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re:publica – Drei Dinge, die besser werden müssen

Am Freitag ging die diesjährige re:publica zu Ende, Zeit für ein kleines Resumée. Noch vor Ort habe ich viele Teilnehmer nach ihrer Meinung zur fünften Auflage der Internetkonferenz befragt und immer wieder die gleiche Antwort gehört: „Die re:publica XI war schön, aber...“. Zufriedenheit mischte sich auf eine seltsame Art mit Unzufriedenheit. Mir ging es da nicht anders - tolle Gespräche, aber weniger tolle Inhalte und dafür strukturelle Probleme. Die re:publica als Event braucht ein neues Konzept! Drei Dinge sind dabei besonders wichtig.

re:publica – Drei Dinge, die besser werden müssen

Die re:publica XI ist mit einem blauen Auge davon gekommen

Bei rund 3.000 Besuchern kann man es sicher nicht allen recht machen, doch wenn sich viele Besucher einig sind, dass beispielsweise viele Sessions inhaltlich zu dünn waren, dann stimmt was nicht. Dabei ist den Veranstaltern nicht mal ein Vorwurf zu machen. Es liegt viel mehr an den teilweise überzogenen Erwartungen der Besucher – da bin auch ich keine Ausnahme. Je größer eine Veranstaltung ist und je breiter die Inhalte angelegt sind, desto weniger Tiefe sollte man von den einzelnen Vorträgen erwarten. Dennoch erhofft man sich als Blogger oder Journalist doch das eine oder andere Thema, über das es sich zu schreiben lohnt. Diese Hoffnung wurde in meinem Fall nicht erfüllt, vielleicht erging es euch anders.

Vor allem die Kalkscheune kann mit dem Wachstum der re:publica nicht mehr mithalten. Selbst der „große Saal“ hier im Bild war oftmals zu klein. Die anderen Räume haben ungefähr die Größe eines Klassenraums. Foto: Anja Pietsch/re:publica. Lizenz: CC BY 2.0

Damit wir uns da nicht falsch verstehen, es gab durchaus qualitativ hochwertige und sehr unterhaltsame Sessions. Aber Punkt 1 ist: Die Räumlichkeiten passen nicht mehr zur re:publica. Denn leider bin ich in einige Vorträge gar nicht erst reingekommen. Vielleicht fanden einige Themen auch überraschend viel Anklang oder sie wurden im Vorfeld falsch eingeschätzt und für die falschen Räume eingeteilt. Die einfache Teilnahme an allen Themen, die ich mir auf den digitalen Zettel notiert hatte, war jedenfalls nicht möglich.

Als verbesserungswürdig wurde neben den überfüllten Veranstaltungsräumen noch die mangelhafte WLAN-Versorgung genannt. Zwei Probleme also, die mit der wachsenden Zahl der Teilnehmer fast schon automatisch mitgebucht wurden. Gerade am ersten Tag war es fast unmöglich, eine WLAN-Verbindung zu erhaschen. Allerdings muss man bemerken, dass selbst die Mobilfunkunternehmen mit der Masse an Internetnutzern rund um die re:publica überfordert waren, denn selbst auf UMTS oder ähnliches konnte man kaum ausweichen. So blieb am ersten Tag sehr viel dem Zufall überlassen, was dem Networking an sich aber nicht geschadet hat, denn das geht in Echtzeit auch ganz ohne Internetanbindung. Trotz inhaltlicher Schwächen war die Stimmung somit gut und die meisten Besucher werden wohl im nächsten Jahr wiederkommen.

Einige Impressionen zur re:publica:

Byebye Friedrichstadtpalast, tschüß Kalkscheune

Viele Probleme, wie die überfüllten Veranstaltungsräume und die mangelhafte WLAN-Versorgung sind eng mit dem Erfolg der re:publica verbunden. Seit 2007 hat sich das „Internet-Klassentreffen“ zu einem „Internet-Schultreffen“ ausgeweitet, bei dem das Interesse längst nicht bei den 3.000 Teilnehmern zu Ende ist. 2012 wird es wieder eine re:publica geben, so viel steht fest. Im Friedrichstadtpalast und in der angrenzenden Kalkscheune wird es dann aber kein Gedränge geben, denn ihre Zeit ist abgelaufen.

Wie Johnny Haeusler als einer der Initiatoren und Organisatoren der re:publica im Blog von Spreeblick ankündigte, ist die Suche nach einer neuen Location bereits im vollen Gange. Der Blick geht also nach vorne und das ist auch gut so und dringend notwendig. Vielleicht sollten die Organisatoren aber nicht nur über eine neue Location nachdenken, sondern auch das Konzept der re:publica auf den Prüfstand stellen. Wenn sich die Gerüchte über eine Teilnehmerzahl von etwa 5.000 für die re:publica 2012 bewahrheiten, sollte sich das meiner Meinung nach auch im Programm wiederspiegeln.

Auf der Abschlussveranstaltung der re:publica XI kündigte Mit-Initiator Johnny Haeusler den Abschied von der Kalkscheune an. Künftig werde jeder Besucher jede Session ansehen können, versprach er. Foto: dirk-haeger.de | re:publica 2011. Lizenz: CC BY 2.0

Die re:publica braucht ein neues Konzept

Je mehr Teilnehmer man für die Mischung aus politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und technischen Themen begeistern und einfangen kann, desto mehr sollte man sich über die Qualität der Inhalte Gedanken machen. Und damit sind wir beim dritten Punkt: Je mehr Teilnehmer sich eine Session zu einem bestimmten Thema ansehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Gruppe nicht homogen ist und sowohl unterschiedliche Erwartungen, als auch unterschiedliche Kenntnisse mitbringt. Mir hat sich in den zwei Tagen immer wieder die Idee zweier Tracks aufgedrängt, die das gleiche Thema mit unterschiedlichen Tiefen behandeln. Im Basis-Track würden alle grundlegenden Informationen behandelt und in einem Experten-Track dann Feinheiten, spezielle Probleme und entsprechende Lösungen behandelt. Natürlich gibt es auch Themen, bei denen eine Aufteilung nicht möglich und auch gar nicht notwendig ist.

Ein Beispiel für eine Session, bei der sich eine Aufteilung angeboten hätte, war die zum Social Media Measurement. Hier waren viele „Experten“ anwesend und hatten viele Fragen zu ganz speziellen Problembereichen. Vielen anderen Teilnehmern war aber anzumerken, dass sie mit der Begrifflichkeit gar nicht so recht etwas anfangen konnten. Die sechs (!) Referenten konnten die Erwartungen dieser beiden Gruppierungen gar nicht erfüllen, weil sie aufgrund der Vorerfahrungen einfach zu weit auseinander lagen. Wirklich zufrieden waren am Ende daher wohl weder die Referenten noch die Teilnehmer. Zwei Tracks mit je drei Referenten und Teilnehmern mit ähnlichen Voraussetzungen und Erwartungen wären eine bessere Wahl gewesen.

In der „Internet-Lounge“ standen Sitzplätze mit Netzwerkkabeln bereit. Sie waren aber in der Regel rund um die Uhr besetzt – 30 Plätze für 3.000 Leute sind definitiv zu wenig. Aber die Richtung stimmt. Foto: Jonas Fischer/re:publica. Lizenz: CC BY 2.0

Auch was die Professionalisierung der Rahmenbedingungen angeht, hat die re:publica noch viel Potenzial. Als Blogger oder Journalist wünscht man sich auf einem solchen Event natürlich auch eine funktionierende Möglichkeit von diesem Event zu berichten. Da sollen Artikel geschrieben werden, Fotos und Videos hochgeladen werden und Absprachen mit den Kollegen müssen getroffen werden. Dies alles ist den Organisatoren auch bewusst, denn sie haben ja extra einen gesonderten Bereich dafür eingerichtet. Allerdings reichen rund 30 Plätze für ein Event mit 3.000 Teilnehmern nicht aus, zumal es augenscheinlich ganz egal war, wer die Plätze nutzt. Das dürfte sich mit einer Teilnehmerzahl von 5.000 im nächsten Jahr eher noch verschlimmern, also sollten die Organisatoren hier dringend nach einer Lösung suchen, denn es liegt ja auch in ihrem Interesse, dass von dem Event berichtet wird.

Die wohl besten Sessions der re:publica XI

Wenn es um die beste Session auf der diesjährigen re:publica geht, wird immer wieder der Vortrag von Gunter Dueck mit dem Titel „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“ genannt. Ich selber habe ihn leider verpasst und bin sehr froh, dass es davon bereits einen Videomitschnitt gibt:

Mich persönlich hat die Session von Tim Pritlove am meisten überzeugt. Interessante Informationen von einem charismatischen Menschen kurzweilig aufbereitet - da hat man einfach gemerkt, dass er sein Thema Podcasting selbst vorlebt.

Als ein besonderes Erlebnis bezeichnen auch viele re:publica-Besucher das Interview mit der gehörlosen Bloggerin Julia Probst, die seit einiger Zeit Fußballern auf den Mund schaut und durch ihre Fähigkeit zum Lippenlesen das eine oder andere nicht für die Öffentlichkeit gedachte Zitat erhascht und veröffentlicht.

Welche der vielen Sessions fandet ihr denn am besten und warum?

Links zu Nachberichten zur re:publica XI:

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3 Antworten
  1. von WolfB am 18.04.2011 (15:50Uhr)

    Mir ging es ebenso, dass viele Sessions doch zu generell und damit nicht sonderlich interessant für mich waren. Bin daher am zweiten Tag dazu übergegangen meine Sessionplanung nicht mehr nach Themen sondern vorwiegend nach interessanten und inspirierenden Rednern auszurichten - das war durchaus erfolgreich. Die obige Idee, parallele Tracks mit gemeinsamer Thematik aber unterschiedlicher Tiefe einzuführen, finde ich durchaus bestechend aber möglicherweise ist sie nur recht aufwändig umzusetzen.
    Ein Anfang wäre es aber, wenn die Sessions im Voraus mit einem Anspruchs-Level gekennzeichnet würden, z.B. 1 = Einführung (für alle geeignet), 2 = Vertiefung (Grundwissen vorausgesetzt), 3 = Expertenwissen (erweitertes Wissen vorausgesetzt), so dass nicht der allgemein Interessierte in einer Expertenrunde landet und der Experte nicht in einer lahmen und generalistischen Vorstellung. Das wäre zum einen ein hilfreicher Wegweiser bei der Sessionplanung und zum anderen hilft es auch den Vortragenden, die es so nicht allen recht machen müssen und sich so Exkurse in die Tiefe oder Breite der Thematik ersparen können.

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  2. von Jan Tißler am 18.04.2011 (16:13Uhr)

    Was ich mir für die re:publica vorstellen könnte, wäre eine Mischung aus Konferenz und BarCamp. Auf dem ConventionCamp in Hannover funktioniert das sehr gut nach meiner Meinung. Also man plant einen Großteil der Konferenz wie gehabt, weil man dadurch auch spannende internationale Redner bekommt. Aber man lässt einen Teil auch offen, damit man auf aktuelle Entwicklungen oder besonderen Gesprächsbedarf der Teilnehmer reagieren kann. Und das ConventionCamp ist mit 1.000 Besuchern zwar nicht so groß wie die re:publica, aber auf jeden Fall erheblich größer als die meisten BarCamps und dennoch funktioniert das System. Sessionvorschläge müssten aber wohl schon im Vorfeld eingereicht und abgestimmt werden, da man das mit ein paar tausend Leuten schlecht direkt vor Ort machen kann.

    Ansonsten kann ich mich da WolfB in seinem Kommentar anschließen: Die re:publica dreht sich eher um interessante Personen. Die Titel der Beiträge sind leider in der Regel so kryptisch, dass ich mir nichts darunter vorstellen kann oder es werden schlichtweg falsche Erwartungen geweckt. Da bleibt mir oft nur, mich an Namen zu orientieren, die mir etwas sagen oder an Personen, die mir durch die Beschreibung interessant erscheinen.

    Das aber wiederum schätze ich sehr an der re:publica: Ich sehe Menschen wieder und ich lerne neue kennen. Oder ich sehe manchen bekannten Namen das erste Mal oder ein Projekt bekommt ein Gesicht. Das möchte ich wirklich nicht missen.

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  3. von Sebastian am 19.04.2011 (08:08Uhr)

    Auch wenn ich die Kritik an den Räumlichkeiten teile, insgesamt war die re:publica für mich wieder sehr bereichernd. Auch die Sessions und Vorträge fande ich überwiegend sehr gut, vielleicht hatte ich einfach Glück. Ein weiterer kleiner Kritik-Punkt: Die Dokumentation im Nachgang finde ich relativ schwach, man findet kaum Videoaufzeichnungen, Vortragsfolien oder sonst etwas. Schade vor allem, da einige Vorträge auch für Freunde abseits der Netzgemeinde interessant gewesen wären...

    Mit der Session-Tiefe ist das natürlich so eine Sache: Ich nutze die Republica weniger als Fortbildungsveranstaltung und eher zur Erweiterung des Horizonts, d.h. ich schaue eher nach Themen, von denen ich wenig bis keine Ahnung habe. Von daher bin ich ganz froh, dass sich die Inhalte nicht (oder selten) auf einem allzu abgehobenen Experten-Niveau bewegen...

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