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Interview

„Die meisten Developer lieben ihre Arbeit, nur nicht ihren Arbeitsplatz“

    „Die meisten Developer lieben ihre Arbeit, nur nicht ihren Arbeitsplatz“

(Foto: Shutterstock)

Fachkräftemangel und die steigende Digitalisierung und Vernetzung unserer Welt machen Software-Entwickler zu einem begehrten und knappen Gut. Ein Gespräch zwischen Florian Bender, Leiter der Developer Week, und Jurgen Appelo, Vordenker in Sachen Führung- und Management-Methodik.

Gleichzeitig zu den gesuchten Entwicklern steigen aber auch die Anforderungen an die Arbeit eines Developers, da Komplexität und Workload stetig zunehmen. Kein Wunder also, dass in vielen IT-Abteilungen gerade fieberhaft daran gearbeitet wird, wie sowohl der Arbeitsplatz als auch das Arbeitsergebnis verbessert werden kann. Jurgen Appelo, Buchautor, Unternehmer und Vordenker in Sachen Führung- und Management-Methodik, spricht am 20. Juni 2016 in seiner Eröffnungs-Keynote „Managing Happiness“ auf der Developer Week über die Bedeutung von glücklichen Mitarbeitern und die Kunst, dieses Ziel zu erreichen. Florian Bender, Leiter der Developer Week und langjähriger Kenner der Szene, hat ihn vorab schon getroffen und ihn zu den Kernpunkten einer besseren Arbeitskultur und besseren IT-Ergebnissen befragt.

Florian Bender: Jurgen, laut der aktuellen Stack-Overflow-Umfrage sind 70 Prozent der Entwickler trotz festem Job offen für neue Jobangebote. Das deutet nicht unbedingt darauf hin, dass diese Leute besonders glücklich in ihrem derzeitigen Job sind. Ist also radikales Umdenken angesagt?

Jurgen Appelo: Ja. Ich glaube, dass wir versuchen sollten, verschiedene Arten von Organisationen mit völlig unterschiedlichen Strukturen und Management-Stilen zu schaffen. Ich denke nämlich, dass diese oben genannten 70 Prozent ihre Arbeit und ihren Beruf durchaus lieben, aber nicht die Organisation oder das Unternehmen, in dem sie arbeiten. Hier ist echte Innovation im Management und im Organisationsdesign gefragt.

(Grafik: Shutterstock)
Laut einer Umfrage sind 70 Prozent der Entwickler trotz festem Job offen für neue Jobangebote. (Grafik: Shutterstock)

Bender: Glückliche Arbeiter sind produktiver – das ist eine These von dir. Kann da schon ein Billardtisch im Büro helfen?

Appelo: Naja, ein Arbeitsplatz, an dem Mitarbeiter glücklich sind, hat viele Komponenten: Er basiert auf einer guten Geschäftsidee, gibt den Mitarbeitern Zeit Kontakte zu knüpfen und frische Luft zu genießen, bietet Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und so weiter. Firmen und Manager können viele kleine Beiträge leisten, um eine Umgebung zu schaffen, in der die Menschen glücklich sind und ihre Arbeit genießen. Glück kommt nicht mit einem Billardtisch. Der sollte das Ergebnis sein. Hier ein Beispiel: In einem Unternehmen, in dem ich früher arbeitete, waren es die glücklichen Mitarbeiter, die für einen Kicker Geld sammelten, weil sie während der Mittagspause und nach Feierabend gerne im Büro abhängen wollten, um einfach das Zusammensein zu genießen.

Bender: Das größte Problem bei Veränderungsprozessen ist sicherlich das mittlere Management - wie gewinnst du das für deine Management 3.0-Pläne?

Appelo: Mittlere Führungskräfte haben in einer agilen Transformation oft am meisten zu verlieren. Die Ursache liegt in unseren traditionellen Hierarchien, die immer die Menschen gefördert haben, die von Macht und Status motiviert werden. Und mittlere Führungskräfte fühlen in den meisten Veränderungsbemühungen den Verlust von Macht und Status sehr stark. Es ist wichtig, ihnen nicht zu sagen, dass „Management tot ist”, weil es ihren Widerstand dann nur noch erhöht. Wir sollten ihnen stattdessen erklären, dass es immer noch Macht und Status in Netzwerken gibt - es funktioniert nur anders im Vergleich zu Hierarchien.

Bender: Zielorientiertes Management bzw. Management by Objectives ist eine Art Management 3.0. Welche Erfahrungen hast du mit OKR gemacht?

Appelo: Ich glaube an die Grundsätze von OKR: Kurzfristige Ziele, mehrere Metriken, volle Transparenz und jeder misst sich selbst. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass für viele Menschen Metriken wie Finanzen sind: Für jeden wichtig, aber von allen gehasst. Auch der Drei-Monats-Rhythmus der Selbstbewertung funktionierte nicht gut für mein Team. Deshalb haben wir die OKRs bei uns im Team geändert: Nur eine Person sammelt bei uns die Metriken im Namen aller. So haben wir einen kontinuierlichen Fluss an Metriken und Scores.

Bender: Was ist zu bedenken, wenn man sein erstes Software-Projekt mit mehreren Entwicklern startet?

Appelo: Lern die Menschen erst mal kennen! Du sollst sie nicht verwalten, sondern einfach verstehen was sie brauchen und was sie können. Du kannst das mit Übungen tun oder mit Moving Motivators im Management 3.0. Aber es gibt auch viele andere Werkzeuge und Techniken, um die Beziehungen zwischen den Menschen zu stärken.

Bender: Wie kann man Software-Entwickler, denen oft ein Hang zum Einzelgängertum nachgesagt wird, überhaupt motivieren?

Appelo: Schauen wir dazu mal mein Champfrogs-Modell an: Neugier, Anerkennung, Akzeptanz, Können, Stärke, Freiheit, Verbundenheit, Ordnung, Ziele und Status. Ich denke zum Beispiel, dass viele Software-Entwickler mit den Faktoren Neugier, Können und Freiheit motiviert werden können. Aber wir sollten nicht zu viel verallgemeinern. Meine Erfahrung sagt mir, dass es viele Unterschiede zwischen den Teammitgliedern gibt. Unternehmen sollten darauf achten, dass die Arbeit möglichst viele der oben genannten Motivationsfaktoren enthält.

(Foto: Shutterstock)
Jeder Entwickler sollte auch ein Stück weit Manager sein. (Foto: Shutterstock)

Bender: Du sagst, Management sei zu wichtig, um es allein den Managern zu überlassen. Sollte also jeder Entwickler ein „kleiner“ Manager sein? Wenn ja, brauchen wir dann keine Manager mehr?

Appelo: Ja, jeder sollte sich zumindest teilweise dafür verantwortlich fühlen, die Organisation, in der man arbeitet, zu einem besseren oder angenehmeren Arbeitsplatz zu machen. Erwarte nicht, dass die Manager das tun! Jeder kann Kudo Karten einführen, Celebration Grids oder Delegation Boards. Das bedeutet auch, dass manche Unternehmen mit weniger Management tatsächlich besser fahren. Aber keine Manager? Nein, das wird nie funktionieren. Es wäre das gleiche wie ein Land ohne Regierung. Und unsere weltweiten Erfahrungen mit Anarchien sind ja nicht so gut... Aber Regierungen kleiner machen? Ja, das ist oft eine gute Idee!

Bender: Wie kann ich als Entwickler effizient managen?

Appelo: Beginne dich in das Thema einzulesen und mit den Ideen zu experimentieren. Beobachte welche davon für dein Team funktionieren und welche nicht und ändere die Ideen so lange, bis du Fortschritte feststellst.

Bender: Und wie schaffe ich es, als Entwickler von meinem Manager überhaupt ernst genommen zu werden?

Appelo: Schenke deinem Manager mehr Beachtung! Er oder sie ist auch eine Person mit Wünschen, Emotionen, einer Familie. Versuch zu verstehen, was dein Manager am meisten braucht. Beginne in der Sprache deines Managers zu sprechen. Er oder sie sorgt schließlich dafür, dass du als Teammitglied bezahlt wirst, also ist es doch das Beste, den Manager als Kunden zu behandeln. Der Manager versteht zwar nur sehr wenig von deiner Arbeit, aber das bedeutet nicht, dass du ihm oder ihr misstrauen musst. Manager sind in der Regel nur Menschen, die einen guten Job mit veralteten und oft schlechten Management-Praktiken zu tun versuchen. Sie wissen es nicht besser. Aber - aus meiner Erfahrung - wenn du wirklich versuchst, ihnen zuzuhören und ihnen zu helfen, erhältst im Gegenzug von ihnen viel Vertrauen, Respekt und Freiheiten. Und genau das ist die Basis für dich, um die Organisation peu à peu zu verändern.

Am 20. Juni hält Jurgen Appelo auf der Developer Week eine Keynote mit dem Titel „Managing Happiness“. Die Developer Week findet vom 20. bis 23. Juni 2016 im NCC in Nürnberg statt und ist eine der größten unabhängigen Entwicklerkonferenzen Europas mit über 200 Sessions und mehr als 150 Referenten.

Zur Person:

Foto_Jurgen_AppeloJurgen Appelo ist Buch- und Blogautor, sowie CEO des Business-Netzwerkes Happy Melly. Er ist Mitbegründer des Agile-Lean-Europe-Networks und des Stoos-Networks. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, veraltete Management-Strukturen und Methoden zu erneuern, um kreative Prozesse in Unternehmen zu fördern.

Über den Autor:

Florian Bender ist Projektleiter der Developer Week und Leiter Developer-Media bei der Neuen Mediengesellschaft Ulm in Köln. Darüber hinaus ist er Gastdozent an deutschen Wirtschaftshochschulen.

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2 Reaktionen
esistsoweit
esistsoweit

Das wird für viele eben ein Problem bleiben so lang sie nicht lernen, was wirklich wichtig ist und ein stabiles Fundament von vornherein sichert: Die richtigen Leute und einfach machen!

Klingt für manchen bestimmt seltsam, is aber so!

Mehr Verwaltungsarbeit für die Entwickler durch immer wieder falsche Projektmanagement Software, die ohnehin nicht selten nur sich selbst dient und den wirtschaftlichen Interessen der Herausgeber.

Manager, zahlenhörig und abhängig von o.g. Software, da ihre Position sonst als Halbtagsstelle genügen würde.
Gute, mitunter auch sehr gute Entwickler, denen man den Status regelmäßig aus der Nase ziehen muss.

Somit, ja, es braucht eine Schnittstelle!
Viele der verzweifelten Versuche könnten ein Ende haben wenn der Taktgeber der richtige ist, und da sind flache Hierachien ganz klar das falsche Mittel!
Ohnehin nichts weiter als ein neoliberales Wunschdenken, wenn's für einen Billardtisch nicht gereicht hat.

Software so einsetzen damit sie ergänzt und nicht beherrscht, und, ja ... die richtigen Leute und einfach machen!

Antworten
YUHIRO.DE
YUHIRO.DE

Das mit den 70 Prozent ist interessant.

Das liegt sicherlich auch daran, dass man dem Management im allgemeinen nicht wirklich vertraut, da ihnen in vielen Fällen die Technik/ Softwareentwicklung auch nicht wirklich vertraut ist.

Flachere Hierarchien sind definitiv wichtig und die vorgeschlagenen Punkte sind hilfreich. Agiles Management scheint ja immer mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Würde mich interessieren wie erfolgreich das in Unternehmen bereits ist.

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