Wenn es um Veränderungen und Umbrüche geht, dann zeigen Internetfans nicht selten auf andere: die Medien, das Marketing, die Politik, die Wirtschaft, die Kultur. Sie alle sollen sich den neuen Gegebenheiten anpassen und alle neuen Tools kennen, verstehen und benutzen. Dabei wird oft übersehen, dass die Webgemeinschaft selbst mitten im Umbruch steckt - und schon längst keine Gemeinschaft mehr ist.
Veränderung war das Leitthema der re:publica’09 und sie selbst war das beste Beispiel dafür. Aus den gemütlichen und immer etwas zu kleinen Räumen der Kalkscheune ist sie herausgewachsen und nahm nun auch den Friedrichstadtpalast in Besitz. Im großen Saal herrschte nicht nur rein physisch ein großer Abstand zur Bühne, sondern auch psychologisch. Längst nicht allen Rednern gelang es, diesen Abstand zu überbrücken.
Es war meine erste re:publica. Zum Glück fand sie nicht nur im Palast statt, sondern auch in der Scheune. Ich gebe zu: Mir gefällt es da besser. Es ist enger und stickiger, aber auch persönlicher und direkter. Der Palast mit seinem Saal eignet sich hingegen für große Redner und internationale Gäste.
Ich bin den Veranstaltern für beides dankbar. Zum einen, dass ich solche Protagonisten wie Lawrence Lessig und Cory Doctorow erleben durfte. Zum anderen, dass in viel kleinerer Runde über spezielle Themen wie Open-Source-Filme gesprochen wird.
Das Super-Web-Expo-Barcamp 2.0
Die re:publica wirkte selbst wie im Umbruch, ein wenig zerrissen zwischen Super-Barcamp und Ersatz für die abgesagte Web 2.0 Expo. Es wurde den Machern hier und da zur Last gelegt, dass ihre Inhalte nicht relevant genug gewesen seien. Man kann sich darüber streiten, welche Themen mehr Aufmerksamkeit, einen größeren Raum oder einen anderen Termin verdient gehabt hätten. Man kann sich auch darüber streiten, ob es nicht noch viele weitere Regionen der Blogosphäre gäbe, die man auf einer Konferenz wie der re:publica erforschen könnte.
Aber hätte nicht jeder die Chance, sich einzubringen? Aus meiner Sicht: Ja. Zum Beispiel jetzt, für die re:publica 2010.
Und für wen das nicht in Frage kommt, der hätte dann die Möglichkeit, sein Anliegen selbst öffentlich zu machen. Menschen zu erreichen und sie zusammenzubringen ist doch gerade eine der besonderen Eigenschaften des Internets. Jeder kann sich darin verwirklichen. Man muss dann allerdings natürlich akzeptieren, dass das Arbeit macht, man in der Öffentlichkeit steht und für sein Tun wiederum von anderen kritisiert wird.
Kann es andererseits überhaupt möglich sein, mit einer Konferenz ein komplettes Bild des Internets zu zeichnen? Aus meiner Sicht: Nein.
Eine Webgemeinschaft gibt es nicht mehr - oder vielleicht gab es sie sogar noch nie. Das ist auch klar, denn das Internet ist Teil der Gesellschaft und nicht die hier und da zitierte „Parallelwelt“.
Es gibt eben die, die sich aktiv für die heutige und zukünftige Entwicklung des Internets und die damit verbundenen Technologien interessieren. Oft ist es ein berufliches Interesse, weshalb die Bereiche Medien, Marketing und Technik übermäßig auf solchen Veranstaltungen vertreten sind.
Wer hingegen das Internet eher privat nutzt, sieht es vor allem als Mittel zum Zweck. Ein Social Network ist dann kein die Gesellschaft umwühlendes Phänomen, sondern vergleichbar mit Telefon oder Briefkasten. Ein Blog ist dann eine Mischung aus Tagebuch und Vereinshaus und nicht etwa der Alptraum klassischer Medien.
Darüber hinaus gibt es viele weitere Gruppen, die schlichtweg gar kein Interesse daran haben, auf einer solchen Veranstaltung präsent zu sein. Oder aber es fehlt an Persönlichkeiten, die sich auf eine Bühne begeben. So gab es beispielsweise auf der re:publica eine interessante Diskussion zu bloggenden Frauen, die aber nicht per Video festgehalten werden durfte. Das ist zwar verständlich, erschwert allerdings deutlich die öffentliche Wahrnehmung. Ich habe auch nirgends Schnäppchen- oder Weinblogger gesehen, obwohl die erhebliche Leserzahlen um sich scharen. Aber warum sollten die überhaupt eine Session auf einer solchen Konferenz anbieten?
Gemeinsamkeiten gibt es zwischen diesen Gruppen genau so viele wie beispielsweise zwischen allen Menschen, die gern Straßen benutzen. Dennoch haben die Macher der re:publica einiges unternommen, diese unterschiedlichen Gruppen und Themen zu vereinen.
Ich bin sehr gespannt, wie sich die Konferenz weiterentwickelt und ob sie es in den nächsten Jahren noch mehr als bisher wagt und schafft, auch andere Gruppierungen des Netzes mit einzubeziehen.
Eure Meinung zur re:publica und zu Konferenzen allgemein?
Wie sehen Eure Erfahrungen aus? Mit welchen Erwartungen fahrt Ihr zu Konferenzen? Und falls Ihr bei der re:publica wart: Mit welchen Eindrücken seid Ihr wieder zurückgekommen?

























[...] >> t3n.yeebase.com [...]
[...] wirklichen Unterschied, wie es Jan Tißler auf der Website des T3N-Magazins in seinem Artikel Der Umbruch im Umbruch - eine Bilanz zur Web-2.0-Konferenz re:publica angemerkt hat: Eine Webgemeinschaft gibt es nicht mehr - oder vielleicht gab es sie sogar noch nie. [...]
[...] t3n: Der Umbruch im Umbruch - eine Bilanz zur Web-2.0-Konferenz re:publica [...]
[...] Der Umbruch im Umbruch - eine Bilanz zur Web-2.0-Konferenz re:publica Jan Tißler über seine Erfahrungen zum Besuch der re:publica [...]