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Startups

Weniger Gründungen, weniger neue Konzepte: Willkommen in der Post-Startup-Ära

    Weniger Gründungen, weniger neue Konzepte: Willkommen in der Post-Startup-Ära

(Bild: © Fotolia / Amir Kaljikovic)

 

Nur noch selten durchbrechen Startups aus dem deutschsprachigen Raum die öffentliche Wahrnehmungsschwelle. Selbst Branchenbeobachter müssen lange suchen und sehr genau hinschauen, um eine echte Perle zu finden. Martin Weigert liefert in seiner Kolumne „Weigerts World“ eine Reihe möglicher Erklärungen.

Die Post-Startup-Ära: Immer weniger frische Dienste

Als ich Mitte Dezember meine Rolle als Redakteur bei netzwertig.com aus der Hand gelegt habe, war damit auch erst mal Schluss mit dem regelmäßigen Besprechen von neuen Apps und Onlinediensten. Rund sieben Jahre lang hatte ich bis dahin abgesehen von Urlaub und Feiertagen jede Woche mindestens einmal über ein frisch gestartetes, möglichst einfallsreiches Angebot aus dem deutschsprachigen Raum berichtet – oder alternativ einen Statusbericht zum Vorankommen existierender Akteure verfasst.

Auch wenn sich derartige Beiträge nur in seltenen Fällen zu massiven Traffic-Raketen entwickelt haben, kamen sie bei manchen Lesern offenbar gut an. Jüngst hat mir ein ehemals treuer Leser ausgerichtet, dass er die Startup-Reviews und App-Bericht vermisse. Das hat mich gefreut – und zum Nachdenken angeregt: Über welche vielversprechenden, blutjungen Angebote aus dem DACH-Raum hätte ich in den letzten vier Monaten berichtet, wäre alles beim Alten geblieben? Schockierenderweise ist mir spontan, außer dem Dienst, für den ich jetzt arbeite, für den ich aber an dieser Stelle nicht werben will, kein einziger Service eingefallen.

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Sind die goldenen Zeiten für Startups vorbei?

Schuld an meiner Einfallslosigkeit ist sicher teilweise, dass ich nicht mehr wie damals täglich Dutzende Pressemitteilungen und Startup-Vorabmeldungen lese. Auch könnte sich der Schwerpunkt meiner Wahrnehmung ein Stück verlagert haben. Dennoch ist mein Interesse am Newsgeschehen nicht abgeebbt. Im Gegenteil: Ich investiere nach wie vor genauso viel Aufwand und Zeit, um die Entwicklung der Branche im Blick zu behalten wie eh und je. Wenn nicht sogar mehr.

Sehr wahrscheinlich ist deshalb, dass es tatsächlich immer weniger frisch entstehende Dienste aus dem deutschsprachigen Bereich gibt, die in die klassische Berichterstattung des Tech-Bloggings passen. Gegründet wird zumindest in Deutschland seit Jahren ohnehin immer seltener. 2014 war die Zahl der Neugründungen so niedrig wie seit 2002 nicht mehr. Davon abgesehen gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die in der Summe dazu führen, dass sich eine bestimmte Sorte von Startup und damit auch die Berichterstattung dazu in unseren Breitengraden zu einer aussterbenden Gattung entwickelt.

 1. Big Player machen alles selbst

Die Netzwirtschaft erlebt eine einzigartige Machtkonzentration. Die Big Player kaufen zwar weiter munter dazu, entwickeln aber verstärkt ihre eigenen Angebote, mit denen sie in neue Bereiche vorstoßen. Facebook allein betreibt 19 Apps. Facebook, Google, Amazon und Microsoft sind heute digitale Mischkonzerne, die massiv von ihrer eigenen Vorarbeit und Infrastruktur profitieren. Sie machen es unabhängigen Anbietern immer schwerer, sich dazwischen erfolgreich zu platzieren.

Periscope: Twitter stellte eigene Meerkat-Alternative vor. (Screenshot: iTunes)
Meerkat und Periscope haben extrem viel Aufmerksamkeit bekommen. (Screenshot: iTunes)

Manchmal gelingt das doch, wie etwa bei Uber und Snapchat. Aber auch diese Firmen sind schon ein paar Jahre alt – und natürlich sind sie in den USA entstanden. Womöglich erklärt dieser Zustand auch den enormen Hype, der Meerkat und Periscope zuteil wurde – er hat sich aus der kaum noch befriedigten, nostalgisch angehauchten Sehnsucht der Early Adopter nach neuen Online-Spielzeugen genährt. Vielleicht war er deshalb auch so wenig nachhaltig.

2. App-Müdigkeit

„Ideen und Funktionen, die in den ersten Jahren nach dem Debüt des iPhones noch spannend waren, sind Usern mittlerweile zigfach vorgesetzt worden.“

Auch wenn das im ersten Moment im Widerspruch zur eben beschriebenen Sehnsucht der Early Adopter nach frischen Apps zu stehen scheint: Manche Anwender leiden unter der sogenannten „App Fatigue“. Ideen und Funktionen, die in den ersten Jahren nach dem Debüt des iPhones noch spannend waren, sind Usern mittlerweile zigfach vorgesetzt worden. Die Neugier sinkt, ebenso die Bereitschaft, sich wieder irgendwo mühselig ein Kontaktnetzwerk aufzubauen.

Die Statistik belegt das: Die mit Apps verbrachte Zeit nimmt zu, die Menge der monatlich aktiv verwendeten Anwendungen aber stagniert weitgehend. Zumindest in den USA lädt die Mehrzahl der Smartphone-Anwender nicht mal eine App pro Monat runter. Klar, dass sich App-Müdigkeit irgendwann auf die Zahl der Gründungen in diesem Bereich niederschlägt.

3. Die gute Wirtschaftslage

Die deutsche Wirtschaft brummt, was die Notwendigkeit zu risikogetriebenen Gründungen und unkonventionellen Produktideen noch weiter verringert.

4. Die Hardware folgt anderen Gesetzen

Text. (Foto: Tiko)
Trend-Themen wie der 3D-Druck bieten Raum für Experimente. (Foto: Tiko)

Während neue Browser-Dienste und mobile Apps es heutzutage schwerer haben als in der Vergangenheit, existiert im Hardware-Sektor, gerade in Verbindung mit Trend-Themen wie Virtual Reality, Smart Home oder 3D-Druck, viel Raum für Experimente. Europa hat hier auch viele spannende Firmen zu bieten, inklusive einiger potenzieller Leuchttürme. Aber die kompetente Berichterstattung über Hardware ist aufwändiger.

Viele Akteure und Ideen sind außerdem gerade in der Frühphase weniger medientauglich als die Startups aus der Web-2.0- und App-Ära. Zuguterletzt sind die Einstiegsbarrieren in die Entwicklung von Hardware-Startups trotz deutlicher Vereinfachungen insgesamt noch immer höher als bei Software. Auch weiterhin werden sich die Neugründungen auf diesem Gebiet deshalb in Grenzen halten.

5. Fehlende Exits, fehlendes Kapital

„Manch ein Entrepreneur wird die eigene Idee aus Sorge um die Finanzierung eingestampft haben, noch bevor sie überhaupt umgesetzt wurde.“

Das leidige Thema, über das sich schon 2007 beschwert wurde: Viele Gründer im deutschsprachigen Raum und Europa empfinden es als schwierig, an Risikokapital zu kommen. Anfangs gab es noch viel Optimismus. Man glaubte, dass mit den erwarteten Exits mehr Geld in das Ökosystem strömen würde. Die ganz großen Exits blieben aber weitgehend aus. Dass es zu heftigen Akquisitionen wie bei Instagram oder WhatsApp auch mal bei uns kommen wird, daran glauben heutzutage wohl nur ganz hartgesottene Optimisten.

Diese Einsicht führte über die Jahre zu weiterhin niedrigen Erwartungen und entsprechend konservativem Investorenverhalten. Gründer im DACH-Raum sind deshalb in ihrem Agieren weitaus eingeschränkter als Konkurrenten in den USA. Manch ein Entrepreneur wird die eigene Idee aus Sorge um die Finanzierung eingestampft haben, noch bevor sie überhaupt umgesetzt wurde.

6. Desillusionierte Gründer

Die Euphorie des Web 2.0 und des danach folgenden App-Booms hat sich gelegt. Entrepreneure wissen heute, dass sie mit eigenen Diensten nur mit extremer, langjähriger Aufopferung überhaupt eine Chance haben – und dass diese auch dann nur sehr klein ist.

Gründer Tobias Eichenwald.
Gründer Tobias Eichenwald: Viele seiner Mistreiter sind desillusioniert.

Viele Protagonisten der Branche besitzen heute einen weitaus größeren Erfahrungsschatz als vor acht Jahren. Das bedeutet aber auch mehr Realismus, die ein oder andere schlechte Erfahrung und mögliche Verbitterung darüber, dass sich an den grundlegenden Rahmenbedingungen nur wenig geändert hat.

7. Die müde Presse

All das beeinflusst natürlich auch Redakteure, Journalisten und Blogger. Wer tausendmal dabei zugesehen hat, wie ein vielversprechender Dienst sich mit großen Worten ankündigt, nur um ein Jahr später eingestellt zu werden, der wird vorsichtiger und abwartender (außer im Falle Meerkat). Gleichzeitig sind die eingangs erwähnten Giganten aus den USA so extrem umtriebig, dass es schwierig ist, auch das im Blickfeld zu behalten, was an der Peripherie geschieht.

Ausblick: Die Post-Startup-Ära bricht an

Die große Ära der an Endnutzer gerichteten Software-Startups ist erst mal vorbei. Vorerst jedenfalls. Der Digitalsektor entwickelt sich in Wellen, und die werden maßgeblich durch die allgemeine Konjunktur, den technischen Fortschritt und Einzelereignisse wie etwa eine unerwartete Milliarden-Übernahme beeinflusst.

Mit zunehmendem Reifen einiger disruptiver Technologien der Zukunft könnte bald die nächste Gründungswelle anrollen. Wer nicht warten will, agiert jetzt. Manchmal ist es ja gerade antizyklisches Verhalten, das belohnt wird.

Weitere Kolumnen aus „Weigerts World“ findet ihr hier.

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2 Reaktionen
clindstedt
clindstedt

Zu Punkt 4. passt bestens http://www.cobi.bike

Antworten
Mittelständische Steuerzahlende Startups beachten
Mittelständische Steuerzahlende Startups beachten

Die Berichte zielen immer nur auf den Bereich der Startups die groß auf sich aufmerksam machen, wenig Steuern zahlen, Subventionen wollen, Praktikantentum gut finden und in teuren Gebieten Büro-Immobilien haben und die Vermieter mit vielen Mitarbeitern in eh schon vollen Regionen glücklich machen.

Eine App braucht keine Zillionen Finanzierungs-Runden. Im TV hiess es, einer der Lieferdienste würde die Kosten für das Eintragen eines Restaurants nach der ersten Bestellung drin haben und ab dann fast nur noch puren Deckungsbeitrag an jeder Bestellung verdienen.

Abmahnung und Existenzvernichtung sind ein Hauptgrund für das Fehlen vieler Apps die inzwischen wirklich nötig wären.
Aber nicht jeder hat mehrere Viertelmillionen für prohibitive Strafzahlungen:
http://t3n.de/news/abmahnung-geek-nerd-sheldon-cooper-barney-stinson-walter-white-516681/

Dank TTIP, ACTA, IPRED1+2 usw. gelten US-Patente auf Geschäftsmodelle hier vermutlich als Strafrecht und man wird gefangen, weggesperrt, alles weggenommen und hätte besser mal eine Handwerker-Ausbildung gemacht anstatt auf den angeblichen Fachkräftemangel hereingefallen.

Viele Dinge wie Data-Wiki kann man in wenigen Wochen realisieren. Leider kenne ich keinen schikanefreien Ort dafür. Denn das Edit-War-Institutionen wenig Interesse haben, sieht man ja inzwischen.

Whatsapp, Dwolla, Warren Buffet, Craigslist, Wikipedia, MySQL(vor dem Aufkauf) und wohl auch Firefox oder Cyanomodgen bzw. ParanoidAndroid haben unter 100 Mitarbeitern und Oculus vor dem Aufkauf vielleicht auch. Man braucht also keine zigtausende Leute um Marktführer zu sein.

Wenn man mit BASEL2(oder Basel3?) den Banken erschwert, Kredite rauszurücken und die Wirtschaft eh seit rot-grün 2000 stagniert, braucht man sich nicht wundern das es kaum Gründer gibt.
Die reichen Leute die nach Steuer-Spart-Potenzialen suchen, freuen sich über jedes Abschreibungs-Projekt. Ich fordere ja ständig das mal Steuerberater hier schreiben sollten damit mal gelernt wird wieso Abschreibungs-Startups oder Trash-Film-Fonds vermutlich immer noch rentabler sind als ehrlich 43% Steuern zu zahlen.
Es herrscht wegen Nullzinspolitik vielleicht ein gigantischer Anlage-Notstand bei den reichen Leuten. Siehe Peter Thiel der sich häufig beklagt und über den hier oft berichtet wird. Geh doch über Gründermessen usw. und krieg die Lage mit.

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