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„Wir hatten nichts als eine Open-Source-Technologie“ – Zwei Deutsche erobern das Silicon Valley

„Wir hatten nichts als eine Open-Source-Technologie“ – Zwei Deutsche erobern das Silicon Valley

Mesosphere ist im gerade so etwas wie das warme Semmeln unter den . Investoren von Andreessen bis Kleiner Perkins reißen sich um die Idee der beiden Deutschen, die mit einem Betriebssystem für Rechenzentren die Cloud revolutionieren wollen. Wir haben der mit 50 Millionen US-Dollar finanzierten Firma einen Hausbesuch abgestattet.

„Wir hatten nichts als eine Open-Source-Technologie“ – Zwei Deutsche erobern das Silicon Valley

Startup-Hit aus San Francisco: Mesosphere. (Foto: t3n)

Freizeit in San Francisco? Buchstabieren, bitte!

Mit der Freizeit in San Francisco ist es ja so eine Sache. Überall schreit sie einem förmlich ins Gesicht. Am Ocean Beach im Westen, in den Surfbuchten im Süden, an der Golden-Gate-Bridge im Norden oder in den etwas außerhalb gelegenen Skiressorts im Osten. Doch kaum jemand kommt in den Genuss von alldem.

Zumindest nicht diejenigen, die hier – im Schlaraffenland der Technologie – ein Startup gründen und die Welt ein kleines Stück besser machen wollen. Florian Leibert und Tobias Knaup sind zwei von dieser Sorte. Gefragt nach ihren Hobbies können sie sich ein resigniertes Lachen dann auch nicht verkneifen: „Freizeit? Wie schreibt man das? Buchstabier’ mal!“

Mesosphere-Gründer Florian Leibert und Tobias Knaup (v.l.). (Foto: t3n)
Mesosphere-Gründer Florian Leibert und Tobias Knaup. (Foto: t3n)

Leibert und Knaup — beide Anfang 30 — kennen sich seit der fünften Klasse, tragen Hemd, lässige Chinos, dazu Sneaker und eine wuschelige Frisur. Ein bisschen sehen sie aus wie zwei Studenten im ersten Semester. Im Unterschied zu nicht wenigen ihrer Zunft aber haben sie einen echten Plan. Und: keine Zeit. Schuld daran ist vor allem ihr Kontostand: 48,8 Millionen US-Dollar. So viel Zaster, so viel Vertrauen, ja: So viel Verantwortung haben ihnen Investoren zugesteckt, genauer gesagt Mesosphere – dem Startup, das die beiden Schweinfurter im SoMa-Distrikt zwischen Motorradwerkstatt und Autobahnauffahrt gegründet haben. Ganz vorne in der Investorenriege mit dabei: Marc Andreessen.

Mesosphere: Ein Betriebssystem für Rechenzentren

Wenn Marc Andreesen, der Netscape-Erfinder und mit frühen Beteiligungen an Twitter, Reddit oder Slack zum technologischen Gradmesser avancierte Venture-Kapital-Primus über seinen Fonds in ein Startup mit deutschen Wurzeln investiert, können die Hoffnungen dahinter kaum auf Sand gebaut sein. Mesosphere also: das nächste große Ding aus dem Silicon Valley?

Glaubt man Leibert, ist die Sache klar: „Das ist wirklich revolutionär“, sagt er und meint das Produkt, an dem er, Knaup und ein 40-köpfiges Team in einem dreistöckigen, mit grauem Teppichboden und IKEA-Regalen eher spartanisch eingerichteten Büro arbeiten. Hier aber schlägt das Herz von Mesophere, einer Art Betriebssystem für das Cloud-Zeitalter. Mesosphere, so behaupten Leibert und Knaup, verändere die Art und Weise, wie Rechenzentren funktionieren, radikal.

Bisher ist der Umgang mit ihnen vor allem ineffizient, personalintensiv, teuer. „Wenn wir eine Bank als Beispiel nehmen, nutzt sie Hunderte Server mit vielen darauf laufenden Anwendungen, um etwa rauszufinden, welchen Leuten sie besser kein Geld leihen sollte“, erklärt Knaup. Da gebe es eine Abteilung für die IT-Infrastruktur, eine für das Kundenportal, eine für die Analyse und so weiter. „Jede von ihnen beansprucht unterschiedliche Serverkapazitäten und entscheidet zudem manuell, welche Software wann auf welchen Server zu laufen hat.“ Eine Form der Fragmentierung, die besonders bei schnell wachsenden Internetdiensten im Chaos münden könne.

64 Prozent weniger Serverkosten bei HubSpot

„Mit Mesosphere funktioniert das alles komplett automatisch“, verspricht Knaup. Wie Windows die Rechenkerne des Prozessors und den Speicher koordiniert, kümmert sich die Software von Leibert und Knaup um die Server, ohne dass System-Administratoren sich den Kopf darüber zerbrechen müssten. In Echtzeit prüft Mesosphere, wie viel Prozessorlast und wie viel Speicher ein Server gerade beansprucht. Das vereinfacht die schnelle, aber oft anfällige Skalierung erheblich.

„Niemand muss mehr mitten in der Nacht aufstehen und den Reset-Knopf drücken.“

Fällt ein Server einer Firma aus, verteilt Mesosphere die darauf werkelnden Programme und Ressourcen automatisch auf die anderen Recheneinheiten. „Eine super Sache“, findet Knaup: „Niemand muss mehr mitten in der Nacht aufstehen und den Reset-Knopf drücken.“ In der Folge können Firmen, die Mesosphere einsetzen, weniger Server bei gleichzeitig höherer Auslastung nutzen. Das drückt vor allem die Kosten. Die US-amerikanische Marketing-Firma HubSpot beispielsweise habe die Kosten für seine bei Amazon angemieteten Server so um 64 Prozent reduzieren können. Nach dem Willen von Leibert und Knaup soll das in Zukunft Schule machen: „Jede Firma mit mehr als einem Server kann davon profitieren.“

Ohne Businessplan zu Marc Andreessen

Ein Satz, der auch in den Ohren der prominenten Geldgeber wie Musik geklungen haben muss. Fuel Capital, SV Angel, Kleiner Perkins und nicht zuletzt Andreessen – sie alle haben Millionen auf die Idee der beiden Deutschen verwettet. In dieser Höhe ist das sogar für Silicon-Valley-Verhältnisse ungewöhnlich, bedenkt man, dass Leibert und Knaup ohne wirklichen Businessplan in der Hand um das finanzielle Interesse der Geldgeber geworben haben: „Wir hatten nichts als eine Open-Source-Technologie und die Idee, eine Firma drumherum zu bauen“, sagt Leibert.

„Wir hatten nichts als eine Open-Source-Technologie und die Idee, eine Firma drumherum zu bauen.“

Dass man dennoch knapp 50 Millionen einheimsen konnte, sei primär ihrer Vita geschuldet gewesen. Leibert und Knaup finden früh den Weg in die Selbstständigkeit. Ihr erstes Geschäft machen sie mit Disketten, die sie Mitte der 90er günstig auf Computermessen erstehen und gewinnbringend weiterverkaufen. Mit 15 dann gründen sie ihre erste Firma. „Ein bisschen Website-Programmierung, ein bisschen Design, ein bisschen E-Commerce.“

Nach ihrem Studium treffen sich beide in San Francisco wieder. Knaup arbeitet bei Airbnb, Leibert bei Twitter. Dort entsteht vor sechs Jahren auch die Idee zu ihrem Startup, als Leibert nach einer Lösung für den von häufigen Serverausfällen geplagten Kurznachrichtendienst suchen muss. Er findet sie in der Doktorarbeit eines Freundes, der die unter dem Namen Mesos bekannte, frei verfügbare und von einer Community ständig verbesserte Software nach einem Vortrag bei Twitter erprobt. Mit Erfolg: Twitter bekommt das Serverproblem in den Griff, geht später an die Börse.

Von außen eher unscheinbar, entsteht hier – im Headquarter von Mesosphere – das Betriebssystem für die Cloud-Ära. (Foto: t3n)
Von außen eher unscheinbar, entsteht hier – im Headquarter von Mesosphere – das Betriebssystem für die Cloud-Ära. (Foto: t3n)

„In Deutschland fehlen die Rahmenbedingungen“

Spätestens als Leibert und Knaup das System auch bei Airbnb einsetzen, erkennen sie das Potenzial, ein eigenes Geschäft daraus zu machen. Die gesammelten Erfahrungen und Kontakte helfen ihnen dabei, an Investoren zu kommen, die nicht nur in Köpfe statt fertige Produkte, sondern vor allem in die Zukunft investieren. Gerade dieser Marc Andreessen habe das drauf: „Der hat das komplexe System sofort verstanden und uns aufgezeigt, was man damit in Zukunft alles so anstellen könne“, so Leibert.

Das Geschäftsmodell will Mesosphere in Zukunft um die Open-Source-Technologie herumbauen. Einerseits mit Dienstleistungen wie der Einrichtung und Pflege der Software. Andererseits mit kostenpflichtigen Plugins, die bei der Verwaltung großer Server-Parks helfen oder mit deren Hilfe die Auslastung noch optimiert werden kann. Inzwischen zählen neben Twitter und Airbnb auch Firmen wie Ebay und Netflix zu den Kunden von Mesosphere. Auf circa 100.000 Servern soll die Software schon jetzt installiert sein.

Leibert und Knaup lassen wenig Zweifel daran, dass dieser Erfolg nur im Silicon Valley möglich gewesen ist. Nicht nur der fehlende Businessplan zeige, wie groß die Mentalitätsunterscheide – etwa hinsichtlich der Risikobereitschaft – im Vergleich zu Deutschland sind. Die Eröffnung eines Bankkontos, die Registrierung einer GmbH – „ist in Deutschland alles viel zu kompliziert“, sagt Knaup. „Hier machst du das alles online, schickst ein paar E-Mails hinterher und kannst sofort loslegen.“ Außerdem habe man in San Francisco schon nach wenigen Tagen die ersten Mitarbeiter abwerben können. Hier hätten das mehrmonatige Kündigungsfristen verhindert. „Unterm Strich fehlt es in Deutschland einfach an den richtigen Rahmenbedingungen.“

Mesosphere will auf jeden Linux-Server

Trotzdem plant das Startup mit Deutschland, baut in Hamburg ein Zweitbüro auf. Gute Talente bei gleichzeitig weniger Wettbewerb, heißt es. Mit den Millionen im Rücken will man das Wachstum ankurbeln. In den kommenden Monaten sollen aus den 40 Mitarbeitern 120 werden, um das Betriebssystem für Rechenzentren massentauglich zu machen. Leibert und Knaup wissen, wo sie hinwollen. „In fünf Jahren läuft unsere Software auf jedem Linux-Server der Welt“, sagen sie. Über einen Verkauf des Startups wollen sie auch dann nicht nachdenken. „Unsere Software ist unheimlich nützlich, die Arbeit mit dem Team macht Spaß und wir freuen uns am Sonntag schon auf Montag.“ Klingt so, als sei mit mehr Freizeit in San Francisco so schnell nicht zu rechnen.

t3n im Silicon Valley

daniel_huefner_t3nDaniel Hüfner berichtet für t3n aus San Francisco und dem Silicon Valley über neue Trends, spannende Startups und interessante Orte des Tech-Epizentrums. Auf Twitter bekommt ihr zudem weitere Eindrücke von der US-Westküste.

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2 Antworten
  1. von Monika Hewel am 14.01.2015 (20:58 Uhr)

    Super toll!!! Mir fehlen die Worte!

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  2. von Thomas Newfield am 17.01.2015 (11:44 Uhr)

    Viele Grüße aus Schweinfurt! Wir sind super stolz auf euch! PS: Der Franz feiert morgen im Club. xD

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