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Startups

Telekom kündigt Überholspuren an: Jetzt geht es Startups an den Kragen!

    Telekom kündigt Überholspuren an: Jetzt geht es Startups an den Kragen!

(Grafik: Shutterstock-Poosan)

Es hat nicht lange gedauert: Kaum kippt das EU-Parlament die Netzneutralität, kommt die Telekom und macht deutlich, wie sie Startups künftig das wenige Geld aus den Taschen leiern will. Die Aufgeweckt-Kolumne von Andreas Weck.

Vor knapp einem Jahr hab ich mich in einem Artikel mit den Vorteilen der Netzneutralität für das Internet beschäftigt und darin klar skizziert, warum auch und gerade deutsche Startups verstärkt um diesen Grundsatz kämpfen sollten. Netzaktivisten weisen seit längerem darauf hin, dass die Abkehr von einem gleichberechtigten Datentransfer zu unnötig teuren Überholspuren führen würde. Auf gut Deutsch heißt das: Es war vorauszusehen, dass Startups, die sich und ihren Kunden eine schnelle Datenübertragung zusichern wollen, eine Art Internet-Maut an die Netz-Provider zahlen müssen.

Und ja, die Kritiker behielten Recht. Aus diesem Szenario wird nun nämlich bittere Realität, wie uns der Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges dreist vorführt.

Videokonferenzen und Online-Gaming als Angebote im Interesse der Allgemeinheit?

Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges: „Netzneutralität – Konsensfindung im Minenfeld“. (Foto: Wikimedia-Sebaso / CC-BY 2.0)
Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges: „Netzneutralität – Konsensfindung im Minenfeld“. (Foto: Wikimedia-Sebaso / CC-BY 2.0)

Zwar hat sich das EU-Parlament am Dienstag darauf geeinigt, dass Anbieter von Internetzugangsdiensten grundsätzlich den Datenverkehr „ohne Diskriminierung, Beschränkung oder Störung“ abwickeln sollen, jedoch wurden im selben Atemzug auch etliche Schlupflöcher in Form von Spezialdienste in das Gesetz eingebaut. Digitalkommissar Günther Oettinger (CDU) hatte diese Ausnahmen über Monate hinweg mit dem Argument verteidigt, dass natürlich nur Angebote im Interesse der Allgemeinheit bevorzugt behandelt werden dürfen – beispielsweise Notruf- und Telemedizin- sowie Dienste zur Steuerung des Verkehrsflusses. Doch das war eine Mogelpackung. Die Deutsche Telekom AG brauchte gerade mal 24 Stunden, um uns das unter die Nase zu reiben.

Timotheus Höttges schreibt in seinem Statement zur EU-Entscheidung: „Warum braucht es diese Spezialdienste im Netz? Das Internet ist vielfältig und bringt Dienste hervor, an die bis vor kurzem noch niemand gedacht hat. Das fängt bei Videokonferenzen und Online-Gaming an und geht über Telemedizin, die automatisierte Verkehrssteuerung und selbststeuernde Autos bis zu vernetzten Produktionsprozessen der Industrie.“ Falls es wer überlesen hat, hier noch mal: „Videokonferenzen und Online-Gaming.“ Ach so? So viel zu „Diensten im Interesse der Allgemeinheit“. Das sind Angebote, die ganz selbstverständlich im Alltag der Nutzer bedient werden. Es. Ist. Eine. Farce!

Netzneutralität kann man kaufen: Provider reiben sich schon die Hände!

Worauf werden wir uns also einstellen müssen? Vor allem darauf, dass Startups, die datenintensive Services anbieten, demnächst im Falle eines überlasteten Telekom-Netzes für die Bevorzugung ihrer Daten zahlen dürfen. Wortlaut Höttges: „In Zukunft wird es eben auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen!“ Was ein paar Euro mehr bedeutet, konnte man vor einigen Monaten schon in den USA sehen. Dort war der Streaming-Dienst Netflix gezwungen, derartige Übertragungs-Deals mit Comcast und Verizon einzugehen, die laut Experten in die Millionen gingen. Da reiben sich die Telekommunikationsanbieter hierzulande bestimmt schon die Hände.

Es kam nicht von ungefähr, dass die Kritiken in den letzten Monaten und Jahren so stark waren. Selbst der Vater des World Wide Webs, Tim Berners-Lee, mischte sich ein und befürchtete, dass das EU-Gesetz seine Vision eines freien weltweiten Netzes zerstört. Jetzt haben wir den Salat. Und wir alle werden das schon bald zu spüren bekommen. Nicht nur Startups, sondern auch deren Kunden, an die die Kosten weitergegeben werden. Einzige Nutznießer sind die Telekommunikationskonzerne, die jetzt noch reicher werden – trotz einer enormen Innovationsfaulheit.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Aufgeweckt“ findet ihr hier. Hier könnt ihr dem Autor zudem auf Facebookund Twitter folgen.

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19 Reaktionen
Carsten
Carsten

Erstaunlich wie schnell sich aus einem Thema ein Shitstorm entwickeln kann. Da kann ich nur an alle die sich daran beteiligen sagen: Schämt Euch. Nehmt Eure rosa Brille ab und kommt in die Wirklichkeit.
Aus mehreren Gründen befürworte ich die Vorgehensweise der Telekom und diese will ich auch erklären.
Fakt ist, dass das Datenvolumen im Internet immer mehr zu nimmt. Bei gleichbleibender Übertragungskapazität kommt es früher oder später zu Engpässen und zu Verzögerungen bei der Übertragung. Jeder der gerne Ladepausen in seinen Online-Filmen und Spielen hätte, kann also gerne weiter wettern. Alle anderen sollten sich die Frage stellen, was Ihnen der Luxus einer stöhrungs- und ruckelfreien Übertragung Ihrer Lieblingsfilme wert ist.
Auf der anderen Seite erfordert die Erhöhung der Übertragungskapazitäten eine nicht unerhebliche Investition. Und wer tätigt diese Investition? Ihr, die Ihr hier wettert und geifert? Wenn ja, dann habt Ihr allen Grund zu wettern. Wenn nicht solltet Ihr Euch fragen, aus welchem Grund die "bösen" Provider eine solche Investition tätigen sollten, wenn sie keinen Nutzen davon haben? Aus reiner Menschenliebe etwa? Seid bitte nicht so naiv.

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Daniel
Daniel

1.) Der Gesamte Traffic ist bereits bezahlt, die Telekomiker wollen hier nur doppelt abkassieren. Jeder der einen Server hat zahlt bereits für den Traffic und jeder der einen Internet-Anschluss hat zahlt bereits ebenfalls dafür. Die Investitionen in die Infrastruktur müssen von den Providern bei der Preiskalkulation berücksichtigt werden.

2.) Der Ausbau wird von unseren Steuern subventioniert, d.h. eig. zahlen wir schon mehr als doppelt. An den Gewinnen werden wir jedoch nicht beteiligt.

3.) Jeder Cent der in den Ausbau von Vectoring fließt sollte verboten werden, dann haben wir nämlich das gleiche Theater in 5 Jahren wieder.

4.) Hätte die Politik bereits vor 10 Jahren auf wirkliche Experten gehört - dabei nehme ich die Telekomiker und andere Provider bewusst raus, da deren Hauptinteresse darin besteht Geld zu verdienen - würden wir bereits im Glasfaser ersticken und müssten diese unsinnige Diskussion gar nicht erst führen. Bereits vor 10 Jahren gab es Vorschläge für einen Gesetzesentwurf der verbindlich vorschreiben sollte, das bei allen Tiefbauarbeiten Leerrohre für Glasfaser zu verlegen sind.

5.) Und was Videokonferenzen und Online-Gaming mit Spezialdiensten zu tun hat, verstehe ich auch nicht. Das sind ALLTÄGLICHE Dinge.

6.) Dieses Vorhaben öffnet der Willkür der Provider Tür und Tor. Deren Gier wird grenzenlos sein und das freie Internet für immer zerstören.

7.) Telekom enteignen. Infrastruktur hat bei privaten Unternehmen nichts zu suchen.

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Carsten
Carsten

Hallo Daniel,

natürlich ist der gesamte Traffic schon bezahlt. Es geht ja hier auch nicht darum ob die Daten übertragen werden, sondern nur wie schnell. Also entweder mit allen anderen im Stau stehen oder bequem und schnell auf der Überholspur an allen vorbei.
Mit dem Bus oder der Bahn fahren, sind auch alltägliche Dinge, aber trotzdem bezahlen wir dafür. Oder fährst DU schwarz?
Infrastruktur in der öffentlichen Hand? Gott bewahre uns davor. Man schaue sich nur die Qualität unserer Strassen an.

Daniel
Daniel

Hallo Carsten,

hier nochmal was zum nachdenken: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Vectoring-Plaene-der-Telekom-Verbaende-wenden-sich-hilfesuchend-an-Kanzleramtsminister-2877511.html

Die Telekom ist und bleibt ein Sauhaufen. Glasfaser für alle, dann braucht man auch keine Überholspuren. Wenn wir die Telekom weiter in ihren Vorhaben unterstützen, brauchen wir uns nicht wundern, wenn das Internet wie wir es kennen bald komplett ausgeschlachtet wird. Lieber in öffentlicher Hand, als zum Großteil bei der Telekom.

Daniel
Daniel

@Carsten: und das mit dem Stau musst du mir erklären, denn ich bezahle bei meinem Anschluss sowohl den Traffic als auch einen mindest Bandbreite. Die Telekom hat also dafür zu sorgen, das die Pakte mit dieser von mir bezahlten Geschwindigkeit übertragen werden. Subventionen, doppelt bezahlter Traffic und jetzt kommt der ober Hammer: Wenn du möchtest, dass ein Gebiet ausgebaut wird musst du dich im Zweifelsfall an den Kosten beteiligen. Aktuelles Beispiel: unsere Firma muss für den Glasfaseranschluss (da auf dem Land) nun einen fast 6-stelligen Betrag zahlen und jetzt will die Telekom noch mehr Kohle, sorry das ist ein Fass ohne Boden. Die sollen erstmal liefern, statt immer nur um noch mehr Geld zu betteln. Wir bezahlen doch nicht die Infrastruktur mit der sich die Telekom dann dumm und dämlich verdient. Also irgendwo ist eine Grenze und die wurde von den Telekomikern eindeutig überschritten.

Nachgedacht
Nachgedacht

Vor einigen Tagen meldete NRW noch stolz den Ausbau der Netzanbindung für strukturschwache Gebiete. Es werden Millionen Landesmitteln zur Verfügung gestellt, damit Privatleute und Unternehmen schneller im Netz unterwegs sein können. http://www.wdr2.de/nachrichten/wdrzweinamo158334.html

So stellt also die Allgemeinheit (Private wie Unternehmen durch ihre Steuern oder über die Verschuldung des Landes-NRW / des Bundes) die Finanzierung eines Netzausbaus auf die Beine und übergibt dies zur Nutzung an private Unternehmen, das dann die Bedingungen für den Zugang/die Nutzung diktieren können (natürlich in einem rechtlich gesicherten Rahmen).

Zusammenfassung:
wir machen also etwas schneller, bezahlen dafür und am Ende kann das dann ein Unternehmen einschränken und künstlich langsamer machen, wenn wir nicht für die schnellere Geschwindigkeit zusätzlich regelmäßig zahlen wollen - interessant.

Oder habe ich da was falsch verstanden?

Antworten
Ron
Ron

Als erstes: "Es war vorauszusehen, dass Startups, die sich und ihren Kunden eine schnelle Datenübertragung zusichern wollen, eine Art Internet-Maut an die Netz-Provider zahlen müssen." schreiben, dann aber negieren, welche Möglichkeiten ein Startup nur hat um ihrem Kunden tatsächlich etwas _zusichern_ zu können.

Sie müssen - oh Wunder - mit dem Unternehmen, dass den Datentransport übernimmt einen Vertrag abschließen, dass dann zusichert das ihre Daten ohne Umwege beim Kunden landet.

Wie wird das Argument begründet, dass die Telekommunikationsunternehmen Innovationsfaul sind? (LTE, VDSL, ... huh?)

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S.
S.

Innovationsfaul = Gerade LTE etc. siehe hier, nur ein Beispiel- wenn du mal danach schaust wirst du zich Artikel finden, die sich damit beschäftigen. Was Netz- und Technologieausbau in Deutschland betrifft leben wir in einem Entwicklungsland:
http://www.trendsderzukunft.de/mobilfunk-deutschlands-ueberteuerte-datentarife/2015/05/22/

und der Netzausbau in Deutschland, um nur einen zu nennen: Die Telekom selbst ist im Netzsausbau nicht gerade sehr Innovativ und vorallem schnell.

Oft wird der Netzausbau aus "anderen Mitteln" bezahlt, nicht aber von dem Unternehmen, dass Geld damit verdient, seltsam oder?

Gruß

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Mark

Einheitlich kaum zu glauben das dies Wirklichkeit geworden ist. Eine Beschneidung des Webs in den verschiedensten Punkten muss befürchtet werden.
Wenn erst die großen anfangen werden die kleinen nachziehen...

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manni65929
manni65929

Es wird kein Weg daran vorbeiführen: Websitenbetreiber die auf der Überholspur fahren, ohne dass sie essentielle Dienste anbieten, müssen angeprangert werden. Wie wär's mit einem Blocker, der ähnlich wie AdBlock, die bevorzugten Seiten ausfiltert und auf Wunsch des Nutzers blocked? Man könnte auch - oder zustätzlich - ein Verzeichnis von Sites einrichten, die qualitativ hochwertig sind aber eben nicht bevorzugt behandelt werden...

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S
S

Und das wird dann wie mit AdBlock funktionieren? Wer zahlt, dessen Werbung wird nicht geblockt? So etwas wird nie funktionieren.

Dafür ist das Ganze auch nicht gemacht, es ist dafür dar Konzernen wie der Telecom einen pralleren Geldbeutel zu verschaffen. Für etwas anderes wird es wohl auch nicht eingesetzt werden.

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mica
mica

In der Türkei wird zensiert und gesperrt, ist das jetzt der Anfang in Deutschland? Werden wir auch so enden?

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Felix
Felix

Tja, und wer hatte da natürlich mal wieder seine Finger im Spiel? Der werte Herr Oettinger.. Googled mal, was der sonst noch so für glorreiche Errungenschaften gemacht hat.

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stefan
stefan

Ist das Netz nicht erst durch Startups groß geworden? Schande!!!

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Daniel
Daniel

Um uns Gehör zu verschaffen und etwas Druck aufzubauen, sollten alle IT'ler in Europa mal für einen Tag die Arbeit einstellen, da würden die sich ganz schnell nach unseren Wünschen richten, Lobby hin oder her. Die wüssten nicht mehr wo oben und unten ist nach dem Tag und das wird dann solange gemacht bis die verstanden haben, dass hier eindeutig eine Grenze überschritten wurde. Das ist auf so viele Arten pervers. An Dreistigkeit kaum zu überbieten wie die Drosselkom nach nur zwei Tagen, damit um die Ecke kommt. Infrastruktur hat in privater Hand nichts verloren, das ist mal wieder Beweis dafür.

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S.
S.

Es ist eine Frechheit, dass die Regierung(en) kein Interesse am Wohl des Volkes und der Freiheit haben. Der Lobbyismus regiert Deutschland. Trotz der Wiederstände wird alles durchgeboxt, was den Lobbyisten gefällt. Alles um die eigenen Taschen zu füllen.

Wir befinden uns in einem Land, dass den Fortschritt künstlich bremst. Damit ist Deutschland nicht alleine, aber hier ist es extrem. Die Offenlegung der Lobbyisten-Namen wurde gerichtlich angeordnet. CDU/CSU weigern sich dennoch, in Finnland ist das Standard-Guthaben für Internetnutzung bei 50 GB in Deutschland bei 500 MB und damit belegen wir einen der letzten Plätze.

Kontroll- und Geldsucht, kein Interesse am Gemeinwohl, Existenzgründung oder Freiheit. Es wird einfach nicht besser. Das VOLK sollte die Regierung verklagen - mit erheblichen Konsequenzen. (Einfacher geschrieben als getan), aber diese Regierung und auch andere haben einfach versagt und werden es auch nicht verbessern.

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Thorsten
Thorsten

Die Widerwärtigkeit der großindustriellen Lobby kennt keine Grenzen. Es ist nun Aufgabe des Staates sich das Geld dieser aufgeblähten Riesen über die Steuer wieder zurückzuholen. Ansonsten können wir die Demokratie gleich auflösen und die Staatsführung an die Köpfe der führenden Konzerne übertragen. Das wäre wenigstens erhlich.

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irgendeinem Spinner
irgendeinem Spinner

Es ist ein Trauerspiel. Bleibt uns nur die Provider zu meiden die die Netzneutralität unterwandern, sofern das denn öffentlich bekannt wird.

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