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Warum ich mir kein deutsches Silicon Valley wünsche [Kolumne]

Warum ich mir kein deutsches Silicon Valley wünsche [Kolumne]

Nach zwei Wochen und etlichen Gesprächen mit Gründern, Investoren und Journalisten fühlt sich selbst das nach Alltag an. Die von Florian Blaschke.

Warum ich mir kein deutsches Silicon Valley wünsche [Kolumne]

(Foto: t3n)

Großenbaum, Bergblick, Sonnental: Die Namen der Provinz

Das Silicon Valley von oben. (Foto: t3n)
Das Silicon Valley von oben. (Foto: t3n)

Vielleicht muss man sich manche Namen ins Deutsche übersetzen, um ihren Zauber zu brechen. Nehmen wir Großenbaum – zum Beispiel. Bergblick. Oder Sonnental. Klingt alles nach gemütlicher, beschaulicher Provinz, nach Urlaub und Entspannung, nicht aber nach High-Tech und Startup-Rummel. Es klingt einfach nicht wie Palo Alto, Mountain View oder Sunnyvale.

Doch von Europa aus betrachtet haben die Namen dieser Orte zwischen San Francisco und San José einen magischen Klang. Hier sitzen einige der innovativsten Unternehmen unserer Zeit, hier sind Investoren zu Hause und Gründer, hier wird geforscht und entwickelt und das große Geld verdient. Das Silicon Valley, es ist ein Sehnsuchtsort, Menschen packen ihre Sachen und wandern aus, um hier ihr Glück zu finden. Dabei ist es erst mal nur genau das, wonach es klingt: Provinz.

Nach zwei Wochen im „Startup-Mekka“ hat sich mein Blick auf San Francisco und das Valley verändert. Nach Gesprächen mit Gründern, Investoren und Journalisten fühlt sich das Silicon Valley schlicht nach Alltag an. Nur ganz selten habe ich in der Stadt selbst oder beim Besuch im Valley etwas von der flirrenden, pulsierenden Atmosphäre gespürt, die auch in Reportagen und Fernsehbeiträgen immer wieder vermittelt, vor allem aber von den Startups selbst aufgebaut und gepflegt wird – auch aus Recruiting-Gründen. Sicher, die Summen, die hier investiert werden, sind höher als anderswo. Die Dichte an Startups überragt die der meisten anderen Regionen bei weitem. Doch der Blick hinter die Kulissen zeigt, dass auch hier – ganz banal – bloß gearbeitet wird. Das allerdings einige Stunden länger pro Woche als in Deutschland – und mit weniger Urlaub.

Silicon Valley: Where does all the magic happen?

Where the magic happens? Sieht eher nach Finanzamt aus. (Foto: t3n)
Where the magic happens? Sieht eher nach Finanzamt aus. (Foto: t3n)

Während der Campus der Universität Stanford beeindruckend Größe, Finanzkraft und Tradition demonstriert, ist der Google-Campus „Googleplex“ eines der ernüchterndsten Reise-Erlebnisse, das ich je hatte. „Where all the magic happens“, heißt es über Googles „Building 44“, in dem die Android-Entwicklungs-Abteilung untergebracht ist. Dutzende Fotos von Tech-Touristen finden sich im Netz, Selfies mit Bugdroid, dem Android-Maskottchen, oder einer der anderen Skulpturen, die lange vor dem Gebäude gestanden haben.

„Googles Building 44 steht da wie das Finanzamt einer deutschen Kleinstadt.“

Doch nur wenig scheint übrig von diesem spielerischen Glanz, Bugdroid und die anderen Figuren sind verschwunden, das Building 44 steht da wie das Finanzamt einer deutschen Kleinstadt. Verstreut auf dem Gelände, auf Wiesen und in Büschen, liegen etliche der bunten Google-Räder, mit denen die Mitarbeiter herumfahren – liegengelassen, vergessen, verschlissen.

All das ist überhaupt nicht schlimm. Google beschäftigt mittlerweile mehr als 50.000 Menschen – und zumindest von dieser Dimension vermittelt der Campus des Konzerns eine ungefähre Idee. Apple hat mehr als 90.000 Mitarbeiter, und selbst bei Unternehmen, die gerade noch Startups waren, gehen die Zahlen oft schon in die Tausende. Airbnb: laut LinkedIn mehr als 2.000 Angestellte. Twitter: 3.300. Pinterest: mehr als 500. Schon bei solchen Größenordnungen lässt sich eine gewisse Dynamik, eine gewisse Unternehmenskultur nur schwer in allen Bereichen aufrecht erhalten – bei mehreren 10.000 scheint es fast unmöglich. Und irgendwann werden auch bunte Fahrräder einfach normal.

„Keiner wird das neue Silicon Valley werden“

Berlin wird nicht das neue Silicon Valley werden, hat Mikkel Svane, CEO von Zendesk, erst vor wenigen Tagen gesagt. „Keiner wird das neue Silicon Valley werden.“ Dafür funktioniere das Valley einfach zu gut, es sei eine echte Industrie. Industrie. Wenigstens das klingt nach dem, was hier passiert, nach harter Arbeit.

„Keiner wird das neue Silicon Valley werden. Dafür funktioniert es viel zu gut. Es ist eine echte Industrie.“

Mich haben diese Worte beruhigt. Nach zwei Wochen vor Ort will ich kein deutsches Silicon Valley mehr. Nach zwei Wochen vor Ort bin ich glücklich über Berlin und Hamburg, über Köln und München und all die anderen deutschen Städte mit ihren Eigenheiten, bin ich froh über das Ruhrgebiet oder die Rhein-Main-Region.

All das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht sehe oder sehen will, wie viel wir in Deutschland noch zu lernen haben in Sachen Innovation. Es hat nichts mit mangelnder Anerkennung für die großartigen Ideen zu tun, die es zum Teil aus dem Silicon Valley in die Welt geschafft haben. Es zeigt nur, wie wichtig ein Blick hinter die Kulissen manchmal sein kann, um zu erkennen, wie wenige magische Momente, wie wenig Feenstaub und wie viel Kulisse es tatsächlich gibt. Und dass sich dahinter, ganz banal, einfach nur der Alltag versteckt.

Weitere Kolumnen aus „Doppelklick“ findet ihr hier.

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22 Antworten
  1. von Moritz Stückler am 27.01.2015 (08:00 Uhr)

    Willkommen daheim! Aber deiner Argumentation kann ich noch nicht ganz folgen. Du willst kein Silicon Valley in Deutschland, weil es auch nur Arbeit/Industrie ist, und es keinen "Feenstaub" gibt?

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  2. von Andreas Lenz am 27.01.2015 (08:10 Uhr)

    Ein Schmelztiegel an Kulturen gedrängt auf ein paar Kilometern zwischen Bergen und Bay, die kalifornische Sonne und das 12 Monate durchgängig angenehme milde Klima, die entspannte, lockere Atmosphäre im Dolores Park, der Farmersmarked am Ferrybuilding, die vielen Coworkingspaces, Foodtrucks, Kaffees und ein extrem gutes, breites kulinarisches Angebot, die offenheit der Menschen, die vielen Meetups, Beerfridays, Hackatons, Barcamps, Konferenzen, der hohe grad an Experimentierfreudigkeit und Vernetzheit, die extrem guten Bildungsmöglichkeiten, Berkeley, Stanford und vielen motivierten Studenten, die übertrieben positive Einstellung zur Selbstständigkeit, die vielzahl an Ideen, Möglichkeiten und Startups die jede Woche präsentiert werden. Die mexikanischen Farben, Gerüche und Menschen sowie das rege Treiben auf der 24th. Die positive Stimmung, die extrem inspirierenden Natur und vielzahl an Spots und Naherholungsziehlen in leicht erreichbarer Umgebung. Die vielen fußläufig erreichbaren Aussichtspunkte in und über der Stadt. Die vielen Bars, die praktische Clippercard, aber zuletzt nochmal, vor allem die offene Haltung und Einstellung der Menschen die ich getroffen habe, machen diesen Ort für mich genau zu dem was er ist, zu einem Mekka für Kreative, zu einem Schmelztiegel aus Ideen und Innovationen.

    Nichts zu spüren von Magie, gerade in Bezug auf die Startup- & Tech-Welt!? Dann warst du nicht wo ich war, zu kurz dort oder zu viel in Palo Alto.

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  3. von Tanja am 27.01.2015 (09:23 Uhr)

    Aber Flair hat die Gegend schon. Wenn in Santa Cruz zwischen den Surfern die Digitalen mit ihren Laptops sitzen oder in San Francisco am Dolores Park abhängen ... auch schön, wenn du an der Tanke nach Facebook fragst und dir keiner sagen kann, wo die sitzen. Von irre bis wonderful geht ist die Bandbreite ziemlich riesig, wobei ich auch deinen Blick nachvollziehen kann.

    Viele Grüße
    Tanja

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    • von Florian Blaschke am 27.01.2015 (11:26 Uhr)

      Klar hat Santa Cruz Flair. Und der Dolores-Park auch. Aber das sind — für mich — Ausnahmen. Und vom Valley aus ist Santa Cruz Welten entfernt, nicht nur was die Meilen auf dem Highway angeht.

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  4. von Andreas Weck am 27.01.2015 (09:46 Uhr)

    Ich denke, man muss Valley von SF etwas abgrenzen. Im Valley siehst du halt vor allem Industrie-/Gewerbebauten und Dorf. Deswegen ziehen die IT-Mitarbeiter ja auch alle nach San Francisco, weil dort eben das Leben stattfindet. San Francisco an sich, habe ich als extrem impulsierend empfunden. Dennoch: In der Regel wird auch dort lange und hart gearbeitet. Aber eben mit einer Bereitwilligkeit, die hierzulande streckenweise ihresgleichen sucht.

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    • von Florian Blaschke am 27.01.2015 (11:29 Uhr)

      Und auch da ist die Frage, ob diese Bereitwilligkeit gut ist. Aus Arbeitgebersicht? Ein Traum. Wo Angebot und Nachfrage derart aus dem Gleichgewicht sind, kein Wunder. Für Arbeitnehmer allerdings ist das alles andere als paradiesisch. In SF lässt es sich vielleicht aushalten durch etliche Annehmlichkeiten, im Valley finde ich persönlich, ist die Balance aus den Fugen.

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      • von Andreas Weck am 27.01.2015 (18:51 Uhr)

        Ja, nicht falsch verstehen. Ich als Arbeitnehmer würde auch nicht einfach so auswandern. Gerade der Punkt Sozialsystem würde mir langfristig Sorge bereiten, denn jeder Mensch wird früher oder später im Leben einmal arbeitslos werden oder krank sein. Das federst du dann eben nur mit viel angesparten Geld ab.

        Nach den Gründen zu dieser All-in-Arbeitsbereitschaft hab ich übrigens mal Steven Belomy gefragt. Ist eine ganz passable Antwort bei rumgekommen.

        http://t3n.de/news/amerika-deutschland-kulturelle-unterschiede-arbeitswelt-jimdo-startup-576322/

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  5. von bla am 27.01.2015 (17:38 Uhr)

    Natuerlich arbeiten die Menschen im Silicon Valley auch "nur".
    Und ja, es gibt viele Schattenseiten: Wenig Urlaub, schlechtes Sozialsystem, ...
    Das ist allerdings kein Silicon Valley spezifisches Problem, sondern eines der gesamten USA.
    Was hier in SF extrem ist sind die durch den Tech-Boom obdachlos gewordenen Menschen.
    Ansonsten kann ich die Aussagen von Andreas Lenz nur unterstreichen!

    (Und Santa Cruz ist ein Katzensprung von SF entfernt. Mit dem Auto sind es 1 1/2h, und das faehrt man hier ohne mit der Wimper zu zucken.)

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    • von Florian Blaschke am 27.01.2015 (17:52 Uhr)

      He! bla ist mein Kürzel! ;-) Spaß beiseite. Klar ist das auch woanders so – aber das kann ja kein Argument für etwas sein, oder? Und ich war nun mal gerade nicht woanders, sondern im Valley, wo die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit gerne kultiviert wird. Und was Santa Cruz angeht: Ich war vorgestern noch da. Es liegen Welten dazwischen.

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  6. von bla am 27.01.2015 (18:37 Uhr)

    Natuerlich kann es kein Argument sein, aber man sollte es auch nicht als Silicon Valley spezifisches Problem bezeichnen.

    Es herrscht natuerlich ein Hype um das Silicon Valley, denn meistens bekommt man auch nur die Erfolgsgeschichten zu hoeren. So herrscht ein extrem positives Bild, man denkt, egal was man macht, man wird auf jedenfall Millionaer.
    Das aber auch taeglich Startups scheitern, davon hoert man nie etwas. Und zwar nicht nur ein oder zwei, sondern eben regelmaessig.

    Letztendlich ist es ja auch so, dass gerade Unternehmen wie Twitter, Facebook, Google und Apple in einer Art Alltag angekommen sind. Die riesigen Wachstumspruenge sind vorbei, jetzt wird eben gearbeitet. Da tritt dann natuerlich auch eine Art Ernuechterung ein.

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    • von Florian Blaschke am 28.01.2015 (08:52 Uhr)

      Seh ich ganz genau so. Mir geht es ja auch gar nicht darum, die Region schlecht zu machen, das ist sie nicht. Aber sie hat ihre Schattenseiten, ihren Alltag. Und den zu beschreiben war mir wichtig.

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  7. von reraiseace am 27.01.2015 (19:24 Uhr)

    Solche Eindrücke sind ja oft subjektiver Natur. Daher finde ich es super, dass du darüber berichtest. Die Diskussion, die daraus resultiert finde ich sehr interessant. So bekommt man auch als "Außenstehender" einen erweiterten Blick auf das Valley und San Francisco. Danke!

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  8. von Dirk am 30.01.2015 (09:35 Uhr)

    Ein wenig nichtssagend, der Beitrag. Das Silicon Valley kann schon allein deswegen nicht irgendwo anders entstehen, weil nirgendwo so viel Wagnis-Kapital zur Verfügung steht.

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  9. von Ben am 31.01.2015 (08:13 Uhr)

    Vielen Dank, Florian Blaschke für diesen wunderbaren Artikel! Ich bin dankbar für die europäischen Errungenschaften, das Sozialsystem hier und das etwas langsamere Tempo. Uns geht nichts verloren dadurch, aber wir gewinnen die Möglichkeit jeden in der Gesellschaft mitzunehmen, anstatt die Hälfte zurückzulassen und eine winzige Oberschicht steinreich zu machen.

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