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Die kaputte politische Debatte – Warum das Internet Teil des Problems ist und zugleich die Lösung [#rp15]

Die kaputte politische Debatte – Warum das Internet Teil des Problems ist und zugleich die Lösung [#rp15]

Lügenpresse, Misstrauen, Parallelwelten wie Pegida: Was hat das Internet damit zu tun? Und vor allem: Wie machen wir es besser?

Die Szene ist bekannt: Eine Pegida-Demonstrantin wird auf der Straße im Rahmen eines TV-Interviews darauf hingewiesen, dass sich in Sachsen nur ein verschwindend geringer Anteil an Muslimen befindet. Ihre Antwort darauf klipp und klar: „Nein, das sehe ich anders!“ Der gewillte Betrachter erkennt, dass derartige Fakten für die Dame keine Rolle spielen. Wer weiterdenkt, merkt sofort: Sie entzieht sich einer rationalen Diskussion.

„Das Netz hilft ausgerechnet den radikalen Gruppen, die an Argumenten nicht interessiert sind!“

Diese Szene ist lehrbuchmäßig, wenn es nach der Journalistin Ingrid Brodnig geht. Die Österreicherin hat auf der diesjährigen re:publica-Konferenz in Berlin über die kaputte politische Debatte in der Gesellschaft gesprochen und ferner analysiert, welche Rolle das Netz dabei spielt.

„Das Vertrauen in Fakten haben viele Menschen in Europa verloren“, erklärt sie den Anwesenden. „Die Bevölkerung fühlt sich von den Eliten nicht mehr ernstgenommen, von den Berufspolitikern betrogen und von den Medien manipuliert.“ Laut Brodnig ist Pegida das erste große Phänomen dieser Art, das es auf die Straße geschafft hat. Dass es soweit kam – räumt sie ein – liegt jedoch auch am Internet und seinen Mechanismen. „Das Tool, das eigentlich die Demokratie stärken sollte, hilft ausgerechnet den radikalen Gruppen, die an Argumente nicht interessiert sind und nur Ressentiments schüren wollen“, erklärt Brodnig den Anwesenden.

Das Kernproblem liegt ihrer Meinung nach darin, dass radikale Stimmen es im Netz viel einfacher haben verbreitet zu werden. Nicht der sachlichste Kommentar stößt auf Reaktionen, sondern der emotionalste. Vor allem in Sozialen Netzwerken wie Facebook wird das mehr und mehr zu einem Bumerang. „In einer algorithmischen Welt wird derjenige belohnt, der am meisten und lautesten schimpft.“ Nicht nur die Positionierung von Kommentaren unter einem Posting wird anhand der „Gefällt mir“-Angaben gewichtet, sondern auch die Positionierung des Postings im Newsfeed an sich. So entwickelt sich nicht nur eine Filterblase, sondern auch unnötig aufschaukelnde Meinungen. Ein Umstand, auf den Populisten und Demagogen aufbauen.

Das Internet ist Teil des Problems, kann aber auch die Lösung sein

Ingrid Brodnig sieht das Netz nicht als Wurzel allen Übels – wie man jetzt annehmen könnte. Es zu bekämpfen ist ihrer Meinung nach nicht notwendig. Ihre These ist vielmehr, dass das Internet zwar Teil des Problems ist, aber genauso so gut auch Teil der Lösung sein kann – insofern wir genau diese Mechanismen überdenken.

„In einer algorithmischen Welt wird derjenige belohnt, der am meisten und lautesten schimpft!“

Richtungsweisend wären beispielsweise neue Ansätze, wie mit den Kommentaren auf Plattformen umgegangen wird. Ein gutes Beispiel erkennt die Journalistin in dem Vorgehen des Online-Mediums Daily Dot.

Die Macher der Seite gewichten die Position der Kommentare auf ihrer Plattform unter anderem danach, ob der Autor des Artikels mit ihnen interagiert hat. Sachliche Diskussionen werden somit unterstützt, bloßes Rumkrackelen verliert sich hingegen in der Versenkung. Vor allem Beiträge in denen die Tonalität zu wünschen übrig lässt, könnten so übergangen werden. Nicht mehr der emotionale, sondern der reflektierte Kommentar wird dadurch belohnt.

Quellenoffenheit der Branche ist wichtiger denn je

„Man kann den Text dann inhaltlich vielleicht immer noch ablehnen, aber alles ist sauber argumentiert“, erklärt Ingrid Brodnig. (Foto: t3n.de)
„Man kann den Text dann inhaltlich vielleicht immer noch ablehnen, aber alles ist sauber argumentiert“, erklärt Ingrid Brodnig. (Foto: t3n.de)

Mindestens genauso wichtig – und da ist die Journalistin dann auch kritisch mit ihrer eigenen Zunft – ist es aber auch, dass Quellen noch klarer und detaillierter kommuniziert werden. Es gilt, die Fakten nachvollziehbar zu machen. „Man kann den Text dann inhaltlich vielleicht immer noch ablehnen, aber alles ist sauber argumentiert“, erklärt Ingrid Brodnig. Auch die Online-Journalisten müssen besser arbeiten als die unzähligen Populisten es mit ihren Halbwahrheiten tun. Das berühmte „Studien besagen, dass...“-Argument ist problematisch, weil für den Betrachter weder klar wird, welche Erhebung genau gemeint ist, noch, wer sie in Auftrag gegeben hat.

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2 Antworten
  1. von Vollwertiger Journalismus am 06.05.2015 (17:10 Uhr)

    Wie schon mehrmals geschrieben: Print ist Platzbegrenzt. Da darf ein Artikel nur 200 Worte, eine Viertel-Seite, eine Halbe Spalte o.ä. haben und erinnert an Fastfood: Einheitlich abgepackt und schnell lieferbar.
    Der Online-Journalismus hingegen könnte 100% Liefern. Heise macht z.b. die Quartalszahlen seit xx Jahren in die Berichte. Die Agenturen hingegen beliefern immer noch Print-Zeitungen und da wird nicht alles mit % und $ und Euro berichtet sondern mal das eine und mal das andere je nachdem was wie wichtig ist. Der Online-Artikel zum gleichen Thema müsste (ist es aber nicht) vollständig sein. Durch moderne Methoden kann man wiederholendes (z.B. die blauen Erklär-Boxen in der ct') auch wieder benutzen für Leser die sich noch nicht auskennen. Wer nicht will braucht ja nicht draufklicken um die Unterschiede zwischen USB3.1/3.0 und 2.0 erklärt zu kriegen.

    Ich glaube Quora(App) wollte Geschichten weiter-erzählen. Das fehlt oft auch weil im Print der Platz begrenzt ist. Online wäre aber das vollwertige Mehr-Gänge-Menü.

    Und dazu gehört auch die Quellen zu verlinken damit der Bürger sehen kann wo die Information her kommt. Dr-Titel-Plagiatoren schaffen das halt nicht. Bei Wolfram Alpha (welches hin und wieder günstig im Appstore zu haben ist) werden die Quellen wohl auch benannt.

    Bezahlposter gibts schon ewig. Da zwei Mobilfunknetze fusioniert haben ziehen die Argumente nicht mehr und die müssen andere Themen bearbeiten oder suspekte Rezensionen in Online-Shops schreiben. Wer seriös diskutieren will, hat ein Problem. Lösungen gäbe es. Aber nicht jeder lebt in einem abmahnfreien fair-use meinungsfreiheits-freundlichem Land.
    Denn seriöse Diskussionen welche die Wahrheit verbreiten wären ein Problem für Klüngel, Korruption und Miswirtschaft. Also freut sich das Establishment über Trolle und Diskussionen die nichts bewirken.
    Lösungen gäbe es. Das Problem ist eine schikanefreie Umgebung dafür.

    Man muss nicht mal mit Journalismus anfangen. Auch Bürger-Gruppen und Fußball-Vereine wollen digital diskutieren. Und zwar konstruktiv wofür es bisher wenig brauchbares zu geben scheint.

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  2. von Jürgen Schulze am 09.05.2015 (09:31 Uhr)

    Das Internet ist zur Kloake von Hass, Dummheit, Ignoranz und Intoleranz verkommen. Da wünscht man sich die Zeiten zurück, als es wenigsten nur für Pornos genutzt wurde.
    ich wünsche mir eine Browser-Plugin, dass alle Kommentare ausblendet, damit ich nicht immer dazu verleitet werde, die emotionalen Beiträge von Halbgebildeten (wie mich) zu lesen.
    Es ist wie mit dem Stau: man steht nicht im Stau, man ist der Stau. Analog: Nicht das Internet ist kaputt, wir sind kaputt.

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