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Europäisches Super-Startup: Wie BlaBlaCar der Konkurrenz davonsaust [Interview]

Europäisches Super-Startup: Wie BlaBlaCar der Konkurrenz davonsaust [Interview]

Das französische Startup BlaBlaCar hat sich binnen kurzer Zeit zur Nummer eins unter den Mitfahrgelegenheits-Plattformen aufgeschwungen – nicht zuletzt, weil es einiges anders macht als seine Konkurrenten. Wir haben in Paris mit COO Nicolas Brusson gesprochen. 

Europäisches Super-Startup: Wie BlaBlaCar der Konkurrenz davonsaust [Interview]

(Bild: BlaBlaCar)

BlaBlaCar: In 18 Monaten zur Nr. 1 auf dem deutschen Markt

Die Gründungsgeschichte von BlaBlaCar wirkt wie frisch aus dem Startup-PR-Lehrbuch: Im Winter 2003 wollte der heutige CEO Frédéric Mazzella über Weihnachten zu seiner Familie fahren. Da er kein Zugticket mehr bekam, brauchte er eine Mitfahrgelegenheit – und stellte fest, dass es in Frankreich keine Plattform gab, die zwischen Menschen mit demselben Anliegen vermittelt. Die Idee war geboren, und 2006 ging das Startup an den Start.

Ob es sich tatsächlich genau so zugetragen hat, sei dahingestellt – nicht leugnen lässt sich in jedem Fall der durchschlagende Erfolg von BlaBlaCar: Insgesamt hat der Dienst mittlerweile zehn Millionen Nutzer in 13 Ländern, neben Europa auch in Russland und der Türkei. In Deutschland gibt es BlaBlaCar seit April 2013. Innerhalb von nur 18 Monaten hat es der „City-to-City-Ridesharing-Dienst“ zur Nummer eins auf dem hiesigen Markt gebracht – trotz etablierter Konkurrenten wie Mitfahrgelegenheit.de und Mitfahrzentrale.de.

Die Startseite von BlaBlaCar. (Screenshot: BlaBlaCar)
Die Startseite von BlaBlaCar. (Screenshot: BlaBlaCar)

Auf der LeWeb Paris im vergangenen Monat wurde BlaBlaCar als eines der „europäischen Super-Startups“ gefeiert – was auch an der Aufmerksamkeit renommierter Investoren liegen dürfte, in der sich BlaBlaCar zuletzt sonnte: Erst im Juli 2014 erhielt es eine Finanzierung in Höhe von 100 Millionen US-Dollar von Accel Partners, Index Ventures und weiteren – die aktuelle Unternehmensbewertung wird auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt.

Am Rande der LeWeb haben wir Nicolas Brusson, den Mitgründer und Chief Operating Officer (COO) getroffen.

t3n.de: Seit 18 Monaten ist BlaBlaCar auf dem deutschen Markt und schon jetzt seid ihr die Nummer eins bei den Mitfahrgelegenheits-Vermittlern. Wie habt ihr es geschafft, in kurzer Zeit eine derart massive Präsenz aufzubauen?

„Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, in dem die Leute sofort verstanden haben, was wir tun.“

Nicolas Brusson: Deutschland hat von Anfang an eine gewisse Sonderrolle eingenommen, denn durch Konkurrenzseiten gab es hier schon einen Markt für das, was wir anbieten. Und die Leute kennen das Konzept – in vielen anderen Ländern gibt es noch nicht einmal ein Wort dafür!

Also mussten wir an vielen Stellen sehr kleinteilige Erklärungsarbeit leisten. Das hat dazu geführt, dass wir sehr gut darin geworden sind, das, was wir tun, zu erklären – und zu vermitteln, warum das gut ist. So eine Art „Educational Marketing“. Diese Stärke im Marketing hat uns natürlich auch beim Launch in Deutschland geholfen.

Zudem haben wir aufgrund der Ausgangslage, dass wir den Markt in vielen Ländern überhaupt erst erschaffen mussten, sehr hart an unserem Produkt, also der Plattform selbst, gearbeitet. Wir haben uns intensiv damit auseinandergesetzt, wie die Vermittlung funktionieren muss und wie wir als vertrauenswürdiger Anbieter wahrgenommen werden. Und auch das ist in Deutschland zum Vorteil für uns geworden, denn viele andere Anbieter haben in der Vergangenheit keinen besonderen Wert auf den Vertrauens- und Community-Aspekt gelegt. Bei uns hat es Dinge wie Facebook-Connect, Nutzerprofile mit Fotos oder die Möglichkeit für User, sich untereinander Nachrichten zu schreiben, von Anfang an gegeben. So haben viele Nutzer, die mit dem Konzept bereits vertraut waren, BlaBlaCar als bessere Alternative wahrgenommen.

Viel ins Marketing investiert: BlaBlaCar-Promotion in Paris. (Foto: D&S McSpadden / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

t3n.de: Habt ihr davon profitiert, dass der Marktführer Mitfahrgelegenheit.de vor einer Weile begonnen hat, Gebühren für seine Vermittlung zu nehmen?

Nicolas Brusson: Ja, auf jeden Fall. Das war vor ungefähr zwei Jahren. Seitdem müssen die Fahrer auf der Plattform eine Gebühr entrichten. Nach meiner Wahrnehmung gab es da eine große Gegenreaktion seitens der Fahrer: Denn sie tun ja etwas Gutes, indem sie andere in ihrem Auto mitnehmen. Warum sollte man sie also zusätzlich belasten? Die Verärgerung über diesen Schritt hat uns natürlich in die Karten gespielt.

t3n.de: Wie wollt ihr stattdessen über lange Sicht Geld verdienen?

Nicolas Brusson: Zur Markteinführung ist unsere Plattform ohnehin komplett kostenlos. In einem Markt wie zum Beispiel Frankreich führen wir die Möglichkeit ein, direkt online Fahrten zu buchen und auch zu bezahlen. Das ist bequemer und gibt sowohl den Fahrern als auch den Mitfahrern mehr Sicherheit. Dann erheben wir eine Buchungsprovision, die der Mitfahrer entrichtet. Das ist für unsere Nutzer wesentlich einleuchtender und die Systematik ist Passagieren von vielen anderen Buchungsvorgängen so bekannt. In Frankreich funktioniert das schon seit einer Weile sehr gut. Gleichzeitig ist jeder Markt anders. Daher ist es derzeit noch unklar, wie wir unser Geschäftsmodell in Deutschland ausrollen werden.

„Wir schließen kommerzielle Ambitionen der Nutzer per Geschäftsmodell aus“

t3n.de: Wann immer es um die Share-Economy geht, kommt irgendwann der Punkt, an dem es Streit um Professionalisierung und kommerzielle Interessen gibt. Bei den Carsharing-Startups hat beispielsweise Uber momentan erhebliche Probleme. Welche Strategie fahrt ihr gegenüber Versuchen, BlaBlaCar als Verdienstmöglichkeit zu nutzen?

BlaBlaCar-Mitgründer Nicolas Brusson. #FLICKR#
BlaBlaCar-Mitgründer Nicolas Brusson. (Foto: Web Summit / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Nicolas Brusson: Tatsächlich sind wir eines der wenigen Share-Economy-Unternehmen, das gar keine Probleme mit kommerziellen Ambitionen seitens der Nutzer hat. Denn wir haben diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen – per Geschäftsmodell quasi.

Der Preis, den Fahrer bei uns verlangen können, ist nach oben hin gedeckelt: Wir berechnen, welche Kosten durchschnittlich auf einer bestimmten Strecke für Benzin, Versicherung und Verschleiß anfallen – und legen den Maximalpreis, den Fahrer für die Strecke verlangen können, ein kleines bisschen darunter fest. Das heißt: Du kannst zwar deine Kosten ausgleichen, aber du kannst keinen Profit mit BlaBlaCar machen.

Und du kannst auch nicht mehr als fünf Sitze pro Fahrt anbieten – wer also einen Minivan kaufen und ein privates Taxi-Unternehmen aufziehen will, wird bei BlaBlaCar nicht weit kommen. Letztlich geht es uns ja darum, die vorhandenen Autos besser auszulasten und nicht darum, Neuanschaffungen zu rechtfertigen.

t3n.de: Für viele steht die Expansion nach Amerika weit oben auf der Liste. Ihr zeigt keine Ambitionen. Warum reizen die Staaten euch nicht?

„Wenn es einen guten Grund gäbe, zurück nach Kalifornien zu gehen, würde ich es sofort tun.“

Nicolas Brusson: Persönlich reizen sie mich sehr! Ich habe einige Jahre in den USA gelebt und wenn es einen guten Grund gäbe, zurück nach Kalifornien zu gehen, würde ich es sofort tun. Aber für BlaBlaCar ist es nicht der richtige Markt. Erstens ist der Leidensdruck für Fahrer, also das Verhältnis zwischen Verdienst und dem, was man an der Tankstelle für Sprit bezahlen muss, in Europa oder auch in Russland, der Türkei oder Lateinamerika viel größer.

Zweitens hängt unser Service sehr davon ab, wie gut der öffentliche Nahverkehr in den Städten selbst ist. Denn die Fahrer geben in der Regel an, wo sie ihre Mitfahrer abholen und absetzen, die Passagiere müssen das erste und das letzte Stück des Weges selbst organisieren. Wenn es eine gute Straßenbahn- oder Busverbindung gibt, ist das kein Problem. Aber sag mal jemandem, du setzt ihn am Stadtrand von L.A. ab. Viel Glück!

„Du musst zeigen, dass dein Markt ganz Europa ist“

t3n.de: Für ein Startup, das gar nicht in den USA agiert, habt ihr ganz schön viel Geld von Investoren aus dem Valley eingesammelt. Wie funktioniert das?

Nicolas Brusson: Für die Investoren ist glaube ich entscheidend, ob du wirklich ein europäisches Unternehmen bist, im Gegensatz zu einem deutschen, italienischen oder französischen. Wenn du beweisen kannst, dass dein Markt aus ganz Europa besteht, kannst du Investoren überall auf der Welt überzeugen. Denn dann ist dein Markt wirklich groß und es ist sekundär, wo du deinen Firmensitz hast.

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4 Antworten
  1. von Tom am 08.01.2015 (16:17 Uhr)

    Naja, mitfahrzentrale.de war ja schon immer mies wegen der Abzocke. mitfahrgelegenheit.de hingegen hat ein Bezahlmodell eingeführt, das nicht nur wie o.g. Fahrer verärgerte sondern auch einfach Fehler hatte, die nie oder erst viel zu spät beseitigt wurden. Sprich wenn jemand nicht kommt aber es online nicht einträgt, zahlte der Fahrer drauf und andere Dinge, die die Plattform nicht berücksichtigte. Als Quasi-Marktführer haben die auch 0 Innovationen gemacht, die Seite war schlecht zu bedienen und die App für die Mülltonne.
    Schon aus Prinzip gegen die Kosten verloren sie dann Unmengen Fahrer und Mitfahrer und somit treue Kunden, die ja wiederum das Produkt der Seite sind. Dumm gelaufen - aber selbst schuld.
    Bei BlaBlaCar hingegen lief der Start mal holprig, technisch war mal die App nicht fehlerfrei, etc... aber insgesamt hatten die einfach ein grundsolides System, das leicht zu bedienen war, fair zu den Fahreren und Mitfahrern und auch modern war und Bewertungen und sowas einfach ermöglichte.

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    • von ben am 10.01.2015 (15:49 Uhr)

      Wat? MFG hatte die beste App! Die haben einfach verkackt, weil sie Leute in ihr Modell gezwungen haben. Außerdem sind zum gleichen Zeitpunkt die Fernbusse an den Start gegangen, so dass ich z.B. seitdem gar keine Leute mehr mitnehme, weil es anstrengender geworden ist welche zu finden.

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  2. von harconmediacon am 09.01.2015 (10:12 Uhr)

    Etwas, das ich bei solchen Start-Up´s grundsätzlich nicht verstehe. Sie haben in der Regel auch noch nach Jahren keine geringste Ahnung, wie und ob sich jemals Geld verdienen lässt. Aber Investoren schütten hunderte Millionen über diese "Unternehmen" aus. Solide Geschäftsmodelle hingegen sind für Investoren völlig uninteressant. Kann mir das bitte jemand mal betriebswirtschaftlich erklären?

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