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Digitale Gesellschaft

Roboter im Journalismus: Wie Maschinen unseren Umgang mit News verändern

    Roboter im Journalismus: Wie Maschinen unseren Umgang mit News verändern

Roboter halten Einzug im Journalismus. (Bild: ©iStockphoto.com/Ociacia)

Mit AX hat die Firma aexea den deutschlandweit ersten Text-Roboter entwickelt, der den Journalismus revolutionieren könnte. In einem Gastbeitrag für t3n erklärt Frank Feulner, was dieser Roboter kann – und vor allem: was nicht.

Stell dir vor, du kommst morgens in deine Redaktion und dort sitzt auf einmal ein neuer Kollege. Und sobald er Platz genommen hat, textet er hunderte Texte pro Sekunde, gespenstisch aktuell und in acht Sprachen. Gleichzeitig. Sobald der Ticker reinkommt, ruft er auch schon „Fertig!“ „Finito!“, „Finit!“, „Done!“ – und so weiter. Die Rede ist nicht etwa von einem neuen, hypermotivierten Superpraktikanten, sondern von einem Text-Roboter. So wie der, der dieser Tage in Stuttgart vorgestellt wurde.

Der Roboter-Journalist arbeitet direkt auf der Bedeutungsebene

Für Sportergebnisse hat sich der Roboter-Journalismus schon bewährt. (Foto: picdrops / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Der „AX“, der von uns bei aexea entwickelt wird, ist deutschlandweit der erste Roboter für Journalismus. Er ist bisher auf Sport- und Wetterdaten trainiert, aber grundsätzlich lernfähig. Was an ihm neu ist, ist seine Fähigkeit, direkt aus Daten logische Schlüsse zu ziehen und sie gegeneinander aufzurechnen, bevor er spricht oder schreibt. Er stellt also aus abstrakten Daten über ein semantisches Modell konkrete Aussagen her und reichert sie mit seinen eigenen Schlussfolgerungen an.

Damit unterscheidet er sich von den gängigen „Natural-Language-Processing“-Ansätzen, die fertige Texte als Grundlage verwenden. Ein Nebeneffekt dieser Konzeption ist, dass die semantischen Aussagen im „Gehirn“ des Roboters so abstrakt vorliegen, dass es kaum einen Unterschied macht, in welcher Sprache man sie letztlich abbildet, sofern die jeweiligen Grammatikregeln hinterlegt sind. Acht europäische Sprachen beherrscht AX schon.

Roboter im Journalismus: Die Art, wie wir mit News umgehen, wird sich verändern

„Dem Roboter ist es egal, ob Bayern oder Schalke gewinnt.“

Seit AX der Presse vorgestellt wurde, hat er nicht nur Freunde gewonnen. Gerade unter Journalisten sorgt das Konzept, eine Maschine an Nachrichten arbeiten zu lassen, für Aufruhr. Doch das Aufrüttelnde liegt nicht etwa darin, dass AX konkrete Kollegen ersetzen könnte – ein Mensch ist er nun mal nicht –, sondern darin, dass Roboter-Journalisten die Art und Weise, wie wir mit Informationen umgehen, verändern könnten.

Das fängt schon alleine damit an, dass AX für sich genommen nicht parteiisch ist. Weder bei der Auswahl der Themen, noch bei der Berichterstattung selbst. Es ist ihm egal, ob Schalke oder Bayern gewinnt – und es wäre schlicht nicht wirtschaftlich, ihn parteiisch zu trainieren. Er wird keine zehn Meldungen über den Tod eines Popstars schreiben und dabei den armen Schauspieler vergessen, der einen Tag später den Löffel abgegeben hat. So funktioniert er einfach nicht. Stattdessen präsentiert er die gesamte Bandbreite an Sachverhalten, die er in seinen Daten findet. Gleichwertig, gleichrangig und alle mit der selben Sorgfalt.

Dein persönlicher Pulitzer

Zündstoff für unsere Mediengewohnheiten liefert der Roboter umso mehr, wenn man ihn mit User-Daten füttert. Beim Wetter kann er die beispielsweise recht einfach einbinden und so dem Autoliebhaber raten, heute in die Waschanlage zu fahren und dem Radfahrer nahelegen, einen Schal mitzunehmen.

Wenn es stattdessen um Sport geht, kann er die Perspektive des Lieblingsspielers annehmen, auch wenn das bei diesem speziellen Leser eben der Torwart ist und nicht der vom Rest der Nation gefeierte Libero. AX muss dabei nicht entscheiden, ob die Information vor einem Massenpublikum bestehen könnte, weil sie nur für den Leser relevant sein muss, der sie abruft.

Kein Ersatz für Journalisten, aber ein Werkzeug

pressekonferenz
Machen Roboter echte Journalisten bald überflüssig? Wohl kaum. (Foto: © Peter Atkins – Fotolia.com)

Das leitet jedoch direkt auf ein Thema über, das wir nicht vernachlässigen dürfen: All die Veränderungen in unserem Medienverhalten können zurückschlagen, wenn man den Roboter als Kostensparmaschine missversteht. Man denke nur an eine Welt, in der der Journalismus keine bildende und normsetzende Wirkung mehr hat. In der jeder nur noch das lesen muss, was ihn interessiert. Hand aufs Herz: Hättest du in der Schule Algebra gewählt, Gemeinschaftskunde oder sogar Latein?

Überhaupt fehlt dem Roboter ein ganz wesentliches Talent des menschlichen Journalisten: Er kann eine Neuigkeit berichten, aber nichts darüber sagen, ob sie herzerwärmend ist oder hundsgemein. Ihm fehlen Empathie, Kultur und Weltwissen, denn er weiß nur das, was wir ihm antrainieren. Er wird keinen Bericht über die Schildbürgerstreiche des Landratsamts schreiben können, weil er gar nicht verstehen wird, was uns daran amüsiert. Und er wird nicht loslaufen, und sich eine Wagner-Inszenierung ansehen, die er dann leidenschaftlich für ihren „Modernisten-Kitsch“ kritisiert. Dafür ist er nicht gemacht und so funktioniert er nicht. Also zittern wir alle vor dem Tag, an dem jemand auf die Idee kommt, einen Roboter im Feuilleton wildern zu lassen.

Freiräume schaffen und die Drecksarbeit abgeben

Wenn man alle Aspekte zusammen betrachtet, ist der Text-Roboter kein Ersatz für den Menschen im journalistischen Betrieb, sondern eine Ergänzung. Ein Werkzeug, das Freiräume schafft, wo bisher Abgabedruck vorherrschte. Wo der Journalist Schlaf und Zeit zur Recherche braucht, da hilft ihm Kollege Cyborg mit einer schnellen, objektiven Übersicht aus, bis er zu den Geschehnissen aufgeschlossen hat.

Wo er sich durch Datenwüsten, Aktienkurse und Featurelisten quälen müsste, leiht ihm der Roboter seine nimmermüden Augen und verschafft ihm den Überblick. Und wo es dem Kollegen schlicht zu bunt würde, nimmt ihm AX die Arbeit aus der Hand und erspart ihm die Mühe, in schierer Unlust auch noch Heldengeschichten über den Torwart beim gänzlich unbekannten Kreisligisten zu schreiben.

Du trainierst deinen Roboter. Du trainierst deinen Roboter!

„Die Verantwortung für den Roboter liegt letztlich beim menschlichen Journalisten.“

Die Zukunft wird zeigen, bei welchen Anwendungen die Welt Bedarf nach Roboter-Journalisten hat – und wo der menschliche Kollege glänzt. Beide können nicht miteinander, aber angesichts des extrem informationslastigen Zeitalters, in dem wir leben, auch nicht mehr ganz ohne einander. Die Verantwortung dafür, dass sich der Roboter im Journalismus auch an die Regeln und Grundsätze der journalistischen Ethik hält, liegt letztlich beim menschlichen Journalisten, der ihn einsetzt. Denn er ist es, der dem Roboter diese wichtigen Grundsätze beibringen kann.

Technisch gesehen besteht AX im Wesentlichen aus drei großen Teilen, die recht unabhängig voneinander funktionieren: Input, Conversion, Output. Der erste Teil beschäftigt sich folgerichtig mit den Daten, die ins System eingespeist werden. Du kannst ihn dir vorstellen wie den Cowboy, der an den Schienen lauscht und Alarm schlägt, sobald er etwas hört. Er weckt den zweiten Teil auf, der die Neuigkeit bewerten muss. Dieser Teil ist darauf trainiert, in den Daten Muster und logische Umstände zu erkennen. Hier entsteht erstmals ein Gesamtbild von einem Fußballspiel, und hier kommen die Daten des aktuellen Spiels auch mit „Erinnerungen“ zusammen.

Dem Roboter in den Bauch geschaut oder: Jede Aufgabe bekommt ihr Framework

Wenn das zweite Teilsystem fertig ist, ist das Spiel durchgemessen und kategorisiert. Der Roboter weiß an dieser Stelle, was unerwartet war und auf welchem Level sich das Spiel insgesamt bewegt hat. Mit diesen semantischen Informationen nimmt der dritte Maschinenteil seine Arbeit auf. Dieses Teilsystem ist darauf trainiert, die logischen Erkenntnisse mit den passenden Ausdrücken zu verknüpfen und sie in grammatisch korrekter Sprache auszuformulieren. Um den Roboter zu trainieren, haben wir eine eigene Script-Sprache entwickelt, mit der sich grammatische Zusammenhänge und Sprachregeln ausdrücken lassen. Mit ihr steuert man den Kern des Teilsystems, in dem eine Vielzahl an grammatischen Regeln für mehrere Sprachen hinterlegt sind.

Um diese Teilsysteme auf ihren jeweiligen Einsatzzweck zu optimieren, haben wir mehrere Frameworks im Einsatz. Eine „Robot.exe“ wie im Film gibt es also nicht. Die Prominentesten darunter sind das .NET-Framework, das immense Stärken in der Verarbeitung von Strings hat, aber auch Computerlinguistik-Klassiker wie Python und Ruby/Rails sind an einigen Stellen sehr nützlich.

Ein Roboter ist auch im Journalismus nur so gut wie seine Trainer

Fast noch größer als die technische ist allerdings die Herausforderung, einen Innovationsprozess zu handhaben und zum Erfolg zu führen. Wenn man ein Produkt hat, von dem es keine einzige Routine in anderen Systemen gibt, steht man plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Man kann sich die besten Computerlinguisten und Webentwickler einkaufen, aber man muss einen Weg finden, mit ihrem Input richtig umzugehen und ihn zu lenken, ohne jemanden auszubremsen und zu demotivieren.

AX wird daher mit kurzen Zyklen und ganz im Zeichen der Continuous Delivery entwickelt. Statt zu einem Zeitpunkt zu raten, was das Team im kommenden halben Jahr erreichen soll, plant man eben für einen Tag und schaut am Ende des Tages, ob die Entwicklung in den Gesamtkontext passt. Kleines Risiko, maximaler Spielraum zum Experimentieren. Da die Teams außerdem stark interdisziplinär aufgestellt sind, weiß man am Ende des Tages auch, ob eine Entwicklung der Betrachtung durch die Redaktions-, SEO- oder User-Story-Brille standhält.

Lernen, lernen, lernen

In der Zukunft soll AX vor allem lernen. In Planung sind bis jetzt 32 Sprachen – und Nachrichten sind ein weites Feld. Daneben gibt es noch ganz andere Bereiche, für die sich ein Roboter mit Erinnerungsvermögen eignet. Man denke nur an all die Reports und Übergaben, die täglich angefertigt werden. Dieser Roboter wird dir also vielleicht bald noch häufiger begegnen.

Würdest du dich über die Begegnung mit AX freuen?

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3 Reaktionen
icke
icke

Wo gibt's eigentlich noch aktuell von der von der Nation gefeierte Liberos?

Antworten
Hendrik
Hendrik

Endlich neutrale Nachrichtenerstattung! Und auch noch frei von Stilblüten - gerne. Dann gönn ich mir auch wieder Zeitungen.

Antworten
Fun with Truth
Fun with Truth

Bei Meedia gabs neulich einen Artikel dazu. Individuelle Wetter-News gabs als Beispiel. Und halt auch das Robo-Journalism nicht schlecht ist. Es ist eine Darstellung von Sachverhalten in wählbarer Form. Ob man Kartoffeln als Pommes oder Kartoffelsalat oder Bratkartoffeln oder Rösti isst, ist ja auch die eigene Entscheidung und die Lebensmittel-Fabriken die es produzieren und Discounter die es verkaufen nichts böses.

Viele Leser sind unzufrieden wie Dinge dargestellt werden. Nämlich auf die klassische Print-Form. Und die ist für platzbegrenzte Zeitungen. Zeitung wäre Fastfood im Einheits-Pappkarton und Online wäre das vollständige Menü. Heise ist schlau und macht die Quartalszahlen der letzten Jahre als Tabelle unten drunter. In Print hat man keinen Platz um alle relevanten Zahlen mit allen Veränderungen (absolut, prozentual, zum Vorjahr, zum Vorquartal, in Vergleich mit Konkurrenten) darzustellen. Im Onlineartikel erwarte ich die Vollständigkeit. In den Kommentaren werden dann offensichtliche Dinge vorgerechnet weil die Agentur es nicht reingeschrieben hat.

Man würde also in der News-App die Templates sehen und wie man die Ergebnisse berichtet haben will und z.b. im Auto vorlesen lassen. Die eigene Lieblingsmannschaft wird länger berichtet und bei anderen Dingen vielleicht nicht mal die Ergebnisse sondern der Status in der Tabelle und Abstiegskampf-Mannschaften oder Kampf um Euro-League oder Champions-League-Teilnahme.

Wenn die User sich Templates selber machen können, verbessert sich alles schnell. Excel und auch IFTTT beweisen ja das sowas gut funktioniert.

Parteilichkeit macht sich gern breit. Wieso nicht. Wenn Leute rechte Zeitschriften kaufen sollen sie doch die Verbrecherzahlen entsprechend gewichtet vorgelesen kriegen. Linke kriegen andere Darstellungen derselben Zahlen. Neutrale Darstellungen oder links/rechts/mitte nebeneinander gibts natürlich auch damit man die Wahrheit der Argumentationen erkennt oder was Apple-Fanboys und Android-Fanboys und M$-Fanboys an den jeweiligen Zahlen gut bzw. schlecht finden. Lets make Fun and Money about them. Gibt es eine Partei welche beim Wahlergebnis negativ klingt ? Na also. Sowas ist das Vorbild und mit Templates liefern die Rechten und Linken kostenlos die Basis für den Erfolg. Wenn Fanboys z.B. herausfinden das Apple-IPod-Touch mehr verkauft werden ist das Template beim nächsten Update ja noch aktiv und man sieht ob die Argumentation zusammenbricht oder sich IPod-Touch beispielsweise vielleicht unauffällig immer mehr verbreiten worauf die normale Agentur-Presse vielleicht erst kommt, wenn es ein Blogger berichtet und Medien darauf anspringen.

Oder Fans verschiedener Mannschaften kriegen im Kampf um die Euro-League-Plätze unterschiedlich "gefärbte" Darstellungen. Jeder würzt nach wie er will (Salz, Pfeffer, Maggi, Ketchup, Mayonaise...). Die neutralen Artikel muss man ja nicht verstecken. Aber man beliefert alle Meinungen in ihrer Geschmacksfarbe und politischen oder gesellschaftlichen Ausrichtung. Rad-Fahrer, Autofahrer, Fußgänger lesen und interpretieren Verkehrsstatistiken ja auch unterschiedlich... Oder für Wahlergebnisse habe ich mir eigene Skripte geschrieben um die Machtverhältnisse und Koalitionsmöglichkeiten besser zu erkennen als TV-Infografiken und Presse-Grafiken.

Journalismus ist oft repetitiv und wenig wird reflektiert. Wer Bildblog regelmäßig anschaut oder das dort gehostete 6-vor-9 (oder wie das heisst) erkennt die vielen Probleme für den verbessernden Journalismus.

Thats Fun with Truth wenn man jede Fanboy-Seite die Geschäftszahlen berichten lässt und jede Fangruppe ihre Version des Spieles berichtet.
Die Verlierer schreiben: "Nach hartem Kampf leider knapp geschlagen"
Die Gewinner schreiben: "Gegner jämmerlich mit 4:0 vernichtet"
"Wir haben ein großartiges Wahlergebnis" sagen manche Parteien auch wenn sie 10% verloren haben.

Schikane-Freie und natürlich legale und am besten konstruktive (also nicht beleidigende) Templates wären ein Weg für die Betroffenen, die Wahrheit besser zu verkünden.
Man würde einen Ort schaffen ("News-Wiki") wo man die Dinge sieht, welche in der Agenturmeldung fehlen bzw. nicht so wichtig waren. Wenn man es richtig macht muss die Presse dann dort reinschauen bevor sie etwas übersehen.

Ohne Regularien, Softwarepatente und Rechtsrisiken gäbe es das vielleicht schon längst. Die Ideen für modernen Journalismus als Alternative zum platzbeschränkten Print-News-Journalismus oder Zeitbeschränkten TV/Radio-Journalismus sind nämlich schon älter. Und natürlich auch das man über die Templates alle Sprachen bedienen kann. Ein Fußball-Template kann also in allen Sprachen über alle Fußballspiele aller Ligen weltweit beschreiben.
Und das man etwas vorliest aber auf dem oder Phone nur die Tabellenposition der Vereine und Spiele anzeigt, sollte klar sein. Verschiedene Templates für verschiedene Geräte (Ipad, Iphone, Watch, 99"-UltraSupaDupaHD-SmarTV, Laptop, Retina, Monitor, PAL-TV,...) ebenso.

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