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re:publica 2010: Jeff Jarvis’ Penis und die Sache mit der Privatsphäre

Wenn ein amerikanischer Publizist vom Schlage eines Jeff Jarvis („What Would Do?“) seinen Penis thematisiert, dann hat das weniger mit Exhibitionismus zu tun, als mit der Frage des Zweikampfs zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit. Sein Vortrag über das „German Paradox“ auf der re:publica 2010 stellte einige für so manche deutsche Ohren provokante Thesen auf.

re:publica 2010: Jeff Jarvis’ Penis und die Sache mit der Privatsphäre

Im Februar hatte Jeff Jarvis erstmals in seinem Blog das „deutsche Paradoxon“ untersucht. Ihn beschäftigt dabei die Frage: Warum haben Deutsche kein Problem damit, vollkommen nackt in der gemischten Sauna zu sitzen, protestieren aber zugleich heftig gegen Google Street View?

Deutsche Satire zu Google Street View: Google Home View

An sich sei gar nicht Privatsphäre das Problem, sondern die Kontrolle darüber, erklärte Jeff Jarvis. Und die Privatsphäre-Einstellungen seien oftmals so schwer zu bedienen und zu verstehen wie einst die Videorecorder... Wir wollten aber Kontrolle über unsere Daten, wohin sie gelangen und wer sie nutzt. „Wir wollen unsere Identität kontrollieren“, so Jarvis.

Zugleich warnte er aber davor, für eine aus seiner Sicht übertriebenen Zwang zur Privatsphäre, öffentliche Güter zu behindern oder gar zu verhindern.

Der Wert von Öffentlichkeit

Jarvis warb in der Hauptsache darum, den Wert von Öffentlichkeit („value of publicness“) zu erkennen. Als Beispiel führte er dabei den „Penis Post“ in seinem Blog Buzzmachine an, wo er schonungslos seine Erkrankung an Protastatakrebs und ihre Folgen offenlegt. Diese radikale Öffnung seiner Privatsphäre habe dazu geführt, dass viele andere sich ebenfalls trauten, darüber zu sprechen und es entstand eine für viele wertvolle Sammlung von Erfahrungen - und Wissen. „Dein Wissen hat einen Wert. Wenn Du Dein Wissen verbreitest, verbreitest Du diesen Wert“, erklärte Jarvis und warb dafür, die in Deutschland verbreitete Neigung abzulegen, Wissen für sich zu behalten.

Ein anderes Beispiel für die Macht des Öffentlichmachens ist aus seiner Sicht Flickr. Ein zentraler Erfolgsfaktor der Seite sei es gewesen, dass alle Fotos standardmäßig öffentlich sind - und nicht privat wie in den meisten Fotocommunitys zu der Zeit. Dadurch sei wiederum unendlich viel entstanden, was sonst nie möglich gewesen wäre. „Incredible, amazing things.“

Öffentlichkeit sei geradezu ein Wert für die ganze Gesellschaft. Man müsse diesen Wert engagiert verteidigen. Zudem stellte er seine „Bill of Rights in Cyberspace“ vor, die unter anderem sowohl die Privatsphäre als auch „öffentliche Güter“ aufführt:

  • We have the right to connect.
  • We have the right to speak.
  • We have the right to speak in our languages.
  • We have the right to assemble.
  • We have the right to act.
  • We have the right to control our data.
  • We have the right to our own identity.
  • What is public is a public good.
  • The internet shall be built and operated openly.

Auch hier also gibt es den Zweikampf zwischen „privacy“ und „public“. Aber ist es wirklich ein Zweikampf? Folgt man Jarvis' Argumentation, verbauen sich die Deutschen Chancen, wenn sie ihrer Angst um die eigene Privatsphäre freien Lauf lassen. Im Gegenteil könne diese Einstellung sogar zu schwerwiegenderen Problemen führen. Wer Google Street View behindere, behindere künftig vielleicht auch Journalisten und Blogger bei ihrer Arbeit, so Jarvis.

Im Sinne der deutschen „Freikörperkultur“ wünschte Jeff Jarvis sich eine „Freikultur“. Es ist allerdings tatsächlich die Frage, inwiefern sich diese Idee mit dem deutschen Hang zur Überkontrolle und Überregelulierung von allem vereinbaren lassen soll.

P.S.: Natürlich gab es noch viele weitere Themen am ersten Tag der re:publica 2010 und auch Tag 2 und 3 versprechen, spannend zu werden. Entsprechende Berichte, Fotos und Video-Interviews folgen in den nächsten Tagen.

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4 Antworten
  1. von ralf am 14.04.2010 (19:50Uhr)

    ...er hat es wohl nicht verstanden...
    Wenn ich in der Sauna sitze und Jemand fofografiert mich, verkauft die Bilder. Ja da hab ich was dagegen. Wenn dann verkaufe ich die Bilder von mir.
    Also Google soll VORHER fragen und die jeweiligen Personen beteiligen. Wenn Google das nicht will, OK. Aber erst Fragen!!!
    Ich muss mich auch an die Gesetze halten....

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  2. von nie am 15.04.2010 (12:16Uhr)

    ich muss mich ralf anschließen: ... er hat es wohl nicht verstanden ...
    "Privat" meint doch gerade die Kontrolle über Zugang und Verfügbarkeit zu haben. Wenn er also einen Begriff dafür kritisiert, was er im Kern meint, geht das ziemlich in die Hose.
    Und auch an anderen Stellen ist die Argumentation doch brüchig. Das Internet "shall be built and operated openly" und dann wird Google StreetView unterstützt? Das passt doch nicht zusammen. Sorry. Hier wurde nicht zu Ende gedacht.

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  3. von Contextoo am 15.04.2010 (18:25Uhr)

    Intimes öffentlich zu machen bzw. darüber zu reden ist meistens nicht verkehrt: Missbrauchsfälle, Veruntreute Gelder oder Prostatakrebs.

    Aber was Jeff nicht verstanden hat, wo die Sorge der Leute liegt: Daß die privaten Daten in den Händen eines Unternehmens gelangen, daß damit sehr viel Geld verdient. Solange die Daten bei Google liegen kann man von "Öffentlichkeit" nicht reden. Die Daten sind wieder intim und verschlossen bei Google.

    "OpenSource", daß versteh ich unter Öffentlichkeit. Nicht Googles-Datenkralle.

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  4. von Rob am 16.04.2010 (19:15Uhr)

    Der Mann über den hier berichtet wird erscheint mir beinahe wo wie die ganzen Wissenschaftler die damals behaupteten, Atomenergie sei vollkommen harmlos und CO2-neutral...

    In beiden Gällen, Atomenergie wie Datenschutz, geht es um die Aussage der Großindustrie, sie stelle nützliche Güter bereit. das ist auch nicht ganz falsch. Was daran aber zu kurz greift ist die Sache, dass der/die Einzelne keine Kontrolle über die Anwendung der Technologie hat.
    Auf Dauer das zu Demokratieabbau und stärkt den Populismus. Das könnte auch etwas damit zu tun haben, warum deutsche das was gegen haben und Amiis nicht...

    Entweder ist der ein gekaufter PR-Mann (was oft vorkommt, siehe Atom- und Gentechniklobby), oder ein einspurig denkender möchtegern-Vordenker.

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