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Web App Wettbewerb: Die Gewinner des „Rails Rumble 2010“ – von spannend bis seltsam

Der „Rails Rumble 2010“ ist vorbei - die Gewinner stehen fest. Experten und Öffentlichkeit haben entschieden, dass das Team der „Indiana Coders“ mit ihrer „Beer Checkin“ den Gesamtsieg des diesjährigen Rumbles davonträgt. Dieser Ausgang ist aber in der „Rails Rumble Community“ nicht unumstritten, denn an vielen Stellen wird behauptet, dass die Falschen in diesem Jahr die Top 3 gestellt hätten. Solche Töne gehören zwar zu jedem Wettbewerb, aber sie liefern umso mehr Anlass, die Ergebnisse und Gewinner aus diesem Jahr genauer unter die Lupe zu nehmen.

Web App Wettbewerb: Die Gewinner des „Rails Rumble 2010“ – von spannend bis seltsam

Acht Teams des diesjährigen Rumbles können sich schon jetzt über eine Platzierung und viele Preise freuen (Denn die „Sponsor Challenges“ stehen noch aus und werden weitere Gewinner hervorbringen). Auf Platz 1 steht das Team der Indiana Coders mit ihrem Beer Checkin. Gefolgt von Platform45 mit Owe Me Cash auf Platz 2 und der Crew von Nuby on Rails mit Choons.fm auf Platz 3. Bei jedem der Projekte wird schnell deutlich: OpenID oder Twitter Account machen einiges möglich. Oft auch Unmögliches.

Gesamtleistung Team: Die Top 3

Platz 1: Beer Checkin

Bier und Twitter also. Das Gewinnerkonzept ist einfach: Mit einem Twitter Account regristrieren, mitteilen welches Bier gerade getrunken wird - und dann die Etiketten sammeln. Der erste Eindruck des Interface ist übersichtlich, das „Bier-sharing“ geht einfach und intuitiv von der Hand, das Netzwerk ist rasch entdeckt. Soweit, so gut. Schnell stellen sich aber Bedenken ein, ob da tatsächlich ein Gewinner mit Nachhaltigkeit gekürt wurde. Thema und Konzept sind dann doch zu speziell, als dass der Spaß des „Bier-sharings" (man beachte allein solche Stilblüten) wirklich längerfristig motivieren könnte. Dafür fehlen einfach weitere Features: Wer trinkt die gleichen Biere wie ich? Was passiert mit der Flaschensammlung? Einfachste Sinnfragen des Web 2.0 eben.

Die mit Mongoid konfigurierte Datenbank wird mit Informationen aus Freebase gespeist, das heißt konkret: Fehlt das gewünschte, bzw. getrunkene Bier, muss dies erst über Freebase eingetragen werden, um dann auf Beer Checkin zu erscheinen. Auf viele dürfte diese WebApp die Strahlkraft von Briefmarkensammeln haben. Bier macht eben doch getrunken mehr Spaß. Zum Thema Innovation sei gesagt: Twitabrew erschien im letzten Jahr.

Zum Beer Checkin...

Platz 2: Owe Me Cash

Nie wieder vergessen, wem man Geld geliehen hat und wann man es wiederbekommen sollte? Dieses Problem nichtig zu machen, nahm sich das Team von Platform45 vor, und entwickelte dazu die passende Webapp mithilfe des Ruby on Frameworks. „There are no limits when getting your own back!“ sollte als Motto des Teams vielleicht mit Humor genommen werden, und weniger als Wahlspruch eines dubiosen Inkassounternehmens verstanden werden. Der stets drohende Inkasso-Panda von „Owe Me Cash“ dürfte jedenfalls Anzeichen für die erste Annahme sein.

Das Team hat vor, sich nach der Rumble an eine iPhone-App mit jQuery mobile zu machen, die auch PayPal unterstützt. Soweit ambitioniert und vielversprechend. Aber ungeachtet dessen und des Humors: Wer möchte, teilweise diskrete, Geldgeschäfte derart öffentlich machen? Diese Webapp mag sicher nützlicher und alltagsgebräuchlicher sein als „Beer-sharing“, aber das ständig an Schulden per Voice- und E-Mail oder SMS erinnerte soziale Umfeld dürfte sich nach allzu häufigen Gebrauch merklich verkleinern. Da nützt auch das zur Deadline zurückgezahlte Geld nichts. Klingt nicht so lustig - trotz Panda.

Zu Owe Me Cash...

Platz 3: Choons.fm

Im Vergleich zu den beiden vorderen Plätzen kommt diese App optisch ansprechend und ähnlich einfach in der Funktionsweise daher. Fehlende Innovation kann so zunächst kompensiert werden - ist das Thema „Display einer Musikbibliothek“ doch so neu nicht. Mehrere hundert Musikalben sind, dank Discogs, bereits in der Datenbank implementiert. Will ein User neue Alben anlegen, muss diese Prozedur bisher noch manuell erfolgen.

Die Community ist sich über das Design und die User Experience soweit einig: Choons.fm ist benutzerfreundlich und bietet eine hübsch anzuschauende Management-Funktion. Aber was kommt dann und animiert User zum Verbleib? Die Vernetzung mit externen Anbietern wie Last.fm, Amazon.com, Grooveshark oder iTunes könnte dem Projekt beim Sprung auf die nächste Ebene verhelfen. Vor allem würde es das FM im Namen rechtfertigen, denn außer einer Display-Verwaltung bietet die App kein Streaming oder andere akustische Nutzung, ist darüber hinaus also featurelos und kommt bisher auch ohne Desktop-Client aus.

Zu Choons.fm...

Gesamtleistung Solo-Team

tldr.it

In 48 Stunden entwickelte Jeremy McAnally diese App, um Inhalte von Webseiten und Feeds zu komprimieren. Der dabei verwendete Algorithmus durchsucht Webseiten automatisch nach Content und erstellt daraus verkürzte Auszüge. Der Textinhalt einer in das System eingegeben URL (oder Feed) stellt dann drei Option zur Auswahl, in denen der komprimierte Inhalt lesbar ist: kurz, medium oder lang. Diese App birgt durchaus Potenzial, um auch über den Rumble hinaus ein nützliches Tool im Alltag zu werden. Ähnliche Funktionen bietet bereits Newser.com an.

Zu tldr.it...

Gewinner der Kategorien

Appearance: Commendable Kids

Die Agile Nomads haben sich durch ein Prinzip der Pfadfinder inspirieren lassen, das wiederum aus dem traditionellen militärischen Belohnungssystem entspringt: Besondere Taten erfahren Öffentlichkeit durch Orden - und so Bestätigung. Nun kommt das Prinzip zwar etwas gewöhnungsbedürftig daher, wenn es denn für Eltern, Lehrer oder Erzieher gilt, ihnen positiv aufgefallene Kinder auf der Webseite zu regristrieren, damit diese von herbeigerufender Familie und Freunden Bestätigung erhalten; aber das sollten schlussendlich Experten für Kinderpsychologie entscheiden. Für die Erwachsenenwelt funktioniert Social Media oftmals nicht anders.

Optik und Aufmachung der Seite erwecken bereits einen sehr seriösen Eindruck und auch weitere Schritte wie Monetarisierung und die Erschließung von nicht-virtueller Belohnung sind angedacht, wie z.B. „Physical Badges“. Die Jury entschied auch deshalb „Commendable Kids“ für den besten Ersteindruck zu prämieren: Ein übersichtliches, einladenes und detailliertes Layout und bereits vorhandener Zendesk-Support wussten zu überzeugen.

Zu Commendable Kids...

Completeness: Go vs. Go

Innerhalb von 48 Stunden wurde das chinesische Spiel „Go“ von Black and White als Online-Variante umgesetzt. Und in der Kategorie „Completeness“ sogleich als Gewinner gekürt. Die App richtet sich besonders an Kenner des Spiels, aber Interessierte können sich einfach und ohne Umwege in eine Onlinepartie wagen, oder einfach nur anderen Spielern dabei zuschauen und wichtige Kniffe lernen. Das Team ist mit dem Projekt bei Github.com Open Source gegangen.

Zu Go vs. Go...

Innovation: Warsquare

Ein Spiel kommt auch vom Team acts_as_ninjas: Warsquare. Der Clou: Die Macher haben das Schlachtfeld nicht in eine fiktive Welt versetzt, sondern in die Welt von Foursquare. Dieses Social Game ist also strikt an diesen Service gebunden (der ja auch eigene Spiele anbietet).

Es ist sehr motivierend, mit fiktiven Armeen in einem virtuellen Szenario um reale Plätze und nicht zuletzt um ein zu etablierendes Imperium zu kämpfen. Getreu dem humorvollen Motto der Macher: „Starbucks today, tomorrow the world!“ Damit lassen sich gewiss viele Webworker für viele Stunden beschäftigen. Besonders wenn um das Café „gekämpft“ wird, in dem gerade das Free-WiFi genutzt wird, und der Gegner idealerweise noch am Nebentisch sitzt.

Der Innovationspreis wurde durchaus zurecht an das Team der Ninjadarsteller, die Warsquare unter anderem mit dem frisch releasten jQuery mobile entwickelten, vergeben. Wenngleich das Spiel mit Foursquare steht und fällt. Wichtig: Das Smartphone muss über Geotargeting, bzw. Geolocation verfügen.

Zu Warsquare...

Usefulness: Awesome Fontstacks

The Dudes haben in der Kategorie „Usefulness“ mit ihrer Webfont-App abgeräumt. Hiermit lassen sich freie Fonts erstellen und als Bundle packen, inklusive des fertigen CSS-Codes. Die Auswahl der Fonts ist übersichtlich und deshalb hilfreich; statt den User mit einem großen Angebot überfluten zu wollen. Ein Punkt, den auch die Jury gerade für diese Kategorie als wichtig empfand. Wer Typekit kennt, wird das Angebot von Awesome Fontstacks ebenfalls zu schätzen wissen. Social-Media-Angebote machen die App noch attraktiver: tweet it!

Zu den Awesome Fontstacks...

Fazit

Besonders die Top 3 Webapps erscheinen auf den zweiten Blick den gesetzten Kriterien eines Rumbles schlecht standzuhalten. Ein enger Fokus auf das Wesentliche trifft zwar weitestgehend zu, doch verbleiben bei allen Zweifel an einer Weiternutzung, besonders einer durch die Anwendung heraus motivierten Nutzung. So ruft der Gewinner der diesjährigen „Rails Rumble“ in der Community zu recht Skepsis hervor, den Sieg verdient davon getragen zu haben (und führt zur Diskussion neuer Abstimmungsmethoden): Via Twitter Biermarken zu sammeln und auszustellen mag ein kurzfristiges Vergnügen sein - und das bestimmt auch für gewisse Zielguppen, langzeitmotivierend und businessfähig ist es aber kaum. Weniger Fokus, dafür aber ein breiteres Featureangebot bietet der Zweitplatzierte „Owe Me Cash“. Aber eben auch eine fragwürdige Nutzung mit potenziell hohem Nervfaktor - besonders für vermeindliche Schuldner. Beinahe einhellig beurteilt die Community den drittplatzierten Teilnehmer: Das Musikalben-Display Choone.fm trage die Endung zu unrecht, suggeriere man damit doch eher eine streamfähige Musikplattform. In Wahrheit sei sie aber nicht mehr als ein hübsch anzusehendes Regal mit Plattencovern. Absolute Zustimmung.

Ingesamt also eher trübe Aussichten auf den ersten Plätzen und viele vergebene Chancen. Allerdings: In 48 Stunden lassen sich oftmals Rahmenbedingungen schaffen, die in 48 Tagen noch vielmehr Gestalt annehmen können. Das lässt hoffen.

Den offiziellen Ausgang des diesjährigen Rumble mussten deshalb die Sonderkategorien retten, und konnten dies zumeist auch sehr erfrischend. Awesome Fontstacks hat die Möglichkeit, besonders bei weniger versierten Webentwicklern die Runde zu machen und ein langlebiges Projekt zu werden. Warsquare dürfte solange als Zeiträuber funktionieren, wie Foursquare noch einen Platz am Markt der immer zahlreicher werdenden Geolocation-Tools inne hat. Aber auch der Solo-Gewinner tdlr.it kam durchaus überzeugend daher und verspricht viel Potenzial - auch über den Wettbewerb hinaus. Unter den weiteren 173 von 181 eingereichten Webapps schlummern sicher noch vielversprechende Geheimtipps.

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