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Kommentar

Schluss mit den Vorurteilen: Das Informatik-Studium braucht weniger Nerds

Ein Hörsaal der HAW Hamburg auf dem Campus Finkenau. (Quelle: searchstudies.org)

Das Informatik-Studium hat ein Problem: Es kann seinen Vorurteilen nicht entkommen. Die Disziplin muss ihren nerdigen Ruf ablegen und attraktiver für vielfältige Studenten werden, sagt Moritz Stückler.

Wer heute ein Informatik-Studium beginnt, wird in der Einführungswoche mit ziemlich großer Sicherheit irgendwann in Gespräche über League of Legends, Linux-Distributionen oder Grabenkämpfe zwischen Macbook, Thinkpad und Surface verwickelt werden. Ich spreche aus Erfahrung, denn vor dreieinhalb Jahren ging es mir genau so. Während der ersten Woche zweifelte ich ernsthaft daran, ob ein Informatik-Studium tatsächlich das Richtige für mich ist. Klar war ich computeraffin, aber das war für mich eben nur eines von vielen Hobbys. Ich bin kein Zocker, wähle meine Betriebssysteme eher nach pragmatischen Gründen, und wegen Mathe bin ich in der Schule einmal durchgefallen.

Wegen Mathe bin ich in der Schule durchgefallen – jetzt studiere ich Informatik

Heute habe ich keine Zweifel mehr daran, dass meine Entscheidung für das Informatik-Studium goldrichtig war. Was ich beim Rückblick auf die vergangenen Semester aber leider resümieren muss: Der Informatik-Disziplin fehlt es an Vielfalt. Und es tut mir fast weh, dass viele Klischees rund um diesen Studiengang, der mir so ans Herz gewachsen ist, immer noch häufig zutreffen. Das bestätigt auch eine neue Studie des Statistischen Bundesamts: Die Zahl der Informatik-Erstsemester ist rückläufig. Etwa 4,1 Prozent weniger Informatik-Studienanfänger haben sich für das aktuelle Wintersemester 2017/2018 in Deutschland eingeschrieben. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass der Rückgang bei den Frauen mit 8,8 Prozent noch deutlicher ausfällt.

Die meisten Kommilitonen sind Informatiker aus voller Überzeugung – Nerds. Spätestens seit der Oberstufe war den meisten klar, was sie werden wollen. Viele sind mit Informatik aufgewachsen und haben schon als Kinder und Teenager programmiert. Die größte verbliebene Unsicherheit im Lebenslauf war nur, welche Teildisziplin der Informatik sie verfolgen möchten (an meiner Hochschule sind das Angewandte Informatik, Wirtschaftsinformatik oder Technische Informatik).

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Es fehlen Studenten links und rechts des Informatiker-Klischees

Diese Kommilitonen sind extrem intelligente und gute Informatiker. Ich würde die meisten davon ohne zu Zögern einstellen, und niemand sollte sich davon abhalten lassen, sein Informatik-Hobby auch akademisch zu verfolgen. Aber was der akademischen Disziplin definitiv fehlt, sind zusätzliche Studenten links und rechts der Informatiker-Klischees. Menschen, die vielleicht erst später ihr Interesse für die Disziplin entdeckt haben. Menschen, die nicht direkt vom Gymnasium kommen, und deren Lieblingsfächer nicht unbedingt Mathe und Physik waren. Menschen, die Umwege genommen haben oder vorher einen anderen Beruf hatten. Menschen, für die Informatik kein Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck.

Der Informatik mangelt es nicht an Entwicklern, die einen Sortier-Algorithmus korrekt implementieren können. Es mangelt an Leuten, die mit diesem Algorithmus etwas Bedeutendes anstellen. Leute, die mit diesem Wissen Firmen und Initiativen gründen, Produkte bauen und damit andere Industrien und Bereiche verändern und die ihr Wissen auch wieder an andere weitergeben.

Denn wenn Informatiker unter sich bleiben, kommt es zu einem im Internet bekannten Phänomen, dem sogenannten Circle Jerk (in den Medien gerne auch Echo Chamber genannt). Gleichgesinnte unterhalten sich über die neuesten Frameworks und streiten über den besten Window Manager, machen sich aber wenig Gedanken über Themen außerhalb ihres Fachgebiets oder die Rolle der Informatik in unserer Gesellschaft – das sprichwörtliche „Herauszoomen“ aus der Thematik fehlt.

Denn gerade das Stichwort Digitalisierung fällt momentan im Kontext der Bundestagswahl und der Koalitionsverhandlungen häufiger als sonst. Trotzdem sind Informatiker bei der Gestaltung unserer gesellschaftlichen und politischen Zukunft vollkommen unterrepräsentiert. Im Deutschen Bundestag saßen in den letzten Wahlperioden zwischen zwei und vier Informatiker (im Gegensatz zu etwa 150 Juristen). Das ist beschämend für ein Land, das den Anspruch hat, bei der Digitalisierung global vorne mitspielen zu wollen.

Was können wir gegen die Homogenität der Informatik-Studenten unternehmen? Wie schaffen wir mehr Vielfalt in diesem Beruf?

Das Problem ist natürlich größer, als dass es nur die Universitäten beträfe. Im Gegenteil: Die Universitäten können zur Lösung nur erschreckend wenig beitragen (hauptsächlich Lehrpläne aktuell halten, gutes Personal einstellen und gutes Marketing betreiben). Das Problem beginnt in der Erziehung und dem Bildungssystem im frühesten Stadium. Kinder müssen viel früher mit Informatik in Kontakt gebracht werden, und zwar nicht nur als passive Konsumenten, sondern als aktive Gestalter. Denn allein ein iPad im Klassenzimmer löst noch keine Probleme. Ebenso wenig braucht jedes zehnjährige Kind schon ein Smartphone. Zeigt den Kindern und Jugendlichen nicht, wie sie im Zehn-Fingersystem schreiben oder einen Geschäftsbrief in Word aufsetzen. Zeigt ihnen, wie man LEDs zum Leuchten bringt, wie man Stimmen verzerrt, wie man Roboter fahren lässt und wie man die Gaskonzentration und die Lautstärke eines Furzes messen kann.

Der Calliope Mini ist ein kleiner Computer, mit dem Kinder programmieren lernen können. (Quelle: calliope.cc)

Kein Studiengang wie jeder andere. Informatik ist ein Fundament für viele Bereiche

Das Studiensystem suggeriert, Informatik ist ein Studiengang wie jeder andere. Tatsächlich ist Informatik heutzutage aber auch ein essenzieller Bestandteil vieler anderer akademischer Disziplinen. BWLer schreiben Matlab-Scripte, Lehramts-Studenten müssen ihre Inhalte mit digitalen Werkzeugen vermitteln, Maschinenbauer programmieren CAD-Plugins und Journalisten müssen Webdesign können. Die Informatik ist keine Nische, sondern das neue Fundament unserer Gesellschaft. Das sollte sich auch in der Studierendenschaft widerspiegeln. Ein Informatik-Grundstudium mit einer fachlichen Spezialisierung, zum Beispiel im Master oder durch Qualifikationen außerhalb der Universität ist – zu Recht – eine gefragte Kombination auf dem Arbeitsmarkt.

Nur wenn wir es schaffen, dieses Thema für junge Leute aller Geschlechter attraktiv zu machen, wird sich langfristig die Vielfalt an den Universitäten und Fachhochschulen verbessern. Informatik muss für coole und erstrebenswerte Karriereaussichten stehen – in jeder denkbaren Branche. Bis dahin wird der Circle Jerk weitergehen.

Am Ende also ein persönlicher Appell an alle Menschen, die zweifeln und die sich unsicher sind, ob sie in diesem Fach glücklich werden können: Tut es! Studiert Informatik! Wir brauchen euch.

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2 Reaktionen
marvin_stk
marvin_stk

Sehr guter Artikel, du sprichst mir aus der Seele!

Ich selber habe meinen Bachelor in BWL gemacht.
Und erst danach gemerkt, welches schöpferische Potenzial in der Informatik steckt(Start-up Szene, Digitalisierung, etc.), und wieviel spaß es macht dieses auszuschöpfen. Ich musste aber auch erst von meinem alten Chef in das kalte Wasser geschubst werden da ich einfach immer davon ausgegangen sei, Informatik sei eh zu schwer und zu kompliziert selber zu lernen. Mein damaliger Chef legte mir dann ein C# Buch vor. Damit habe ich angefangen. Und es hat mir spaß gemacht. So viel, dass ich ein paar Monate später den Job hinschmiss und als Quereinsteiger einen Master in Wirtschaftsinformatik anfing.

Was ich mit meiner kleinen persönlichen Geschichte sagen will ist, dass man es irgendwie schaffen muss die Eintrittsbarrieren der Informatik zu verringern. Vielleicht auch nicht unbedingt nur in der Schule sondern auch in der Freizeit. Die Informatik muss einfach ein ganzes stück weiter in den "Mainstream" unserer Gesellschaft rücken. Den Leuten muss bewusst werden, dass die Informatik so zentral ist, wie die Wirtschaft selbst.

Die Frage ist nur, wie man dies schaffen könnte?

Müssen vielleicht die Informatiker selbst auch einmal hinter ihren Rechnern hervorkommen und in der Öffentlichkeit mehr dafür einstehen, was sie alles leisten? Und was für grandiose mehrwerte sie für die Welt produzieren.

Moritz Stückler

Danke für das Feedback. Stimme zu. Es liegt auch an uns (den Informatikern), öfter zu zeigen, wie toll unsere Disziplin ist. Das passiert in meinen Augen leider viel zu selten.

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