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Ein Jahr ohne Roaming-Schikane: So fühlt sich echte Freiheit an [Kolumne]

Ein Jahr ohne Roaming-Schikane: So fühlt sich echte Freiheit an [Kolumne]

Seit Februar 2014 nutzt Martin Weigert ein amerikanisches Mobilfunkabo von T-Mobile, bei dem Daten-Roaming im Ausland inklusive ist. Seitdem hat er rund ein Dutzend Länder dieser Welt besucht, mit einer Ausnahme immer, ohne sich vorab lästige SIM-Karten- und Roaming-Strategien überlegen zu müssen. Die große Sorge war allerdings, dass der Anbieter irgendwann aufgrund exzessiver Roaming-Nutzung den Vertrag kündigen würde. Über die Erfahrungen berichtete er in seiner Kolumne „Weigerts World“.

Ein Jahr ohne Roaming-Schikane: So fühlt sich echte Freiheit an [Kolumne]

(Foto: Shutterstock / Dirima)

Getestet in ein Dutzend Ländern

(Foto: Shutterstock / Ditty_about_summer)
Im Ausland online gehen? Kann aufgrund hoher Roaming-Gebühren teuer werden. (Foto: Shutterstock / Ditty_about_summer)

Vor einem Jahr hat für mich eine neue Zeitrechnung begonnen: Ich war kurz zuvor für einen längeren Aufenthalt in der San-Francisco-Bay-Area angekommen und hatte es geschafft, mir (aufgrund einer fehlenden Social-Security-Nummer) über eine Drittperson einen Mobilfunkvertrag von T-Mobile USA zuzulegen. Das Besondere an dem Angebot der Telekom-Tochter: In damals 100, heute 120 Ländern fallen keine Roaming-Gebühren für mobile Datenverbindungen an. Auch SMS können unbegrenzt kostenfrei versendet werden. Im Ausland geführte Telefonate schlagen pauschal immer mit moderaten 0,20 Dollar zu Buche.

Da ich 2014 für mich als Reisejahr deklariert und diverse Trips in verschiedenste Länder geplant hatte, stand der Mehrwert des Angebots außer Frage. Heute, zwölf Monate später weiß ich, dass meine Entscheidung goldrichtig war.

In rund einem Dutzend Ländern habe ich mich seit dem Abschluss des Abos aufgehalten. Überall funktionierte das Angebot wie angepriesen – von Mexiko bis Chile, von Japan bis Hongkong, von Tschechien bis Schweden. Nur einmal blieb mir die neu gewonnene Freiheit verwehrt: Im Frühjahr 2014 habe ich einen Freund im weißrussischen Minsk besucht. Das relativ abgeschottete Land befindet sich nicht auf der Liste der für Gratis-Roaming zugelassenen Länder. Dort musste ich ständig meinen einheimischen Begleiter anpumpen, mit seinem Smartphone einen WLAN-Hotspot zu erstellen. Eine äußerst lästige Angelegenheit, wenn man es anders gewohnt ist.

Exzessive Roaming-Nutzung und die Sorge vor Ermahnungen

„Es ist an der Zeit, dass ein Mobilfunkanbieter ausschert und bei uns genau das vollzieht, was T-Mobile in den USA erledigt: Grenzen einreißen.“

Etwas nervös war ich, als ich mich zwischen dem 20. August und Anfang Januar im Prinzip ununterbrochen außerhalb der USA aufgehalten und dabei fast fünf Monate am Stück im Ausland auf Kosten von T-Mobile fremde mobile Datennetze verwendet habe. Würde sich die Kundenabteilung bei mir melden und mich aufgrund exzessiven Ausnutzens des Tarifs aus dem Vertrag schmeißen? Oder mich anderweitig bestrafen? Schließlich stand in den Vertragsbedingungen, dass eine primäre Verwendung der SIM-Karte innerhalb der USA Voraussetzung sei. Diese Bedingung verwundert nicht, schaut man sich die hohen Kosten für gängige Roaming-Pakete bei uns an. Zumindest an Roaming-Intensivnutzern wie mir dürfte ein Anbieter wie T-Mobile USA wenig Spaß haben. Andererseits handelt es sich um eine Mischkalkulation. Ein paar „schwarze Schafe“ kann das Unternehmen verkraften, sofern die Mehrzahl der Kunden nur ab und an im Ausland ins Netz geht.

Die amerikanische Mobilfunktochter der Telekom positioniert sich seit Jahren als aggressiver Innovator. Die großzügige Roaming-Regelung ist nur eins von vielen Alleinstellungsmerkmalen. Bei den Konsumenten kommt das gut an: 8,3 Millionen neue Kunden konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr in den USA begrüßen. In einem gesättigten Markt wie Nordamerika ein erstaunliches Resultat.

Die Toleranz gegenüber Vielnutzern scheint in jedem Fall hoch zu sein: Die befürchtete Kontaktaufnahme seitens T-Mobile USA blieb aus. Auch aktuell roame ich ohne Zusatzkosten. Jetzt gerade in Asien.

Roaming: Gedrosselt auf 128 kbit

DatenvolumenEine entscheidende Einschränkung gibt es allerdings doch: Die Geschwindigkeit wird von T-Mobile auf rund 128 Kilobit pro Sekunde gedrosselt und Tethering, also die Nutzung des Smartphone als WLAN-Hotspot, funktioniert nicht. Highspeed-Pässe samt Tethering-Option kann man zukaufen. Ich habe aber von dieser nicht gerade preiswerten Möglichkeit noch nie Gebrauch gemacht.

Für E-Mail, gängige Chat- und Social Apps, Maps und Onlinebanking genügt die gebotene Geschwindigkeit. Klar, man muss etwas geduldig sein. Aber die Tatsache, nach der Ankunft in einem neuen Land sofort online zu sein und sich nicht erst um eine lokale SIM kümmern zu müssen, ist mir dieses Opfer wert.

Wann folgen Europas Mobilfunker?

Ein Zurück wird mir schwerfallen. Ich hoffe, dass auch mindestens ein deutscher Netzanbieter erkennt, wie gut der Abbau der Roaming-Schikanen sich auf Kundenwachstum und Imagewerte auswirken kann. Zumal meine Zahlungsbereitschaft aufgrund der gebotenen „Convenience“ deutlich gestiegen ist. 70 US-Dollar zuzüglich Steuern zahle ich pro Monat für mein Abo. Etwa 62 Euro (für das günstigste Paket mit einem Gigabyte 4G-Traffic im Inland fallen 50 US-Dollar zuzüglich Steuern an). Mehr als jemals zuvor für einen Mobilfunkvertrag. Auch wenn ich vermutlich weniger zur Gewinnmarge beitrage als andere Kunden, erhält T-Mobile USA so viel Geld von mir wie kein anderer Mobilfunkanbieter jemals zuvor. Die Einsparungen bei mentalen Kosten und bei dem mit der Ermittlung der besten Roaming-Strategie oder Beschaffung einer lokalen SIM verbundenen zeitlichen Aufwand sind es mir wert.

Auch wenn die Roaming-Kosten in Europa dank der Intervention der Politik langsam sinken, zeichnen sich die Gebührenstrukturen beim Surfen im Ausland nach wie vor durch hohe Komplexität, Abzockverhalten und Kundenfeindlichkeit aus. Es ist an der Zeit, dass ein Mobilfunkanbieter ausschert und bei uns genau das vollzieht, was T-Mobile in den USA erledigt: Grenzen einreißen.

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8 Antworten
  1. von rtpartner am 04.03.2015 (09:24 Uhr)

    Swisscom bietet ab 13. April ihren Kunden mit den unlimitierten Abos kostenloses Roaming in ganz Europa an.

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  2. von Tom am 04.03.2015 (11:53 Uhr)

    Roamingkosten in Europa werden fallen, wird leider ja immer wieder verschoben dank der Lobbyisten.
    Davon abgesehen bietet wohl Vodafone in manchen Tarifen an, sowas über eine Zusatzoption zu regeln. Sprich 5 Euro mehr im Monat und man kann sein Volumen in vielen anderne europäischen Ländern nutzen. Ist aber leider auf 12 Monate angelegt. Aber irgendwie sowas war da, was nicht ganz verkehrt ist.

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  3. von topas am 04.03.2015 (11:56 Uhr)

    Wenn man "nur", aber viel innerhalb der EU unterwegs ist sollte auch ein RED-Tarif mit EasyTravel Europa hilfreich sein. Für 5EUR/Monat, also beim RED 1,5GB (als reine SIM ohne Handy, Gratismonate auf Laufzeit hochgerechnet) für insgesamt rund 36EUR zu haben. Dann gilt das Datenvolumen auch in der EU + Schweiz, die Telefon- und SMS-Flat wird auf 500Min und 500SMS / Tag "beschnitten", wobei sie bei Telefonaten ins aktuelle Land und Deutschland (und auch für eingehende Anrufe aus DE) gelten.
    Gilt zwar nicht (wie der Tarif des Autors) weltweit, sondern nur in Europa - aber immerhin ein erster Schritt.

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  4. von Rico Weigand am 04.03.2015 (15:18 Uhr)

    In meiner Aktions-Allnet Flat habe ich zumindest für Europa 2 GB pro Jahr inklusive - und ich bin happy :D.

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  5. von Daniel Faßbender am 06.03.2015 (08:55 Uhr)

    Die Telekom bietet ein All Inclusive-Paket für das Europäische Ausland an. Kostet 5 € extra im Monat, dafür kann man seinen Vertrag im europäischen Ausland 1:1 weiter benutzen. Ich benutze das seit einem halben Jahr und muss sagen, das funktioniert super!

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  6. von Klaus Minhardt am 06.03.2015 (09:20 Uhr)

    Seit einem Jahr nutze ich für effektiv 13 € (43 € echt - 720 € Handy war inklusive) monatlich die Base All-In-Plus mit EU Option. Ganz Europa inkl. Schweiz und Norwegen ohne Roamingkosten. Alle Gespräche nach und in Deutschland inklusive. SMS free. 2GB Daten europaweit nutzbar. 8 cent pro Minute zwischen allen Ländern

    Ich bin zu 90 Prozent im Ausland unterwegs und es gab keine Probleme. Auch im Ausland HighSpeed und keine Drosselung.

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  7. von Josef am 07.03.2015 (14:04 Uhr)

    Ich hatte jahrelang einen o2 on-Geschäftskundenvertrag, in dem Roaming auch weitgehend enthalten ist.

    Letztlich ist es so, dass o2 dafür an die ausländischen Netzbetreiber Geld abdrücken muss und das muss natürlich in den Endkundenpreis einkalkuliert sein. Der Monatspreis war damit relativ hoch, so dass sich für mich die Geschichte letztlich nicht mehr gelohnt hat.

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