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Analyse

Oliver Samwer auf der Rocket-Hauptversammlung: „Wir lieben Krisen“

    Oliver Samwer auf der Rocket-Hauptversammlung: „Wir lieben Krisen“

(Quelle: Rocket Internet)

Das neue Erfolgsmodell von Rocket Internet heißt Bescheidenheit. Statt von großen Zielen und Visionen spricht Unternehmenschef Oliver Samwer über das Scheitern – und wirbt um Geduld.

Rocket Internet ist der wohl bekannteste Company-Builder in Deutschland. Die Firmenschmiede der Samwer-Brüder konzentriert sich auf Marktplätze, E-Commerce, FinTech und die Reisebranche. Externe Bewerbungen von Startups sind allerdings nicht die Regel – vielmehr entscheidet Rocket selbst, in welchen Regionen und Geschäftsmodellen das größte Potenzial liegt und setzt entsprechende Teams zusammen, um die Herausforderung anzugehen.
Rocket-Chef Oliver Samwer wirbt auf der Hauptversammlung um Verständnis für das Geschäftsmodell. (Quelle: Rocket Internet)

Oliver Samwer übt sich in Transparenz und Bescheidenheit

Neu ist nicht nur die Professionalität auf der Hauptversammlung von Rocket Internet. 2015, auf dem ersten Aktionärstreffen, mangelte es vor allem an Platz. Es fehlten Stühle, der Raum in der Nähe des Bahnhofs Zoo war beengt, Anleger mussten stehen. In diesem Jahr ist das anders. Der Startup-Inkubator hat die damalige Kritik seiner Aktionäre offenbar ernst genommen, ist mit seiner Hauptversammlung in den Rocket-Tower umgezogen, hat den Jahresbericht ausgelegt, mehr Helfer engagiert. „Ein erheblicher besserer Raum“, lobt sogleich auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger.

„Wir scheitern oft, aber wir scheitern nicht mit vielen Verlusten.“

Neu ist aber vor allem die Zurückhaltung, mit der Rocket Internet in diesem Jahr antritt. Oliver Samwer, dunkler Anzug, hellblaues Hemd, rot-weiße Krawatte, spricht leise, ruhig, erklärend. Statt wie in den vergangenen Jahren große Visionen an die Wand zu werfen, redet er dieses Mal über das Scheitern. „Um eins ganz deutlich zu sagen: Die meisten Unternehmen, die wir finanzieren, werden nichts“, sagt der Chef des Startup-Inkubators. Das sei im Unternehmertum so und das sei auch im Internet so. „Wir scheitern oft, aber wir scheitern nicht mit vielen Verlusten.“

Man müsse die Fähigkeit haben, etwas anfangen und wieder beenden zu können – „auch wenn das emotional nicht so einfach ist“. Mit der Unternehmensaufgabe hat der Rocket-Chef Erfahrung: Erst kürzlich musste er den digitalen Wochenmarkt Bonativo einstellen, davor war er schon mit Eatfirst und Shopwings gescheitert. Statt diese Pleiten zu beschönigen, erklärt Samwer sie jetzt zur Unternehmensstrategie.

Man könnte diese Selbstreflektion als Motto der Hauptversammlung bezeichnen: Oliver Samwer und seine Mitstreiter wollen ein differenziertes Bild von Rocket zeichnen, ein selbstkritsiches Bild. Statt wie in den Vorjahren davon zu sprechen, der größte Unternehmensbauer der Welt zu werden, vermeidet Samwer allzu kühne Visionen. Der Geschäftsführer zeigt lieber die tatsächlichen Erfolge für Rocket auf, den Verkauf von Lazada, die starken Umsatzsteigerungen.

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„Mein Gott, wie löse ich diese 20.000 Probleme?“

Die Sprache passt zum Jahresbericht, den das Berliner Unternehmen im April vorgelegt hat. Damals strich es die Bezeichnung „Proven Winners“ aus seinem Vokabular. Mit diesem Begriff hatte Rocket bis dahin stets die Unternehmen mit besonders hohen Umsätzen oder Finanzierungsrunden bezeichnet. Stattdessen nennt der Inkubator diese Firmen nun „ausgewählte Portfoliounternehmen“. Allein das zeigt schon, dass auch Rocket begriffen hat, dass es sich nicht so gut von Gewinnern sprechen lässt, wenn kein Unternehmen Gewinne schreibt.

Man könnte sagen: Samwer hat dazu gelernt. Er beschönigt nicht mehr alles, sondern spricht auch über Probleme, über Zweifel. In seinem Vortrag merkt er an, dass es bei keinem Unternehmen nur nach oben gehe. „Bei jedem Unternehmen stehen Sie vor dem Spiegel oder unter der Dusche und fragen sich: Mein Gott, wie löse ich denn diese 20.000 Probleme?“ Das sei aber notwendig, um Exits wie Lazada zu ermöglichen. Bei dem Verkauf des Unternehmens an Alibaba hatte Rocket seinen Einsatz verachtzehnfachen können.

Auch die eigenen Ziele formuliert Samwer deutlich vorsichtiger. Zum dritten Quartal 2015 hatte er versprochen, dass in den nächsten 18 Monaten ein Startup an die Börse gehen werde. Auf die Frage eines Anlegervertreters, wann das der Fall sei und welches Unternehmen dafür wahrscheinlich sei, antwortet er: „Eine Aussage, wann wer an die Börse geht, möchte ich nicht treffen“, sagt er. Die Hälfte hänge vom Unternehmen ab, die Hälfte vom Markt. Wenn er nun sage, welche Startups an die Börse gehen könnten und sie gingen dann doch nicht, dann werde ihm dies wieder vorgehalten. Er verrät nur so viel: „Die Unternehmen mit höheren Umsätzen sind die wahrscheinlicheren.“ Es ist ein Werben um Verständnis, ein Werben um Geduld.

Begrenzte Transparenz

Vielleicht hat Rocket Internet auch deshalb das Thema Transparenz so prominent im Vortrag platziert. Dabei geht es nicht nur um die Aufnahme in den Prime Standard der Deutschen Börse, die der Konzern anstrebt. Auch die Lage der einzelnen Startups wird thematisiert. „Wir werden weiter die Transparenz des Unternehmens erhöhen“, verspricht Samwer. Und schränkt dann ein: „Bei mehr als 100 Unternehmen ist alles begrenzt. Wir könnten den Geschäftsbericht auch auf 2.000 Seiten abdrucken.“

„Die Fragen hören ja gar nicht mehr auf!“ 

Die neue Bescheidenheit heißt dementsprechend nicht, dass Samwer keine klaren Aussagen trifft. „Wir werden die Unternehmen sehr viel näher an die Profitabilität bringen“, sagt er. Gleich am Anfang der Hauptversammlung macht er klar: „Am Ende soll ein tragfähiges und profitables Unternehmen stehen.“ Während es 2014 um die Rollouts ging und 2015 um Skalierung, soll sich in den nächsten Jahren alles um ein „gut balanciertes Wachstum mit signifikanter Verbesserung der Profitabilität“ drehen. Gleichzeitig will Rocket auch neues Kapital einsammeln und holt sich dafür die Erlaubnis.

Auch auf sein Markenzeichen, die markigen Sprüche, verzichtet er nicht. „Wir lieben Krisen, weil in Krisen diejenigen die besten Chancen haben, die Kapital haben und an die Zukunft glauben“, so Samwer. Damit spielt er auf die Rocket-Rücklagen von 1,8 Milliarden Euro an. Und als er die vierzehnte Anlegerfrage beantworten soll, sagt er: „Die Fragen hören ja gar nicht mehr auf!“

Infografik: Rakete entpuppt sich als Tiefflieger | Statista Der Rocket-Aktienkurs hat in den vergangenen Jahren deutlich an Beliebtheit verloren. (Quelle: Statista)

Thema auf der Hauptversammlung ist auch der Aktienkurs: Er hat sich im Vergleich zum Emissionspreis mehr als halbiert. Samwer sagt, dass er nicht glaube, dass der aktuelle Kurs den Börsenwert darstelle. Gleichzeitig verdeutlicht der Rocket-Chef aber auch, dass er die Aufregung nicht so richtig versteht. Auf die Frage eines Anlegers nach dem Aktienkurs sagt er: „Am Tag beschäftigen wir uns mit den Unternehmen und in der Nacht auf dem Weg nach Hause schauen wir uns den Aktienkurs an.“ Die Botschaft: Der Kurs ist für ihn zweitrangig. Auf der Noah-Konferenz hatte er es am Mittwoch sogar noch deutlicher formuliert: „Den Aktienkurs schaue ich mir alle zwei Wochen an, wenn ich am Wochenende gelangweilt bin.“ Vor den Aktionären hat er sich diese Deutlichkeit lieber gespart.

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