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LeFloid ist kein Salatkopf – oder: Warum das Echte in den Medien eine Illusion ist

    LeFloid ist kein Salatkopf – oder: Warum das Echte in den Medien eine Illusion ist

(Screenshot: YouTube – bearbeitet durch t3n.de)

LeFloid wurde nach seinem Interview mit Angela Merkel heftig kritisiert – zu unkritisch, zu konformistisch und nicht ansatzweise so authentisch wie in seinen YouTube-Videos. Clued-up-Kolumnist Thilo Specht glaubt, das Florian Mundt vermutlich nie authentischer war und wir den Glauben an das Echte in den Medien überprüfen sollten.

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Albert Einstein befand sich im 27. Lebensjahr, als 1905 seine Arbeit mit dem Titel „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ - sie handelt von der speziellen Relativitätstheorie - veröffentlicht wurde. Der argentinische Nationaltrainer Juan José Tramutola war erst 27 Jahre alt, als seine Mannschaft 1930 im Finale der ersten Fußballweltmeisterschaft unglücklich gegen Uruguay verlor. Er ging als jüngster Trainer, der je eine Weltmeisterschaft bestritt, in die Geschichte ein. Auch Bill Gates durchlief sein 27. Lebensjahr, als er 1981 mit MS-DOS den Grundstein für den kometenhaften Aufstieg des PCs legte.

Alle drei sind außergewöhnliche Menschen, die bereits in jungen Jahren Leistungen vollbrachten, zu denen viele andere (mich eingeschlossen) gar nicht in der Lage sind. Zu Recht erhielten diese Personen in ihrer Zeit viel Aufmerksamkeit und Achtung. Viel mehr, als 99,9% ihrer Altersgenossen.

Jeder kann heute außergewöhnlich sein – wie LeFloid beweist

Deutschlands bekanntester YouTuber LeFloid. (Screenshot: LeFloid / YouTube)
Deutschlands bekanntester YouTuber LeFloid. (Screenshot: LeFloid / YouTube)

Das ist im Jahr 2015 etwas anders. Zumindest, was die Aufmerksamkeit angeht. Nahezu jeder besitzt heute die Möglichkeit, sein Publikum zu finden. Etwa als Blogger, YouTuber oder Twitterati. Gerade auf YouTube dominieren Kinderstars und junge Erwachsene die Einschaltquoten, gemessen an Kanalabonnenten und Views.

Einer von ihnen ist der Student Florian Mundt, der als Video-Produzent und YouTube-Host den Künstlernamen LeFloid trägt. Zufällig ist auch er 27 Jahre alt. Auf YouTube erreicht er stolze 2,6 Millionen Abonnenten und seine Videos wurden bereits 350 Millionen mal angesehen. Der Entertainer trifft mit seinen aus der Studentenbude aufgenommenen Videos offensichtlich den Nerv der Generation Z, die mit linearem Fernsehen wenig anfangen kann und ihre Idole in den eigenen Reihen sucht.

Das brachte ihm 2014 den Publikumspreis des Grimme Online Awards ein. In seiner Darstellung auf der Website des Awards heißt es: „Er produziert jeden Montag und Donnerstag einen Beitrag in der Reihe LeNews, in der er aktuelle Ereignisse aus seinem Alltag und dem Nachrichtenbereich aufgreift und kommentiert. Immer unterhaltend, immer seinem Stil folgend erreicht er ein überwiegend junges Publikum, das ihn als seriöse Nachrichtenquelle schätzt und ihn seinerseits kommentiert.“

Mundt ist unbestritten ein kluger Kopf und fleißig dazu – sonst hätte er es in den vergangenen acht Jahren kaum auf hunderte selbst produzierte Videos gebracht. Inhaltlich bewegt er sich tief in der Lebensrealität junger Menschen. Sein Kanal ist mit ein Grund dafür, warum BRAVO und andere Jugendzeitschriften der baldige Exitus bevor steht. Mundt ist so etwas wie ein Lotse in der Adoleszenz.

„Eine große Rolle auf YouTube spielt, dass man einfach echt ist!“

Seine Leistung besteht im Wesentlichen darin, große Aufmerksamkeit zu erhalten mit Inhalten, die banal, aber eben von Interesse für die Kids und jungen Erwachsene sind. Auch und gerade, weil er seinen Fans sehr nahe ist und mit der um seinen Kanal entstandenen Community einen regen Austausch führt.

So äußerte Mundt in einem Video-Interview mit „Die Welt“, dass die jungen Menschen heute von Informationen übersättigt und des reinen Konsumierens von Medien leid sind. Sie wollen teilhaben und mitmachen, weshalb sein Format so erfolgreich sei. Und: „Was ich glaube, was eine große Rolle spielt auf YouTube – warum so viele Leute das toll finden – ist einfach, dass man echt ist. Dass man einfach auch greifbarer ist.“

Herzlich Willkommen! Der Warencharakter ist im Menschsein angekommen

Um das mal zusammenzufassen: Der 27-Jährige LeFloid erhält große Aufmerksamkeit, weil er meinungsstark und unterhaltsam Ereignisse aus dem Alltag aufgreift, mit seinem Publikum spricht und „echt“ ist. Das klingt nicht gerade nach einer neuen Relativitätstheorie. Aber für eine Medientheorie taugt es allemal.

Denn Interaktion und die nicht tot zu bekommende „Authentizität“ gelten auch in der Debatte um die Zukunft des Journalismus als wichtiges Pfund. Laut Karsten Lohmeyer von lousypennies.de braucht es beides, will der Journalist sich als eigene Marke etablieren.

„Wir sind unwichtig. Weil wir keine Marke sind!“

Warum er das Wollen sollte, erklärt Lohmeyer natürlich auch: „Es gibt Erkenntnisse im Leben eines Journalisten, die uns tief in unserem Selbstbild treffen. Zum Beispiel, wenn wir jahrelang für ein (Print-)Medium gearbeitet haben und dann plötzlich auf der Straße stehen. Bis dahin waren wir der Mann (oder die Frau) von der FTD/Westfälischen Rundschau/FR/Prinz…Wir waren die Presse. Wir waren begehrt. Wir wurden hofiert, eingeladen. Wir waren wichtig.

Und jetzt? [...] Die Bühne, auf der wir uns präsentiert haben, gibt es nicht mehr. Und damit gibt es uns auch nicht mehr. Wir sind unwichtig. Weil wir keine Marke sind.“

Herzlich Willkommen! Der Warencharakter ist im Menschsein angekommen. Mit der Marke kommt die Wichtigkeit, oder – nicht ganz so holprig, aber um so hipper – die Relevanz. Es gibt mittlerweile eine kleine Branche, die sich um das Reputationsmanagement von Social Trademarks kümmert. Die das Personal Branding von Influencern vorantreibt. Und Berufstätige wie Du und ich zu kleinen Promis hochsterilisiert, um bei Lothar Matthäus zu bleiben.

Wer ist LeFloid? Und wenn ja, wie viele?

Die eigentliche Leistung ist das Sein an sich. Das Entertainer sein bei LeFloid, die Edelfeder sein im Journalismus und das Experte sein bei den Kollegen. Erfolgreich ist, wer aus der Masse heraussticht und von vielen wahrgenommen wird, so das Credo. Aus diesem Grund ist der Beruf des Schauspielers gerade für junge Menschen so erstrebenswert. Wer mit Talent gesegnet ist, wie etwa Ulrich Tukur oder Sibel Kekilli, wird geradezu verehrt. Aber auch Til Schweiger findet seine Fans.

Was die neuen Personenmarken von den Schauspielern unterscheidet: Sie sollen „echt“ sein. Keine Rolle spielen, die nicht ihrer wahren Persönlichkeit entspricht. Das ist es, was Florian Mundt als Erfolgsfaktor für sein Format identifiziert. Und vielleicht ist genau das auch der Grund, warum sein Interview mit der Kanzlerin von den Kritikern mehrheitlich negativ kommentiert wurde.

Denn der Le Floid, der da vor der Kanzlerin saß, war ein ganz anderer als der aus seinen üblichen Videos. Nicht hibbelig, nicht respektlos und provozierend. Sondern angepasst, brav und durchweg auf Kuschelkurs mit der Kanzlerin, die ihre gewohnte Rolle perfekt ausfüllte. Die Kanzlerin war „echt“ – der 27-Jährige YouTuber nicht. Oder war er vielleicht gerade in diesem Video echt? Und ist das Echte in seinen LeNews-Videos nur gespielt?

Wie echt kann ein Mensch eigentlich sein, der sich in einer total ungewohnten – geradezu künstlich anmutenden – Umgebung befindet, in einer Situation, die sich unreal anfühlt, nämlich im Angesicht einer der mächtigsten Personen dieser Welt? Wie echt kann ein Mensch sein, der keinerlei Kontrolle darüber besitzt, wie diese Situation ausgestaltet wird, der sich komplett in Abhängigkeit und Wohlwollen des Gegenübers begibt?

LeFloid und die Merkel: Ein Gespräch unter Ungleichen

LeFloid und Angela Merkel: Ein Gespräch unter Ungleichen. (Screenshot: YouTube)
LeFloid und Angela Merkel: Ein Gespräch unter Ungleichen. (Screenshot: YouTube)

Er ist im übertragenen Sinne nackt und damit so echt wie es sich nicht besser vorstellen lässt. Zurückgeworfen auf seine bloße Existenz, denn ihm wird eine Rolle aufoktroyiert, die er nicht ausfüllen kann. Was wurden an Le Floid im Vorfeld des Interviews/PR-Videodrehs für Erwartungen gestellt:

„Ist LeFloid der bessere Politik-Journalist?“, stellte MEEDIA zur Diskussion. „Angela Merkel kann am morgigen Freitag wohl vor allem eines erwarten: Die Fragen werden direkter, persönlicher und zum Teil sicherlich auch skurriler“, meinte der Mediendienst zu wissen. Als sei zu erwarten gewesen, dass die Kanzlerin entspannt neben Mundt auf der Bettkante seiner Studentenbude sitzen würde, um mit ihm bei einer Club Mate über Politik zu schnacken.

„Ist LeFloid der bessere Politik-Journalist?“

Als sei ernsthaft zu erwarten gewesen, die Kanzlerin ließe sich auf ein Format ein, das ihre sorgfältig konstruierte Medienpersönlichkeit unterminiert. Als sei es tatsächlich ein Gespräch auf Augenhöhe, dass da stattfinden würde. Zwischen einer Kanzlerin, deren Leistung darin besteht, so viel Machtwillen, Beharrlichkeit, Ellenbogen und möglicherweise noch ein, zwei unangenehme Eigenschaften mehr zu besitzen, dass sie sich in einer Männerdomäne behaupten und bis ins höchste Amt der Republik kämpfen konnte. Und einem Studenten, dessen vorgebliche Leistung darin besteht, er selbst zu sein und damit ein großes Publikum zu erreichen.

Wenn es bei diesem Gespräch unter Ungleichen einen eindeutigen Verlierer gab, dann war es jedoch nicht Florian Mundt. Seine Community geht mit diesem Gespräch deutlich unkritischer um, als die Kritiker der Gazetten und TV-Sender. Für sie ist er schon ein Held, weil er überhaupt mit der Kanzlerin sprach. Zudem wurde das Video bereits 2,5 Millionen mal angesehen. Und wir erinnern uns: Das ist schließlich die Währung, in der sich der Erfolg einer Menschmarke bemisst.

LeFloid ist kein Salatkopf

Nein, Verlierer dieses Gesprächs ist der Glaube an das „Echte“, bei dem insgeheim auch immer der Gedanke des Wahren, Guten und Schönen mitschwingt. Das Interview zeigte einmal mehr und in aller Deutlichkeit: Das Echte gibt es nicht in den alten/neuen/sozialen Medien. Es ist alles inszeniert. Und hinter jeder Inszenierung steckt natürlich eine Motivation.

Wer „Authentizität“ als Eigenschaft der Kommunikation einfordert und glaubt, dass sie tatsächlich ein Erfolgsgarant gerade in den Social Media sei, sollte das spätestens jetzt überdenken. Denn, um den geschätzten Sascha Stoltenow zu zitieren, „authentisch ist ein Salatkopf“.

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5 Reaktionen
Sven Meyer

Trotz allem hat LeFloid meiner Meinung nach auch ein paar interessante Aussagen noch mal bestärken lassen, z. B. zur Ehe für Alle: http://www.queer.de/detail.php?article_id=24190

Ich fand viel interessanter zu sehen, wie Merkel ihn behandelt. Und das war meiner Meinung nach ziemlich kalt.
Jedem war klar, dass LeFloid unerfahren an die Sache heran geht. Nimmt sie darauf Rücksicht? Nein, wie sich z. B. schon in der Sitzordnung zeigt. Durch Aussagen wie "[...] wahrscheinlich hören Sie mir nicht zu." greift sie ihn relativ offen an.

Sie hätte die Chance nutzen können, ein (relativ) echtes Gespräch mit einem jungen Menschen zu führen. Stattdessen spielt sie wieder ihr übliches Gerede ab und nimmt keine Rücksicht auf ihn. Das sorgt nicht für Sympathie :/

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Stefan

Ich bin auch der Meinung das dieses Interview viel zu groß gepusht wurde.
Und auch wie hier im Artikel ein ungleiches Kräfteverhalten da war.

LeFloid kann man denke ich nicht kritisieren oder sagen er war unecht.
Ich würde wetten 90% aller Personen die ein Interview mit der Kanzlerin führen scheißen sich vor Aufregung in die Hosen.
Wie hier auch schon erwähnt, laut Schreien können alle immer gleich.
Ist dann der Punkt gekommen sind sie still.

Vor allem denke ich mir kann auch ein LeFloid keine Fragen einfach mal so raushauen.
Da gibt es Berater usw. die das vorher abstimmen.
Eine Kanzlerin lässt sich ja nicht einfach mal so zutexten nur weil ein YouTube Star sie interviewt.
YouTube ist im Netz eine Kanzlerin hat aber ein Land im echten Leben zu regieren.

Ich hab das Interview auch nicht extrem gefeiert, hab aber dennoch großen Respekt vor LeFloid das er es gemacht hat.

Schöne Grüße
Stefan

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E.
E.

Nun, ich erinnere mich nach diesem Artikel an eine Szene in der vor einem Hotel mehrere Leute standen und laut herum krakelten.

Ich fragte was los sei: »Gottschalk dieser Lackaffe kommt gleich, den machen wir fertig! So eine Scheiß-Sendung auf unsere Kosten!« »Ja wie ober-lehrerhaft der ist!« - »Und falsch!« schrie eine kleine Dame hinterdrein. Alle nickten eifrig. »Und diese Haare!« sagt ein Mann spöttisch neben ihr. Alle lachten.

Da kam Gotschalk! Er lächelte. Alle raunten leise. Es klang eher warm. Auf einmal kam ehrfürchtiger Beifall...

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Florian Hordan

Ist interessant, was alles um dieses Interview zu lesen ist. In der Schule hieße es immer nur Thema verfehlt; Leute es geht doch nicht um neuen Journalismus oder gar besseren. Es geht um Aufmerksamkeit. Und ich bin der Meinung einige junge Erwachsene haben sich durch dieses Interview, bzw LeFloid das erste mal etwas von Angela Merkel angesehen.

Es ist vielleicht auch wichtig zu erwähnen, dass sich die Medienwelt verändert. Ob gut ob schlecht, das weiß nun wirklich niemand. Erwachsene sind so geprägt und voller Kritik, macht Spaß diesen Beitrag zu lesen, wenn nicht sogar lustig.

Beste Grüße

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Mike
Mike

Wenn ich von Youtubern noch einmal Authentizität höre, kotze ich. Die Hälfte hat sich verkauft, die andere Hälfte träumt von den Werbedeals der Großen. Authentisch ist da rein gar nichts, es ist nur eine Heuchelei.

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