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„It’s a magical thing!“ – Wie der Web Summit in Dublin die Tech-Branche verzaubert

„It’s a magical thing!“ – Wie der Web Summit in Dublin die Tech-Branche verzaubert

Der Web Summit in Dublin ist eine wundersame Veranstaltung. Eigentlich zu groß, um noch attraktiv zu sein, andererseits aber auch faszinierend bunt und perfekt organisiert. Ein Rückblick auf drei Tage Wahnsinn.

„It’s a magical thing!“ – Wie der Web Summit in Dublin die Tech-Branche verzaubert

Paddy Cosgrave. (Foto: Web Summit)

Der Web Summit – Mehr als nur eine Erfolgsgeschichte

Manchmal wirkt es, als könne Paddy Cosgrave selbst nicht glauben, was er auf die Beine gestellt hat. (Foto: Web Summit)
Manchmal wirkt es, als könne Paddy Cosgrave selbst nicht glauben, was er auf die Beine gestellt hat. (Foto: Web Summit)

Die Geschichte mit seinem Schlafzimmer muss Paddy Cosgrave schon ein paar dutzend Mal erzählt haben, doch er erzählt sie immer wieder gerne. Wie er, keine fünf Jahre ist das her, auf seinem Bett saß und per Skype mit Twitter-Gründer Jack Dorsey gequatscht hat. Und mit anderen Größen der Tech-Welt – Chad Hurley zum Beispiel. Oder Matt Mullenweg. Auf diesem Bett in Cosgraves WG soll die Idee zum Web Summit geboren worden sein, eine Pub-Tour durch Dublin habe er Dorsey vesprochen – und natürlich eine Konferenz. Ein paar Monate später, im Oktober 2010, holt Cosgrave 500 Teilnehmer zum ersten „Dublin Web Summit“ zusammen. Ein Jahr später sind es 1.500, 2013 mehr als 10.000 – und 2014 hat der Lockenkopf satte 22.000 Tickets verkauft. Zu einem Preis von 649 Euro für Early-Birds und 1.525 Euro für alle anderen. Nicht gerade ein Schnäppchenpreis.

Die letzten vier Jahre eine Erfolgsgeschichte zu nennen, wäre mehr als nur untertrieben. Cosgrave hat mit dem Web Summit die größte Tech-Konferenz Europas aus dem Boden gestampft, eine der wichtigsten weltweit noch dazu. „It’s a magical thing!“, sagt Cosgrave selbst, wenn man ihn danach fragt, wie er diese drei Tage erlebt hat. Und seine Augen leuchten, wenn er hinzufügt: „Und ich hoffe, dass dieses auch gut für Dublin ist. Und für Irland.“

„Wir können in Irland nirgendwo anders hin“

„Es gibt deutlich größere Events, bei denen das mit dem WLAN funktioniert.“

Es gibt etliche Konferenzen in der Tech-Welt, die gerne als Events bezeichnet werden, doch erst auf dem Summit wird einem klar, was dieses Wort eigentlich bedeutet. Ein Event, das ist mehr als eine Veranstaltung. Ein Event ist ein Ereignis. Und genau das veranstaltet Cosgrave.

Immer wieder wird dabei in diesen drei Tagen auch darüber diskutiert, ob der Summit nicht schon viel zu groß geworden ist. Ob er nicht seinen Charme verloren habe, seine Kraft. Doch Cosgrave sieht das anders. „Ich finde, er ist noch nicht groß genug! Denn der Wert eines Netzwerks wächst doch proportional mit seiner Größe.“ Ein Netzwerk, so sieht Cosgrave den Summit. Doch er weiß auch, dass die Ausmaße, die dieses Event in diesem Jahr angenommen hat, ihre Schattenseiten haben.

Eine dieser Schattenseiten: das WLAN, das an keinem der drei Tage der Last wirklich standhalten kann. Was auf Konferenzen wie der re:publica in Berlin schon zu einem Running Gag geworden ist, macht Cosgrave ernsthaft wütend. Nicht nur bei seiner kurzen Keynote lässt er einen Rant vom Stapel, auch am letzten Tag ist er noch sichtlich angefressen. „Es ist unglaublich frustrierend, dass wir das nicht hingekriegt haben.“

Der Schuldige? Die Royal Dublin Society (RDS), auf deren Gelände der Summit stattindet. Eine Organisation, die sich – warum auch immer – gegen Cisco als Partner in Sachen WLAN ausgesprochen habe. „Es gibt deutlich größere Events, bei denen das mit dem WLAN funktioniert“, sagt Cosgrave. Und dann schiebt er einige kurze Sätze hinterher, die fast schon als Drohung in Richtung RDS aufgefasst werden könnten. „Wir können in Irland nirgendwo anders hin, es gibt keinen anderen Ort, der uns bietet, was wir brauchen. Wir müssten ins Ausland, was für mich als Iren wahnsinnig traurig wäre.“ Und etwas später, auf der großen Bühne, wird er noch deutlicher: „Ich glaube daran, dass ich eines Tages hier oben stehe und euch frage, ob es ein Problem mit dem WLAN gibt und niemand die Hand hebt. Und ich hoffe, dass das 2015 sein wird. Ansonsten werden wir nicht mehr in diesem Land sein.“

Panels und Diskussionen im Minutentakt

Auf der großen Bühne des Web Summit finden Panels fast im Minutentakt statt. (Foto: Web Summit)
Auf der großen Bühne des Web Summit finden Panels fast im Minutentakt statt. (Foto: Web Summit)

Ins Ausland geht Cosgrave aber trotzdem, mit zwei weiteren Events, die er quasi als Ableger des Summit gegründet hat. Der „Collision“ in Las Vegas, deren 1.500 Tickets in diesem Jahr in zwei Minuten ausverkauft waren und für die Cosgrave im nächsten Jahr 10.000 verkaufen will. Und mit dem Schwester-Event „Sync“ in Hongkong, einer der in Cosgraves Augen wichtigsten Metropolen für die Tech-Branche. „Es gibt noch genug Platz in dem ein oder anderen Kalender“, so Cosgrave auf die Frage, ob es nicht schon genug oder vielleicht sogar zu viele Tech-Events auf dieser Welt gibt. Doch solange es Themen gebe, gebe es auch Platz für Konferenzen wie den Summit. Und die Themen werden wohl so schnell nicht ausgehen, davon ist Cosgrave überzeugt. „Wir können uns die Dinge, die Technologie in den nächsten Jahren möglich machen wird, noch nicht mal vorstellen“, sagt er.

Vielleicht ist es diese Offenheit und Neugierde auf das, was machbar ist, die den 29-Jährigen so erfolgreich macht. „Du brauchst eine ganze Menge auf den ersten Blick lächerlicher Ideen, um die paar richtig guten darunter zu finden.“ Sätze wie diese sind es, die zeigen, warum es Cosgrave so viel Spaß macht, 2.000 Startups aus mehr als 70 Ländern im täglichen Wechsel um die Gunst von Besuchern und Investoren buhlen zu lassen. Und warum er es in Kauf nimmt, beinahe im Minutentakt Speaker und Diskussionrunden über die Bühnen des Summit zu schleusen. 20 Minuten, um über die Startup-Szene Europas zu sprechen, eine Viertelstunde für die Rolle der Tech-Industrie in der Pop-Kultur, 15 Minuten für die Zukunft der Internet-Suche, 20 Minuten für das Thema Wearables. Es scheint fast, als würde Cosgrave einfach nicht genug kriegen, als wollte er auf Teufel komm raus alle Tech-Debatten dieser Welt in drei Tagen austragen.

Bewerbungen von mehr als 50.000 Startups

„Aus der Schlafzimmer-Idee und dem ersten ‚Dublin Web Summit‘ ist nicht nur ein Event geworden, sondern auch ein Geschäft.“

Dass es dabei teilweise zugeht wie auf dem Basar, ist Teil des Spiels. Wer Aufmerksamkeit will, muss die Spielregeln beherrschen, auch wenn Paddy Cosgrave nicht daran glaubt, dass unter den pitchenden und ausstellenden Startups gleich die nächste Mega-Company zu finden sein wird. „Nur sehr wenige von ihnen haben das Potenzial, so etwas wie das nächste Uber zu sein“, so Cosgrave. Der Mann ist durchaus Realist.

Das muss er auch sein, denn aus der Schlafzimmer-Idee und dem ersten „Dublin Web Summit“ ist nicht nur ein Event geworden, sondern auch ein Geschäft. 120 feste Mitarbeiter arbeiten für Cosgraves Firma „Ci“ am Summit – mit einem Durchschnittsalter von 27. Insofern hat er selbst schon das geschafft, was viele der Startups auf dem Summit auch so gerne schaffen würden: Er hat die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt gehabt – und die richtigen Kontakte. Und die werden nicht weniger. Mehr als 50.000 Startups haben sich für 2014 bei ihm beworben, mit 13.000 davon hat sein Team gesprochen, um die 2.000 auszusieben, die dabei sein dürfen. Ein bisschen wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Der Web Summit: Ab fünf Uhr morgens steigt die Dichte der Kebap-Selfies

Der Night Summit gehört selbstverständlich zum Programm des Web Summit. (Foto: Web Summit)
Der Night Summit gehört selbstverständlich zum Programm des Web Summit. (Foto: Web Summit)
Der Web Summit in Zahlen
Besucher 22.000
Speaker 640
Startups 2.160
Investoren 700
Journalisten 1.324
Mitarbeiter 2.200
Tweets 120.000

Trotz dieser Erfolgsgeschichte gibt es immer wieder Momente, in denen einem der Summit vorkommt wie der wahr gewordene Größenwahn. Zwar hat Cosgrave seine Veranstaltung 2014 wieder in Web Summit umbenannt, nachdem sie im letzten Jahr nur noch schlicht, aber großspurig  „The Summit“ hieß, doch eigentlich ist dieses Event gar nicht mehr zu greifen in seiner Komplexität. Zu groß das Angebot, zu überwältigend die Fülle an Informationen, zu hektisch das Treiben in den teils winzigen Startup-Kojen. Da gibt es den „Builders Summit“ und den „Enterprise Summit“, den „Machine Summit“ und den „Marketing Summit“, es gibt den „Investors Summit“, den „Surf Summit“ und den „Sport Summit“, es gibt den „Music Summit“, den „Fringe Summit“ und den „Food Summit“. Jeder mit eigener Bühne und eigenem Programm. Und natürlich ist da auch noch der „Night Summit“ – an jeder zweiten Kneipe im Dubliner Vergnügungsviertel „Temple Bar“ und den angrenzenden Straßen klebt ein Aufkleber, der sie als offiziellen Veranstaltungsort für das After-Work-Pint ausweist.

In diesem Punkt unterscheidet sich der Web Summit kaum von anderen Großveranstaltungen. Netzwerken sei ein Grundbedürfnis des Menschen, sagt Cosgrave, und gemeinsam essen und trinken mache nun mal mehr Spaß, als das alleine zu tun. Und so sind es nicht nur lange Dubliner Tage, es sind auch lange Nächte während des Summit, in denen ab fünf Uhr morgens die Dichte der Kebap-Selfies auf Twitter merklich zunimmt. Diese Mischung aus Konferenz und Messe und Party macht die Atmosphäre des Summit aus, der so gerne als das „Davos für Geeks“ bezeichnet wird – eine Definition, die Cosgrave so gar nicht mag. „In Davos tragen sie alle Anzüge, alle haben Bodyguards, das hat mit dem Summit so gar nichts zu tun“. Das „Glastonbury für Geeks“, damit kommt der Ire schon besser klar. Der Vergleich mit einem Rockfestival gefällt ihm sichtlich besser.

Dublin: Der perfekte Ort für ein solches Event

„Was die Infrastruktur und die Möglichkeiten der Stadt angeht, gibt es natürlich ein Limit nach oben.“

In Sachen Infrastruktur scheint Dublin jedenfalls der perfekte Ort für eine solche Veranstaltung zu sein. In jedem Bus und in jedem Ladenlokal gibt es öffentliches WLAN, das auch funktioniert, die Stadt ist quirlig und durchaus eine Metropole, aber die wichtigen Orte wie die Royal Dublin Society, die Headquarter von Google oder Facebook und die einschlägigen Pubs sind schnell und zur Not auch zu Fuß zu erreichen. Das müssen sie auch sein, vor allem morgens und abends nämlich sind die Busse, von denen es in Dublin mindestens ebenso viele zu geben scheint wie Taxis, genauso überfüllt wie die Gehsteige. Dann drängeln sich die Dubliner und die Summit-Besucher vor den Ampeln, die beim Umschalten auf Grün ihr so markantes Geräusch von sich geben, das an die Laserpistolen aus einem Science-Fiction-Film erinnert.

Denkt man allerdings darüber nach, was schon diese 22.000 Besucher aus 109 Ländern für die Stadt bedeuten, wird es schwierig, sich vorzustellen, dass der Summit im nächsten Jahr noch größer werden könnte – auch wenn Cosgrave immer wieder betont, er wolle mehr und mehr und mehr. Doch auch er muss zugeben, dass alles eine Grenze hat. „Was die Infrastruktur und die Möglichkeiten der Stadt angeht, gibt es natürlich ein Limit nach oben“, sagt er. Wo genau das liegt? Das bleibt sein Geheimnis.

Dabei hat die Größe des Summit unbestritten auch immense Vorteile für eine Branche, in der die Rolle der Medien kaum größer sein könnte. Kooperationen mit CNBC oder dem Guardian, der Financial Times oder Raidió Teilifís Éireann, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Irlands, der teilweise live berichtet, sorgen für eine Reichweite, die ihresgleichen suchen dürfte. Bei den durchaus heiklen Themen, die auch auf dem Summit natürlich nicht fehlen, ein wichtiges Argument für das Wachstum. Wer berichtet schon über ein Meetup von ein paar hundert Geeks?

„I met the founder of Dropbox and got a job with them“

Teil des Erfolgsrezepts: die freiwilligen Helfer. (Foto: Web Summit)
Teil des Erfolgsrezepts: die freiwilligen Helfer. (Foto: Web Summit)

Cosgraves Geheimnis bleibt auch, wie er es schafft, mehrere hundert freiwillige Helfer nach Dublin zu locken, die ohne Bezahlung beim Summit die Tickets kontrollieren und Programmhefte verteilen, Besuchern den Weg zu den einzelnen Hallen zeigen und bei Meetings und Interviews helfen. Selbst die Anreise zahlen die Volunteers selbst, und doch gibt es vielleicht kein anderes Tech-Event auf der Welt, bei dem das Team derart gut gelaunt seinen Dienst tut. Vielleicht liegt der Reiz für all diese fleißigen Hände darin, dass sie einem der großen Namen der Tech-Welt begegnen könnten. „It was incredible fun“, zitiert die Summit-Webseite einen der Freiwilligen aus dem letzten Jahr. „I met the founder of Dropbox and got a job with them“, einen anderen. Der Summit als Sprungbrett?

Zumindest für Cosgrave ist er das offensichtlich. Nach Dublin kam Las Vegas, nach Las Vegas kommt Hongkong. Und nach Hongkong? Wird wieder etwas Neues kommen. Wie es mit Tel Aviv als nächstem Ableger aussehe, fragt ihn eine Journalistin aus Israel. Cosgrave schmunzelt nur und sagt: „Tel Aviv ist eine überwältigende Stadt! Warum nicht?“

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Eine Antwort
  1. von oliverries am 20.10.2015 (16:53 Uhr)

    Ich bin auf 2015 gespannt! Wir werden mit unserem Startup #StartupWings dort sein .. [www.startupwings.me startup social network & 1000+ proven startup resources]

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