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Karriere

Recruiting: Ihr seid nicht reif für Business-Punks und Marketing-Rockstars

    Recruiting: Ihr seid nicht reif für Business-Punks und Marketing-Rockstars

Bereit für Punks und Rockstars? (Foto:  © iStockfoto / carlosbezz)

Business-Punks und Marketing-Rockstars sind hip. Und manch ein Unternehmen will sich gerne mit ihnen schmücken. Bis das Recruiting dann mal einen anschleppt und der beim Bewerbungsgespräch sitzt.

Recruiting wie im Spionage-Thriller

Recruiting wie im Spionage-Thriller? Etwas albern. (Foto: iStockphoto / JordiDelgado)
Recruiting wie im Spionage-Thriller? Etwas albern. (Foto: iStockphoto / JordiDelgado)

Business Punks oder Marketing-Rockstars, jene Gattung von Mitarbeitern die unkonventionell arbeiten, neue Wege gehen und mit alten Arbeitsweisen brechen. Menschen, die auch mal Regeln verbiegen und sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Sie sind kreativ, um ein Produkt oder Thema nach vorne zu bringen, eben nicht der klassische Manager.

Für manch ein Unternehmen sind diese Mitarbeiter reizvoll. Man glaubt, sich Kreativität einkaufen zu können. So lange ein Unternehmen bereit ist, eben diesen Mitarbeitern ihre Freiräume zu lassen, kann das eine Bereicherung für alle Beteiligten sein. Aber nicht immer sind Unternehmen auch wirklich bereit, mit dieser Art von Mensch zu arbeiten. Ein Erfahrungsbericht.

Headhunter: So Rock 'n' Roll wie ein Bausparvertrag

Das Telefon klingelt, Rufnummer unbekannt. Genau zwei Personen rufen mit unterdrückter Rufnummer an: meine Vermieterin oder Headhunter. Bei Letzteren fangen die Gespräche meist gleich an. Man gibt sich geheimnisvoll wie Schlemihl aus der Sesamstraße. Man suche einen Business-Punk, Marketing-Rockststar oder „HierCoolesKarriereBuzzwordEinsetzen“ – und ob ich Interesse an einer offenen „Vakanz“ habe. Soso, der gnädige Herr hat eine Vakanz für mich. Nicht etwa eine stinknormale offene Stelle, nein: eine Vakanz! Ich bin höflich und zeige Interesse. Dümmer wird man ja nicht.

Zwar könne man nicht sagen, wer die Stelle zu besetzen hat, aber frei nach dem Motto „Was hängt an der Wand und wenn es runter fällt, ist die Uhr kaputt?“ beschreibt man das Unternehmen. Man sei bei Xing auf mich aufmerksam geworden und ich solle doch mal erzählen, was ich beruflich mache (steht bei Xing) und ob ich mich in dem Thema auskenne, in dem ich unterwegs bin (ist anzunehmen). Brav beantworte ich alle Fragen, werde aber das Gefühl nicht los, man hört mir nicht zu.

Ob ich zu einem Treffen an einem neutralen Ort bereitstehe? Ich muss an einen Spionage-Film denken und mir liegt „Schicken Sie mir verschlüsselt die GPS-Koordinaten“ auf der Zunge, ich lasse mich aber auf einen Termin ein. Mal schauen, wie mein Marktwert ist. Das Treffen findet, wie es sich für einen Business-Punk oder Marketing-Rockstar gehört, in einem Café statt. Der Headhunter ist in etwa so viel Rock 'n' Roll wie ein Bausparvertrag. Die Atmosphäre ist kühl, man rattert einen Fragenkatalog runter, lädt aber zum echten Vorstellungsgespräch ein.

Aus einem Kennenlernen wird ein Recruiting-Tribunal

vorstellungsgespräch
Auch hier: kein Rock 'n' Roll, kein Punk-Rock, dafür ein Tribunal. (Foto: © Kzenon – Fotolia.com)

Auch hier: kein Rock 'n' Roll, kein Punk-Rock, aber ein Tribunal bestehend aus dem Headhunter, „Human Resources“ und einem Abteilungsleiter. Man gibt mir zu verstehen, bei welchem Weltmarktführer ich nun sei (aha) und wie strategisch die „Vakanz“ für das Unternehmen sei (oha). Ich solle etwas über mich erzählen, was ich gut kann. Bringe meinen Lebenslauf zum Besten, der direkt zu Nachfragen führt. Warum ich nur eine Ausbildung und kein Studium vorzuweisen habe (hatte keine Lust und war schlichtweg zu doof)? Ein schneller Berufseinstieg war mir wichtig, argumentiere ich. Warum ich denn unbedingt die Stelle will (?! Ihr habt mich doch angequatscht) und was ich am Unternehmen so reizvoll fände (mittlerweile: nichts mehr).

„Mit dem Gefühl, unsinnige Zeit geopfert zu haben, geht das Gespräch zu Ende.“

Unwohlsein macht sich breit und ich frage mich, warum man mich angesprochen hat. Man fragt, wie ich zu diversen Themen stehe. Ich kenne mich aus und gebe eine entsprechende Einschätzung ab. Man antwortet überraschend mit Unsinn und unterstellt mir Unkenntnis. Man möchte also spielen, mich aus der Reserve locken. Nach knapp 30 Minuten fängt man an, auf Englisch mit mir zu reden. Da ich mir sicher bin, mich nicht auf englischem Hoheitsgebiet zu befinden, antworte ich in meiner Muttersprache, weiter in der Annahme, es handele sich vielleicht um ein Versehen. Tut es nicht. Man möchte meine Englischkenntnisse überprüfen (die so mittelgut sind) und erwartet eine Markteinschätzung auf Englisch von mir (Oops). Ich stammle mir etwas zusammen, was sich weder gut anhört, noch inhaltlich sonderlich gut ist.

Mit dem Gefühl, unsinnige Zeit geopfert zu haben, geht das Gespräch zu Ende. Aus einem Kennenlernen wurde ein Tribunal, wie es sich in Den Haag hätte abspielen können.

Warum das alles?

Diese Geschichte darf man nicht für bare Münze nehmen und es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es auch sehr nette Gespräche gibt, in denen man sich auf Augenhöhe verständigt und gehobenen Hauptes auseinander geht. Trotzdem scheint man in Deutschland noch immer vor allem auf Etikette und akademische Titel Wert zu legen. In einem Bericht über die Einstellungskriterien bei Google liest man derweil anderes. Dort stellt man immer mehr Mitarbeiter mit College-Ausbildung ein. Der Notendurchschnitt (GPA) taugt nicht als Einstellungskriterium, so Laszlo Bock, der bei Google für das Thema Personalentwicklung zuständig ist.

Ähnlich sieht das der deutsche Philosoph Gunter Dueck: „Unser Bildungssystem aber trichtert vor allem ein, was schon im Internet steht. Wir werden nicht zu professionellen Persönlichkeiten entwickelt. Wir werden nicht auf das Komplexe vorbereitet.“ Das ist es aber, was einen guten Mitarbeiter ausmacht, nicht der akademische Bildungsgrad. Am Ende des Tages zählt nur, ob der Job gut gemacht wird. Wer Menschen, die keine Standard-Biografie vorzuweisen haben, aber in eine bestimmte Schublade steckt, findet nicht heraus, ob sie sich dafür vielleicht besonders gut eignen.

Liebe Unternehmen: Wenn ihr Querdenker, Rock 'n' Roller oder Business-Punks wollt, dann schielt weniger auf Zertifikate, Urkunden oder Zeugnisse und schaut euch an, was die Person geleistet hat. Wenn sich ein Unternehmen für diese Art von Mitarbeitern interessiert, dann sollte man auch bereit sein, sich auf eben diese einzulassen.

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12 Reaktionen
MarinaS.
MarinaS.

Meiner Meinung nach läuft bei uns in der Hinsicht sowieso einiges falsch ... Warum werden beispielsweise Gehälter nach wie vor daran festgemacht, ob jemand studiert hat oder nicht? Ich habe schon mehrmals erlebt, dass Leute ohne Studium in ihrem Job fähiger waren als andere, die studiert haben - und als Dank haben sie auch noch weniger verdient ...

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Mael

Also die Erfahrung habe ich persönlich nur einmal gehabt, das hat mir aber gereicht. Bei mir entscheidet das Bauchgefühl und bei solchen Geschichten beende ich es lieber früh, dafür ist mir meine Zeit zu kostbar.

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Bewerbungs-Realität
Bewerbungs-Realität

"Warum ich denn unbedingt die Stelle will "
Das sind Standardfragen bei Bewerbungen. Es wäre schön wenn es eine Site gäbe, wo Antwortvortideen gegeben werden.
Wenn man TV sieht, sieht man auch das sich viele Bewerber wenig um die gefragten Skills kümmern und man hunderte Bewerbungen hat(te) und viele lange nicht die Mindestanforderungen erfüllen.
Und Recruiter/Headhunter wollen irgendwen vorstellen. Natürlich den besten den sie finden können. Aber die Firmen müssen sich vermutlich auch mehrere Bewerber ansehen obwohl klar ist, das ein Insider den Job bekommt. Und wegen möglicher Klagen und weil Betriebsräte evtl auch bei jeder Einstellung mitbestimmen oder mitbestimmen können, kriegt man bei vielen Firmen auch den kompletten Email-Schriftverkehr zurückgeschickt. Es hat einem nur niemand (an der Uni oder Schule) gesagt wie die Bewerbungs-Realität aussieht.
Und das man sprachlich getestet wird wenn man reinschreibt das man irgendeine Sprache kann, ist normal und bei guten Firmen üblich.
Beim ersten Gespräch bei den Personalern gehts ja auch darum das man zeigt ob man die Spielregeln beherrscht. Wenn man ein Fitness-Studio hat und im Mucki-Shirt oder als Restaurant-Besitzer mit Kochmütze rumläuft geht man zum Bankkredit oder zur Beerdigung ja auch eher im Anzug.
Beim zweiten und weiteren Gesprächen sollten eher die späteren Kollegen einen auch durchchecken und entscheiden ob sie mit einem zusammenarbeiten wollen. Und da die mit Fehl-Bewerbern genug schlechte Erfahrungen gemacht haben dürften, wird fachlich klar durchgescheckt wie beim TÜV.

Es gibt also viele Dinge im Bewerbungs-Leben die gängig sind aber niemandem verklickert werden so das man sich viel viel zu oft falsch bewirbt. Viele TV-Dokus zeigen das immer wieder aber halt leider nur punktuell auf. Eine Website zur Lernkurven-Verschnellerung wäre ganz nett.

Und weil inzwischen immer mehr ein Diplom haben, wird es immer schwieriger, brauchbare Handwerker zu finden. Früher hatte man als Sachbearbeiter einen Realschul-Abschluss. Heute verlangen die Firmen ein Diplom. Und solche Verwaltungs-Jobs werden dank Computern endlich langsam immer weniger damit wieder produktive Arbeit einen höheren Anteil bekommt.
Fehlqualifizierung bringt das Boot auf Schlagseite. In USA sieht man das tausende Jobs gestrichen wurden und nur ein Bruchteil wieder eingestellt wird und vermutlich überwiegend körperliche Arbeit oder in der Produktion/Bau/... und weniger in der (studierten) Verwaltung.

Wenn man die hunderten ähnlicher Apps ansieht stellt sich schon die Frage wieso man eine Wetter-App programmiert statt einen gutbezahlter IT-Konzern-Mitarbeiter zu sein.
M$ und ich glaube auch HP streichen tausende Stellen.
Existiert der Fachkräftemangel wirklich oder hat man sich nur Systeme angeschafft wo es nicht genug Dienstleister gibt ? Für einen Jaguar kriegt man auch schlechter Ersatzteile und Werkstätten als bei einem VW Golf.
Ist das ncht vermutlich eher die Realität der Branche:
t3n.de/news/mehrzahl-app-entwickler-verdient-558607/
Die könnten doch alle gutverdienende Entwickler sein oder etwa doch nicht ?

Ich glaube schon lange nicht mehr an den Fachkräftemangel sondern an Fehlqualifizierungen beispielsweise weil die Ausbildung (Berufs-schule, Universität, Schule,...) nicht über die Abnehmer (Arbeitgeber) gesteuert wird. Wenn die Leute mehr grüne Iphones wollen produzier ich halt mehr von denen. Gleiches sollte für Skills gelten.

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Sebastian
Sebastian

Ich hab sowohl gedient als auch studiert. Hilft auch nichts. Bei mir kommen dann Fragen zum späten Einstieg ins Berufsleben (30 Jahre), Familie (verheiratet,1 Kind) usw. Also lasst euch keinen Minderwert einreden. Alles nur Farce, um die Gehälter zu drücken.

Das Recruiting noch in den 70ern hängen geblieben ist, sieht man an der obligatorischen Frage "Warum wollen Sie zu uns?". Wie Maik schrieb: "?! Ihr habt mich doch angequatscht". Bitte sage ihnen mal jemand, dass es nicht mehr 1974 ist!

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Nadine

In der Selbstständigkeit zählt Kreativität, Power neue Wege zu gehen, Selbstbewusstsein und Ausdauer, sowie der Glaube und die Kraft Dinge zu realisieren. Das kann kein Abschluss an einer Uni belegen. Hier sind Ergebnisse aussagekräftig und man arbeitet auf Augenhöhe.
Da leider die meisten Beschäftigungen in einer Anstellung gutes Potenzial blockieren, wirken Sie langsam, träge, starr. In Firmen wird viel "politisch" agiert und das persönliche Ziel des Angestellten in der jeweiligen Schlüsselposition steht oftmals vor dem projektbezogenen Ziel der Firma. Es gibt wirklich nur wenige Firmen, die Ihre Mitarbeiter frei und innovativ agieren lassen und wo sich innerhalb des Betriebsklimas ein gemeinsames Team mit einem gemeinsamen Ziel bildet. Aber diese wenigen sind wirklich erfolgreicher als viele andere.
Letztendlich stellt man sich doch die Frage, was ist erstrebenswert und macht glücklich? Und wie viel "Schmerzensgeld" eine Angestelltenposition bietet, in der keine "Erfolge" und "erstrebenswerte Ziele" realisiert werden.
Meine Arbeit soll drei wichtige Punkte erfüllen - Sie soll meinen Kunden, dessen Kunden und mich glücklich machen.

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shortcut
shortcut

@Nadine: Toll auf den Punkt gebracht, exakt meine Gedanken und auf nette Art in Worte gefasst... :)
Viele Grüße!

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Eric

ja solche firmen kennen wir wohl alle. darum bin ich froh das ich selbständig bin, so muss ich mich nicht mit solchen HR heinis rumschlagen. obwohl hin und wieder ruft auchein headhunter hier an und fragt ob ich frei wäre :P solche diskussionen sind immer wieder lustig und bringen einen kurzen einblick in die welt der 99% der arbeiter

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Carl
Carl

Hihi,
diese steifen Leute sind ne lustige Truppe - immer wieder. Hab mich letztes Jahr mal ordentlich am Markt umgesehen und hatte jede Menge Spaß. Der Vertrag, den ich letztlich einsackte, kam so überraschend wie ungeplant und lag so absolut nicht auf meiner Roadmap. Er sorgte aber dafür, dass ich die Tour so tiefenentspannt angehen konnte, dass ich tatsächlich "frei" agieren konnte. Gold wert. Der ganze Standard Kram, den ich abklapperte, war bis auf eine Ausnahme reiner Stuss oder Tribunal mit völlig verkorksten Personalern, Dienstleistern oder gar Headhuntern. Teilweise werden einem da Youngster entgegen gejagt, die einen Fragenkatalog abklappern. Weicht man davon ab und führt die armen Anfang 20er auf's Glatteis, artet es zur Pharce aus. In dem Falle entschuldigte ich mich höflich und ging.
Wenn ich mich bei jüngeren Bekannten so umsehe, wie devot Doktrin und Etikette für voll genommen werden, kann ich nur staunen...es gibt so viel mehr interessantes als das...akademische Titel sind doch nur eine Eintrittskarte. der Weg dort hin ist ja absolut sinnvoll nur das Messen an diesen Zertifikaten völlig überzogen. Braucht in dem Bereich keiner.
Regelwut und altbackene Etikette schrecken mich zuallererst - und das, wo ich mich als verhältnismäßig konservativ beschreiben würde^^
Wirklich innovative Arbeitsumfelder schlummern unscheinbar in diesem Land. Der Rest ist gut und gern mal Kraut und Rüben :-)
In diesem Sinne: vergesst mal diesen ganzen Simsalabim und lasst lieber Taten sprechen...

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Olaf Barheine

Auf das Abenteuer Headhunter habe ich mich noch nie eingelassen. Ich wimmele die immer sofort ab und speichere die Rufnummer - sofern angezeigt - in meiner Blacklist. Ein Fehler? Wird denn bei solchen Veranstaltungen wenigstens Gebäck gereicht?

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Marcin

Toller Artikel! Genauso und nicht anders schon mehrfach erlebt ...

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suennerklaas
suennerklaas

Da steckt noch viel ungesunder, überholter Kram in einigen Köpfen:
"Ham se jedient? Und bei welchem Regiment?"
"Waren se mal inner Partei, die ein "K" im Parteinamen hat?"

Lol

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