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Digitale Gesellschaft

Die letzte Bastion der Privatsphäre ist gefallen [Aufgeweckt-Kolumne]

    Die letzte Bastion der Privatsphäre ist gefallen [Aufgeweckt-Kolumne]

In der NSA-Affäre scheinen die Würfel gefallen: Die Regierung glänzt mit Nichtstun und der technische Schutz vor Spähangriffen scheint seit Neuestem komplett ausgehebelt. Die letzte Bastion der Privatsphäre wurde endgültig eingenommen, meint Andreas Weck in seiner Aufgeweckt-Kolumne.

SSL-Verschlüsselungen keine Hürde: NSA und GCHQ können sie umgehen

Die NSA soll auch mit SSL verschlüsselte Daten auslesen können. (Bild: Greg Goebel / Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0)
Die NSA soll auch mit SSL verschlüsselte Daten auslesen können. (Bild: Greg Goebel / Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Jetzt ist sicher, dass im Netz eigentlich nichts mehr sicher ist. Seit gestern Abend ist bekannt, dass die NSA, der GCHQ und mit ihnen die Geheimdienste der westlichen Partner-Staaten bereits seit gut drei Jahren die Möglichkeit besitzen, den so hoch angepriesenen Verschlüsselungsstandard SSL zu umgehen. Möglich ist das im Grunde nur durch Hintertürchen, die Internetunternehmen für die Schlapphüte eingerichtet haben, damit ihre „Man-in-the-Middle“-Angriffe problemlos funktionieren. Damit scheint eines klar zu sein: Die letzte Bastion, in der sich mündige Bürger geflüchtet haben, um ihrem Recht auf Anonymität und Privatsphäre im Netz Ausdruck zu verleihen, ist gefallen. Es gibt nicht mehr viele Orte im Internet, die dem alles-sehenden Augen der Schattenagenten entgehen. Rechte werden nicht nur tausendfach, sie werden millionenfach missachtet. Weltweit. Systematisch. Und politisch gewollt.

Im Laufe der Snowden-Leaks, die häppchenweise ans Tageslicht kamen und womöglich noch kommen, jagte ein Skandal den nächsten: Internetunternehmen kooperierten freiwillig oder wurden gezwungen, der Staatsmacht freies Geleit auf ihren Servern zu geben. Die Online-Kommunikation der Nutzer wird an Knotenpunkten transatlantischer Unterseekabel abgefangen und nahezu vollständig abgespeichert. Anonymisierungsnetzwerke wie Tor werden als unliebsam betrachtet und angegriffen. Der schwer zu knackende SSL-Standard verschiedener Diensteanbieter wurde umgangen, und – womöglich auf Druck der Regierungen – ganz einfach infiltriert. Ein „Knacken“ wäre somit gar nicht mehr nötig.

Man muss sich das mal kurz vor Augen halten: Verschlüsselungsmethoden, die uns vor wenigen Wochen noch von deutschen Politikern ans Herz gelegt wurden – als einziger Schutz vor den Spitzelaktionen – sind bereits seit einigen Jahren obsolet geworden und trotzdem verkaufte man sie uns immer noch für Gold. Man selber könne da gar nichts machen, die Bürger müssen sich selber um den Schutz ihrer Daten bemühen, sagte beispielsweise Innenminister Hans-Peter Friedrich zur Causa. Angesichts der aktuellen Erkenntnisse eine reine Farce.

NSA, GCHQ, BND: Die neue Achse des Bösen?

Die Zentrale des britischen GCHQ in Cheltenham. (Bild: Wikimedia Commons / Ministry of Defence Lizenz: Open Government License 1.0)
Die Zentrale des britischen GCHQ in Cheltenham. (Bild: Wikimedia Commons / Ministry of Defence Lizenz: Open Government License 1.0)

Doch was darf man von den Regierungen schon erwarten? Ist nicht auch und gerade im Zuge des Spitzelskandals klar geworden, dass man sich nicht gegenseitig ans Leder geht, sondern Hand in Hand am gleichen Strang zieht? Der eine bespitzelt den anderen, die Informationen werden ausgetauscht und keiner läuft  Gefahr, die eigenen Gesetze zu brechen. Was der Partner in seinem Hoheitsgebiet macht oder nicht macht, kann man sowieso nicht beeinflussen – schön, wie man dieses Argument ganz einfach für sich arbeiten lässt.

Und die Kontrollmechanismen, die solche Gebaren aufdecken und einschränken sollen? Nun ja, die Antwort ist ernüchternd: Unabhängige Kontrollorgane bekommen geschwärzte Akten zu Gesicht, wie uns der Vorsitzende des parlamentarischen Kontrollgremiums Thomas Oppermann via Twitter wissen lies. Ferner ist klar, dass Regierungen ihren eigenen Leuten eher selten auf die Finger hauen. Eine Exekutive, die Exekutiven überwacht, ist nicht zuletzt seit Montesquieu undenkbar.

Was bleibt uns als Bürger also noch, wenn wir uns technisch nicht wehren können und es so scheint, als ob uns die amtierenden Regierungen verraten haben? Sie abwählen? Offline gehen? Sich nur noch im Wald zum Gespräch verabreden? Klar ist, außer einem erhöhten Gefühl von Misstrauen bleibt uns aktuell nicht viel – zumindest, bis wir neue Bastionen errichtet haben. Vielleicht liegt in der Krise also auch eine Chance.

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4 Reaktionen
Simon

„Tja, die Mächtigen sind mächtig, weil keiner ihnen die Macht entzieht.“ - finde ich gut gesagt-)

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Elv
Elv

Danke für den Kommentar. Zu https habe ich kürzlich einen spannenden Artikel gelesen. Es wird standardmäßig mal wieder nicht das beste eingesetzt was geht.

http://www.heise.de/security/artikel/Zukunftssicher-Verschluesseln-mit-Perfect-Forward-Secrecy-1923800.html

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Andreas Weck

Hallo Sebastian, die einzige Lösung ist, dass der Bürger dieses Gebaren zum Wahlkampfthema macht und den Machthabenden deren Ämter entzieht - und zwar nicht nur hier, sondern überall in der westlichen Welt. Denn nur diese Sprache wird verstanden. Bis dahin wird es aber noch ein langer Weg sein und viele Diskussionen müssen geführt werden. Das Thema triggert 15 Prozent der Wählerschaft hab ich letztens einer Meinungsumfrage entnommen. Tja, die Mächtigen sind mächtig, weil keiner ihnen die Macht entzieht.

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Sebastian
Sebastian

Andreas, ein guter Kommentar, der mir aus der Seele spricht. Ich bin auch sehr besorgt über diese Entwicklung. Die einzige Lösung besteht m. E. nur darin, den Staaten gar nicht die Macht zur Kontrolle zu geben. Und das funktioniert nur dann, wenn sie a) so klein sind, dass jeder genau weiß, was vor sich geht. Und b) ihr Aufgabenbereich und Budget derart zusammengeschnitten wird, dass man nicht mehr 'mal eben' 250 Mio. zum SSL knacken aufwenden kann. Die freie Welt - sofern sie das noch sein will - muss sich komplett neu struktieren. Gebt das Geld den Gemeinden und Regionen - und schaut da (vor der eigenen Haustür!) genau auf die Finger der Mächtigen!

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