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Lean vs. FinTech: Widerspruch oder Symbiose?

Lean vs. FinTech: Widerspruch oder Symbiose?

Lean und – auf den ersten Blick zwei Dinge, die sich nicht miteinander vertragen. Ein genauerer Blick zeigt aber, wie sich beides verbinden lässt. Tobias Zander berichtet aus der Praxis seiner Startup-Gründung. 

Lean ist in aller Munde. Produktideen zu testen, bevor diese final fertiggestellt sind, ist inzwischen nicht nur in der Startup-Welt ein etablierter Ansatz. Vor einigen Wochen habe ich dies auch an einem praktischen Beispiel gezeigt.

Auf der anderen Seite haben wir FinTech, darunter versteht man Unternehmen, die technologische Lösungen rund um das Thema Finanzen zur Verfügung stellen. Meist sind diese Produkte an sich schon sehr komplex, was den Lean-Ansatz erschwert. Zudem besteht oftmals die Notwendigkeit der Kooperation mit einer Partnerbank, was es ebenfalls nicht gerade einfacher macht. Insbesondere in Deutschland müssen viele Regularien beachtet werden, zum Beispiel in Bezug auf User-Legitimationen oder -Daten, die einen schnellen Markteintritt fast unmöglich machen.

Auch dieses Mal möchte ich wieder ein praktisches Beispiel geben und zeigen, wie wir Gründer, Yassin Hankir und Tobias Zander, den Lean-Ansatz in unserem FinTech-Startup savedroid verfolgen.

Minimum-Viable-Product (MVP)

Die Definition des MVP ist hier um einiges schwieriger. Die meisten FinTech-Startups arbeiten zur Optimierung ihrer Angebote mit ihren Algorithmen auf irgendeiner Art von Big Data. Entweder geht es darum, große Datenmengen zu analysieren oder diese einfach zu sammeln. Dabei ist es egal, ob es um den Aktienmarkt oder einen Versicherungsvergleich geht. Ohne eine lange Vorlaufzeit ist es daher nicht möglich, mit solch einem Produkt an den Markt zu gehen. Darum schlagen wir einen anderen Weg ein und fokussieren uns zum Marktstart auf die User-Gewinnung und optimieren den Revenue-Case erst im zweiten Schritt. Dies erfordert sicherlich ein gewisses Umdenken, eröffnet dafür aber ganz neue Möglichkeiten.

Fokusgruppen

Wir haben dazu mehrere Produktideen entwickelt, die für die Zielgruppe konsumorientierter junger Menschen zwischen 18 und 35 Jahren interessant sein könnten. Leider liegen wir Gründer ganz am Rand dieser Zielgruppe und haben deshalb keine repräsentative Meinung.

Darum haben wir mehrere Fokusgruppen organisiert. Dazu haben wir jeweils fünf bis zehn Bekannte aus der Zielgruppe eingeladen. Wir haben darauf geachtet, nicht die engsten Freunde zu nehmen, um den Antwortbias zu minimieren. In diesen zwei- bis dreistündigen Sessions konnten wir zum einen viele Einsichten in das Sparverhalten der Zielgruppe gewinnen, aber auch unsere Produkt-Hypothesen direkt testen. Sicherlich ergeben sich dadurch keine statistisch belegbaren Daten, aber wir konnten einige sehr hilfreiche Indikatoren erhalten und durch die Gespräche nicht nur die ersten Produktideen ausschließen, sondern die anderen auch verfeinern und durch die Aussagen der Teilnehmer sogar neue Ideen generieren.

A/B-Testing

Die Landingpage von savedroid. (Screenshot: savedroid)
Die Landingpage von savedroid. (Screenshot: savedroid)

Im nächsten Schritt werden wir die drei Ideen mit dem besten User-Feedback in einem A/B-Testing und einer speziell dafür erstellen Landingpage testen. Dabei ist wichtig, dass die Unterschiede der Landingpages sich nur auf das mögliche Featureset beschränken. Durch einen Signup-Button können wir so messen, welche Variante auch mit einer größeren Masse von Usern in puncto Conversion am besten läuft.

Ganz bewusst fahren wir dazu eine gemeinsame Marketing-Kampagne, um hier keine Unterschiede im Verhalten zu erzeugen, bevor die User überhaupt auf die Landingpage kommen. Diese würden das Ergebnis verfälschen, wenn eine der Marketing-Kampagnen besser funktioniert als die andere. Auch wird das Design exakt identisch sein, nur die Texte rund um die Features dürfen sich unterscheiden.

Zudem werden wir entsprechend preiswerte Tools einsetzen, um mehr Informationen über die User zu analysieren.

Mit HotJar lässt sich zum Beispiel eine Heatmap der Seite generieren, um zu sehen, wie sich die User verhalten. Welche Informationen sie besonders interessant finden oder welche Bereiche geklickt werden, obwohl sich dort gar kein Link befindet. Mit tawk.to lässt sich ein simples Chat-Fenster implementieren, um direkt mit den ersten potenziellen Usern Kontakt aufnehmen zu können und entsprechende Fragen zu sammeln und zu klären.

Prototyp

Mit Hotjar lässt sich das Nutzerverhalten auf der eigenen Seite untersuchen. (Screenshot: Hotjar)
Mit Hotjar lässt sich das Nutzerverhalten auf der eigenen Seite untersuchen. (Screenshot: Hotjar)

Gerade im FinTech-Bereich kann die Software häufig nicht einfach als schneller Prototyp in Produktion gebracht werden, denn es gelten umfangreiche Gesetze und Regularien, komplexe Protokolle und hohe Sicherheitsstandards müssen implementieren werden. Hier hat auch ein Startup keine Möglichkeit, getreu dem Motto „Fake it until you make it“, nur so zu tun, also ob.

„Wir vermitteln Investitionskredite zwischen Unternehmen und Banken, eine wichtige Komponente dabei ist der sogenannte Bonitätsindex, der die Solvenz eines Unternehmens nach einem festen Punkteschema bewertet. Selbst einen solchen Index zu erstellen kam für uns zu Beginn nicht in Frage, es hätte Monate gedauert, die Prozesse und Software zu dessen Erhebung zu entwickeln.

Deswegen verwenden wir den Bonitätsindex von Creditreform, der nicht zuletzt den Vorteil hat, dass er im Geschäftsbanken-Umfeld anerkannt ist. So konnten wir von Tag eins an auf ein etabliertes System zurückgreifen und unsere Energie auf wichtigere Dinge konzentrieren. Dieses Vorgehen hat aber auch Nachteile, in unserem Fall entspricht die Gewichtung einzelner Komponenten im Index nicht genau unserer Einschätzung und so müssen in einem separaten Prozess weitere Daten erhoben und bewertet werden. Dies wäre bei einer vollständig selbstentwickelten Lösung nicht der Fall.“

Markus Tacker, CTO bei Fintura

Agile Umsetzung

Dadurch, dass wir auf unserer ersten Etappe noch nicht direkt den Revenue-Case allzu sehr beachten müssen, kann man sich in der Umsetzung kreativ sehr entfalten. Das Team, welches sich meist in der Zielgruppe besser auskennt als wir Gründer, bestimmt bei den umzusetzenden Features nicht nur mit, sondern gestaltet das komplette Produkt maßgeblich.

Einzige Bedingung ist dabei, dass die Ideen immer möglichst schnell getestet werden können. Entweder in dem wir das Feature schnell in einer kleinen Variante umsetzen und mit den Usern direkt ausprobieren oder entsprechendes Feedback bei Umfragen einsammeln. Ansonsten gibt es keine festen Vorgaben, solange das primäre Ziel, aktive User zu generieren, erfüllt wird. Die Beachtung von Sicherheit und Datenschutz sind dabei natürlich grundlegende Hygienefaktoren. Allerdings achten wir genauso darauf, dass jedes Feature einfach zu bedienen ist und zum Image unseres passt. Wir sind nicht „Yet Another Banking App“, jedes Feature muss einen Mehrwert bieten und darf von der UX kein zweites Excel sein.

Closed Beta

Mit einer Closed Beta lassen sich neue Features direkt mit Nutzern ausprobieren, um Feedback direkt von der richtigen  Zielgruppe zu bekommen. (Foto: <a href="http://www.shutterstock.com/gallery-1048777p1.html">Georgejmclittle</a> / Shutterstock)
Mit einer Closed Beta lassen sich neue Features direkt mit Nutzern ausprobieren, um Feedback direkt von der richtigen Zielgruppe zu bekommen. (Foto: Georgejmclittle / Shutterstock)

Um Features entsprechend direkt am User testen zu können, empfehle ich eine geschlossene Beta, in der ein limitierter und ausgewählter Kreis von Usern die neuen Funktionen vorab testen kann. Dies hilft nicht nur, unerwartete Bugs zu finden, sondern stellt auch sicher, dass Features, die nicht so gut ankommen, einfach zurückgezogen werden können, bevor das Endprodukt die Öffentlichkeit erreicht.

Übrigens ist eine Closed Beta nicht auf die Zeit vor dem Launch limitiert, sondern kann parallel dazu weiter existieren. Denn ein erfolgreiches Produkt ist nie komplett fertig. Es gibt immer Stellen die noch optimiert und verbessert werden können.

Events

Lust bekommen, auch mal selbst mitzumachen? Für FinTech- und Lean-Interessierte kann ich das Startup-Weekend FinTech vom 25. bis zum 27. September 2015 in Frankfurt sehr empfehlen. Unter der Leitung von erfahrenen Mentoren werden mehrere Teams innerhalb von 54 Stunden versuchen, ein launchreifes Produkt zu präsentieren. Die Definition der Zielgruppe, erstes Market-Testing auf der Straße und die Definition des MVP werden sicherlich in jedem Team behandelt werden. Wer kein komplettes Wochenende investieren kann, dem empfehle ich das FinTech Meetup Frankfurt, das sich am Mittwoch, den 7. Oktober ebenfalls der Fragestellung „Lean Startup vs. FinTech“ widmen wird.

Fazit

Das MVP ist in der FinTech-Welt sicherlich nicht ganz einfach zu definieren. Hier werden in den meisten Fällen pragmatische Kompromisse notwendig sein, um dies auch mit den Unternehmenszielen vereinen zu können. Aber wie üblich wird das Risiko reduziert, Vollgas mit der falschen Idee gegen die Wand zu fahren. Darum ist es durchaus sinnvoll, diese extra Schleife zu drehen. Besonders motivierend ist dies natürlich für die Mitarbeiter, da diese nicht nur Aufgaben abarbeiten, sondern aktiv in der Gestaltung mitwirken können und an ihrem eigenen Baby schrauben.

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2 Antworten
  1. von Gute Idee am 14.09.2015 (19:45 Uhr)

    Verteil die Info bei der Deutschen Bank:
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/finanzinstitute-deutsche-bank-vor-stellenabbau-1.2647523
    Die können sich mit den vielen gefragten Fachkräften von Microsoft zusammentun:
    http://www.golem.de/news/nokia-uebernahme-microsoft-entlaesst-18-000-beschaeftigte-1407-107949.html


    Masse macht müßig.
    Instagram hatte 13 Mitarbeiter, Snapchat 30, Warren Buffet 40-50, Oculus 100, Craigslist 60 oder so Mitarbeiter...
    Evtl. hat Google deshalb Alphabet gegründet damit jedes der vermutlich 100-5000 gekauften Projekte endlich mal funktioniert und als eigenes Profitcenter wie ein Schlauchboot bzw. Fisch im Schwarm eigenständig Leistung liefert statt zurückzufallen und gefressen zu werden bzw. nach dem Aufkauf im Großkonzern mit zigtausend Leuten Dienst nach Vorschrift zu machen und vor sich hin zu stagnieren wie Skype, Paypal, ICQ, ... nach dem Aufkauf.

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  2. von Alex am 17.09.2015 (19:00 Uhr)

    Ehrlich gesagt ist die hier beschriebene "Agile-Umsetzung" doch etwas dürftig. Auch durch bestimmte Vorgaben komplexe Projekte lassen sich doch hervorragend zum Beispiel mittels Scrum bewältigen.

    Das Ziel aktive User zu Generieren suggeriert mir genau das, wovor ich bei den meisten Startups am meisten Angst habe: Mit allen Mitteln schnell auf den Markt - Danach versucht man, meist Hoffungslos, die Leichen im Keller zu beseitigen. Warum also nicht gleich richtig?

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