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Neocom 2014: Totgeglaubte leben länger

Neocom 2014: Totgeglaubte leben länger

Eigentlich wollte ich den ehemaligen Versandhandelskongress ja letztes Jahr gedanklich schon beerdigen – jetzt bekommt die Neocom noch einmal leichten Aufwind und ist noch nicht tot. Ein Rückblick.

Neocom 2014: Totgeglaubte leben länger

Ein Eingang zur Neocom in Düsseldorf. (Foto: Neocom 14)

Letztes Jahr im Oktober stand ich schon mal im Areal Böhler. Ein ehemaliges Industriegelände in Düsseldorf beherbergt in verschiedenen Hallen mit so klangvollen Namen wie „Alte Schmiedehallen“ die Neocom – früher mal bekannt als der Versandhandelskongress.

Moderne Messestände bilden einen hübschen Kontrast zur rohen Architektur des Industriezeitalters. Hochglanz-Kunstoff mit Klavierlack, beleuchtete Glasflächen und bunte Werbung treffen auf roten, verblassten Backstein. Und es wird mir ein Gefühl vermittelt – irgendwo zwischen Faszination und Irritation.

(Foto: Neocom 14)
Der Neocom-Kongress: Neben der Messe, der zweite Teil der Neocom. (Foto: Neocom 14)

Wie war das noch damals ...?

Die Neocom ist klein im Vergleich zu einer Internet World, diese Jahr genauso, wie sie es schon im letzten Jahr war. Im letzten Jahr erzählten mir Besucher, dass die Aussteller jedes Jahr weniger geworden seien. Mittlerweile wäre, von vormals acht, nur noch eine Halle belegt. Schnell hatte ich alle Gänge abgeschritten: Dialogmarketing, Logistikanbieter mit Hard- und Software, ERP-Systeme. E-Commerce nur in homöopathischen Dosen, jedenfalls keine großen schillernden Namen zu sehen.

Unterwegs begegneten mir bekannte Gesichter aus dem E-Commerce-Wanderzirkus. „Wir wollen mal sehen, wie das so ist mit der Neocom hier. Ob sich das (noch) lohnt. Ob die den Turn zum digitalen Business noch hinbekommen. Oder ewig im gestrigen stecken bleiben“. „Na dann“, dachte ich mir. „Scheint ja nicht mehr gerade heißbegehrt zu sein, diese Neocom.“ Per Zufall stieß ich gegen Ende auf Lockbox, ein interessantes, kleines Logistik-Startup. Sonst wäre ich wohl mit leeren Händen nach Hause gegangen.

(Foto: Neocom 14)
Industrie-Ambiente in den Messehallen: Das Areal Böhler  ist ein ehemaliger Standort der Böhler-Stahlwerke. (Foto: Neocom 14)

Die Neocom im Hier und Heute

Genug von Gestern, sprechen wir vom Heute. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr hin. Totentanz auf dem Industrieparkett ist nicht mein Fall. Und Zeitverschwendung auch nicht. Doch irgendwie hat es sich dann doch ergeben. Die Vorzeichen waren plötzlich etwas positiver, es tauchten ein paar bekannte Namen auf.

Das Lineup schien auch interessanter, meinte auch unser Marketing. Und: Eine Medienkooperation bahnte sich an. Unser Marketing entscheidet sich für die Neocom. Schön, ich habe also auch Gesellschaft. Also hin zur Neocom.

Die t3n-Crew relaxt an der Cafe-Bar am DHL Stand. (Foto: Andreas Lenz/t3n)
Die t3n-Crew relaxt an der Cafe-Bar am DHL-Stand. (Foto: Andreas Lenz/t3n)

Im Vergleich zum letzten Jahr, in dem ich eher das Gefühl hatte, in der Dialogmarketing-Hölle gelandet zu sein, war die E-Commerce-Präsenz dieses Jahr nicht nur sichtbar erwünscht, sondern auch tatsächlich da: Neben Trusted Shops, Shopware und Websale waren auch E-Commerce-Agenturen wie Dixeno oder Web Arts anwesend.

Auch große Marken waren präsent: DHL präsentierte sich mit einem lockeren Image-Stand im Messezentrum und zog mit einer Flut von Gratisgetränken und -Essen Besucher an – statt krampfhafter Produktkommunikation war hier dieses Jahr wohl eher lockere und ergebnisoffene Kommunikation angedacht. Etwas irritierend auf den ersten Blick, aber auf jeden Fall entspannt.

(Foto: Neocom 14)
Shopware ist ebenfalls auf der Neocom präsent: Dieses Jahr zum ersten Mal. (Foto: Neocom 14)

Das Konferenzprogramm ist stichhaltiger als zuvor und weist viele E-Commerce-lastige Themen auf, die Referenten aus den internationalen Häusern Amazon, Ikea, Macys und eBay fanden Platz neben deutschen Größen wie Ottos Projekt Collins, mymuesli, oder internetstores.

Selbst eine (ehemalige) Stimme der Alibaba-Group ist vertreten gewesen. Außer Kongress und Messe finden noch Preisverleihungen während der abendlichen Neocom-Gala statt – neben verschiedenen Versandhandelskategorien auch der Onlineshop des Jahres und ein E-Commerce-Startup-Award.

(Neocom 14)
Neocom Gala und Preisverleihung: Kiveda ist Onlineshop des Jahres 2014. (Neocom 14)

Organisation vor und während der Neocom und Eintrittspreise

Die Organisation scheint gut abzulaufen, die Aussteller, mit denen wir sprechen konnten, zeigten sich durchgängig zufrieden. Einzelne Mitarbeiter beklagten sich über die Cateringpreise, siehe unten, sonst aber eine positive Grundstimmung. Standvergabe, Anlieferung, alles sei reibungslos gelaufen. Auch für Besucher ist nicht zu bemäkeln: Die Registrierung ist easy und schnell durchlaufen. Für die Messeaquise steht ein interaktives Networkingtool zur Verfügung, mit dem vorab Termine vereinbart werden können – alle Messebesucher sind dort einzusehen und auch kontaktierbar. Eine mobile App steht ebenfalls zur Verfügung.

Ein Kongressticket für Messe und Kongress beginnt bei 490 Euro für Startups, 890 Euro für Onlinehändler und 1.490 Euro für reguläre Besucher. Das Messeticket ist für 25 Euro erhältlich.

Catering und sonstiger Kleinkram

Das Essen ist für deutsche Veranstaltungsverhältnisse geradezu herausragend. Frühstückshäppchen, dann zum Mittagessen ein exzellentes Bœuf bourguignon, das direkt auf der Gabel zerfällt, mit gratinierten Kartoffeln und sautierten Gemüseallerlei. Vegetarische Alternativen mit Ricotta-Tortellini und was weiß ich noch allem – und raffinierte Desserts.

Allerdings ist dieses Catering den Konferenzteilnehmern, VIPs und der Presse vorbehalten, wie bei der Eingangskontrolle schnell klar wird. Der schnöde Aussteller muss sich dann mit einem Klecks „Chicken Tandoori“ für 7,50 Euro oder einer Currywurst mit Brötchen für 3,50 zufriedengeben. Dem Gesichtsausdruck des Aussteller entnehme ich, dass beides geschmacklich nicht weit auseinanderliegt. Seltsame Politik, die Aussteller vom Catering auszuschliessen – das hat mich dann doch etwas gewundert.

Fazit: Lohnt sich die Neocom für E-Commerce Besucher und Aussteller?

Im Gespräch mit einigen Ausstellern bestätigt sich unser Anfangsverdacht: Die Neocom will stärker hin zum Thema E-Commerce und digitales Business und den „Staub“ des alten Mailorder-Erbes abschütteln – viel Mühe, Aufwand und Überredungskunst ist investiert worden. Im Vergleich zum Vorjahr mit erstem Erfolg: Zwar ist die Neocom weit entfernt davon, dem Branchenevent, der Internet-World-Messe, auf den Pelz zu rücken, aber die Vorzeichen stehen günstig, dass sich die Messe trotz der zahlreichen Konkurrenz als relevanter Player in der deutschen E-Commerce-Landschaft etablieren könnte. Einige Besucher und Aussteller haben den gleichen Schluss gezogen, zwei Stimmen wollen wir zu Wort kommen lassen:

„Ich bin zum ersten Mal auf der Neocom, ich bin bisher eher auf der dmexco unterwegs gewesen. Für uns als Internet-Agentur ist die Messe hier sehr auf den Bereich E-Commerce begrenzt. Aber für einen unserer großen E-Commerce-Kunden habe ich bereits einen lohnenswerten Kontakt gehabt, an dem ich im Nachgang anknüpfen werde. Für uns hat es sich gelohnt.“

Laura Baecker, pixolith Gmbh & Co KG (Messebesucherin) | Im Gespräch mit t3n, Neocom 2014

„Wir sind das zweite Mal auf der Neocom. Wir waren letztes Jahr schon auf der ersten Veranstaltung. Und tatsächlich hat es sich nochmal deutlich gesteigert Wir sind sehr zufrieden: Sehr qualifiziertes Publikum, das mit sehr genauen Vorstellungen wie ihre Lösung aussehen soll zu uns an den Stand kommen. Ich hatte gerade mal drei Minuten zum Atmen und Mittagessen, ansonsten war ich mit Beratungen und Vorführen am Stand beschäftigt.“

Andreas Büsch, Vario Software AG | Im Gespräch mit t3n, Neocom 2014

Ich schließen mich mit meinem Fazit an: Im letzten Jahr wirkte es noch sehr „gewollt, aber nicht gekonnt“ in Richtung E-Commerce getrimmt, dieses Jahr scheint die Arbeit des Veranstalters langsam aufzugehen. Hoffen wir also auf 2015.

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Eine Antwort
  1. von Naja am 31.10.2014 (18:02 Uhr)

    Mir persönlich bringen solche "Events" überhaupt nichts. Wir (2 Studenten unter 30) betreiben einen Nischenshop und werden teilweise belächelt, wenn wir von unserem Geschäftsmodell erzählen. Allerdings hält diese herablassende Art nur so lange an, bis wir über Monats-, Quartals- und Jahreszahlen sprechen. Auf Augenhöhe sind uns wirklich (sehr selten) nur manch gleichaltrige Agentur-Mitarbeiter begegnet.

    Viele Schaumschläger, Luftpumpen und oberflächliche Möchtegern-Kandidaten.

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