Microsoft ist bislang immer der beste Kandidat, wenn es um ein Beispiel für das Gegenteil von Open Source geht. Der Firma scheint jedes Mittel Recht, um einen Konkurrenten aus dem Rennen zu werfen. Produkte von anderen werden bekämpft - mit aller Macht. Es reichte in der Vergangenheit nicht selten, ein eigenes Produkt anzukündigen, um Mitbewerber mundtot zu machen.
Microsofts Geschäftsmodell basiert vollständig darauf, eigene Standards zu setzen und diese dann zu vergolden.
Immerhin haben sie es damit geschafft, zahlreiche Konkurrenten auszuspielen. Vor 30 Jahren war das Rennen noch offen, heute ist es vielfach zugunsten von Microsoft gelaufen.
Die erfolgreichen Liliputaner
Was den Softwareriesen allerdings nun wanken lässt, sind die Liliputaner. Nicht eine fass- und angreifbare Firma gefährdet den künftigen Geschäftserfolg, sondern eine Community von Menschen überall auf der Welt, die viel Zeit und Mühe investieren, um freie und offene Alternativen zu schaffen. Die Rede ist natürlich von Open-Source-Software.
Microsoft hat versucht, diese neue Konkurrenz zu bekämpfen. Dabei haben sie aber bislang übersehen, dass sie gar nicht auf ihrem angestammten Markt angegriffen werden - es entsteht ein neuer Markt, an dem sie nicht oder zumindest kaum teilnehmen und immer mehr Kunden wechseln dorthin.
Die weichgeklopften Riesen
Nun scheint ein Umdenken bei Microsoft eingesetzt zu haben. Die ersten Anzeichen waren noch klein und unscheinbar, wie beispielsweise der Microsoft Web Platform Installer, den wir hier vorgestellt haben. Über ihn kann man sich Open-Source-Applikationen wie WordPress oder Drupal bequem installieren. In der Windows Web App Gallery gibt es eine Übersicht dazu. Microsoft baut dieses Thema jetzt weiter aus. Vielleicht mit dem Gedanken: Wenn ich es nicht verhindern kann, will ich es zumindest steuern. Oder auch getreu dem Motto: Umarme, wen du nicht besiegen kannst.
Microsofts Server- und Business-Tool-Chef Bob Muglia ließ sich kürzlich gar zu der Aussage hinreißen, in nahezu allen Microsoft-Produkten werde man künftig Open Source finden. Für wen Linux und MySQL die besseren Lösungen seien, der solle sie „selbstverständlich“ einsetzen. Sind das wirklich Mitarbeiter einer Firma, die quelloffene Software einst als „unamerikanisch“ oder auch als „Krebsgeschwür“ bezeichnet hat?
Selbst Microsoft-Chef Steve Ballmer zeigte sich bereits überraschend offen für neue Denkansätze. Eine Open-Source-Rendering-Engine wie WebKit im Internet Explorer einzusetzen, wies er nicht etwa brüsk von sich, sondern fand die Idee "interessant". Eine Rolle könnte hier Dauerrivale Apple spielen: Die Computer-Pioniere haben sich bekanntlich gerade auch mit Open-Source-Software vor dem drohenden Ende gerettet. Das Betriebssystem OS X auf ihren Macs und iPhones basiert vielfach auf Open Source, ebenso der Browser Safari. Hier bekommt Microsoft vorgeführt, wie man Open Source nutzen kann, um am Ende dann doch geschlossene Systeme zu verkaufen. Gut finden muss man das nicht. Aber das WebKit-Projekt dürfte davon beispielsweise erheblich profitiert haben.
Neuestes Beispiel eines neuen Kurses im Hause Microsoft ist diese Broschüre (PDF). Open-Source-Software habe sich als „beständiger Teil der Informations- und Kommunikationstechnologie“ etabliert. In einer „Welt voller Auswahl“ würden die Nutzer auch künftig auf eine Mischung aus kostenloser, quelloffener und proprietärer Software zurückgreifen können. Das bringe einen „gesunden Wettbewerb“. In der Folge wird detailliert erklärt, was es mit Open Source auf sich hat. Natürlich verweist Microsoft auch darauf, dass mehr als 80.000 Open-Source-Programme für Windows existieren.
Das „Reich des Bösen“
Aber ist das alles nur eine neue Sprachregelung, ein Akzeptieren des Unabwendbaren? Oder steckt zumindest ein Fünkchen echter Überzeugung dahinter, dass Offenheit und Wahlfreiheit die Zukunft gehört?
Als langjähriger Beobachter von Microsoft mag man kaum glauben, dass diese Firma in den nächsten Jahren zum ehrlichen Förderer und Streiter für Open-Source-Software werden könnte. Stutzig macht allerdings, wenn Köpfe wie Sam Ruby von IBM zu Microsoft gehen. Zweiflern hielt der „Open-Source-Guru“ entgegen, dass IBM 1981 auch noch „das Reich des Bösen“ gewesen sei.
Am Ende von Microsofts Open-Source-Broschüre jedenfalls heißt es in die Zukunft blickend: „Wir erwarten, dass diese Schritte den Beginn und nicht etwa das Ende einer Reise markieren - und wir erwarten, dass es nicht immer einfach oder unkompliziert sein wird, die richtige Balance zu finden.“
Bevor wir jetzt aber alle vor Rührung in Tränen ausbrechen: Microsoft macht zugleich auch klar, dass sie Open Source als „Ergänzung“ ansehen - und ihre Produkte natürlich nicht wegzudenken sind. Aber was soll eine börsennotierte Firma auch anderes sagen?
Trotzdem schön zu sehen, welche Macht Open Source inzwischen hat. Ganz offensichtlich ist quelloffene Software zu einem Faktor geworden, den auch ein Branchenriese wie Microsoft nicht mehr ignorieren kann.









14 Antworten
von rolf66 27.03.2009 (16:39Uhr) 1.
erst klagen en masse einreichen gegen tomtom und diverse linuxgeschichten einreichen und dann einen auf open source machen?
von Fix 27.03.2009 (17:59Uhr) 2.
...einen auf open source machen und dann die anderen platt machen...
von Perun 28.03.2009 (02:07Uhr) 3.
Das Microsoft auch OpenSource unterstützt ist nix neues ... eigentlich ein sehr alter Hut:
- CodePlex is Microsoft's open source project hosting web site
- Paint.NET
- OpenSource-Bereich bei Microsoft.com
- Microsoft eröffnet Open-Source-Zentrum in Deutschland
Das sind nur ein paar Links, die ich auf die Schnelle fand.
von Andreas Lenz 28.03.2009 (10:35Uhr) 4.
Wer sagt, dass das was neues sein soll? Wir berichten seit Jahren sehr aufmerksam zu Microsofts Handlungen im Open Source Bereich und haben das Thema genau im Scanner.
- Open Source Guru Sam Ruby geht zu Microsoft
- Open Source bald in allen Produkten?
- Microsoft gründet Open-Source-Zentrum in Deutschland
- Microsoft als Open-Source-Verteiler
...
In den letzten Monaten, Wochen und Tagen hat das Thema allerdings eine deutliche Spitze erreicht, die inzwischen Grundsätze der Microsoft-Firmenphilosophie berührt. Mit dem gerade veröffentlichten Open Source Whitepaper und der Keynote des Microsofts Vertriebs Chefs auf der Open Source Conference in San Fransisko diese Woche, gewinnt "Open Source bei Microsoft" bei erneut deutlich an fahrt.
Dieser Artikel zeichnet aus meiner Sicht eine Entwicklung nach, die wie die Überschrift richtig sagt, mit einer "180-Grad-Wende bei Microsoft" in Richtung Open Source vergleichbar ist.
von Perun 28.03.2009 (11:38Uhr) 5.
@Andreas,
Wer sagt, dass das was neues sein soll?
dann lies dir doch einfach noch einmal die Überschrift und den ersten Absatz durch. :-) Dort steht z. B. kein Hinweis auf die von euch aufgelisteten Artikeln.
Und "180-Grad-Wende" heißt das sich jemand komplett umgedreht hat und das stimmt aus zwei Gründen nicht, weil zum einen MS schon vorher OpenSource unterstützt hat und zum zweiten weil, wie es im Beitrag auch heißt, MS die OpenSource als Ergänzung ansieht.
180-Grad-Wende würde folgendes bedeuten: ich lehne vorher etwas 100% ab und wende es dann zu 100% an.
von Timo Heuer 28.03.2009 (14:32Uhr) 6.
Perun, wär das von dir Beschriebene nicht dann eine 360-Grand-Wende ;)
von Perun 28.03.2009 (14:40Uhr) 7.
@Timo,
360° bedeutet, dass ich mich auf den Ausgangspunkt begebe, weil ein Kreis halt eben nur 360° hat :-)
12h auf der Uhr = 0°
6h auf der Uhr = 180°
Wieder zurück auf 12h = 360°
von Timo Heuer 28.03.2009 (14:42Uhr) 8.
oh, ja, da habe ich wohl zu kurz gedacht ;)
360° würde ja bedeuten, dass sich eigentlich nichts verändern ;)
von Andreas Lenz 28.03.2009 (14:44Uhr) 9.
nun ja, worum geht es hier? doch um die aussage, dass microsoft konzernpolitisch einen wandel durchmacht. @perun: siehst du das anders? kann deine intension bzw. deinen standpunkt gerade nicht wirklich verstehen. auf was möchtest du hinaus?
von Perun 28.03.2009 (14:45Uhr) 10.
@Timo,
360° würde ja bedeuten, dass sich eigentlich nichts verändern ;)
Evtl. hat ja dann zumindest ein paar Kilokalorien verbraucht :-)
Ist sehr wichtig, wenn man eine sitzende Tätigkeit ausübt.
von Jan Tißler 29.03.2009 (11:15Uhr) 11.
Hi Perun, zwischen "Krebsgeschwür" (2001) und "beständiger Teil der Informations- und Kommunikationstechnologie" (2009) liegt für mich eine 180-Grad-Wende. Dennoch habe ich sie mit Fragezeichen versehen und stelle zur Diskussion, ob es eine gelebte Neuorientierung oder nur ein Akzeptieren der neuen Kräfteverhältnisse ist. Dazu würde mich Deine Meinung sehr interessieren.
von Roman 29.03.2009 (19:16Uhr) 12.
Aus meiner Sicht ist das eine sehr deutliche Wende, die aber sehr wahrscheinlich nicht aus eigenem Antrieb kommt, sondern quasi von aussen aufgedrückt wird. Microsoft hat zwar in den vergangenen Jahren hin und wieder etwas für den Bereich OpenSource getan, ist aber nie wirklich dazu gestanden, finde ich. Jetzt tut sie das, und das sehe ich durchaus als komplette Wende. Trotzdem lese ich die offizielle Mitteilung von Microsoft mit Vorsicht und weiss natürlich, wovon sich ein Raubtier ernährt ;-)
von Open Mind » Blog-Archiv » We… 29.03.2009 (20:07Uhr) 13.
[...] Nachtrag: Ein interessanter Artikel bei CNET, der das nicht ganz konsistente Verhalten von Microsoft gegenüber der Open-Source-Szene resümiert: Microsoft’s many open-source faces. Lesenswert auch der Artikel bei T3N: 180-Grad-Wende bei Microsoft? Open Source ist irgendwie doch ganz okay. [...]
von Open Source: Microsoft gründet Open-Sou… 12.09.2009 (03:27Uhr) 14.
[...] Die CodePlex Foundation kann man als eine weitere Annäherung Microsofts an die Open-Source-Community werten. Schon länger scheint sich hier ein Sinneswandel zu vollziehen. Im März hatten wir bereits einmal ausführlich darüber berichtet: 180-Grad-Wende bei Microsoft? Open Source ist irgendwie doch ganz okay [...]