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Neuer Browser aus Deutschland: Cliqz soll das Internet revolutionieren

Neuer Browser aus Deutschland: Cliqz soll das Internet revolutionieren

Hubert Burda stellt mit Cliqz einen neuen Internetbrowser mit eigener Suchmaschine vor. Der besondere Clou: Die standardmäßige Anti-Tracking-Technologie ermöglicht dem Nutzer anonymes Surfen – und stellt die Werbebranche vor neue Herausforderungen.

Neuer Browser aus Deutschland: Cliqz soll das Internet revolutionieren
(Grafik: Hubert Burda Media)

Ankündigungen wie diese gibt es nicht allzu oft: Das Startup Cliqz, hinter dem sich mittlerweile mehrheitlich Hubert Burda Media verbirgt, hat heute einen eigenen für Windows und Mac vorgestellt. Erstmals darin integriert ist eine Suchmaschine, die die Navigation im Internet revolutionieren soll. Wieso? Weil sie dank eines eigenen Web-Index unabhängig von US-Anbietern, sprich Google funktioniert. Und weil eine neuartige Anti-Tracking-Technologie dem Nutzer anonymes Surfen garantiert – ohne Werbung per se zu blockieren.

Die Startseite des Cliqz-Browsers (Screenshot: Cliqz)
Die Startseite des Cliqz-Browsers (Screenshot: Cliqz)

Cliqz: „Wir müssen gar nichts über dich wissen“

Es ist ein Vorzeigeprojekt, das am Dienstagmittag im Münchener Arabellapark der Öffentlichkeit präsentiert wird. Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen ist da, und mit ihm die komplette Führungsriege von Cliqz, Gründer Jean-Paul Schmetz, die Managing Direktoren Marc Al-Hames und Jost Schwaner. Sie verantworten das Team von 93 Experten aus 28 Ländern, das in den vergangenen Jahren die Software entwickelt hat, die für nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in der Onlinewelt stehen soll. Aus „Wir müssen möglichst viel über dich wissen, um dir einen maßgeschneiderten Service anbieten zu können“ macht Cliqz nämlich dieses Versprechen: „Wir müssen gar nichts über dich wissen. Daten, die nötig sind, um dir einen maßgeschneiderten Service zu bieten, bleiben unter deiner Kontrolle.“

Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen (Foto: Hubert Burda Media)
Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen (Foto: Hubert Burda Media)

Konkret handelt es sich bei Cliqz um die Version 1.0 eines Browsers, der Suchmaschinen-, Browser- und Datentechnologie erstmals zu einer neuen Art der Web-Navigation vereint. Ohne den Umweg über externe wie Google oder Bing bewegt sich der Nutzer auf einer neuartigen Oberfläche, die eine Schnellsuche direkt im Browser ermöglicht. Gibt er Begriffe oder Namensbestandteile einer Website in die Browserzeile ein, erscheint direkt darunter eine Auswahl an Vorschlägen. Will der User umfangreich recherchieren, was dem Cliqz-Team zufolge eher selten vorkommt, kann er seine Suchanfrage zu der im Browser hinterlegten ergänzenden Suchmaschine weiterleiten. Das Konzept ist nicht ganz neu: Im Juni veröffentlichte das Startup „Cliqz for Firefox“ als Erweiterung für den Mozilla-Browser. In wenigen Monaten gewann die dort umgesetzte Schnellsuche über eine Million monatlich aktive Nutzer. Seit Ende 2015 gibt es Cliqz als eigenständigen Browser sowie als App für Android und iOS.

Das Anti-Tracking-Tool im Einsatz (Screenshot: Cliqz)
Das Anti-Tracking-Tool im Einsatz (Screenshot: Cliqz)

Neu in der gestern vorgestellten Version 1.0 ist dagegen die Anti-Tracking-Funktion – ein Tool, das bei Onlinevermarktern angesichts der Erfahrungen mit der „Tracking-Protection“ von Mozilla im privaten Firefox-Modus zunächst ein ungutes Bauchgefühl hervorrufen dürfte. Ein Adblocker also aus dem Burda-Verlag? Anzeigen werden nicht standardmäßig blockiert, betont das Entwicklerteam – „unsicheres“ Tracking durchaus. Darunter versteht Cliqz die Generierung all jener Datensätze, anhand derer einzelne Nutzer identifiziert werden können. Laut der eigenen Studie „Tracking the Trackers“ vom November 2015 ist dies bei circa drei Viertel aller Website-Aufrufe der Fall. Der mit Abstand größte Betreiber von Trackern sei Google: Bei rund 40 Prozent der Website-Aufrufe würden unsichere Daten an das Suchmaschinen-Unternehmen übertragen werden, schildert Cliqz.

„Wir spielen Werbung aus, aber es ist nicht mehr möglich, den Nutzer zu verfolgen.“

Mit einer selbst entwickelten Technologie will der Burda-Browser aus den Datensätzen von Trackern all jene herausfiltern, anhand derer einzelne Nutzer identifiziert werden können, und sie vor der Übermittlung so verändern, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen mehr möglich sind. „Daten, anhand derer Personen durchs Web verfolgt werden können, sollten erst gar nicht gesammelt werden“, sagt Cliqz-Geschäftsführer Marc Al-Hames. „Wir schützen unsere User davor, ungewollt sensible Daten zu übermitteln. Privates bleibt privat.“ Funktionen und Angebote, die einen sicheren Datentransfer gewährleisten können, funktionieren weiterhin uneingeschränkt, sodass die Betreiber von Websites beispielsweise weiterhin den Traffic sowie die Wirksamkeit ihrer Werbung messen können.

Marc Al-Hames (Foto: Cliqz)
Marc Al-Hames (Foto: Cliqz)

Dass es für Letztere vor allem im Umgang mit persönlichen Daten neue Regeln braucht, daraus machen die Münchener allerdings auch keinen Hehl. „Wir spielen Werbung aus, aber es ist nicht mehr möglich, den Nutzer zu verfolgen“, sagt Al-Hames. Und: „Wir achten momentan nicht allzu sehr auf die Werbe- und Trackingindustrie. Wir wollen ein gutes Produkt entwickeln.“

Cliqz: Die Frage der Monetarisierung

„Wenn die Nutzer das Produkt annehmen, finden wir einen Weg, es zu monetarisieren. Whatsapp hat das schließlich auch geschafft.“

Cliqz selbst will, wenn überhaupt, erst in Zukunft „mit Werbung auf der Grundlage innovativer Targeting-Möglichkeiten“ Geld verdienen. Dafür seien persönliche Daten aber nicht notwendig. Überhaupt halten sich die Münchener zurück, was Auskünfte über ihre Monetarisierungsstrategie  betrifft. Das können sie, weil Burda-CEO Kallen sagt: „Wenn die Nutzer das Produkt annehmen, finden wir einen Weg, es zu monetarisieren. WhatsApp hat das schließlich auch geschafft.“

Die Wahrung der Privatsphäre ist das Pfund, mit dem Cliqz um Nutzer wirbt. So speichert der neue Browser weder persönliche Daten noch IP-Adressen auf seinen Servern. Daten aus Suchanfragen werden von denen aus Website-Besuchen getrennt und als Einzelereignis erfasst, sodass Rückschlüsse auf einzelne Nutzer ausgeschlossen sind. Als Grundlage für den Cliqz-Web-Index dient die so genannte Human-Web-Technologie, bei der die Gemeinschaft der Nutzer – garantiert anonym natürlich – zum Aufbau von Webstatistiken beiträgt, beim Entdecken von Websites hilft und deren Relevanz bewertet. Zudem kombiniert Cliqz Ergebnisse der Suchmaschine mit Einträgen der Browser-Chronik und der Lesezeichen, um dem Nutzer individuelle Vorschläge machen zu können. Weil die Verarbeitung der Browser-Daten lokal auf dem Gerät des Users erfolgt, löst sich laut Cliqz-Gründer Schmetz auch der Widerspruch von Personalisierung und Datenschutz auf: „Wir bringen zusammen, was zusammengehört: Browser und Suche, Privatsphäre und Bedienkomfort, Datenschutz und Big Data.“

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4 Antworten
  1. von Feinripptraeger am 09.03.2016 (11:57 Uhr)

    Ui ..."whatsapp hat das auch geschafft ... " ... Kwt

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  2. von Phil am 09.03.2016 (13:21 Uhr)

    Ich habe den Browser getestet, aber solange es keine möglichkeit gibt einen Adblocker zu installieren, werde ich diesen nicht nutzen.

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  3. von 5kibbi am 09.03.2016 (15:40 Uhr)

    Ist auch nur ein Chrome. Habe mir von der eigenen Suchmaschine mehr gewünscht als nur ne Liste die in der Adresszeile auftaucht.

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