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PR-Papst Paul J. Kohtes: Die Ratlosigkeit der Manager

Die Ratlosigkeit der Manager: PR-Papst Paul J. Kohtes über kooperatives Führen, Stress und Meditation als Weg in die Stille

Paul J. Kohtes gehört zu den einflussreichsten PR-Managern Deutschlands – doch eine Krankheit verändert sein Leben dramatisch. Durch sie entdeckt er Zen-Meditation und Achtsamkeits-Lehre und beginnt, Seminare für Führungskräfte zu geben. Ein Gespräch über die Ratlosigkeit deutscher Manager, Stress und die Frage, warum gerade das dafür eine Lösung sein kann.

Die Ratlosigkeit der Manager: PR-Papst Paul J. Kohtes über kooperatives Führen, Stress und Meditation als Weg in die Stille

(Foto: Shutterstock)

Paul J. Kohtes: Der „PR-Papst a.D.“

Paul J. Kohtes – ehemaliger PR-Manager und Meditations-Trainer. (Foto: Ralph Sondermann)
Paul J. Kohtes – ehemaliger PR-Manager und Meditations-Trainer. (Foto: Ralph Sondermann)

Eigentlich hat Paul Kohtes alles erreicht, was sich ein erfolgreicher PR-Manager wünschen kann. Seine Agentur Kohtes & Klewes (heute Ketchum Pleon) hatte er in nur 20 Jahren zur größten PR-Agentur im deutschsprachigen Raum gemacht. Das Wirtschaftsmagazin „Capital“ würdigt ihn als „Doyen der deutschen PR-Szene“, die Süddeutsche Zeitung als „zurückhaltenden Primus“, die Welt als „PR-Papst a.D.“ – 2006 wird er sogar als erster Deutscher in die „Hall of Fame“ des Internationalen PR-Agenturen-Verbands aufgenommen. Doch seit dem Jahr 1978 ist nichts mehr wie es war. Mit 32 Jahren erkrankt Kohtes an Tuberkulose – eine Krankheit, die sein Leben radikal verändert. Er beginnt, sich mit der buddhistischen Lehre auseinanderzusetzen und zu meditieren.

Heute leitet Kohtes Seminare in Zen-Meditation, er hat das Programm „Zen for Leadership“ ins Leben gerufen und ist spezialisiert auf das Coachen von Führungskräften. 1998 gründet er, gemeinsam mit seiner Frau Margret, die „Identity Foundation“, eine gemeinnützige Stiftung für Philosophie, die das Thema Identität wissenschaftlich erforschen will, 2015 launcht er die Meditations-App 7Mind. Grund genug, sich mit ihm zu einem Gespräch zu verabreden.

„Meditiation und Achtsamkeit brauchen einen bestimmten Rhythmus“

t3n.de: Paul, deine App hat mir heute Morgen einen sogenannten „Achtsamkeit-Impuls“ geschickt: Ich solle einem Menschen, den ich nicht leiden kann, etwas Gutes wünschen. Was soll das bringen?

Die Meditations-App 7Mind.
Die Meditations-App 7Mind.

Paul J. Kohtes: Groupon hat morgen den Gegenteil-Tag ausgerufen, das fand ich eine geniale Idee, denn genau darum geht es da: etwas zu tun, was aus dem üblichen Schema rausfällt. Das ist also keine soziale Nummer, sondern eine grundlegende Übung, um aus festliegenden Mustern rauszukommen. Wir sind so gefangen in dem, was wir als das Normale und das Richtige und das Angemessene empfinden – und im Business ist das besonders ausgeprägt. Sich nicht einfach einem vorgegebenen System oder Konzept zu unterwerfen, ist schon ein großer Fortschritt.

t3n.de: Neben diesen Impulsen soll der Nutzer mit der App ja möglichst jeden Tag meditieren. Das klingt einfach, aber manchmal hat er vielleicht schlicht keine Lust oder vergisst es. Wie motiviert man sich da zu einem festen Rhythmus?

Kohtes: Der zentrale Punkt ist die Frage, wie man die Balance hinkriegt und wie man die Gewöhnung dazu nutzt, in sowas reinzukommen. Meditiation und Achtsamkeit brauchen einen bestimmten Rhythmus – und der Zwang ist ja genau das, was wir überwinden wollen. Das braucht  ein bisschen Training, um zu gucken: Wie geht es mir denn heute damit? Habe ich das geschafft, kann ich auch mal aussetzen, aber dann führt das eben nicht dazu, dass ich komplett rauskomme.

t3n.de: Leben wir denn in einer Kultur der Achtlosigkeit?

Kohtes: Das ist eine interessante Frage. Ja, ich glaube schon. Ich sage es mal andersrum: Wir schotten uns aus nachvollziehbaren Gründen sehr gerne ab von vielem. Und das führt dazu, dass wir vieles nicht mehr wahrnehmen. Und wenn die Sensibilität für das, was wir Leben nennen, verloren geht, sind wir nicht mehr achtsam. Im Deutschen klingt Achtsamkeit ja immer nach „Achtung!“, nach „Du musst aufpassen“. Aber eigentlich geht es um die Sensibilität für Dinge, die nicht vordergründig da sind. Unsere Welt führt leider zu einer unglaublichen Zerstreuung und Desensibilisierung.

Paul J. Kohtes: „Die Intention ist nicht, ein erleuchteter Mensch zu werden“

t3n.de: Achtsamkeit klingt nach einer ziemlich banalen Angelegenheit. Im Hier und Jetzt sein, ohne Ereignisse oder Gefühle zu bewerten. Ist es so einfach wie es klingt?

Kohtes: Ja, das ist so einfach, es ist nur nicht einfach zu switchen. Uns kommt die Flexibilität abhanden zwischen dem Sein im Jetzt und dem Versunkensein. Wir sind dann gefangen in dem, was gerade passiert, aber nicht mehr in der Lage, ins Jetzt zurückzukommen. Und: Ganz ohne Bewertungen kommen wir im Leben ja nicht aus. Wenn ich es aber als Bewertungssystem durchschaue, hat das eine ganz andere Qualität als wenn ich in diesem System gefangen bin. Und darum geht es bei dieser Nummer: die Wahlmöglichkeiten wieder zu entwickeln oder neu zu entdecken.

„Wenn ich Weinexperte werden will, muss ich ja auch nicht gleich Önologie studieren“, sagt Achtsamkeits-Trainer Paul J. Kohtes. (Foto: <a href="http://www.shutterstock.com/pic-317935109/stock-photo-beach-cheers-celebration-friendship-summer-fun-dinner-concept.html">Shutterstock</a>)
„Wenn ich Weinexperte werden will, muss ich ja auch nicht gleich Önologie studieren“, sagt Achtsamkeits-Trainer Paul J. Kohtes. (Foto: Shutterstock)

t3n.de: Lässt sich so etwas wirklich durch Apps lernen? Vor allem durch Apps, die Ergebnisse durch nur wenige Minuten lange Kurse versprechen? Selbst manche Meditations-Lehrer mit jahrzehntelanger Erfahrung sprechen schließlich nur von bescheidenen Effekten auf ihr Leben.

Kohtes: Diese Frage habe ich mir natürlich auch gestellt, und es gibt auch Kritiker, die sagen, das Ganze bediene nur das Ego noch mal neu. Ich aber teile diese Meinung nicht. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir überhaupt mal anfangen. Wenn ich Weinexperte werden will, muss ich ja auch nicht gleich Önologie studieren. Ich kann damit anfangen, mich intensiver mit Wein zu beschäftigen, schnuppern lernen, probieren lernen, ausprobieren, das mal spüren. Und das kann so eine App leisten.

t3n.de: Wie das?

Kohtes: Sie kann einen Zugang schaffen, den haben nämlich die meisten nicht. Wie komme ich denn zu Selbstdistanz? Zu Entspannung? Wer weiß das schon, das bringt mir ja keiner bei. Die Intention ist nicht, ein erleuchteter Mensch zu werden, die App soll ein Türöffner sein. Und dass es nicht mit einer Tür getan ist, das wird ja bei der Nutzung ganz schnell deutlich: Hinter jeder Tür wartet eine neue, durch die ich gehen muss. Das ist wie im Leben, und das Spannende ist: Das hört nie auf.

t3n.de: Ist es nicht vielleicht sogar kontraproduktiv, dafür das Smartphone in die Hand zu nehmen? Das steht ja nun eher für das genaue Gegenteil ...

Kohtes: Da sind wir genau bei dem, was wir am Anfang hatten: beim Gegenteiltag. Das ist auch so ein Phänomen: mit dem, was mich daran hindert, achtsam zu sein, zurück in die Achtsamkeit zu kommen.

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2 Antworten
  1. von Marius am 25.02.2016 (08:50 Uhr)

    Interessant, dass Tischtennisplatten & co. (kürzlich noch bejubelt) nun langsam kritisch hinterfragt werden. Ich hatte vor geraumer Zeit auch so ein "Gastspiel" als Dev bei einem Verlag, der sich auf seiner Website mit derlei Spielereien schmückt, in der Realität aber ein Sklaventreiber vor dem Herrn war (unbezahlte Überstunden en masse, mieses Betriebsklima, grottige Kommunikation, Gutsherrengehabe der Chefs usw.). Hier ist also Vorsicht geboten, so Krempel ist gern nur Blendwerk, das andere Probleme verschleiern soll. (z.B. die Ausbeutung, wie Hr. Kohtes vermutet)

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    • von Snitchmeier am 26.02.2016 (09:55 Uhr)

      Man KANN bei derart "Krempel" natürlich immer kritisch Blendwerk vermuten. Wie so oft im Leben gibt es solche und solche - Sklaventreiber, die nach außen einen total freidenkenden und hippen Eindruck machen und Freidenker, die bewusst auch Entschleunigung und kreative Pausen fördern.

      Man darf nicht alles sofort niedermachen. Wie du schon sagst, Marius, Vorsicht ist geboten. Kenne das auch selbst, aber aus AN-Sicht. Hipper kleiner Ruheraum, Lunch-Jour-Fixes, Teamevents. Was habe ich davon, wenn ich jede Woche 10 Stunden mehr im Büro bin, die mir keiner bezahlt?

      Ich hoffe ja auf ein (noch) radikaleres Umdenken, ein Wegkommen von dieser Geschwindigkeit, den Peitschen und dem Druck. Selbst bin ich zwar gar nicht mehr in der Situation und kann mich darum nicht beklagen, aber die gesamte Gesellschaft leidet ja unter dieser Art zu arbeiten. Mehr, mehr, mehr. Immer mehr. Bis man umfällt.

      BTW: Habe den Artikel gern gelesen und schaue mir interessehalber auch mal die App von Herrn Kohtes an. Jetzt weiß ich auch mal, wer hinter Ketchum steckt ;)

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