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Kommentar

Leander Wattig: Mehr Wie und Wir wagen

    Leander Wattig: Mehr Wie und Wir wagen
Die Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017 – Leander Wattig. (Grafik: t3n.de)

Ein Kernfaktor für den Erfolg unserer Gesellschaft wird sein, dass wir wieder mehr miteinander reden und arbeiten. Unsere Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017.

Am Sonntag wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und alle sind mit der Tagespolitik beschäftigt: Steuersätze rauf oder runter, wie viel Zuwanderung, welche Sozialleistungen in welcher Höhe sind gerecht?

Wir wollen das zum Anlass nehmen politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich über die kommenden vier Jahre hinauszublicken und wieder die grundsätzliche politische Frage stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage haben wir bekannten digitalen Vordenkern und Netz-Persönlichkeiten im Rahmen der t3n-Themenwoche Utopien gestellt – und sie haben geantwortet. Darunter auch Leander Wattig, Eventkonzepter und Publisher bei ORBANISM..

Deutschland 2017+

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und habe schon einige Bundestagswahlkämpfe erlebt. Dieser ist insofern speziell, als dass er immer präsent ist, aber irgendwie auch nicht. Wir sind so richtig schön eingelullt vom Status quo, zumal es uns in Deutschland ja vergleichsweise gut geht. Dabei gäbe es große Themen genug: Mit der AfD wird erstmals eine so stark rechtsgerichtete Partei in den Bundestag einziehen, die Digitalisierung beginnt merkbar alle Lebensbereiche umzuwälzen, der Klimawandel ist in vollem Gange und wird dennoch von wichtigen Akteuren negiert, die Flüchtlingskrise ist eher ein Dauerzustand von globalem Ausmaß und auch Probleme wie die instabilen Finanzmärkten schwellen weiter. Zugleich wurschteln wir uns so durch, weil akut nichts weh tut. Der Alltag als Heimatfilm.

Ich finde komplett nachvollziehbar, warum führende Parteien wie die CDU den Wahlkampf so machen, wie sie es tun, und der Erfolg gibt ihnen ja auch ein Stück weit recht. Noch dazu leben wir nun einmal in einer alternden und zugleich gesättigten Gesellschaft, bei der die Bestandsperspektive ein Übergewicht hat. Doch auch die kleineren Parteien sind schwer hörbar, wenn es darum geht, eine größere Vision zu entwickeln, wie wir in zehn, 20 Jahren leben sowie den Wohlstand und das friedliche Miteinander erhalten wollen. Phänomene wie die AfD sind ja auch ein Stück weit dem geschuldet, dass selbst Themen wie die Wiedervereinigung prinzipiell als erledigt angesehen werden und dabei übersehen wird, dass da noch viel Klärungs- und letztlich auch Integrationsbedarf besteht. Wir verlangen von Zuziehenden etwas, das wir vor der eigenen Haustür vielfach nicht ordentlich bewältigen.

Mir waren Wahlkampfzeiten immer unangenehm, weil da Politiker beginnen, nur noch apodiktisch in Schubladen zu argumentieren. Beängstigend ist in Zeiten von Social Media, wie viele Leute um einen herum plötzlich zu eben solchen Politikern mutieren. Da werden Menschen auf Parteienpräferenzen reduziert und ein vernünftiger Diskurs ist oft kaum möglich, weil sich wiederum ein unschönes Merkmal der Netzkommunikation überträgt, indem Menschen sogleich persönlich angegriffen werden, wenn sie eine missliebige Meinung vertreten.

Dabei gibt es ja Ideen, wie man die Gesellschaft verändern und womöglich voranbringen kann. Das bedingungslose Grundeinkommen ist da ein gutes Beispiel. Um hier voran zu kommen, würde ich mir wünschen, dass wir uns alle ein Stück weit von der rein meinungsgetriebenen und letztlich luftgestützten Argumentation lösen und etwas mehr eine Denke zur Anwendung bringen, die wir aus dem Startup- und Tech-Bereich gut kennen: testen und messen. Und wieder testen. Während alle immer so unfassbar Recht zu haben scheinen oder es zumindest lautstark behaupten, wird doch vergleichsweise wenig gewagt und ganz praktisch angepackt. Warum definiert man nicht mal einen abgegrenzten Bereich, wo etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen realisiert wird und dann schauen wir uns die Effekte an. Mir ist wohl bewusst, dass das etwas naiv formuliert ist und mit welchen auch rechtlichen Hürden das verbunden ist. Vielleicht brauchen wir aber einfach wieder mehr positive Naivität, wie sie alternde Gesellschaften immer zu verlieren drohen, denn so drehen wir uns meist nur im Diskurskreise.

Ein Frage, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist die der Gemeinschaft. Wir haben die Ost-West-Problematik, die aus meiner Sicht noch immer hochaktuell ist, wir haben viele Mitbürger mit Migrationshintergrund, die oftmals keinen deutschen Pass haben oder bekommen, was letztlich demokratieschwächend wirkt, und nun haben wir auch noch relevante Flüchtlingszahlen. Ein Kernfaktor für den Erfolg unserer Gesellschaft wird sein, dass wir wieder mehr Miteinander üben. Ich feiere jeden wie beispielsweise den Aktivist und Autor Ali Can mit seiner „Hotline für besorgte Bürger“ oder Shai Hoffmann mit seinem „Bus der Begegnungen“, der sich darum bemüht, Menschen zusammen und ins Gespräch zu bringen - auch über die berühmt-berüchtigten Filterblasen hinaus. Darüber wird ja viel geredet, aber die wenigsten tun es. Vielmehr beobachtet man im Netz fortwährende Diskussionen in relativ festen Zirkeln, wo sich ohnehin alle einig sind und wo es eher darum geht, wer den gemeinsam längst abgenickten Standpunkt besonders originell neu formuliert, um sich dafür garantierten Beifall abzuholen. Gerade in Medienkreisen ist das häufig zu beobachten. Das ist ermüdend und bewirkt wenig.

Grenzüberschreitende Gemeinschaft ist wichtig. Überlegen wir uns doch nur einmal, was passiert, wenn die Digitalisierung weitergeht und bisherige Jobs in Millionenzahl wegfallen. Was machen wir mit diesen Menschen? Jobverlust bedeutet immer eine Erschütterung des Selbstbildes und den Verlust eben jener Gemeinschaft im Arbeitsumfeld. Was bleibt dann? Nicht jeder ist ein Digital Entrepreneur, der sich freudig in selbstgeknüpften Netzwerken bewegt und neugierig auf neue Felder stürzt. Vielmehr wird eine durch Technologie gesteuerte Kommunikationswelt oftmals als kalt und abweisend wahrgenommen. Hier ist es umso wichtig, Angebote zu machen, um Menschen einzubinden.

Was ich mir auch wünschen würde, ist, dass wir Medienleute noch intensiver nachhaltigere Geschäftsmodelle entwickeln. Es ist doch auffällig, wie wenige starke Stimmen aus der Netzszene in den letzten zehn Jahren gewachsen sind. Medien wie t3n oder neuer die EDITION F machen da einen guten Job, aber sind doch eher Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Die meisten Blogger sind auf ihren querfinanzierenden Brotjobs hängengeblieben und haben es nicht wie die TechCrunches und Mashables dieser Welt geschafft, eine echte Medienunternehmensstruktur zu entwickeln. Das ist aber auch ein Grund, warum viele Zukunftsthemen in der breiten Wählerschaft so unterrepräsentiert sind. Die klassischen Medien spielen nachvollziehbarerweise eher die Angstkarte, weil gegenüber ihrer Zielgruppe negative Auswirkungen besser und einfacher darstellbar sind, sodass man Auflage machen kann. Positive Zukunftseffekte hingegen müssen erdacht, gestaltet und anders erzählt werden, damit sie greif- und vorstellbar werden. Da fasse ich auch mir selbst an die Nase als jemand, der vor 10 Jahren mit seinem Blog gestartet ist und immer in dem Bereich unterwegs gewesen ist.

Ich arbeite ja viel in der Buchbranche und kenne daher diesen merkwürdigen Zusammenhang sehr gut, den es in Deutschland zu geben scheint, dass Technik emotional oft als Gegensatz zu Inhalten und Wertigkeit begriffen wird. Das verwundert umso mehr, da Deutschland historisch technisch immer stark aufgestellt war. Irgendwann ist, auch aus sehr nachvollziehbaren Gründen in unserer Geschichte, die Begeisterung dafür zurückgegangen. Es ist nun aber an uns, sie wieder zu entfachen. Dafür reicht es aber nicht, sich darin zu gefallen, „es“ verstanden zu haben und insofern einer der Guten zu sein, sondern die Aufgabe ist der mühsame Weg, „es“ in die Breite zu tragen, mit Offenheit, unvoreingenommen und auf Augenhöhe.

Mir geht es in Summe also gar nicht darum, bestimmte Zukunftserwartungen zu propagieren, sondern dass wir ein Umfeld und eine Atmosphäre schaffen, wo Zukunft bestmöglich gemeinschaftlich ergründet und entwickelt werden kann. Im Miteinander. Weg von dem Angstgetriebenen, das uns heute überall umgibt, uns alle einschnürt und Nährboden für Demagogen aller Art ist.

Ich wünschte mir vielmehr eine Wertedebatte, bei der wir stärker und fortlaufend definieren, wofür wir als Land und in Europa eigentlich stehen wollen. Über die üblichen großen Schlagworte hinaus, sondern in unser aller Alltag reichend – in der gelebten Gemeinschaft. Somit einen Grund schaffend, auf dem wir uns alle begegnen können – auch Menschen, die neu hinzukommen. Denn wenn Aydan Özoguz von der SPD behauptet, es gäbe keine spezifisch deutsche Kultur, was ich bestreite, können wir uns jetzt wieder alle aufregen und aneinander abarbeiten. Ich würde es aber gern ins Positive wenden und diskutieren, für welche Kultur wir ganz konkret 2030 oder 2050 stehen möchten. Denn wenn die Kultur stimmt, folgt der Rest nach. Zukunft geht nur gemeinsam. Zukunft geht nur mit Kopf und Herz.

Übrigens, auf unserer Bundestagswahl-2017-Seite findet ihr nicht nur weitere Artikel zur Themenwoche Utopien. Wir haben auch tiefergehende Analysen, interessante Infografiken sowie hilfreiche Apps und Tools zum Wahlkampf und der Entscheidungsfindung gesammelt.

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