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Leistungsschutzrecht: Die Großen gewinnen, die Kleinen verlieren? [Interview]

Das für Presseverleger ist in Kraft. Im sprechen wir über die Folgen, Risiken und Chancen mit Andreas Nickel, Mitgründer eines , das sich auf Content-Auswertungen spezialisiert hat – und das unmittelbar von dem Gesetz betroffen ist.

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Andreas Nickel zum Leistungsschutzrecht: „Lieber nichts, als zu viel“

Seit dem 1. August 2013 ist das viel diskutierte und kritisierte Leistungsschutzrecht für Presseverleger in Kraft getreten. Seitdem heißt es, dass vor allem das Geschäft kleinerer Startups, die ihren Umsatz mit der Verarbeitung digitaler Inhalte verdienen, durch das Gesetz in Mitleidenschaft gezogen wird. Im Interview haben wir Andreas Nickel gesprochen – Mitgründer von ferret go, einem Startup, das sich mit Content-Analytics und Opinion-Mining beschäftigt und für institutionelle Kunden, Dienstleister oder auch Verlagshäuser Auswertungen und Analysen von Inhalten liefert.

t3n.de: Herr Nickel, das Leistungsschutzrecht für Presseverleger, ist seit diesem Monat in Kraft getreten. Nun heißt es überall: „Google gewinnt, die Kleinen verlieren.“ Warum?

Andreas Nickel von ferret go zum Leisungsschutzrecht: „Die Verbreitung vom Content muss nach Spielregeln funktionieren. Auch, was Vergütung und Rechtsansprüche angeht.“
Andreas Nickel von ferret go zum Leistungsschutzrecht: „Die Verbreitung vom Content muss nach Spielregeln funktionieren. Auch, was Vergütung und Rechtsansprüche angeht.“

Andreas Nickel: Google sagt explizit: Wer weiterhin in News und Alerts gelistet sein will, muss zustimmen. Für solche Verhandlungen hat Google sowohl Marktposition und Reichweite als auch die notwendigen Ressourcen. Kleinere Dienstleister mit neuen Anwendungen werden jedoch aus dieser Sicht kaum argumentieren können. Ihnen bleibt oft nur die Anpassung von Geschäftsmodellen. Das kann bedeuten, bestehende Dienstleistungen umzugestalten oder neue Ideen auf Basis vorhandener Technologie zu entwickeln. Was nicht unbedingt heißt, dass „die Kleinen“ verlieren. Vielleicht ist es gerade ihre Flexibilität, die neue Marktchancen eröffnet.

t3n.de: Tagesschau.de titelte aber: „Alles bleibt beim Alten“? Wer hat denn nun Recht?

Andreas Nickel: Nun, für Google bleibt ja auch ziemlich viel beim Alten. Offenbar hat ein Großteil der deutschen Verlage zugestimmt, dass Google weiterhin die im Netz frei verfügbaren, redaktionellen Inhalte listen darf. Hier war Reichweite der entscheidende Faktor. Für kleinere Anbieter, die mit News-Items umgehen, gilt das gerade am Anfang nicht. Sie sind in erster Linie Innovationstreiber. Indem sie neue Formen der Aufbereitung für Inhalte entwickeln oder Ideen für mehr Reichweite in den Markt bringen. Es kann sein, dass einige davon jetzt verhaltener vorgehen.

t3n.de: Nachrichten-Aggregationsdienste dürfen von Presseerzeugnissen weiterhin maximal ein Jahr lang „einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte“ übernehmen, heißt es. Was genau sind denn „kleinste Textausschnitte“?

Andreas Nickel: Das kann im Zweifel nur der Publisher sagen. Für viele Angebote mündet diese Unsicherheit aber nicht selten in der Strategie „Lieber nichts, als zu viel“. Wie viel Inhalt für den Endnutzer ausgespielt wird, ist aber nur eine Seite der Geschichte. Typisch für Suchmaschinen oder Anbieter von Content-Analytics ist die initiale Verarbeitung des Gesamtinhalts. Fragen wie: „Wer sagt etwas?“, „Worum geht’s eigentlich thematisch?“, „Was wird positiv oder negativ besprochen?“ – das sind Aussagen, die sich nur dann technologiebasiert treffen lassen, wenn man komplette Texte verarbeitet. Und gerade im Medienbereich, in der Big-Data-Auswertung oder im Content-Marketing ermöglichen solche Verfahren automatisierte, erfolgskritische Analysen und können Impulse geben für neue Content-Angebote.

Fakt ist aber: Das sind Lösungen, die von jungen, technologisch innovativen Unternehmen vorangetrieben werden. Sie können Publishern zur Seite stehen, um neue Ideen für die Vermarktung ihrer Inhalte zu entwickeln. Das ist der Mehrwert, den sie leisten – und der ein anderer ist, als das Zahlen von Lizenzgebühren.

t3n.de: Sie haben die Digitalisierungsstrategie einiger Verlagshäuser begleitet. Hätten Sie den Verlagen vor fünf Jahren zu einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger geraten?

Andreas Nickel: Vor fünf Jahren waren die technologischen Möglichkeiten andere. Intelligente Arten, Inhalte gewinnbringend zu vertreiben, kann man heute weitestgehend automatisiert steuern. Das geht von der Ausspielung von Content über Content-Marketing bis hin zur Mehrfachverwertung redaktioneller Inhalte. Dass dabei Bedürfnisse von Verlagen und Autoren berücksichtigt werden müssen, ist vollkommen klar, wenn auch der Inhalt von dort kommt. Nur ist das nicht mehr ausschließlich so. Auch Marken, Unternehmen oder Institutionen nehmen zunehmend die Rolle von Inhaltsproduzenten ein. Für sie sind zeit- und plattformneutrale Wege der Verbreitung eher zuträglich. Und das wird am Ende genauso für Verlage gelten.

t3n.de: Ein großes Problem für „die Kleinen“ ist, dass es keine automatisierte Kennzeichnungspflicht für Presseverleger gibt. Rivva.de hat 650 Online-Medien ausgeschlossen, weil der Aufwand, nachzufragen, ob sie weitergelistet werden möchten, zu groß für den Dienst ist. Man hat das Gefühl, das Gesetz wurde nicht zu Ende gedacht. Erkennen Sie weitere Systemfehler?

Andreas Nickel: Gesetze geben am Ende den grundsätzlichen Rahmen vor. Dass man damit jede Detailfrage abbilden kann, ist illusorisch. Spannend ist jetzt, herauszufinden, ab wann die Uhr nun wirklich läuft. Bereits bei der ersten Verarbeitung? Oder dann, wenn ein Dritter damit Geld verdient, etwa bei automatisierter Verarbeitung? Das sind Fragen in diesem Zusammenhang, die jetzt im Alltag entschieden werden. Und darum gehen viele Anbieter in der aktuellen Situation im Ergebnis lieber auf Nummer sicher.

t3n.de: Was bedeutet das für das Verhältnis traditionelle Verlagshäuser vs. Anbieter von web-basierten Content-Produkten?

Andreas Nickel: Die Verbreitung vom Content muss nach Spielregeln funktionieren. Auch, was Vergütung und Rechtsansprüche angeht. Nur ist zu vermuten, dass die Schaffung der jetzigen Rahmenbedingungen eher zu Ungunsten des ursprünglich verfolgten Ziels ausgeht. Lediglich ein Mittel zur Verfolgung von Rechtsverstößen zu schaffen, kann sicher kein Antrieb sein. Spannender wäre doch der gemeinsame Ausblick, neue Wege zu gehen und sich Technologie dabei zunutze zu machen. Die Kompetenz ist da und Dialog wäre in der Hinsicht sicher wünschenswert.

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2 Antworten
  1. von Olaf Barheine am 14.08.2013 (11:17 Uhr)

    Letztendlich greife ich auf die Artikel der kleinen Zeitungsverlage und Nachrichtenportale inzwischen überhaupt nicht mehr zu, weil ich ohne Google gar nicht darauf aufmerksam werde. Dabei habe ich die zwischendurch eigentlich immer ganz gerne gelesen und schon manch interessante Story bei den Kleinen gefunden. Offenbar bin ich als Leser aber unerwünscht. Schade eigentlich!

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  2. von phant am 14.08.2013 (12:15 Uhr)

    Irgendwie kapier ich die Aufregung nicht. Gibt es keine Rechtsschutzversicherungen die speziell diese Fälle abdecken? Ein Artikel genau darüber würde den vielen Bloggern mehr helfen, als das ganze "mimimi :(("

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