernsehens sowie einige Webvideo-Stars regelmäßige Besucher des VideoCamps geworden. Die Mischung macht's - und aus dieser lernen die Teilnehmer. Denn wir haben alle etwas gemeinsam: Unsere Leidenschaft ist Bewegtbild.

Richard Gutjahr hat in einem Interview mit Leander Wattig behauptet, dass Bewegtbild die Zukunft gehört – z.B. wird sich in den Online-Medien diese Art von Inhalt wohl stärker präsentieren. Bist du da einer Meinung mit ihm? Und hat sich dieser Trend, wenn er denn tatsächlich stattfindet, auch auf die Größe der Community, vielleicht sogar auf die VideoCamp-Teilnehmerzahlen der letzten Jahre, ausgewirkt?

Bewegtbild hat den wichtigsten Schritt bereits getan: Es hat sich der vielen Fesseln entledigt. Heute schauen wir nicht mehr nur im Wohnzimmer. Wir schauen überall. Und damit kann Bewegtbild auch endlich die angedachte Funktion einnehmen – weg vom Kommunikations- und hin zum Dialogmedium. Das Schauen und neuerdings Produzieren von Videos wird zur Kulturtechnik, wie Schreiben und Lesen. Allerdings ist diese Entwicklung noch am Anfang. Das VideoCamp, und als Trendscout-Event der Deutsche Webvideopreis, sind die ersten Bausteine. Die Teilnehmerzahlen haben sich seit dem ersten VideoCamp 2009 mehr als verdoppelt - nicht zuletzt dadurch, dass wir mindestens zwei Camps im Jahr veranstalten. Das Interesse am Thema ist riesig, weshalb wir für 2013 neben den VideoCamps weitere Veranstaltungen zum Wissensaustausch eingeplant haben.

Welchen Stellenwert werden Videos deiner Meinung nach im Online-Journalismus einnehmen? Ich habe die Vermutung, dass viele Medien sich noch ein wenig dagegen sträuben, weil das Bewegtbild, beispielsweise im Bereich der Suchmaschinenoptimierung, nicht mit Text mithalten kann. Als Experte in dem Bereich hast du doch sicherlich auch dahingehend Erfahrungen gesammelt.

Journalismus und Webvideo haben bis jetzt noch nicht richtig zueinander gefunden. Zum einen, weil mit Journalismus nicht leicht Geld zu verdienen ist, zum anderen, weil Webvideos, um erfolgreich zu sein, eine ganz andere Sprache sprechen und alte Formatierungen wie "Reportage" nicht mehr greifen. Gut und lohnend sind viele Dinge aus den USA, ob nun von der New York Times oder der Washington Post. Großer Vorteil der US-Videos: die fehlende Sprachbarriere im Netz. Auch auf Videoportalen wie YouTube ist deutscher Webvideo-Journalismus quasi nicht existent.

Begrenzt füllt diese Lücke in Deutschland der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Mediatheken. Für dauerhaften Erfolg, auch bei jungen Leuten, bedarf es aber neuer eigener Formate. Leider ist dies gesetzlich derzeit nicht vorgesehen. Und selbst wenn die Hürde genommen wird: Auch im Internet braucht es ein duales System aus öffentlich-rechtlichem und privaten Webvideo-Journalismus. Der Weg hierzu ist leider noch lang und steinig. Vor wenigen Jahren spielten noch die Verlage eine tragende Rolle - aber aus Geldgründen haben die meisten ihr Webvideo-Engagement auf ein Pflichtprogramm zurück gefahren.

Ich beobachte gerade auf Tech-Blogs, eine immer größer werdende Präsens von Videoformaten. Stichwort: Hands-on-Videos. Diese Akteure scheinen weniger Probleme zu haben, Bewegtbild gleichberechtigt neben Text, zu veröffentlichen.

Techblogger mit ihren Screencasts und Unboxing-Videos spielen schon jetzt eine große Rolle im Webvideo-Bereich. Thematisch scheint es auf den ersten Blick gut zu passen - nur oft lassen die Videos in der technischen Umsetzung zu wünschen übrig. Generell gibt es gute und weniger gute Themen für Video. Was am Ende über den Erfolg entscheidet, ist die Wahl der Umsetzung, die Idee zum Thema, der Kniff, der das Video besonders macht. Insofern ist der Inhalt König - und immer noch wichtiger als die technische Umsetzung. Denn das ist Webvideo: Kreativität schlägt Handwerk.

Dann wären also gerade Techblogger beim VideoCamp gut aufgehoben und könnten jede Menge Tipps und Tricks sowohl für die technische als auch für die kreative Umsetzung mitnehmen?

Nicht nur Techblogger, sondern alle, die neue Wege gehen wollen. Eben jene Personen, die erkennen, dass Bewegtbild nicht nur Fernsehen, nicht nur YouTube und nicht nur Hollywood ist - sondern ein Weg, mit Zuschauern zu sprechen.

Denkst du das Webvideos in den nächsten Jahren auch interaktiver werden? Es gibt ja so Beispiele wie das Sprite Zero Skate 'n' Splash-Video, in dem man einen Skater in die Spree springen lässt und dabei mittels Tastatur verschiedene Tricks vollführen kann. Gibt es dafür vielleicht einen zahlungskräftigeren Markt?

Interaktive Videoformate werden besonders gern von der Werbeindustrie genutzt. Andere Beispiele sind Deliver me to hell, die berühmte TippEx-Kampagne oder auch Desperados. Hier zeigt sich wunderbar, wie alle Mediengenres zusammenwachsen. Bewegtbild wird interaktiver werden, echtzeitiger, mit eigener Intelligenz versehen. Was bedeutet das z.B. für die wachsende Spieleindustrie? Streng genommen sind auch Games bewegte Bilder. In einigen Jahren werden wir gar nicht mehr nach diesen alten Formen unterscheiden - dann geht es nur noch darum, für welchen Zweck ein Inhalt erstellt wird.

Ist das bisher ein Thema auf vergangenen VideoCamps gewesen? Die Produktion solcher Videos ist sicherlich nicht ohne weiteres umsetzbar.

Viele der Teilnehmer kennen diese Art Videos - aber sie spiegeln einfach nicht den Videoalltag wieder. Nicht umsonst gibt es bis jetzt nur eine Handvoll guter Beispiele in diese Richtung. Noch ist das Thema großen Agenturen vorbehalten. Durch die zunehmende Verbreitung von Technologien wie popcorn.js, wird es aber für immer mehr Videomacher interessant. Und zwar auch aus dem journalistischen Umfeld, welches sich bis jetzt nicht unbedingt durch überbordende Kreativität bei interaktiven Webvideos ausgezeichnet hat. Die Berliner Morgenpost z.B. experimentiert damit – und wird dies auch auf dem Videocamp vorstellen.

Das VideoCamp ist also ein echter Wissens-Hub für die Bewegtbild-Szene in allen Variationen. Zu guter Letzt: Sag unseren Lesern doch einmal welches Webvideo, derzeit dein liebstes ist.

Ganz klar: Episode 1 der Serie "Written by a kid" von Geekandsundry auf Youtube. Eine wunderbar charmante simple Idee - aber grandios kreativ umgesetzt.

Ich danke dir für das Gespräch.

Interview mit Markus Hündgen auf dem letztjährigen Convention Camp

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