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Nichts gelernt: Meerkat und der Herdentrieb der Early Adopter [Kolumne]

Nichts gelernt: Meerkat und der Herdentrieb der Early Adopter [Kolumne]

Die Video-Livestreaming-App Meerkat wird bei vielen Mitgliedern der Netz- und Startup-Szene hoch gehandelt und war der Star der South-by-Southwest-Konferenz in Austin (). Doch die Hysterie der vergangenen Wochen sagt nichts über die künftigen Chancen des Dienstes aus. Es ist nur der typische Herdentrieb der Early Adopter, der das suggeriert, wie Martin Weigert in seiner Kolumne „Weigerts World“ anmerkt.

Nichts gelernt: Meerkat und der Herdentrieb der Early Adopter [Kolumne]

... und grasen dann gemütlich weiter. (Foto: Shutterstock / Baronb)

Früher nur Musikfestival, heute größtes Fest für Kreative der Welt: Die SXSW in Austin. (Foto: SXSW)
Bei der SXSW in Austin war Meerkat einer der Hits. (Foto: SXSW)

Was im Vorfeld der South-by-Southwest-Konferenz 2015 in einschlägigen Branchenmedien vermutet wurde, hat sich bewahrheitet: Meerkat, die eng an Twitter angedockte Streaming-App für Livevideos, wurde zum großen Hit des Events und folglich auch in der begleitenden Berichterstattung. Wobei: Das ist eigentlich noch vorsichtig ausgedrückt. In Wirklichkeit herrschte in Austin und in den Artikeln rund um das Festival eine regelrechte Meerkat-Hysterie.

Kaum eine SXSW-Session in der Haupthalle verging, ohne dass zumindest einmal der Name Meerkat fiel. Geschah das ausnahmsweise nicht, konnte man zumindest irgendeinen Besucher aus dem Publikum dabei beobachten, wie er oder sie gerade auf dem Smartphone einen „Meerkat“ produzierte. Mitunter kam zum Erzielen eines besseren Winkels sogar ein Selfie-Stick zum Einsatz.

Unzählige Berichte bei kleinen Blogs und großen Newsportalen, in deutscher und englischer Sprache, beschäftigten sich in den vergangen Tagen mit dem Aufstieg der kalifornischen App, die Wochen zuvor durch eine Erwähnung bei Product Hunt urplötzlich zu einem Shootingstar avanciert war. Oft wurde in den Texten der Bezug zur SXSW hergestellt, auf der die Macher des Dienstes auch vertreten waren. Zusätzlichen Stoff lieferten die jüngsten API-Sanktionen von Twitter. In meinem RSS-Feed tauchten sogar einige Artikel zu Meerkat auf, die bei Blogs publizierten wurden, die seit einer Ewigkeit keine Beiträge mehr online gestellt hatten. Offenbar hat das Phänomen Meerkat eine derartige Anziehungskraft, dass dadurch sogar der ein oder andere Blogger-Tiefschlaf ein Ende nimmt.

Eine altbekannte Dynamik: Meerkat und die Early Adopter

„Charakteristisch ist auch, dass niemand wirklich genau sagen kann, ob das jeweilige Objekt der Hysterie tatsächlich das Zeug zum nachhaltigen Erfolg hat.“

Was mit Meerkat gerade passiert, hat die Technologie- und Early-Adopter-Szene schon unzählige Male erlebt. Ein neuer Service erscheint auf der Bildfläche und positioniert sich entweder durch Zufall oder clevere PR im Aufmerksamkeitsfeld einiger Schlüssel-Multiplikatoren. Was folgt, ist eine rasante Medien- und Social-Media-Karriere, die dafür sorgt, dass innerhalb kürzester Zeit der innere Kern des Digitalsektors, das erweiterte Umfeld sowie selbst Branchenfremde über den neuen Anwärter auf den Titel „Next Big Thing“ Bescheid wissen. Charakteristisch ist auch, dass niemand wirklich genau sagen kann, ob das jeweilige Objekt der Hysterie tatsächlich das Zeug zum nachhaltigen Erfolg hat. Für die einen reicht der Spaß am Ausprobieren eines neuen aufregenden „Spielzeugs“, um teils euphorische Prognosen aufzustellen. Die anderen beziehen sich dann auf diese Aussagen und verbreiten sie weiter. Die Echokammer verstärkt das anfangs noch zarte Signal ins Unermessliche.

Dass sich die Digerati nach einer – im Bezug auf schlagartig im Rampenlicht stehende – ungewöhnlich langen Hype-Durststrecke wie hungrige Wölfe auf Meerkat stürzt, ist weder verwunderlich noch negativ. Vielleicht steht Meerkat ja auch tatsächlich eine große Zukunft bevor. Pete Cashmore, Gründer von Mashable, erläuterte in einer SXSW-Gesprächsrunde seine meines Erachtens nach ziemlich gesunde Haltung zu neuen, von heute auf morgen von „allen“ diskutierten Anwendungen wie Meerkat: Er probiere sie unvoreingenommen aus, um rauszufinden, was mit solchen Dienste möglich sei – egal ob sie sich dauerhaft behaupten können oder nicht.

Meerkat: Die Außenwahrnehmung entspricht nicht der Wirklichkeit

Live-Streaming für Jedermann auf Knopfdruck: Das ist Meerkat. (Foto: Meerkat)
Live-Streaming für Jedermann auf Knopfdruck: Das ist Meerkat. (Foto: Meerkat)

Problematisch ist allerdings, wie schnell aus der entspannten Experimentierfreude einiger ein Medien- und Twitter-Feuerwerk entsteht, das den Eindruck vermittelt, hier bahne sich gerade unweigerlich das nächste Facebook an. Denn das entspricht absolut nicht den Tatsachen.

Trotz der immensen Geräuschkulisse soll sich die Zahl der Meerkat-Nutzer zum Start der SXSW gerade mal auf 120.000 belaufen haben. Nicht sonderlich viele also in Anbetracht der schon im Vorfeld auf Hochtouren laufenden Medienberichterstattung. Das Produkt an sich bringt auch wenig Neues mit. Apps zum Livestreaming von Videos über das Smartphone gibt es seit Jahren. Zu erwähnen sind hier etwa Bambuser, Ustream, Livestream oder Justin.tv.

Damit will ich nicht die Bedeutung einiger smarter Produktentscheidungen und des richtigen Timings schmälern – in beiden Sachen haben die Meerkat-Macher augenscheinlich ein gutes Händchen gehabt, während die genannten Anbieter ihrer Zeit schlicht voraus waren (und deshalb zum Teil gar nicht mehr auf Privatanwender abzielen). Dennoch konnte, wer wollte, schon bislang Echtzeit-Videos vom Smartphone aus ins Netz streamen und sie auch per Twitter verbreiten. Gemacht haben es wenige. Warum das jetzt auf einmal anders werden soll, dafür liefert Meerkat meines Erachtens nach kein triftiges Argument (womit ich aber keine Prognose über die Zukunft von Meerkat mache).

Warum das SXSW-Getöste nichts über tatsächliches Potenzial aussagt

„Entscheidend ist nicht, ob die typischen Early Adopter Meerkat gut finden, sondern ob es bei den ‚normalen‘ Nutzern da draußen ankommt.“

Es ist verlockend, die momentane Aufregung über Meerkat als sicheres Zeichen dafür zu deuten, dass hier gerade etwas Großes ensteht. Die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre zeigen aber, dass es zu einem solchen Schluss keinen Anlass gibt. Nur sehr selten wurden aus spontanen Hype-Apps, deren initiale Nutzer sich aus der Branche selbst rekrutierten, nachhaltige Hits. Fast alle jüngeren Social-Web-Angebote, die heute hunderte Millionen Menschen erreichen, etwa Snapchat, Tumblr, Pinterest oder WhatsApp, wuchsen eher langsam, organisch und von den selbstbewussten und auch ein wenig selbstverliebten Multiplikatoren lange unbemerkt, statt durch ein plötzliches lautes Aufbäumen. Die berühmt-berüchtigte „Netzgemeinde” entdeckte diese Anbieter erst, als sie sich schon in bestimmten demographischen Gruppen etabliert und damit eine nativ vorhandene Nachfrage unter Beweis gestellt hatten. Instagram wurde zwar schon vom ersten Tag an von der Fachpresse begleitet, löste aber auch nicht annähernd den Aufmerksamkeitssturm aus, der Meerkat jetzt zuteil wird.

Zehn Jahre, nachdem das Web 2.0 eine Begeisterungsfähigkeit für interaktive Anwendungen schuf, müssen sich Early Adopter eingestehen, dass ihr Nutzerverhalten in Bezug auf neue Services sehr wenig über das Potenzial und die Zukunft von Apps aussagt. Der „Track Record“ der SXSW-Lieblings-Apps ist eher bescheiden. Daraus nun zu schlussfolgern, dass Meerkat das gleiche Schicksal erleiden muss, wäre freilich auch falsch. Es ist durchaus möglich, dass der Service eine Ausnahme von dieser Regel darstellt und damit den Weg einschlagen kann, den Twitter nach seinem SXSW-Debüt im Jahr 2007 beschritten hat. Doch ob das geschieht oder nicht, muss losgelöst vom Rummel um die App bei und im Umfeld der SXSW betrachtet werden.

Entscheidend ist nicht, ob die typischen Early Adopter, netzaffine Medienmenschen, experimentierfreudige Gründer und Szene-Schwergewichte Meerkat gut finden, sondern ob es bei den „normalen“ Nutzern da draußen ankommt. Deren Geschmack wies bisher wenig Überschneidungen mit dem auf, was die Festival-Crowd in Austin und ihre Sinnesgenossen anderswo begeistert. Allerdings scheint es eine gewisse Resistenz gegen diese Erkenntnis zu geben. Insofern schadet es wohl nicht, an dieser Stelle daran zu erinnern.

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4 Antworten
  1. von Pressekonferenzen am 21.03.2015 (19:09 Uhr)

    Mal gut den Hype einzudämmen. Ständige Berichte über Wettbewerbe und deren Gewinner sollte man sich z.B. sparen so lange man nicht den Fortgang der vorherigen Gewinner berichtet.

    "Trotz der immensen Geräuschkulisse soll sich die Zahl der Meerkat-Nutzer zum Start der SXSW gerade mal auf 120.000 belaufen haben."
    120.000 Producer oder Consumer ?
    120.000 Producer ist schon nicht wenig.

    Für Vorlesungen und Pressekonferenzen will ich das schon ewig. Die Rechtslage hat es unrentabel gemacht. Dafür gäbe es viele Nutzer (Producer sind gemeint). Auch kleine Fußballclubs oder Sportveranstaltungen im Stadtteil machen Presse-Konferenzen und wollen volksverbunden sein.

    Skype hat das Problem das die Videoqualität wohl nicht einstellbar ist.

    Print^Radio^TV und das synchron^asynchron(On Demand) . Jede Kombination hat ihre Zielgruppe.

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  2. von Herr Handel am 22.03.2015 (15:30 Uhr)

    Schön mal eine reflektierte und weniger euphorische, ja realistische Einschätzung zu solchen Startups zu bekommen. Die Frage ist genau richtig gestellt: Kommen solche App-Dienste bei der großen Masse an Konsumenten an, die sich vielleicht gerade mal an Dienste wie Whattsapp gewöhnt haben?

    Für mich alles die nächste Dotcom-Blase. Verlieren werden aber diesmal nur die VCs da das Ganze nicht über Aktien finanziert ist... Prost!

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  3. von Pressekonferenzen am 22.03.2015 (21:29 Uhr)

    @Herr Handel: Leider erklärt niemand was im Hintergrund dahinter steckt :-(
    Kein mir bekanntes Startup-Portal lässt mal Steuerberater die jeweiligen Interessen der Geldgeber abschätzen. Das wäre die beste Information. "Follow the Money" sagen die US-Krimi-Serien.
    Bei manchen Käufen wollen die Top-Boni-Manager nur die Bilanz und somit die Gehälter und Boni vergrößern. Gewinne oder Kleinaktionäre sind weniger wichtig. Aber die Startup-Portale jubeln. Aber keiner erinnert sich noch an rot-grün und den neuen Markt und die letzten 15 verlorenen Jahre.

    Große Aktionäre bei Samwers sind wohl Kinnevik und United Internet und beides sind öffentlich gehandelte Aktien-Firmen.
    de.wikipedia.org/wiki/Rocket_Internet#Aktion.C3.A4rsstruktur_und_B.C3.B6rsengang
    Es betrifft also doch nicht nur VCs sondern auch Kleinanleger.

    Haustiere, Nahrungsmittel-Tiere, Lebensmittel usw. werden geerntet bzw. verkauft wenn der geldmäßig optimale Zeitpunkt ist. Bei Startups ist es ähnlich. In USA sind die Zielfunktionen eine Profit-Idee und viele viele viele viele Kunden. Siehe z.b. Twitter.
    In Europa hat man einen lauffähigen Prototypen (Early-Investoren-Runden), macht nur minimalen Verluste und baut dann Kunden auf. Danach wird es verkauft oder an die Börse gebracht. Schade das kein Steuerberater den Unterschied USA vs. Europa erklärt und begründet. Und die Masse glaubt weiter an den Fachkräftemangel.

    Warum finanziert man Trash-Filme ? Wohl aus steuerlichen Gründen. Leider wurde das nie vernünftigt erklärt. Derselbe Grund könnte für VC-Investments gelten. Man kann mit der Geliebten schick in New York einkaufen gehen oder mit Kumpels in Barcelona Fußball gucken weil dort zusätzliche Filialen sind und man auf Betriebs-Ausgaben keine 19% Umsatz-Steuer und 42% Einkommen-Steuer bezahlen muss. Oder man will ein verkapptes Assessment Center betreiben. Oder man füllt Büro-Immobilien die sonst nur halb ausgelastet wären.

    Wo landen die Startup-Gelder ? Bei den Mitarbeitern und Praktikanten oder bei den Vemietern, Verwaltern, Holding-Ketten-Beratern, Juristen und BWLern ?

    Die vielen Startups die ständig scheitern zahlen prozentual vielleicht weniger Steuern als ein Arbeitnehmer. Sie belegen Büros und somit auch Mitarbeiter-Wohnungen in oft eh schon teuren Gegenden. Die Mitarbeiter bekommen gestückelte Lebensläufe was ab 30 massiv nachteilig wird und man frische Absolventen bequem billiger bekommt. Sind solche Firmen ein Nutzen für die Gesellschaft ? Auch die Kunden leiden weil die Produkte verschwinden oder jahrelang nicht weiterentwickelt werden wie z.B. ICQ, DMOZ, Skype, Google Glass, Google Code, IMDB... usw. aufzeigen. Oder Yahoo welche einem 17jährigen Millionen bezahlten der lange Texte automatisch in kürzer zusammenfassen konnte. Diese Technologie ist wohl nicht mehr verfügbar und wir verlieren weiter unnötig und vermeidbar! Zeit.

    Der Hype ist eine Blase. Und dann ist das Geld weg und wir müssen deren Jobs und Boni mit Steuern retten und können uns auf die Armutsrente mit 75 Jahren freuen.

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  4. von Leonie am 23.03.2015 (00:52 Uhr)

    Das wird nichts. Warum? Weil wir alle eher Kontrollfreaks sind und gerne erstmal auf Awesomeness checken, was wir ins Netz stellen.

    Der Kern des Hype-Potenzials von Meerkat ist ja nichts anderes als die Begeisterung über die Möglichkeit, das reale Echtzeit-Geschehen ins Netz zu streamen.
    Ganz vergleichbar der Faszination, die in den 90gern mit "ich bin drin!" ihren Ausdruck fand und lange vorher von allen verspürt wurde, die erstmalig in Echtzeit über BTX das Chatten entdeckten.

    Wir alle wissen, dass das alleine nicht trägt. Genausowenig, wie niemand Lust hatte und hat, die LifeCam-Videos irgendwelcher Freaks anzusehen, die 24/7 eine laufende Kamera am Alu-Hut trugen und einen Mords-Bohei darum machten.

    Dass etwas geht, sagt noch gar nichts. Es kommt drauf an, ob Erlebenswertes damit gemacht wird.

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