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Digitale Gesellschaft

Digitale Zeitenwende – Wie wir die Kontrolle über das Netz verloren und wer sie uns zurückgibt

    Digitale Zeitenwende – Wie wir die Kontrolle über das Netz verloren und wer sie uns zurückgibt

9/11: Der symbolische Systemabsturz. (Foto: 9/11 photos  / flickr.com, Lizenz: CC-BY )

Wer ein Rückblick des Internet-Jahres 2013 schreiben will, braucht nur einen Namen zu nennen: Edward Snowden. Er offenbarte, dass wir die Kontrolle über das Netz längst verloren haben. Die Luca-Analytics-Kolumne von Luca Caracciolo.

Verschwörungstheorie oder reales Szenario?

Edward Snowden hat mit der Veröffentlichung der Geheimdokumente für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Vieles wurde im Anschluss über das Internet, seine Zukunft und seine Gefahren geschrieben. Vor allem eines bleibt am Ende übrig: Egal welche Informationen heute übers Netz verschickt werden, sie sind nicht sicher vor dem Zugriff Dritter. Keiner kann sich im Netz wirkungsvoll vor NSA und anderen Geheimdiensten schützen. Ja, es gibt Mittel und Wege, um den Geheimdiensten die Arbeit zu erschweren. Aber wie schon Sicherheitsexperte und PGP-Erfinder Phil Zimmermann in der aktuellen Ausgabe des t3n Magazins erklärt: „Wer sich gegen die NSA oder andere Geheimdienste schützen will, dem kann nur Gott helfen.“

Was uns lange Zeit als „Freiheit des Netzes“ verkauft wurde, ist im Grunde nichts anderes als die Verschleierungssprache eines politisch-industriellen Komplexes, der im Hintergrund die Fäden zieht und mit dem Internet ein probates Mittel zur vollständigen Überwachung der Bevölkerung gefunden hat. Stopp – Das klingt wie Verschwörungstheorie. Und wenn ich diese Zeilen vor einem Jahr gelesen hätte, würde ich sie auch entsprechend interpretieren. Jetzt – Ende 2013 – haben wir es mit einem realen Szenario zu tun.

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Sicherheitsexperte Phil Zimmermann glaubt, dass sich keiner im Netz vor dem Zugriff der NSA wirklich schützen kann. (Foto: OX Summit 2013)

Politisches Wahnsystem?

Bei der intellektuellen Aufarbeitung der Spähaffäre hat sich Sascha Lobo besonders hervorgetan. Und er fasst die aktuelle Lage – wieder mal – besser als jeder andere zusammen und bringt es auf den Punkt:

„Der Spähskandal ist das Symptom eines politischen Wahnsystems. Demokratien weltweit sind vergiftet von einer amtlichen Wahnvorstellung, in der jede Person eine potentielle Bedrohung ist. Und deshalb überwacht werden muss: Alle stehen immer unter Verdacht.“

Bleibt die Frage, wie ein solches Wahnsystem überhaupt entstehen konnte. Warum ist die Überwachung der Bevölkerung heute mehr denn je gewollt? Überwachung ist ein probates Mittel, um ein System funktionsfähig zu halten. Es ist wie in der Software-Welt: Moderne Software wie Betriebssysteme sind derartig komplex, dass kleine Unstimmigkeiten zu einem folgenreichen Systemabsturz führen können. Schlimmer noch, wenn jemand bewusst auf Angriff setzt: Wer auf einen Systemschaden aus ist, der kann mit entsprechendem IT-Know-how für ordentlich Ärger sorgen – per Netz wird das Schadprogramm eingeschleust und Boom!

Moderne Gesellschaften sind ähnlich anfällig für einen Totalabsturz. Man denke an den Angriff am 11. September 2001 in New York: Mit relativ einfachen Mitteln wurden 3.000 Menschen getötet – und zugleich eine neue historische Ära eingeläutet. Die Währung dieser Ära heißt Angst. Mit Angst lässt sich vieles durchsetzen und abnicken – und wenn die nationale Sicherheit auf dem Spiel steht, dann sowieso: Wer Angst hat, hat Recht. Und wer Angst schürt, gewinnt.

Kapitalistische Selbstverteidigung

Parallel zur neue Ära der Angst seit 2001 ist das Internet mit dem Versprechen einer totalen Kommunikations- und Datenfreiheit groß geworden. Hier kann jeder mit jedem telefonieren, chatten, mailen – weltweit. Überall und zu jeder Zeit – zum Ortstarif quasi. Wie einfach doch für die NSA, wenn dabei die größten und wichtigsten Player im Netz – Google, Facebook, Amazon – US-amerikanische Unternehmen sind. Dann lassen sich die Leitungen gleich in der Nachbarschaft anzapfen. Böses denkt, wer glaubt, dass das Großwerden dieser Unternehmen etwa vom Wohlwollen entsprechender Kreise aus dem oben erwähnten politisch-industriellen Komplex begleitet wurde. Oh Verschwörungstheorien, „ick hör dir trapsen“!

9/11: Der symbolische Systemabsturz hat eine neue Ära der Angst und Überwachung eingeleitet. #FLICKR#
9/11: Der symbolische Systemabsturz hat eine neue Ära der Angst und Überwachung eingeleitet. (Foto: 9/11 photos  / flickr.com, Lizenz: CC-BY )

Überwachung und Angst: die zwei wichtigsten Ingredienzen für ein weltumspannendes Kontrollsystem – Überwachung kontrolliert, Angst legitimiert. Denn am Ende versucht ein System sich immer selbst zu schützen. War der Hauptfeind der kapitalistischen Gesellschaften in Zeiten des Kalten Krieges mit dem Ostblock und dem sowjetischen Regime noch eindeutig, stehen sie heute als einzig möglich scheinende Gesellschaftsform vor ihrer letzten großen Herausforderung: der Bewahrung und Sicherung ihrer Existenz. Und seit dem am 11. September 2001 mit dem World Trade Center das Symbol dieser Gesellschaften zerstört und so quasi ein einmaliger Systemabsturz herbeigeführt wurde, galt es, auf Basis modernster Technologien ein weltumspannendes Kontrollsystem zu installieren.

„Sie lieben unsere Freiheit“

„Sie hassen unsere Freiheit“ – ein Ausspruch, den George Bush nach dem 11. September 2001 als Erklärung für den Anschlag formulierte und die Terroristen meinte. Sascha Lobo unterstreicht den aus heutiger Sicht ironischen Unterton dieses Ausspruch in seiner Kolumne „Sie hassen unsere Freiheit“. Denn mittlerweile sind es es die Geheimdienste , die unsere „Freiheit“ hassen. Und wenn man den Ausspruch auf die Spitze treiben will, müsste es sogar heißen: „Sie lieben unsere Freiheit.“ Denn nur mit dieser vermeintlichen Freiheit, unserer fröhlichen Freiwilligkeit, täglich Daten von uns Preis zu geben, begeben wir uns in eine Abhängigkeit, die es den Geheimdiensten dieser Welt sehr einfach macht, uns zu überwachen und zu kontrollieren. Das Smartphone fungiert dabei als modernste Form der Entblößung und der Überwachung, weil es jederzeit und von überall aus funktioniert. Das Smartphone als Mini-Instanz der heutigen Kontrollgesellschaft.

Die neuen Königsmacher

Wo stehen wir also Ende 2013? Vor der größten Herausforderung seit Bestehen des Internets. Und was können wir tun? Hierfür will ich James Darling zitieren, einen Webentwickler, der im britischen Justizministerium arbeitet und in Anlehnung an Stephen O'Grady formuliert: „They may have the money, but we have the tools of technology … It’s time we stopped making toys for quite rich people to make very rich people even richer.“ Heißt: Wenn wir einem mit nahezu unbegrenzten Ressourcen ausgestattetem Apparat gegenüberstehen, haben wir es immer noch in der Hand, mit Technologien und eigenen Entwicklungen ein Netz zu schaffen, das nicht von umfassender Überwachung geprägt ist. Ein Netz, das wieder mannigfaltigere Lösungen zur Kommunikation bietet; ein Netz, das wieder bunter ist und nicht den Facebook-Einheitsbrei produziert; ein Netz, das wieder mehr Nischen und unabhängige Communities offeriert; Ein Netz, das sich wieder verstärkt offenen APIs verschreibt und entsprechende Schnittstellen fördert und nicht als Bedrohung sieht. Und nicht zuletzt ein Netz, das sich wieder ein Stück der Freiheit zurückholt, mit der es in der Anfangsphase gestartet ist.

Von der politischen Klasse ist nicht viel zu erwarten – wie denn auch, ist sie doch Teil des Kontrollapparates. Die Merkel'sche Gelassenheit der vergangenen Monate in Bezug auf die Spähaffäre ist das allerbeste Beispiel dafür: „Nie war Merkels Schweigen fataler als jetzt“, schreibt Lobo. Wo also die Keime eines Widerstandes verorten? Programmierern und Entwicklern – die eher selten politisch Stellung beziehen – kommt plötzlich eine nicht gefragte, aber desto wichtigere Verantwortung zu. Sie entwickeln und beherrschen die Technologie, die als Basis des weltumspannenden Kontrollsystems fungiert. Sie sind – wie O'Grady sagt – die neuen „Kingmakers“ – die Leute mit der Macht, Könige auf den Thron zu setzen. Oder sie zu stürzen.

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3 Reaktionen
Software-Entwickler
Software-Entwickler

Ein längerer NSA-Artikel vom Spiegel ist von 1989 und auf deren Webseite zu lesen. Damals gab es wohl die DDR noch. Ist also etwas richtig neu dazugekommen und vielleicht hätte Snowden sich das vielleicht sparen können ?
Die Presse hatte beispielsweise aber auch schon mal vergessen das der Schiessbefehl ein paar Jahre vorher schon mal gefunden wurde. Und wie Meedia vor kurzem anmerkte waren die Minister-Vorhersagen der Presse auch nicht besonders zutreffend. Auch in TV-Serien die vor Snowden gefilmt wurden, wird die NSA gelegentlich erwähnt.

Wer was will macht es vielleicht besser selber statt sich bei Politikern um Steuergelder zu bewerben oder Gesetze zu fordern. Die haben schon genug zu tun.

Es gibt vermutlich keine Kingmakers sondern einfach nur Firmen welche für das System arbeiten. Die 1% in den Diktaturen brauchen 9% um die 90% zu kontrollieren: Die Leute die Jesus (oder andere Oppositionelle) gefangen haben. Den Sheriff von Nottingham und seine Leute. Den KGB, die Stasi, Militär usw. Man muss sich die Diktaturen doch nur mal ansehen. Lean Management wie bei Game of Thrones (König - Adelige - Soldaten die alle am Schlachtfeld mitkämpfen) ist das eher nicht. Wenn man als Praktikant mit Diplom jahrelang von einem Startup zu nächsten weitergereicht wurde, kann man ja überlegen ob man lieber eine Festanstellung bei der Überwachungs-Firma annimmt. 1% Lohnsteigerung und ein doppelter Abitur-Jahrgang sprechen nicht wirklich für Informatikermangel. Und die Firmen mit Wahlautomaten und anderen Staats-Aufträgen bezahlen vielleicht besser als manche Webdesigner-Kunden. Warum sollte man also seinen sicheren Job durch Aufmucken ("Die Zugangskontrolle kann jeder umgehen." "Den Wahlautomaten kann man manipulieren" "Die Obamacare-Webseite wird nicht funktionieren" "Toll Collect kommt später" ...) oder Nachfragen riskieren ?

Und fürs Entwickeln muss man oft genug Patente und ggf. Abmahnungen zahlen.
Sonst gäbe es School-Wiki oder demokratische konstruktive Diskussions-Systeme wohl längst. Die USA denken vielleicht das jeder überall breitbandiges WiFi hat. Oder das man frei programmieren und seine Meinung sagen darf. Auf die Entwickler in Diktaturen und gigantisch viele nützliche Software verzichten FSF und alle anderen somit . Ubuntu kommt wohl aus Südafrika und hätte vielleicht Interesse aber vielleicht nicht die Leute und Budget dafür. Ein sicheres GitHub wäre für Google kein Problem auch als Greencard-Assessment-Center. US-Teams übernehmen die Patenschaft damit kein Unfug oder böse Software dort rumliegt. Dann programmieren vielleicht Chinesen oder Südamerikaner das weltweite School-Wiki um Schulgebühren oder die Internats-Gebühren zu sparen. Firmen bezahlen für gute Mitarbeiter (digitale Skillset/Zeugnis-Arbeitsmärkte) und sparen Zeitungs-Anzeigen und tausende unpassender Bewerbungen. Durch Werbung refinanziert sich das ratz fatz. Oder Afrikaner bauen "constructive Townhall-Meeting" damit jeder konstruktiv mit allen anderen diskutieren kann und es die zeit-stehlenden Hate-Foren und Bezahl-Poster nur noch in Diktaturen gibt. Aber leider erkennt keiner das Potential der tausenden Programmierer die gerne nützliche Software produzieren wollen, sich aber Verfolgung, Patente, Abmahnungen, hunderttausende gewerbliche Schutzrechte oder Juristen und jahrelange Klagen nicht leisten können.

Die rot-rot-grüne Basis hätte einen Koalitionsvertrag schon vor der Wahl aushandeln können. Am SmartTV hätte jeder Bürger jeden Punkt der Wahlprogramme per Fernsteuerung voten können. Der Trick ist, es so zu machen das der interessierte Rentner gerne und bequem votet und seine Meinung mitteilt z.b bei den vielen Politiker-Talkshows. Gewinn-Spiele durch Werbe-Einnahmen oder pro Partei eine Topliste der un/beliebtesten Wahlprogramm-Vorschläge machen es vielleicht interessant.
Viele solche Projekte hätte rot-grün schon 1999 einführen können.
Wieso haben die damals keinen Mindestlohn eingeführt ? Dann wären vermutlich die Rentenkassen praller gefüllt.

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Luca Caracciolo

@Dirk: Was ich mit meinem Zimmermann-Zitat meine: AKTUELL kann sich niemand gegen die NSA nachhaltig schützen. Wenn die NSA jemanden im Netz ausspähen will, dann bekommen sie das auch hin. Das Abschluss-Argument mit den Entwicklern zielt auf eine ZUKUNFT, die noch nicht ist. Aber es ist die aktuell beste Aussicht.

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Dirk
Dirk

Die zentrale Aussage im zitierten Beitrag von Sascha Lobo ist für mich:

"Überwachung ist vom Ermittlungsinstrument gegen Verbrechen zum Machtinstrument geworden. Und zwar gegen Bürger. "Wissen ist Macht" in einer neuen Dimension: Wissen über Menschen ist Macht über Menschen."

Und Luca Caracciolo widersrpicht sich selbst, wenn er einerseits Phil Zimmermann zitiert: „Wer sich gegen die NSA oder andere Geheimdienste schützen will, dem kann nur Gott helfen.“ und anderseits am Schluss zukünftige technologische Entwicklungen als Ausweg ansieht.

Der Kampf gegen Machtmissbrauch ist so alt wie die Menschheit. Unsere Freiheit wird nicht durch eine Verfassung garantiert, wir müssen sie tagtäglich verteidigen. Dabei auf Regierungen zu setzen, egal ob gewählt oder nicht, heißt den Bock zum Gärtner zu machen. Solange aber die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die grassierende Ausspähung einfach ignoriert, wird dieser Machtmissbrauch weitergehen.

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