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Protonet: moderner Büroserver oder Nerdspielzeug?

Obwohl SaaS-Dienste wie Docs, und viele weitere Lösungen das Arbeiten in kleinen Teams immer einfacher machen, kommt man auch im Jahr 2012 um eine eigene lokale Serverhardware im Büro nicht herum. Dabei braucht man eventuell einfach "nur" einen schnellen Fileserver für gemeinsamen Dateizugriff auf große Dateien, eine stabile WLAN-Lösung (Gäste-WLAN und internem WLAN), eine Yammer-Alternative für die einfache interne Kommunikation zwischen Kollegen, oder ein stabiles VPN, ohne gleich einen Administrator einstellen zu müssen. Hier setzt das hamburger Startup mit seiner Protonet-Box und passender Software + Dienste an.

Protonet: moderner Büroserver oder Nerdspielzeug?

 

„Einfachster Server der Welt"?

Die kleine organgefarbene Box - von Protonet selbstbewusst als "Der einfachste Server der Welt" bezeichnet - kommt ordentlich verpackt inklusive WLAN-Antennen, Netzteil und Einrichtungsanleitung. Mit Hilfe der Einbauanleitung lässt sich das Gerät im Handumdrehen installieren. Es muss lediglich das Strom- und LAN-Kabel eingesteckt und die WLAN-Antennen montiert werden. Dann darf man schon den futuristisch anmutenden, 6-eckigen Startknopf auf der Gehäusevorderseite drücken und das Gerät fängt an leise zu schnurren. Würde der Startknopf nach dem Einschalten nicht leuchten, hätte man fast den Eindruck, dass das Gerät noch nicht an sei - so angenehm leise gestaltet sich das Betriebsgeräusch. Einzig die beiden im Linux-Software-Raid-1 vorkonfigurierten 3,5'-HDDs sorgen für das typische Festplattenrauschen, wie man es von externen Festplatten kennt.

Die Weboberfläche

Ist die Protonet-Box hochgefahren, kann man sich auch schon auf die Weboberfläche einloggen, um die Konfiguration abzuschließen. Das Webinterface ist relativ selbsterklärend. Es wirkt auf den ersten Blick aufgrund der Farbgebung und zusammengewürfeld anmutenden Icons aber eher unintuitiv, da nicht alle Schaltflächen einer einheitlichen UI folgen.

Den Mittelpunkt des Protonet-Systems bilden sogenannte "Channels". Channels kann man z.B. passend zu Abteilungen,  Projekten oder für die Kommunikation mit Kunden anlegen, um dort alle relevanten Dateien und Informationen gemeinsam zu verwalten. Im Prinzip sind die Protonet-Channels so etwas wie ein Social-Intranet, nur mit direkter Fileserver-Integration. Auf die Channel-Dateien kann man zusätzlich auch noch per Webdav zugreifen, was bei unserem Test allerdings prompt zu Zugriffs-Problemen führte, da unser Testbenutzer zufälligerweise ein Leerzeichen im Benutzernamen enthielt.

Verwalten des eigenen Protonet-Nodes

Über das Modul "Administration" kann das eigene Protonet-Node verwaltet werden. Hier gibt es Konfigurationsmöglichkeiten für den externen DNS-Service, das WLAN inkl. Gäste-WLAN, Privacy-Einstellungen und die Möglichkeit das Look & Feel, sowie eigenes Javascript in die Weboberfläche zu integrieren. Von extern steht das Protonet-Node automatisch über den DNS-Dienst von Protonet zur Verfügung (z.B. t3n.protonet.info). So kann man mit wenigen Klicks Kunden für die Zusammenarbeit auf dem Protonet-Node einladen und auch außerhalb des Büronetzes (z.B. von unterwegs) per Webinterface auf alle Channels, Diskussionen und Dateien zugreifen. Ein Software-Update geht über den webbasierten Update-Manager ebenfalls leicht von der Hand. Man muss lediglich sein Masterpasswort eingeben und die gewünschte Protonet-Version auswählen, schon ist man auf der aktuellsten Version (in unserem Test Version 340/STABLE) unterwegs - allerdings fehlt ein Changelog, so dass man nicht genau weiß, was man sich gerade installiert hat.

Ein Blick unter die Haube

Hat man sich erst einmal per SSH eingeloggt, findet man auf dem Protonet-Node viele alte Bekannte aus der Open-Source-Webserver-Welt: Apache2, MySQL, Rails, NodeJS, RabbitMQ, Apache Solr, Monit,.. um nur einige zu nennen. Die Protonet-Box überwacht sich selbst und weist den Administrator selbständig auf Probleme wie z.B. eine ausgefallene Festplatte im Raid oder einen gefunden Virus hin. Das System macht einen aufgeräumten Eindruck, läuft auf Ubuntu 10.04.3 LTS und hält sich zu großen Teilen an Ubuntu-Standards.

Kosten

Die Protonet-Box gibt es in zwei Varianten: entweder als Mietversion für 149 EUR netto pro Monat + 599 EUR Einrichtungsgebühr oder zum einmaligen Preis von 1499 EUR netto inkl. 30 Tage Einrichtungssupport. Klingt erstmal viel, ist aber durchaus fair, wenn man sich überlegt, wieviel Aufwand es ist, die Kiste von der Hardware bis hin zur Softwarelösung komplett zu konfigurieren. Im Mietmodell ist außerdem gleich E-Mail und Telefonsupport, Offsite-Backup und Hardware-Ausfall-Schutz mit enthalten. Hier wäre ein etwas ausführlicheres Service-Level-Agreement wünschenswert, dass man als Kunde weiß, worauf man sich einlässt und auch welche zusätzlichen Kosten auf einen zukommen können. Als Laie und Protonet-Besitzer ein defektes Software-Raid neu aufzusetzen dürfte selbst bei gebuchtem Hardwareschutz- und Premium-Support-Paket äußerst schwierig werden.

PRO

  • Einfache Einrichtung
  • Durchdachte Hardware, tolles Gehäuse
  • Software-Lösung basierend auf Open-Source-Technologie (Apache2, MySQL, Rails,..)
  • Kein nerviger Lüfter, da stromsparende ATOM-CPU + Passivkühlung
  • bis zu 16 TB Speicherplatz (4x4 TB HDDs)
  • Wartungsschacht ermöglicht einfachen Zugriff auf die Festplatten
  • Kein Updatestress durch integrierte Firmware-Verwaltung inkl. webbasiertem Upgrade-Manager.
  • Einfache und sichere Kommunikation mit Kunden und anderen, dezentralen Protonet-Channels (z.B. dem Support-Team).
  • SSH-Zugriff mit Root-Zugriff auf das System
  • Einfacher Virenscanner integriert (Clamav)
  • SSL-Verschlüsselung integriert.
  • Eigene Erweiterungen in Form von Apps möglich.

KONTRA

  • Schlechte Unterstützung vorhandener Protokolle und Fat-Clients (z.B. XMPP, SMB,..)
  • App Manager noch im Alpha-Stadium
  • Starres Berechtigungskonzept mit drei Rollen (User mit beschränkten Rechten, User, Administrator)
  • Integration gängiger Cloudservices fehlt (z.B. Dropbox, Google Drive,...)
  • CPU eher schwachbrüstig (z.B. eher schlecht für Videokonvertierung oder Thumbnails von großen Bildern zu generieren)
  • Unabhängigkeit vom Anbieter, keine offene Plattform (Software-Updates, Weiterentwicklung,...)
  • Kein vollständiger Router-Ersatz: direkte Internetanbindung (z.B. über externes VDSL-Modem)
  • Keine lokale Backuplösung vorkonfiguriert (z.B. Backup auf dritte HDD/extern)
  • Netzteil von Drittanbieter und nicht redundant ausgelegt

Gute Ansätze, aber noch in den Kinderschuhen

Die Protonet-Hardware - mit ihrem durchdachten Gehäuse und dem leisen, energiesparenden Mainboard inklusive Atom-Prozessor und Passivkühlung - ist richtig gut umgesetzt, genauso wie das vorkonfigurierte Ubuntu-Linux mit dem Software-Raid, integriertem Monitoring und vieler kleiner Details bis hin zum WebDav-Server und vergleichsweise einfachen Update-Möglichkeiten. Die Idee eines dezentralen, eigenen Node-Netzwerks, bei dem einem die Daten noch gehören, man sich dennoch nicht mit der aufwendigen Wartung auseinandersetzen muss und zudem über Nodes hinweg arbeiten kann, ist wegweisend.

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass sich das Projekt auf der Nutzerseite noch in den Kinderschuhen befindet. Die Plattform an sich wäre hervorragend geeignet um dem Versprechen der Produktwebsite "Löst die Grundanforderungen moderner Unternehmen" gerecht zu werden, allerdings muss sich dafür wohl noch einiges ändern.

Die Grundanforderungen eines modernen Unternehmens gehen in den meisten Fällen einfach über reine Status-Postings und Dateien hochladen hinaus. Für kleine Startups unter 10 Mitarbeitern, die evtl. sogar selbst mit Rails oder NodeJS arbeiten mag die Protonet-Box mit eigenen Anpassungen per SSH ok sein, alle anderen werden Dinge wie ein Chat-Server inkl. XMPP-Zugriff, echten Netzwerk-Zugriff auf Ordner und Dateien via AFP und SMB, Berechtigungseinstellungen auf Channel-Basis und eine Integration eigener, vorhandener Clouddienste (z.B. Dropbox, GoogleDocs, Sipgate,..) sowie Standard-Funktionen wie Dokumente vom Scanner in die Protonet Box einscannen oder Out-Of-The-Box-Backups auf eine externe Festplatte schmerzlich vermissen.

Am Ende steht und fällt auch bei Protonet alles mit dem kommenden App-Ökosystem und der Bereitschaft, sich an vorhandene Clouddienste anzukoppeln. Sollten hier in Zukunft smarte Erweiterungen zum schmalen Standard-Featureset hinzukommmen, hätte die Box durchaus das Potential von der Nieschenlösung zur "Fritzbox für kleine Unternehmen" und zum Vorreiter einer echten, self-owned Cloudlösung zu entwickeln.

[Update 02.10.12 - 14:41: Seit dem Firmware-Release 344 (unstable) ist SMB-Zugriff auf Dateien in die Protonet-Box integriert. Der AFP-Zugriff funktioniert entgegen unserer Behauptung laut Hersteller schon länger - wir haben ihn bei unseren Tests wohl nur nicht entdeckt. Die nächste stabile Firmware-Version mit offiziellem SMB-Zugriff soll laut Hersteller in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.]

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2 Antworten
  1. von Bully am 03.10.2012 (01:30 Uhr)

    In Berlin gibt es einen aehnlichen Dienst. Allerdings als reine Mietloesung und nur fuer den Raum Berlin.
    http://urbandata.de

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  2. von Anykey am 26.01.2013 (10:03 Uhr)

    Lachnummer,
    nun kommt mal aus dieser Werbeschleife raus. Zu den Fakten, was ist denn daran innovativ? Die Hardware? Schwach, jeder aktuelle Desktop-PC oder Shuttle hat bessere Hardware, ist mit nur 2 Karten ( Raid + Wlan) für 50€ aufrüstbar und steht eh unter jedem Schreibtisch. Die Idee? Daten auf eigenen Festplatten, Mobiler Zugriff, Apache Server in Kombination mit Ubuntu und MySQL = 20 Jahre alt. Der Preis? Utopisch. Da ist die kostenlose Fritzbox von Alice O2 im Funktionsumfang innovativer. Ich glaube die Chefs der Firma sind technisch nicht mehr, seit dem Studium upgedatet worden. Xing- Arbeitsplatz hat wohl seinen Beitrag geleistet. Schade. Seit ich das Video gesehen habe, glaube ich, dass hier lediglich Investorengelder von DAUs sowie Ärzten und Anwälten verbrannt werden. Ich würde es mir wünschen wenn es nicht bei einem Studentischen (2.Semester) Versuch endet, sondern für 200 000€ das Konzept noch einmal wertig durchgeplant wird. Dann hätte nicht nur die Firma, sondern auch der Kunde etwas Gutes.

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