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Zwischen Himmel und Hölle: Zu Besuch beim Banking-Startup Kreditech

Zwischen Himmel und Hölle: Zu Besuch beim Banking-Startup Kreditech

Das Hamburger Kreditech will die rostigen Ketten des klassischen Bankensektors „sprengen“. Rasantes Umsatzwachstum, potente Investoren und ein global denkender, von Ehrgeiz getriebener CEO versprechen Verheißungsvolles. Doch das erfolgreiche, von enormem Datenhunger getriebene Geschäftsmodell ist umstritten. Ein Porträt von Daniel Hüfner.

Zwischen Himmel und Hölle: Zu Besuch beim Banking-Startup Kreditech

Das Hamburger Banking-Startup Kreditech im Porträt. (Foto: Kreditech)

Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, der Himmel für Kreditnehmer und Hölle für Datenschützer zugleich ist, dann hier. Hier, in einem Büro in der Hamburger HafenCity, wo alles so bunt und irgendwie nach Sommerurlaub aussieht. Orangefarbene Sonnenbrillen am Empfang, auf einem Flachbildfernseher werden Surfer von türkisfarbenen Wellen verschluckt und ein an der Wand geparktes Bataillon an Minirollern, mit dem sich Mitarbeiter gelegentlich wilde Wettrennen liefern.

Der 27-jährige Sebastian Diemer ist Gründer und CEO von Kreditech. (Foto: Kreditech)
Der 27-jährige Sebastian Diemer ist Gründer und CEO von Kreditech. (Foto: Kreditech)

Schirmherr über den zweistöckigen, opulenten und ferner mit Tischtennisplatte, Spielkonsole und Nerf-Guns bestückten Bürokomplex ist Sebastian Diemer. Der 27-Jährige ist CEO von Kreditech, einem Startup, das den klassischen Bankensektor „sprengen“ will. Diemer trägt rosafarbene Shorts, dazu ein blaues Poloshirt und lässige Slipper. Soll so die vielbeschworene Banking-Zukunft aussehen, von der alle reden? Die Antwort des passionierten Moto-Cross-Fahrers, der Kreditech vor zwei Jahren mit seinem Kompagnon Alexander Grauber-Müller gegründet hat, kennt jedenfalls nur eine Richtung: „Als digitale Bank der Zukunft wollen wir zum nächsten Milliardenunternehmen werden – und zwar made in Hamburg!“

Big Data, Small Loans: Das macht Kreditech

Man würde diese Aussage wahrscheinlich schnell als leeres Gründergeschwätz abtun, hätte Diemer nicht etwas vorzuweisen. Denn sein „Baby“, so der Gründer, wächst in Sachen Umsatz um durchschnittlich 80 Prozent – und das jedes Quartal. Zehn Niederlassungen unterhält er in Ländern wie Russland, Spanien, Polen, Peru oder Australien. 140 Mitarbeiter hat er schon eingestellt, im Schnitt kommen jede Woche zwei dazu. Und: Erst vor ein paar Wochen hat Kreditech frisches Kapital von Investoren eingesammelt: 40 Millionen US-Dollar.

„Was das Geschäftsmodell so spannend und heikel macht, sind nicht die 15 bis 30 Prozent Zinsen.“

Hinter dieser Entwicklung stehen „Micro Loans“ – Kleinkredite für die Generation Touch, die das Startup unter anderem auf Endkundenseite vergibt. Ab 50 Euro geht es los, zu ordern per Computer oder Smartphone und binnen weniger Minuten auf dem eigenen Konto. Langweilig? Peanuts? Ein alter Hut? Vielleicht. Was das Geschäftsmodell von Kreditech aber so spannend wie heikel macht, sind weniger die Kredite an sich. Auch nicht die 15 bis 30 Prozent Zinsen, die das Startup verlangt und an denen es verdient.

Ein nie bezahltes Zalando-Paket? Sooooo Schufa!

Kern des Geschäftsmodells ist die für jeden Kredit notwendige Bonitätsprüfung. Eine versäumte Stromrechnung? Ein nie bezahltes Zalando-Paket? Sooooo Schufa! Bei Kreditech spielt das alles keine Rolle. Stattdessen entscheiden vorausschauende und intelligente Algorithmen darüber, ob jemand einen Kredit bekommt oder nicht. Algorithmen, die nicht sagen, wie kreditwürdig wir gestern waren, sondern ob wir es morgen sein werden. Algorithmen, die man bei Kreditech deshalb mit den Daten seiner Kunden füttert. Daten, die wir jeden Tag und zu Millionen im Netz hinterlassen und die Diemers Kunden zum Beispiel gerne für ein neues Smartphone oder eine unvorhergesehene Autoreparatur preisgeben.

Big-Data-Scoring heißt das Rezept, mit dem Diemer nach eigener Aussage den klassischen Bankensektor auf den Kopf stellen will.

Big-Data-Scoring heißt das Erfolgsrezept von Kreditech. (Foto: Kreditech)
Big-Data-Scoring heißt das Erfolgsrezept von Kreditech. (Foto: Kreditech)

Wie das im Detail funktioniert? Das ist natürlich geheim. Die Zeit ist ohnehin knapp an diesem warmen Sommertag. Kreditech bereitet gerade den Launch in der Dominikanischen Republik vor, die Planungen für ein neues, noch größeres Büro in Hamburg laufen ebenfalls auf Hochtouren. Diemer aber, der während des einstündigen Gesprächs redet wie ein Maschinengewehr, hat trotzdem eine spannende Geschichte zu erzählen.

Browser, Datenbanken, Soziale Netzwerke: Je mehr Informationen, desto höher der Kredit

So erfragt Kreditech bei einem Kreditantrag das Einkommen und den Arbeitgeber des Nutzers, zapft im Unterschied zu einer herkömmlichen Bank aber vor allem dessen Online-Daten für die Bewertung seiner Bonität an. Es geht um Informationen aus Browsern, Datenbanken und Sozialen Netzwerken.

„Kreditech wertet bis zu 15.000 Datenpunkte für die Berechnung der Bonität aus.“

Schon im ersten Schritt übermittelt der Nutzer persönliche Informationen per Browser an das Startup – zum Beispiel darüber, was für einen Computer er besitzt, wo er sich aufhält, welche Cookies und Plugins darauf installiert sind. Und: wie er das Formular im Browser ausfüllt. Per Copy & Paste? Fällt ihm vielleicht 30 Sekunden lang der eigene Arbeitgeber nicht ein? „Das sind Daten, die heutzutage jeder Browser automatisch mitschickt“, sagt Diemer. Angereichert werden diese Informationen im zweiten Schritt mit öffentlichen Datenbanken. Erhält Kreditech also zum Beispiel den Standort vom Computer des Nutzers, werden automatisch auch Faktoren wie die regionale Kriminalitätsrate und das durchschnittliche Einkommen vor Ort mit in die Bewertung seiner Kreditwürdigkeit einbezogen.

Der Datenhunger von Kreditech geht aber noch weiter – denn: „Je mehr Daten wir vom Kunden bekommen, desto mehr Geld können wir natürlich auch ausgeben“, stellt Diemer klar. Nutzerdaten fungieren quasi als Sicherheitspolster. Auf Wunsch durchkämmt das Startup so das eigene Facebook-Konto, die letzten Amazon-Einkäufe oder eBay-Bewertungen. Nicht weniger als 15.000 Datenpunkte wertet Kreditech damit quer über alle Kanäle aus. Das Ziel hinter diesem sogenannten Echtzeit-Scoring-Verfahren ist immer das gleiche: „Wir wollen ein schlüssiges Mosaik des künftigen Schuldners erzeugen, um so Rückschlüsse auf seine finanzielle Lage und dessen zu erwartende Zahlungsmoral ziehen zu können.“

Ist das Bild stimmig, überweist Kreditech im besten Fall und je nach Land bis zu 2.500 Euro innerhalb weniger Minuten auf das eigene Konto. Wie man die besten Chancen hat? Ein geregeltes Einkommen schadet laut Diemer ebenso wenig wie ein primär aus Uniabsolventen bestehender Freundeskreis. Auch wer bei Amazon vermehrt Geld für Bildungsliteratur anstatt für elektronische Konsumgüter ausgibt, erhöht seine Chancen. Aber: „Wenn jemand angibt, in Hamburg zu wohnen, jedoch in Berlin gemeldet ist, sich mit dem Computer aber in Frankfurt aufhält und jeden Tag Selfies mit dem Hashtag #München auf Twitter postet, dann werden wir den Antrag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ablehnen.“

Kritik von Datenschützern: „Halten uns an alle Gesetze“

Dass angesichts dieser Sammelwut Datenschützer auf die Barrikaden gehen, verwundert kaum. Vorwürfe wie die des deutschen Datenschutzbeauftragten Thilo Weichert etwa, nach denen Kreditech ähnlich wie das in Großbritannien mit Wucherzinsen in Verruf geratene Wonga die Naivität seiner Kunden ausnutze, lassen Diemer weitgehend kalt: „Wir halten uns in allen Märkten an geltende Gesetze.“

„Alle nutzen Daten, Werber wie Geheimdienste. Warum nicht auch eine Bank?“

Seit die Bankenaufsicht vor zwei Jahren zudem eine Prüfung erwogen hat, ist Kreditech ohnehin nicht mehr auf dem deutschen Markt unterwegs. Auch vergebe man seine Kredite grundsätzlich nicht an Menschen ohne geregeltes Einkommen, schon gar nicht an Studenten oder Arbeitslose. Und was die Daten betrifft: sie würden weder verkauft noch gespeichert. Und überhaupt: Die Werbeindustrie nutze diese schließlich seit Jahren, um personalisierte und näher am Interesse der Kunden gelagerte Kampagnen aussteuern zu können. Geheimdienste leider auch zu anderen Zwecken. „Warum also mit ihnen nicht auch die Kreditwürde ermitteln?“

40 Millionen für eine Idee von der Papierskizze

Wie auch immer man moralischen Bedenken begegnet, der Erfolg gibt dem Startup Recht. 5.000 Kreditanträge pro Tag sprechen eine ähnlich deutliche Sprache wie das genannte Wachstum und die 55 Millionen Euro, die man jedes Jahr an seine Nutzer auszahlt – der Umsatz wird dieses Jahr bei voraussichtlich 25 Millionen Euro liegen, Tendenz steigend. Diemer ist überzeugt, damit einen Nerv getroffen zu haben – auch weil der von ihm anvisierte Markt riesig ist: Weltweit sollen circa fünf Milliarden Menschen noch keinen Zugang zu Kreditprodukten haben.

Seine Investoren sehen das offensichtlich ähnlich. Sie glauben an eine Idee, die angesichts der Konkurrenz durch Lenddo, LendUp oder eben Wonga zwar nicht neu, aber laut Diemer zumindest noch mit Bleistift und auf einem Stück Papier entstanden ist. Erst vor wenigen Wochen hat man mit 40 Millionen US-Dollar die vergleichsweise höchste Finanzierungsrunde in Deutschland abschließen können.

Überzeugen konnte Diemer die mehrheitlich amerikanischen Investoren nicht nur mit viel Zahlenfeuerwerk, sondern auch mit einer für deutsche Verhältnisse überaus global ausgerichteten Denkweise. Von Anfang an habe sich Kreditech einem breit angelegten Expansionskurs verschrieben. Mit dem deutschen Markt allein lasse sich heute eben kein Milliardenunternehmen mehr aufbauen, sagt er. Man müsse global denken, aus der vergleichsweise kleinen europäischen Gründerwelt ausbrechen. Spotify? Klarna? Sie alle hätten es vorgemacht.

So war auch der Pitch von Kreditech konzipiert: Burnrate? Monetarisierung? Breakeven? Alles nicht so wichtig. Die Amerikaner hätten mit „How big can it get?“ und „Why are you the category leader?“ einfach andere und besser in das charakterliche Korsett von Diemer passende Fragen gestellt.

Startup-Kultur: „Wir stellen keine Banker ein“

Beantwortet hat er sie laut eigener Aussage auch mit seiner für biedere Bankenverhältnisse eher untypischen Unternehmenskultur. Wie genau die aussieht, erklärt schon Diemers Replik auf die These, die Revolution der Banken könne aufgrund ihrer inzwischen stark regulierten Strukturen zwangsläufig nur mit entsprechender Expertise aus der Branche gelingen. „Wir stellen grundsätzlich keine ehemaligen Banker ein“, sagt er. Nein, für Menschen die einem sagen, man habe das schon immer so gemacht, sei hier in der Hamburger Hafencity kein Platz. Hier setzt man auf Querdenker, die etwas verändern wollen.

„Wir suchen junge, hungrige, smarte Analytiker mit starkem IT-Background und einer Vorliebe für Daten – egal welcher Art.“

Startup-Kultur bei Kreditech: Man setzt auf Datenspezialisten statt Banker, Rundum-sorglos-Pakete und echten Zusammenhalt. (Foto: Kreditech)
Startup-Kultur bei Kreditech: Man setzt auf Datenspezialisten statt Banker, Rundum-sorglos-Pakete und echten Zusammenhalt. (Foto: Kreditech)

„Pizza kostenlos nach 20 Uhr, Paintball oder Fußball alle zwei Wochen.“

Um sie zu bekommen und langfristig zu binden, verspricht Diemer ihnen neben möglicher Beteiligungen auch ein Rundum-sorglos-Paket. Getränke und Snacks sind ebenso gratis wie ein Abonnement für die Muckibude und den ÖPNV, das jeder erhält. Gearbeitet wird flexibel, gerne auch mal bis spät in die Nacht. Belohnt werden Mitarbeiter dann mit Pizza oder einem Taxi nach Hause – auf Firmenkosten versteht sich. Zur Kultur bei Kreditech gehört auch, sich auszuprobieren. Mit markigen Sprüchen wie „Win or Learn, never loose“, „Keep on Learning“ oder „Innovate or Die“, die hübsch eingerahmt auf den Bürofluren hängen, weiß man den Spirit zu verkörpern.

Damit der Früchte trägt, schreibt das Startup auch den Zusammenhalt groß. Das muss es auch, denn auf den zwei Etagen geht es zu wie auf einem Weltkongress. Auf die derzeit insgesamt 140 Mitarbeiter kommen nicht weniger als 36 unterschiedliche Nationen. Zwar bietet Kreditech auch Deutschkurse an, gesprochen wird hier trotzdem überwiegend Englisch. Vertrauen, Geschwindigkeit und Durchsetzungskraft sind die gelebten Werte. Etwa alle zwei Wochen, sagt Diemer, betreibt man mit Paintball oder Wakeboarding auch entsprechende Teambuilding-Maßnahmen. Der Mann hat eine Menge vor.

So plant Kreditech seine Banking-Zukunft

Einen Exit zum Beispiel? Angesichts der 190 Millionen US-Dollar, mit denen Diemers Unternehmen nach dem jüngsten Geldsegen bewertet wird, eine logische Frage. Und: Ja, Übernahmeangebote gab es schon, verrät Diemer. „Einige davon waren sogar alles andere als uninteressant.“ Inzwischen aber hätten sich die Pläne in der Chefetage geändert. Man wolle weder verkaufen noch mit seinem derzeitigen Geschäftsmodell allein zur „Schufa 2.0“ werden. „Wir glauben eine Milliardencompany aufbauen zu können, die sich als automatisiertes, datengetriebenes und kundenfreundliches Finance-Unternehmen versteht.“

Das frisch eingesammelte Kapital kommt da gerade recht. Bis Ende des Jahres sollen 40 neue Mitarbeiter, neue Märkte und bald auch neue Produkte folgen.

Eines davon werden smarte Kreditangebote auf Basis Sozialer Netzwerke sein, erklärt Diemer. „Wenn wir auf zum Beispiel auf Facebook sehen, dass sich jemand verlobt, wird er nicht nur heiraten, sondern sicher sehr bald auch ein Haus bauen wollen. Ihm würden wir dann gerne automatisch den passenden Kredit anbieten.“ Ein Himmel für Kreditnehmer, die Hölle für Datenschützer.

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Eine Antwort
  1. von auskunftanleitung am 03.01.2015 (15:09 Uhr)

    Danke für diesen informativen Artikel.

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