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Pixel-Phone: Warum Google ein eigenes Smartphone bauen sollte [Analyse]

Pixel-Phone: Warum Google ein eigenes Smartphone bauen sollte [Analyse]

Nur ein Jahr, nachdem Google Motorola an Lenovo verkauft hat, schwelen neue Gerüchte, dass Google intern ein eigenes Smartphone entwickelt – von Grund auf neu. Warum es womöglich eine gute Idee ist, neben der Nexus-Serie ein „Pixel-Phone“ zu bauen, kommentiert Andreas Floemer.

Pixel-Phone: Warum Google ein eigenes Smartphone bauen sollte [Analyse]

(Bild: Google)

Warum ein Pixel-Phone?

Fangen wir mit der Bezeichnung an: Warum soll Google das Smartphone „Pixel“ nennen? Die Antwort: Google hat schon Geräte der Pixel-Serie. Sie werden komplett inhouse und im Unterschied zu Geräten der Nexus-Reihe ohne Hardwarepartner entwickelt. Den Anfang hat das Chromebook Pixel gemacht, das auf Chrome OS basiert und 2013 vorgestellt wurde. Damit wollte Google demonstrieren, was mit dem hauseigenen, cloudbasierten Betriebssystem machbar ist – sowohl soft- als auch hardwareseitig. In puncto Hardware ist das Chromebook auf Notebook-Oberklasse-Level, das Gehäuse besteht aus Aluminium und ist im Industriedesign gehalten. Preislich ist das Gerät jenseits der 1.000 US-Dollar angesiedelt.

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Nexus schön und gut, aber bei einem Pixel-Phone hätte Google die volle Entscheidungsfreiheit. (Foto: t3n)

Mittlerweile hat Google mit dem Chromebook Pixel 2 schon einen Nachfolger vorgestellt, der abermals top ausgestattet und mit USB-Typ-C-Anschlüssen bestückt ist, um zu demonstrieren, dass der Hersteller voll hinter diesem neuen Standard steht. Im September dieses Jahres ist Google dann mit dem Pixel C um die Ecke gekommen, einem Tablet mit andockbarem Keyboard. Im Unterschied zu den Chromebooks basiert das Tablet auf Android 6.0 Marshmallow.

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Pixel C: Das erste Android-Tablet, das Google selbst entwickelt hat. (Bild: Google)

Damit hat Google den Weg für sein Android OS in der Pixel-Serie geebnet – zu einem Pixel-Phone ist es also kein großer Schritt mehr. Weshalb Google in diesem Jahr kein Nexus-Tablet – also in Kooperation mit einem Hardwarepartner – entwickelt hat, lässt sich aber nur erahnen. Womöglich war Google mit dem von HTC gefertigten Nexus 9 so unzufrieden, dass man das jetzt lieber selbst in die Hand nimmt. Zur Info: Das Nexus 9 hatte keine sonderlich guten Reviews, oft wurde die eher mäßige Verarbeitungsqualität kritisiert. Was Nexus-Smartphones angeht, hat Google bisher offenbar bessere Erfahrungen gemacht.

Warum soll Google überhaupt ein Smartphone in Eigenregie entwickeln – es gibt doch die Nexus-Reihe?

Google sucht sich jedes Jahr einen oder zwei Hersteller, um mit ihnen Geräte zu entwickeln, auf denen die neueste Android-Iteration vorgestellt wird – in diesem Jahr sind das beispielsweise Huawei für das Nexus 6P (unser Test) und LG für das Nexus 5X (zum Test). Beide Smartphones sind aus Hard- und Softwaresicht ganz ordentlich geraten.

Nichtsdestotrotz sollte Google parallel zu seiner Nexus-Serie ein eigenes Smartphone entwickeln. Bei der Entwicklung hat Google zwar ein starkes Mitspracherecht, wie man an der Ausstattung der aktuellen Smartphones erkennen kann (Beide Geräte verfügen über den gleichen Kamera-Sensor, einen rückseitigen Fingerabdrucksensor und Qualcomm-Prozessoren, obwohl Huawei sicher lieber einen hauseigenen HiSilicon Kirin-Prozessor verbaut hätte, und kommen mit Full-HD-Dispay), doch trotz des Einflusses auf die Hardware – von der Software ganz zu schweigen – besteht nur ein gewisser Spielraum in Sachen Ausstattung und technischer Innovation. Bei Nexus-Geräten geht Google also immer Kompromisse ein.

Pixel C: Android-Tablet mit Hardware-Tastatur. (Bild: Google)
Google Pixel C: Android-Tablet mit Hardware-Tastatur. (Bild: Google)

Genau hier kommt die Pixel-Serie ins Spiel: Mit einem intern entwickelten Smartphone hätte Google die Möglichkeit, ein Smartphone zu bauen, das als Referenz aus Soft- und Hardwareperspektive für Hersteller betrachtet werden kann. Es deutet sich sogar an, dass Google in die Entwicklung von Prozessoren einsteigen könnte, wie eine Stellenausschreibung andeutet. Interessant: Der Prozessor-Spezialist soll im Pixel-Team angesiedelt sein, wie Business-Insider erfahren haben will.

Mit der Entwicklung eigener Prozessoren scheint Google sich an Apple zu orientieren, das mit seinen Prozessoren der A-Serie spezielle Chips entwickelt, die perfekt für iOS optimiert sind. Auf diese Weise passen sich Hard- und Software perfekt aneinander an, um ein möglichst rundes Erlebnis zu garantieren. Aus diesem Grund läuft ein iPhone mit zwei Rechenkernen und zwei Gigabyte RAM genauso rund wie ein Androide mit Achtkernprozessor und drei Gigabyte RAM und ist immer noch stromsparender, wobei Google in letzterem Aspekt sein OS auch schon optimiert hat. Bei Android besteht diesbezüglich aber durchaus Nachholbedarf. Einen ersten Gehversuch in Richtung Prozessoroptimierung hat Google übrigens schon 2013 mit dem Moto X beschritten, in dem ein sogenannter X8-Chip verbaut war, der unter anderem diverse Sensoren steuert. Mit dem in den neuen Nexus-Modellen integrierten Sensor-Hub wird dieser Ansatz fortgesetzt, das Ganze könnte mit einem eigens entwickelten Chip noch ausgebaut werden.

Moto X in der Developer-Edition. (screenshot: droid-life)
Im Moto X, das unter der Ägide Googles entstanden ist, kam ein angepasster Prozessor zum Einsatz. (Bild: Motorola)

Abgesehen von einer eigenen Chipentwicklung könnte Google eigens entwickelte Technologien in sein Pixel-Smartphone integrieren und Android auch softwareseitig auf ein neues Level heben, das mit Hardwarepartnern so nicht möglich ist. Bei Apple zeigt sich die Inhouse-Entwicklung deutlich mit der frühen Integration der Touch-ID-Fingerabdruckscanner und der neuen 3D-Touch-Technologie.

Auch wenn sich mit den neuen Nexus-Geräten und Android 6.0 Marshmallow schon eine Menge in Richtung Verbesserung der Kameraqualität getan hat, kommt Google mit der Optimierung der Akkulaufzeit kaum weiter. Zwar hilft der neue Doze-Mode schon dabei, Energie im Standby-Modus zu sparen, aber das sollte nur der Anfang sein.

Zusätzlich zur Optimierung von Hard- und Software könnte Google mit einem eigens entwickelten Gerät die Möglichkeiten der Konvergenz ausloten. Hier zeigt Microsoft mit seinen Lumia-950-Smartphones, die auf Windows 10 Mobile laufen, solide Fortschritte. Mit dem Lumia 950 ist es möglich, sofern mit einem entsprechenden Display-Adapter versehen, auf einem Display oder Fernseher Windows 10 in Desktopansicht zu starten. Apple und Google sind in dieser Hinsicht noch nicht soweit, Google aber hat schon diverse Tools in Entwicklung, mit denen so etwas möglich sein wird. Hierfür werden Android und Chrome OS enger miteinander verzahnt.

Mit einem selbst entwickelten Smartphone könnte Google also gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Bekommt Google das „gestemmt“?

„Google kann keine Hardware“, heißt es. Diese Aussage mag vielleicht noch vor einigen Jahren gestimmt haben, das Unternehmen mit Hauptsitz in Mountain View hat sich in letzter Zeit aber auch das Thema Hardware auf die Agenda geschrieben. Zwar hat Google den Handypionier Motorola nach kurzer Zeit wieder abgetreten, doch inhouse sitzen immer noch Spezialisten mit entsprechendem Knowhow – hier sei beispielsweise das Project Ara erwähnt, die ein modulares Smartphone entwickeln, und auch Nest Labs mit Ex-Apple-Manager und iPod-Mitentwickler Toni Fadell dürfte eine gewisse Expertise besitzen. Auch das schon erwähnte Pixel-Team ist nicht zu vernachlässigen. Außerdem sollte Google nach Jahren der Kooperation mit Smartphone-Herstellern langsam wissen, was ein gutes Smartphone ausmacht.

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Google hat Hardware-Knowhow im Hause: Unter anderem das ATAP-Team, das am modularen Smartphone baut. (Bild: Project Ara)

Falls Google sich also entschließen sollte, ein Pixel-Smartphone zu bauen, was offenbar im Gespräch ist, sollte der Konzern sich dessen bewusst sein, dass ein solches Gerät womöglich die vielen Android-Hardwarepartner wie Samsung, LG, HTC, Huawei und Co. verärgern wird. Um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, blieben Google zwei Optionen:

  1. Google entwickelt ein Pixel-Smartphone und bietet es zu einem hohen Liebhaberpreis an, wie es beispielsweise auch beim Chromebook Pixel der Fall ist.
  2. Das Pixel-Phone wird, wie schon angesprochen, einerseits wie ursprünglich die Nexus- und die Project-Tango-Geräte als Entwicklerhardware angeboten und die Pläne, Patente und Co. den Hardware-Partnern zur freien Nutzung und Entwicklung neuerer, besserer Android-Geräte zur Verfügung gestellt.

Letztere Option wäre vermutlich die bessere, da sie auf lange Sicht ein Plus für Android-Plattform darstellen würde. Ob die Hardwarepartner und OEM da mitspielen, steht aber auf einem anderen Blatt.

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2 Antworten
  1. von Puffer am 19.11.2015 (20:04 Uhr)

    "das Gehäuse besteht aus Aluminium und ist im Industriedesign gehalten"

    hä?

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  2. von Referenz-Produkte am 20.11.2015 (12:37 Uhr)

    Projekt Ara, Google Glass usw. sind bisher Fails. Eigentlich alle Seiten-Projekte ausser dem Kerngeschäft und Google-Mail (Eigen-Entwicklung) und Youtube (Zukauf). Die kaufen ständig Firmen und wir kleines Volk müssen dann 10-20 Jahre auf die echte Realisierung durch bessere Firmen warten. Z.b. warten wir seit rot-grün und 2000 und dem neuen Markt auf den Ausbau. Google hat für Zillionen eine Internet-Flugzeug-Firma gekauft deren Flieger vermutlich längst fliegen würden wenn es den Aufkauf nicht gegeben hätte. Freifunk liefert besser. Siehe gestern die 1000 Router für Flüchtlinge. Facebook baut die wahren Internet-Flugzeuge und Google hat mal wieder Technik aufgekauft und verhindert.

    Nenn doch Google-Projekte und Aufkäufe die keine Fails waren und nicht zum Kerngeschäft gehören. Viele sind es nicht.
    Motorola wurde (wie z.b. Nokia evtl auch) oft auch nur gekauft um die Patente zu haben gegen die anderen Firmen. Die Abgabe war evtl beschlossene Sache schon beim Kauf. Motorola machte früher auch Settopboxen für Zillionen US-Kabel-Kunden. So gesehen war Google schon im Wohnzimmer und hat es wie fast alles wohl vermasselt.


    Die Dritte Option ist doch die Realität: Hochpreis-Referenz oder krass Niedrig-Preis-Referenz als Vorlage damit die Hersteller besseres oder zumindest gleichwertiges bieten und keine Abzockpreise nehmen die das Produkt in Verruf bringen.

    M$ hat die Surface evtl absichtlich so teuer gemacht.
    Firmen bezahlen ja im Prinzip die Hälfte so das diese sich Surface kaufen können. Die Enduser-Hersteller hingegen können günstigere kompetitive Produkte auf den Markt bringen.

    Die billigen Nexus hatten vielleicht absichtlich kein SD-Karte damit man ein normales Handy kauft. Aber dank Google konnten preislich ähnliche Billig-Nexus-Alternativen nicht das tun was alle Handy-Hersteller und Laptop-Hersteller machen: Möchtegern-iOS-Geräte oder AirBook-Mitbewerber zu Höchstpreis-Niveau herausbringen aber jeder hat offen gesehen das das iPhone/iPad/AirBook besser ist. Spätestens wenn Probleme auftreten. ct' hatte früher immer Horror-Geschichten und Umfragen unter Laptop-Besitzern gemacht. D.h. um Hersteller nicht zu vergraulen würde auch ich Referenz-Phones z.B. mit nur UMTS oder so herausbringen die aber jeder in besser und preislich ähnlich nachmachen kann.

    Übrigens sind die Google-Sachen oft nicht wirklich preislich kompetitiv. Chromecast war eine Ausnahme.


    Das One+1 hat Miracast für Screencasting sofort erreichbar in den Quicksettings eingebaut. Die Receiver kosten 17 Euro oder halt als App. Ist nicht toll aber für im Business vielleicht ok und M$-Screencast basiert doch auch auf MiraCast glaube ich. Und AirPlay gibts doch auch. Wird in Verbindung mit ProPads und zillionenfacher Verbreitung in Firmen vielleicht wohl wichtiger spätestens für Powerpoint.

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