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Digitales Leben

Mehr Bewegung, liebe Netzgemeinde! Wenn wir nur auf Twitter und Facebook vertrauen, bleibt das Netz in der Hand der NSA

    Mehr Bewegung, liebe Netzgemeinde! Wenn wir nur auf Twitter und Facebook vertrauen, bleibt das Netz in der Hand der NSA

Mehr Bewegung, liebe Netzgemeinde! Into the Wild! (Foto: re:publica)

Die Netzgemeinde muss aus ihrer Filterblase raus. Dafür muss sie sich selbst aber mehr bewegen und sich Tools und Dienste aneignen, die in die Zukunft weisen. Die Luca-Analytics-Kolumne von Luca Caracciolo.

Manchmal passieren Dinge, die scheinbar in keinem direkten Zusammenhang stehen. Und manchmal ist es dann ein einzelner Moment, der plötzlich für den nötigen Durchblick sorgt – und man klarer sieht. In der vergangenen Woche ist mir genau das passiert. Diese drei Dinge: Sascha Lobos Rede auf der re:publica, das vermeintliche Aus von App.net und ein Gespräch mit meiner Frau. Klingt alles nicht sonderlich spektakulär – deshalb: Lasst mich erklären.

Sascha Lobo, App.net und meine Frau

1. Auf der re:publica 2014 ist Sascha Lobo in seiner traditionellen Ansprache mit dem versammelten Publikum hart ins Gericht gegangen – eine Standpauke, die die Netzgemeinde ins Mark traf. Lobo warf ihr vor, zu wenig für die Erhaltung eines freien und offenen Internets zu tun. Seit der Aufdeckung der NSA-Spähattacke vor rund einem Jahr ist nichts passiert, um die Lage in irgendeiner Weise zu verbessern, so Lobo.

2. App.net, eine Social-Media-Plattform, hat vor einigen Tagen verkündet, dass ihr das Geld ausgeht, um ihre fest angestellten Mitarbeiter zu bezahlen. Die von Dalton Caldwell 2012 gegründete Plattform hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Alternative zu den gängigen Social-Media-Diensten wie Facebook oder Twitter zu werden. Bei App.net zahlen die Nutzer für ihre Mitgliedschaft Geld. Im Gegenzug gibt es auf der Plattform keine Werbung und die Daten der Nutzer gehören laut Aussagen der Betreiber auch tatsächlich ihnen. Nutzer haben direkten Zugriff auf hochgeladene Texte, Fotos und Videos.

3. In einem Gespräch mit meiner Frau kurz nach der re:publica wurde mir – mal wieder – klar, wie weit die Netzgemeinde und ihr Verständnis des Netzes und die Vorstellungen der restlichen Bevölkerung auseinanderliegen. „Du hast ja keine Ahnung, wie abstrakt die NSA-Affäre für unsere Mitmenschen ist“, so meine Frau. Und tatsächlich: Es braucht gar nicht das Beispiel der berühmten „Mutter“, die das mit dem Internet alles nicht versteht. Es sind die eigenen Bekannten, Freunde, Vereinskollegen, die einen Bezug zum Internet haben, der schon als avantgardistisch gilt, wenn sie mal von Twitter gehört haben. Die NSA-Spähattacke ist für die meisten ungefähr so konkret wie eine Sonnenexplosion in einer weit entfernten Galaxie.

Für sich genommen Geschehnisse, die nicht sonderlich spektakulär scheinen. Gut, Lobos Rede war schon aufrüttelnd – aber irgendwie war nicht zuletzt aufgrund des Titels seiner Ansprache – „Rede zur Lage der Nation“ – abzusehen, worüber Lobo in diesem Jahr sprechen wird. Doch was zur Hölle hat das mit App.net und meiner Frau zu tun?

Die Sache mit der Herrschaft

Die Netzgemeinde. Menschen, die mit dem Netz so selbstverständlich umgehen wie andere Leute mit Bohrer und Dübel. Wir eben. Wir sollen also den Globus vor der NSA und den Geheimdiensten dieser Welt retten, vor staatlichen Machtzugriffen warnen und die Totalüberwachung der Welt verhindern? Wir, die es nicht einmal schaffen, uns Dienste wie App.net anzueignen, die von der Infrastruktur und vom Datenschutz her progressiv in die Zukunft weisen? Stattdessen sollen wir in die Institutionen marschieren und die Sprechstunden lokaler Politiker belagern?

App.net – Die Social-Media-Plattform konnte deutlich mehr als der von vielen bekannte Twitter-Klon Alpha. Die Macher mussten jetzt leider alle freien Mitarbeiter entlassen.
App.net – Die Social-Media-Plattform war deutlich mehr als der Twitter-Klon Alpha. Die Macher mussten jetzt leider alle freien Mitarbeiter entlassen. (Screenshot: App.net)

Es geht hier nicht mal um einen speziellen Dienst wie App.net. In der Vergangenheit gab es eine Vielzahl ähnlicher Projekte und Vorhaben, die Privatsphäre und Nutzerdaten deutlich mehr schützten als die aktuell dominierenden Dienste. Es geht um etwas viel grundlegenderes: Es geht um die Idee eines dezentraleren Netzes, dass nicht maßgeblich von US-amerikanischen Großkonzernen beherrscht wird. Beherrscht. Herrschaft. Sascha Lobo hat Herbert Marcuse zitiert (spannend zu sehen, dass Gesellschaftstheoretiker im Umfeld der Frankfurter Schule wieder salonfähig sind):

„Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst „nachträglich“ und von außen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparates selbst ein.“

Heißt: Schon bei der Entstehung des Internets haben Machtinteressen eine gehörige Rolle gespielt. Erst kürzlich sagte etwa der ehemalige NSA-Technikchef William Binney, dass die NSA weite Teile der Internetinfrastruktur im Griff habe. „Das Netzwerk gehört der NSA.“

Eigene Dienste, eigene Macht

Wenn wir es also nicht mal schaffen, uns alternative Dienste und Werkzeuge im Netz anzueignen – und das, obwohl sie uns quasi vor die Füße geschmissen werden – wie wollen wir dann ernsthaft die Herausforderung in Angriff nehmen, den so dringenden Diskurs über die Digitalisierung und ihre Zukunft in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, wo er zwingend hingehört? Lobo sagt mit Bezug auf das umweltpolitische Engagement unserer Eltern: „Sie zahlen, wir twittern.“ Sie tun was, wir diskutieren darüber im Social Web. Mit uns selbst. Aber dort erreichen wir die Menschen nicht, die wir überzeugen müssen.

Und das ist es: Wir beschäftigen uns noch immer zu sehr mit uns selbst. Ist ja auch nicht sonderlich verwunderlich, schließlich sind die sozialen Medien erst ein paar Jahre alt. Verglichen mit der Kulturrevolution in den 60ern und dem Umweltschutz seit den 80ern haben wir also noch Zeit. Aber wir müssen aus unserer Filterblase raus und aufhören, nur mit uns selbst zu diskutieren. Das Netz lädt ja leider dazu ein, darin zu verweilen. Es ist so bequem und man kann so herrlich per Twitter und Co. streiten, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Aber den Lebensalltag der allermeisten Menschen außerhalb dieser Filterblase – und das wurde mir in dem Gespräch mit meiner Frau mal wieder klar – erreichen wir damit nicht. Nicht mal im Ansatz.

Für diese Menschen ist das mit dem Internet alles schon sehr kompliziert und abstrakt. Wenn wir ihnen dann noch hochnäsig erklären, dass das Netz und deshalb die Demokratie in Gefahr ist, sind sie im Kopf schon längst wieder ganz woanders. Verständlich. Wenn mir jemand eine Technologie erklären würde und in einem zweiten Schritt dann gleich alles in Frage stellt, würde ich vermutlich innerlich auch mit dem Kopf schütteln. Der größte Fehler ist es dann, aufzugeben. Den beleidigten Netzavantgardisten zu spielen. Nein, hier können wir unsere Macht ausspielen. Unser Verständnis. Unser Wissen. Und ja, wir brauchen ganz viel Geduld.

Facebook und ein bisschen Twitter: Das Netz ist einfach  zu blau.
Facebook und ein bisschen Twitter: Das Netz ist einfach zu blau. (Screenshot: Facebook)

Aber wir müssen auch bei uns anfangen. Solange wir nämlich nicht beweglich genug sind, uns in der bunten Tool- und Netzwerklandschaft im Web nicht auf lediglich zwei Plattformen (Facebook und Twitter) zu beschränken, solange werden wir nicht die Kraft aufbringen, den Diskurs über die Zukunft des Netzes in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Das Netz muss wieder bunter werden, auch wenn blau in allen Variationen meine Lieblingsfarbe ist. Wir müssen uns öffnen – gegenüber Alternativen im Netz und gegenüber unserer Umwelt – nein, unserer Welt, denn es gibt nur die eine.

Neuer Internetoptimismus

Und dennoch glaube ich: Das bekommen wir hin. Ich blicke positiv in die Zukunft – und greife gerne auf die Analogie von Felix Schwenzel zurück, der in seinem Vortrag auf der diesjährigen re:publica den aktuellen Zustand des Netzes mit dem Straßenverkehr in den 70er-Jahren verglichen hat: Damals seien Autofahrer beispielsweise immer ohne Gurt gefahren. Und die Autotechnologie selbst hat ungemeine Fortschritte bezüglich der Sicherheit gemacht. Und trotz allem sind Unfälle unvermeidbar. Heißt: In 40 Jahren werden wir uns an den Kopf fassen, wenn wir uns daran zurückerinnern, dass wir Nachrichten und E-Mails einst unverschlüsselt durchs Netz geschickt haben. Und dass es nur zwei Plattformen gab, auf denen wir uns getummelt haben. Und unsere Kinder werden uns altmodisch finden, weil wir uns gegen neue Technologien wehren.

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3 Reaktionen
anonym
anonym

Leider zielt auch dieser Blog Post auf eine Änderung "unseres" Nutzungsverhalten ab ohne eine Kosten-Nutzen_Rechnung aufzumachen, die wirklich einmal die Lebenswirklichkeit der breiten Masse kalkuliert.

Ich selber nutze Facebook in geringem Maße und Twitter in Maßen. Ich bin Webentwickler, ich bin jung, zwar vielleicht kein Digital Native aber de facto nah dran. In meiner Lebenswirklichkeit hat die NSA keine, absolut keine Bedeutung.

Es ist mir völlig gleichgültig, inwieweit meine "Daten" bei Facebook und Twitter von Dritten eingesehen werden, weil mir immer klar war, worauf ich mich einlasse. Es ist mir auch heute noch unbegreiflich mit welcher Naivität doch ganze Horden von vermeintlichen Netzaktivisten und sonstigen Netzaffinen offenbar einst geglaubt haben müssen, Informationen seien bei FB & Co. geschützt. Allein diese Grundannahme sehe ich als eine Art Realitätsverweigerung.

Ich habe mich auf zwei Soziale Netzwerke eingelassen, nun soll ich noch mindestens mal einem dritten beitreten? Wohl kaum. Emails verschlüsseln? In Gottes Namen, wozu?

Ihr müsst diesen Kampf ohne mich austragen. Nur: Welcher Kampf? Ich sehe keinen. Ein bisschen Empörung hier, ein paar Aufrufe da, ein Sascha Lobo der mit einer "Standpauke die Netzgemeinde ins Mark trifft", das ist kein Kampf.

Antworten

Klaus
Klaus

"Mehr Bewegung" und etwas mehr Interesse sich umzusehen finde ich eine wunderbare Aufforderung!
Aber diese ständige Eingrenzung auf nur soziale Netze greift doch viel zu kurz. Es ist doch nicht nur unsere Kommunikation die unter wirtschaftlichen und politischen Machtinteressen und Machtfantasien in Gefahr ist und ausgenutzt wird. Warum sich wieder bei einem zentralen "Netz" anmelden nur um die selben grundlegenden Probleme wieder zu haben? Eine Lösung kann es nur mit wirklich dezentral funktionierenden Ansätzen geben. Ein wichtiger Teil sind Projekte wie Freedombox, Indie Box, etc. die auch erst einmal eine wirklich physische Unabhängigkeit und Freiheit bieten. Trotz massivem medialen Rummel und grossen Ankündigungen war Diaspora ja leider nur begrenzt dezentral funktionsfähig. Es gibt aber auch Ansätze die in der Praxis weit besser funktionieren wie etwa Friendica.
Es geht doch immer wieder darum wie publiziere und teile ich Daten (Informationen, Unterhaltungen, Dateien, Bilder, Veranstaltungen, Termine, Kontakte, Webseiten, Favoriten, ...) mit denen ich das möchte und nach meinen Maßstäben an Sicherheit und Privatsphäre? Wieso muss ich bei hunderten Seiten denen ich nicht vertrauen kann meine Benutzerdaten und Passwörter hinterlassen? Wieso kann ich nicht meine Identität verwalten im Netz und jedem nur das über mich zeigen was ich möchte? Was macht man dagegen wenn ein Dienst Pleite geht, aufgekauft wird und plötzlich andere Regeln gelten, oder wenn ein Server von wem auch immer geblockt oder aus dem Verkehr gezogen wird? Was macht man gegen solch eine Zensur? Für alle diese Punkte gibt es sicherlich mehrere Ansätze und Lösungen, die aber meist nur einen Teil angehen, oder zentrale Punkte wie Sicherheit oder Federation in einen zweiten Schritt auslagern und erst angehen, wenn es schon zu spät ist.
Wenn man sich etwas umsieht und sich auch mal darauf einlässt etwas anderes auszuprobieren findet man aber auch unglaubliche Ansätze zu sicherer Kommunikation, Datenaustausch und Identität die heute schon klappen. RedMatrix bietet heute schon ein im gesamten Netzwerk über alle dezentralen Hubs hinweg funktionierendes Single-Sign-On und Zugriffsberechtigungen. Man kann sich mehrere Identitäten anlegen und mit diesen auch von einem Server zum Anderen umziehen. Oder man erstellt Kopien auf mehreren verschiedenen Servern und wenn einer ausfallen sollte, kann man über die anderen Kopien einfach weiter mit seinen Kontakten kommunizieren. Ganz abgefahrene Synergien ergeben sich wenn man eine Desktopumgebung hat wie etwa KDE wo man mit seinem Dateibrowser oder Schreibprogramm Dateien von seinem eigenen Server oder von geteilte Dateien von den Servern seiner Freunden öffnet und man bereits authentifiziert ist und Zugriff nur auf die für sich freigegeben Dateien schon hat. Das Internet ist so bunt und es gibt so viel zu entdecken.

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Klerk Erik
Klerk Erik

Auch gebildete und kompetente Leute wie Ingenieure oder Techniker von IT-Abteilungen (z.B. Netzwerk, Sicherheit, Server, Nutzerbetreuung) haben nicht das geringste Gefühl dafür dass hier etwas nicht stimmt. Diese Idioten.

--> Von den "netzaffinen" Bevölkerungskreisen erwarte ich eher nichts neues außer den Sprung auf das neueste Blöditool aus der amerikanischen Online-Marketingmaschine.

Ich muss zustimmen, den meisten Menschen ist das NSA-Zeu zu unkonkret bzw sie reden sich aktiv ein dass es nicht so wild sei. Viele Leute versuchen meiner Ansicht nach dabei vor allem ein ihr gesundes Selbstbild zu stabilisieren. Denn wer möchte schon eingestehen dass er/sie gerade beim tollen hippen Benutzen von Apple, Google und Fratzbuch oder Twitter einfach nur ein Opfer unter vielen ist.

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