Klasseneinteilung statt Netzneutralität
Der Telekom-Chef René Obermann sieht ein Kapazitätsproblem auf uns zukommen. Gerade durch die zunehmende mobile Internetnutzung seien in naher Zukunft Probleme vorprogrammiert. Wie schon in einigen Ballungsgebieten beispielsweise in den USA zu beobachten, könnte das Kapazitätsproblem auch bei uns schon bald für unterbrochene Mobilfunkgespräche, ruckelnde Videos und ein allgemein verlangsamtes Internet sorgen. Seine Forderung deshalb: Netzkapazitäten müssen besser gemanagt werden, indem verschiedene Qualitätsstufen für verschiedene Dienste eingeführt werden. Wer die beste Qualität und damit auch die höhste Geschwindigkeit wolle, müsse eben für diese zusätzliche Leistung auch zusätzlich zahlen.
Netzneutralität ist eine Scheindebatte
Einen Verstoß gegen die Netzneutralität will Obermann darin aber nicht sehen: „Ich kann nicht akzeptieren, dass wir unsere Netze ständig mit Milliarden modernisieren, ohne neue Umsatzchancen zu haben. Ich sehe den Konflikt nicht.“ Gemeint sind die Investitionen in die kommende Long-Term-Evolution-Technologie (LTE) und andere Technologien für Breitbandnetze, die sich die Telekom in irgendeiner Form von den Nutzern zurückholen müsse. Sollte sich hier die europäische Regulierungsbehörde einschalten und eine Vermietung an Wettbewerber zu Billigstkonditionen verlangen, so wäre die Refinanzierung nur sehr schwierig zu realisieren.
Bei der Debatte um die Netzneutralität gehe es seiner Meinung nicht darum, dass unterschiedliche Dienste und Anwendungen unterschiedliche Brandbreiten erfordern, sondern einzig um den Preis:
Ich halte das für eine Scheindebatte. Dass unterschiedliche Anwendungen unterschiedliche Netzgeschwindigkeiten erfordern, leuchtet vielen ein, aber sobald ein Preis ins Spiel kommt, flammt eine Debatte auf als ginge es um Grundrechteentzug. Unterschiedliche Preismodelle gibt es doch schon heute: beispielsweise bei E-Mail-Services, in sozialen Netzwerken oder Inhalteangeboten. Wir sehen uns als Partner der Inhalteanbieter und wollen ihnen ermöglichen, immer bessere Angebote und Preismodelle an den Markt zu bringen.
„Wir sind keine Zensurbehörde!“
Den Vorwurf, die Telekom könnte mit diesem Klassensystem kleine Unternehmen und Startups benachteiligen, will Obermann scheinbar nicht so recht verstehen. Sollte es künftig möglich sein, dass Unternehmen für ihre Webangebote besonders schnelle Datenleitungen anmieten können, dürften diese unweigerlich teurer sein, als die „normalen“ Leitungen. Daraus ergibt sich für große, finanzkräftige Unternehmen ein Vorteil gegenüber Unternehmen mit geringeren finanziellen Mitteln. Obermann erklärt allerdings:
Werden innovative Unternehmen aus dem Markt gedrängt, wenn wir unterschiedliche Preismodelle einführen? Die Antwort ist klar nein. Warum sollten wir kleine Firmen ausschließen? Unser Interesse ist doch gerade das Gegenteil. Wir wollen möglichst viele junge, innovative Unternehmen als Partner gewinnen und ihnen tragfähige Geschäftsmodelle anbieten.
Netzneutralität ist mehr als ein theoretisch möglicher Zugang
Für Obermann scheint das reine Angebot schon für die Aufrechterhaltung der Netzneutralität auszureichen. Theoretisch habe ja jedes Unternehmen, ob nun Global Player oder Startup die Möglichkeit schnelle Datenautobahnen anzumieten. Dass in der Praxis die Datenautobahnen für die großen Unternehmen mit ihren Sportwagen reserviert bleiben und die kleinen Unternehmen mit den Kleinwagen auf der Kreisstrasse unterwegs sind, dafür werden automatisch die veranschlagten Preise sorgen. Wer ein Netz wolle, dass nicht nach marktwirtschaftlichen, sondern nur nach gesellschaftspolitischen Aspekten betrieben wird, müsse sich klar darüber sein, dass dies nur durch eine Verstaatlichung möglich sei, so Obermann weiter. Das könne er aber als Chef eines Ex-Staatskonzern nicht empfehlen.
Weitere Informationen und Links zum Thema Netzneutralität:
- "Wir sind keine Zensurbehörde!" - Interview mit René Obermann bei Zeit Online
- Netzneutralität: Google und Verizon legen 7-Punkte-Plan zur Zukunft des Internets vor - t3n News
- Netzneutralität: Google steht in den USA vor dem Kauf von Datenautobahnen - t3n News
- Netzneutralität und Transparenz: US-Regulierungsbehörde will ein offenes und freies Internet - t3n News
- Long Term Evolution (LTE) - Wikipedia-Artikel
Bildnachweis: Foto von nrkbeta auf Flickr. Lizenz: CC BY.


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6 Answers
von Netzneutralität: Google und Verizon leg… 19.11.2010 (12:26Uhr) 1.
[...] zum Thema: Netzneutralität: René Obermann für Klasseneinteilung der Netzgeschwindigkeit. Kommentieren 1 Twittern 42 Teilen 6 10.08.2010 Ähnliche News und ArtikelDie drei [...]
von René Passmann 19.11.2010 (12:37Uhr) 2.
Im Grunde gibt es doch jetzt auch eine "Zweiklassengesellschaft". Die normalen asynchronen DSLer sind ja auch bei weitem nicht so performant wie Festferbindungen (z.B. Telekom CompanyConnect). Die bei diesen speziellen Leitungen aufgerufenen Preise sind für kleine Unternehmen auch nicht bezahlbar.
In der Automobilbranche ist es doch ähnlich. Einige können sich nur einen Audi S5 leisten - andere eben den ebenfalls aus gleichem Hause stammenden Lamborghini. Beide können jedoch ans Ziel kommen mit ihrem Auto.
von Frank 19.11.2010 (15:51Uhr) 3.
Gerade das Beispiel mit der Fern-OP finde ich nicht einleutend. Wer soll denn die Bilder sehen? Die komplette Internet-Gemeinde? Dann sind nicht nur schnellere Leitungen, sondern Hochleistungs-Streamingserver erforderlich.
Bei einer Fern-OP muss der (Fern-)Arzt eine Verbindung zum OP-Saal haben. Früher hat man für solche Fälle dedizierte (Stand-)Leitungen angemietet - die hatte man exklusiv für sich. Gibt es die heute nicht mehr? Muss heute mit allem das Internet belastet werden?
von Frank 19.11.2010 (16:04Uhr) 4.
einleutend = einleuchtend ;-)
von happy-buddha 19.11.2010 (22:42Uhr) 5.
Klar, der Ausbau der Netze verschlingt viel Geld. Klar, das man das an anderer Stellen auch wieder reinholen muss. Ich denke, auch wenn nur Obermann es laut ausspricht, anderen Gesellschaften denken teilweise genauso. Nur die warten ab, wie sich die kritische Masse verhält.
von Netzneutralität: US-Regulierer verabsch… 22.12.2010 (13:01Uhr) 6.
[...] sorgen. Erst vor wenigen Wochen sorgte der Telekom-Chef René Obermann für Schlagzeilen, als er die Debatte um die Netzneutralität als Scheindebatte bezeichnete und sich für eine Klasseneinteilung der Netzgeschwindigkeit [...]