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Netzanonymität: TOR-Projekt künftig mit eigenem Browser

Wer sich schon mal dafür interessiert hat, wie Anonymität im Web gewährleistet werden kann, ist dabei eher über kurz als über lang auf das Projekt TOR gestoßen. TOR bietet unter anderem ein Firefox-AddOn, den Tor-Button, der ein einfaches Ein- und Ausschalten der Anonymisierung ermöglichen soll. Jetzt will sich das Projekt von dieser Möglichkeit verabschieden und einen eigenen TOR-Browser als Fork des Firefox erstellen.

Netzanonymität: TOR-Projekt künftig mit eigenem Browser

TOR: Das Funktionsprinzip des Projektes

Die Anonymisierung über TOR (The Onion Router) basiert auf einem Netzwerk möglichst vieler, weltweit verteilt stehender Knotenpunkte. Dabei kann jeder User seinen Rechner als Knotenpunkt verfügbar machen. Jede Kommunikation im TOR-Netz wird nun über mindestens drei Knotenpunkte abgewickelt, wobei der einzelne Knotenpunkt immer nur seinen Vorgänger und seinen Nachfolger kennt. Über je mehr Knotenpunkte also die Kommunikation läuft, desto schwieriger wird sie rückverfolgbar. Der umgekehrte Schluss ist ebenso gültig und die deutliche Zunahme von Knotenpunkten in den USA und China könnte auf Versuche hindeuten, aus diesen Ländern TOR-Usern gezielt auf die Schliche kommen zu wollen. Überlebenswichtig für TOR als Anonymisierungsgarant ist daher eine breite Nutzerbasis mit vielen Knotenpunkten.

TOR: Anonymität und Schutz der Privatsphäre im Netz

TOR/Vidalia und der Tor-Button

Um TOR nutzen zu können, installieren sich Nutzer in der Regel das TOR-Vidalia-Bundle. Dieses beinhaltet neben dem TOR-Client die grafische Benutzeroberfläche Vidalia und das Firefox-Addon TOR-Button. Über Vidalia meldet man sich am Netzwerk an und ab und kann sich die aktiven Knotenpunkte auf einer Weltkarte visualisieren lassen. Etwaige Web-Software, insbesondere müssen dann durch den Benutzer so konfiguriert werden, dass sie ihre Kommunikation über das TOR-Netz abwickeln.

Unter anderem da mit dieser Zusatzkonfiguration viele, wenn nicht die meisten reinen User überfordert waren, wurde dem Vidalia-Bundle auch das Firefox-Addon TOR-Button beigefügt. Der TOR-Button integriert sich unten rechts in der Statusleiste des Firefox und visualisiert, ob die Verbindung zur aktuellen Website über TOR abgesichert läuft oder nicht. So kann ein und derselbe Firefox genutzt werden, um mal ganz konventionell im Web zu surfen und im nächsten Moment abgesicherte Kommunikation zu betreiben und wenn es nur dazu diente, irgendwo anonym einen derben Kommentar hinterlassen zu wollen.

Die An-/Abschaltemöglichkeit macht zudem deshalb Sinn, weil das Surfen über das TOR-Netzwerk in den meisten Fällen eine absolut langsame Erfahrung ist. Die Geschwindigkeit wird immerhin von den technischen Möglichkeiten der einzelnen Knotenpunkte und ihrer Anbindung ans WWW bestimmt. Wenn da nun einer sein 56k-Modem zum Knoten macht...

TOR: Der Button soll weg

Dieser Tage ist TOR-Entwickler Mike Perry zu dem Entschluss gelangt, den TOR-Button auf längere Sicht nicht mehr zu unterstützen, vor allem da er für den normalen User darin ein Sicherheitsrisiko sieht. Mehrere Aspekte spielen hier laut Perry zusammen:

TOR anonymisiert User über mehrere Kommunikationsinstanzen hinweg. Wenn diese User aber nun recht viele besondere Merkmale mit übertragen, etwa eine bestimmte Kombination verschiedener, zusätzlich installierter Firefox-Addons, kann die Anonymität nicht immer hinreichend sicher gestellt werden. Es ist daher empfehlenswert, TOR mit einem Browser ohne zusätzliche Addons zu verwenden. Wer aber will auf die mittlerweile lieb gewonnenen Zusatzfunktionen verzichten, wenn er nur gelegentlich das TOR-Netzwerk benötigt?

Reine Verwender könnten aus Unachtsamkeit vergessen, den Button zu drücken und sich so auf sehr leicht, in Anonymität wähnend, rückverfolgbar machen. Zudem scheinen wohl Fälle bekannt zu sein, in denen der Button schlicht nicht funktionierte, was natürlich für den Verwender noch gefährlicher ist.

In Firefox gibt es Mängel, die kaum jemanden tangieren, außer diejenigen, die mit TOR arbeiten. Und das TOR-Projekt hat naheliegenderweise keinen Einfluss darauf, wie schnell die Firefox-Entwickler Fehler beheben, die sie für weniger prioritär halten. Laut Perry kann es in Einzelfällen bis zu drei Jahre dauern, bis Fehler mit geringer Priorität eine Behandlung erfahren.

Alles in allem ist Perry daher zu dem Entschluss gelangt, anstelle des TOR-Buttons einen dezidierten TOR-Browser auf der Basis eines Forks des Mozilla-Firefox-Projekts erstellen zu wollen. Hierdurch werden nicht nur die Verwendungsrisiken auf Seiten der Benutzer minimiert, da der TOR-Browser immer TOR nutzt, sondern auch die technische Optimierung der nur für TOR relevanten Browserfunktionalität wäre damit erstmalig möglich. Der TOR-Browser soll zusätzlich zu einem weiteren Firefox installiert werden können und dann tatsächlich als ganz eigene Anonymisierungslösung klar und eindeutig neben der für den Alltagsbedarf installierten Variante mit allen Addons stehen.

Nicht jeder empfindet Sympathien für diese Vorgehensweise, wie die Kommentare im TOR-Blog , aber auch in den diversen Mailinglisten zeigen. Kritik kommt dabei hauptsächlich von Experten, denen auch bisher schon die Konfiguration der TOR-Nutzung (z.B. über separate Nutzerprofile) keine Probleme bereitet hat. Mit Blick auf den reinen Verwender, etwa den Journalisten in einer Krisenregion, wird man Perry Recht geben müssen. Je einfacher und automatisierter, sowie zuverlässiger eine Verbindung zu TOR hergestellt werden kann, desto sicherer ist das.

Wie seht Ihr das? Verwendet Ihr TOR überhaupt, regelmäßig, weniger regelmäßig? Haltet Ihr das Netzwerk für sicher?

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4 Antworten
  1. von Name* am 09.05.2011 (13:17 Uhr)

    "Haltet Ihr das Netzwerk für sicher?"
    Das einzige was man mit Sicherheit sagen kann ist, dass es niemals absolute Sicherheit geben wird.

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  2. von renew am 09.05.2011 (13:47 Uhr)

    Da kann ich nur zustimmen, denn wenn etwas für sicher gehalten wird ist es schon geknackt - so wird es wohl auch immer bleiben!

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  3. von Vincent am 09.05.2011 (20:50 Uhr)

    Ich denke nicht das man diesen Browser dann 100% sicher nennen könnte.

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  4. von mr.hwp am 11.05.2011 (10:12 Uhr)

    Da die weltweite Root ("Laufwek APPA") des gesamten Internets seit den damaligen Studentenaktivitäten in den Anfängen der Emails etc. in den USA sich befindet, sprich alle Datenströme hierüber müssen, ist anonymes Surfen der krasse Witz einer unwissenden Generation von Usern weltweit. Nicht umsonst hat die USA es geschafft das geschlossene deutsche Forschungsinternet für sie "zu öffnen". Denn auch hier müssen alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen zuallererst in Englisch veröffentlich werden - warum wohl......?
    Also Sicherheit sieht anders aus...

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