re:publica’09
„Open Source ist keine Option für Hollywood“

Jan Tißler, 03.04.2009 - 10:04 | 2 Kommentare |  |  Teilen

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In zahlreichen Sessions spielt Open Source auf der Web-2.0-Konferenz re:publica’09 eine zentrale Rolle. Neben der klassischen Sicht auf den Begriff wird er häufig (oder gar zunehmend?) auf andere Bereiche angewendet. „Open Source Hardware“ ist da nur ein Beispiel, das „Open Moon Project“ ein anderes - es will mit Hilfe der Community den von Google ausgelobten, privaten Wettlauf zum Mond gewinnen. Tim Baumann stellte außerdem seine Diplomarbeit zu Open-Source-Filmen vor. Die Chancen, aber auch die Hürden des Open-Source-Ansatzes im heutigen gesellschaftlichen Umfeld werden daran deutlich. Dass es dennoch funktionieren kann, sieht man an einigen interessanten Beispielen.

Gemäß der Definition der Open Source Initiative kann man nur dann von „quelloffen“ sprechen, wenn jeder das Werk verändern, studieren, kopieren und weitergeben kann. Im Fall eines Films betreffe das auch alles Material, aus dem er entstanden ist, erklärte Tim Baumann. Alles müsse außerdem mit Open-Source-Software editierbar sein oder zumindest in ein solches Format konvertiert werden können. Theoretisch müsste jeder den fertigen Film aus dem veröffentlichten Material komplett wiederherstellen können.

Als Lizenzen böten sich die Creative Commons an. Vor allem die Lizenzen „BY“ und „BY-SA“ sind mit dem Open-Source-Gedanken vereinbar, da sie nur die Namensnennung des ursprünglichen Urhebers fordern oder zusätzlich, dass die eigenen daraus entstandenen Werke unter den gleichen Bedingungen weitergegeben werden.

Zahlreiche Quellen, viele Kosten

Die größte Herausforderung beim Filmen sind allerdings die zahlreichen Quellen, aus denen er entsteht und die damit verbundenen Kosten. Eine „Tatort“-Folge koste schließlich auch im Schnitt 1,5 Millionen Euro, obwohl er nicht übermäßig aufwändig produziert scheint, meinte Tim Baumann. Schließlich verschlinge beispielsweise schon eine kurze Szene am Bahnhof viel Geld: Allein die notwendige Ausrüstung an den Drehort zu schaffen, sei eine logistische Leistung. Hinzu kommen Kosten beispielsweise für das Absperren des Bahnsteigs, das Bereitstellen des Zuges und einiges mehr.

Tim Baumann auf der re:publica’09.

Tim Baumann auf der re:publica’09.

Alles in allem ist eine Filmproduktion ein Risiko. Die einzelnen Bestandteile wie Szenen, Musik, 3D-Modelle kosten Zeit und Geld, lassen sich aber nicht einzeln verwerten. Das geht (im Wesentlichen) erst mit dem fertigen Produkt. Als Filmemacher und als Produzent hat man da vor allem zwei Möglichkeiten: Entweder nimmt man besonders viel Geld in die Hand und versucht, einen Blockbuster zu erschaffen, der seine immensen Kosten durch die Aufmerksamkeit wieder einspielt, die er bekommt. Ein Modell, das in Hollywood oft verwendet wird, allerdings auch immer wieder schiefgeht. Beispiel: Kevin Costners „Waterworld“. Oder aber man produziert sehr günstig und erreicht dabei sehr schnell die Gewinnschwelle. Beispiel: „Blair Witch Project“.

Das seit Jahren und Jahrzehnten genutzte Verwertungsmodell erlebt durch die unkontrollierte Verbreitung von Filmen im Internet einen Umbruch, erklärte Tim Baumann. Als Reaktion versucht die Filmindustrie, die Verwertung zu beschleunigen und die Nutzer durch Digital Rights Management sowie abschreckende Gerichtsverfahren am Tausch der Filme übers Internet zu hindern. Eine andere Lösung sieht hingegen die „Free Culture“-Bewegung. Anstatt die neuen Möglichkeiten durch Computer und Internet zu behindern, sollte man sie nutzen. Das bedeutet natürlich, Rechte und Kontrolle abzugeben. Es bedeutet aber auch, durch die Verbreitung und Wiederverwertung des eigenen Projekts bekannter zu werden - kostenlose Publicity also. Nicht zuletzt schafft man damit einen kulturellen Mehrwert, von dem andere profitieren.

Geld verdienen mit Open-Source-Filmen

Aber kann man mit einem Open-Source-Film denn überhaupt Geld verdienen? Tim Baumann hat versucht, unter anderem Geschäftsmodelle aus dem Software-Bereich auf dieses Themenfeld zu übertragen. Einige Beispiele:

  • Merchandising. Der Verkauf von Produkten rund um einen Film ist gelegentlich zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Problematisch sind hier allerdings die Creative-Commons-Lizenzen, weil man durch sie vermutlich nicht auf seinem Markenrecht bestehen kann.
  • Support Seller, Distributor. Man kann Mehrwerte um den Film schaffen und die vertreiben. Beispielsweise eine optisch und akustisch aufgewertete Version, Synchronfassung, hochwertige Verpackung.
  • „Sell it, free it“. Idee: Erst verkaufen, später freigeben. Oder: Beides parallel, aber dem verkauften Produkt einen Mehrwert geben (beispielsweise das Kinoerlebnis, eine DVD mit Extras, Video on Demand mit schnellem Download).
  • Product Placement. Die auf Deutsch unfein „Schleichwerbung“ genannte Einnahmequelle kann gelegentlich für Firmen interessant sein, um im Film präsent zu sein.
  • Versioning. Bedeutet: Film mit höherer Qualität verkaufen, die einfache Qualität als Open Source.
  • Crowdfinancing. Gemeint ist damit, die Community zu aktivieren, um den Film im Vorfeld zu finanzieren. Eine andere Möglichkeit ist die Spende im Nachhinein oder auch die Kunden den Kaufpreis selbst festsetzen zu lassen.

Beispiele für Projekte

Einige Beispiele dafür gibt es bereits. Die größte internationale Aufmerksamkeit hat dabei sicherlich „Star Wreck“ des Finnen Samuli Torssonen bekommen. Den Film darf man frei herunterladen, was viele Millionen Male passiert ist. Zugleich werden Merchandising-Artikel und DVD-Editionen verkauft. Das Team arbeitet am neuen Film „Iron Sky“ - bei dem allerdings noch nicht klar ist, inwiefern er unter einer freien Lizenz veröffentlicht wird.

Aus Deutschland dürfte „Route 66“ von VEB Film Leipzig am bekanntesten sein. Der Film wird gern als erster deutscher Open-Source-Film angesehen, entspricht dabei aber nicht den strengen Kriterien für dieses Label, die Tim Baumann anlegt, weil beispielsweise die kommerzielle Verwendung nicht gestattet ist. Allerdings ändert sich das demnächst: Mit Erscheinen des nächsten Films „Die letzte Droge“ soll die Lizenz auf Creative Commons BY-SA umgestellt werden. Hier gibt es dazu ein lesenswertes Interview.

Ein drittes, sehr bekanntes Beispiel sind die Filme „Elephants Dream“ und „Big Buck Bunny“, die vollständig mit Open-Source-Software entstanden sind. Sie sind vor allem auch ein Showcase für Blender und zeigen, was damit im Prinzip für jeden möglich ist.

Ausblick

Aber wird der Open-Source-Gedanke nun die Filmindustrie revolutionieren? Tim Baumann ist da skeptisch. „Für Hollywood ist Open Source keine Option“, stellt er fest. Aber es werde vermehrt freie und Open-Source-Filme geben, vor allem im Kurzfilmbereich. Das Internet werde den Filmbereich weiter verändern und dabei vor allem den Independentsektor stärken. So gesehen können wir uns in den nächsten Jahren auf viele weitere spannende Projekte freuen - oder vielleicht selbst an einem mitwirken.

P.S.: Tim Baumann hat im Zuge seiner Diplomarbeit an der Humboldt-Universität Berlin auch ein eigenes Open-Source-Filmprojekt angeschoben: Valkaama.

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2 Antworten zu “re:publica’09: „Open Source ist keine Option für Hollywood“”

  1. #1 Paul

    Durch Blender ist es doch nun für viele erstmals möglich einen eigenen kleinen 3D Film zu realisieren. Das Internet wird durch diese Systeme bereichert werden. Auch ich schaue mir gerne Kurzfilmbereich an. Diese sind meist ideenreicher als die Produktionen von Hollywood.

  2. #2 jd.cabag.ch

    Blender ist nicht zu unterschätzen. Ich habe vor 8 Jahren damit angefangen wo es noch nicht richtig open source war und es hat einen unglaublichen Boost erlebt. Und die Benutzerfreundlichkeit sowie Effizienz übetrift viele properitäre Produkte.

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