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Massen-Spektakel Dreamforce: Wie Tech-Mogul Salesforce die E-Commerce-Szene aufmischt

Massen-Spektakel Dreamforce: Wie Tech-Mogul Salesforce die E-Commerce-Szene aufmischt

Die Cloud-Firma legt mit ihrer jährlichen Konferenz das Stadtzentrum von San Francisco lahm. Hillary Clinton, Al Gore, Adriana Huffington, Neil Young: Sie alle kommen, wenn Marc Benioff lädt, der charismatische Salesforce-CEO. Der Philanthrop postuliert einen gemeinnützigen Kapitalismus, der der Gesellschaft etwas vom Erfolg zurückgibt. Angesichts der Proteste gegen Tech-Firmen sind das Töne, die gerne gehört werden in San Francisco.

Massen-Spektakel Dreamforce: Wie Tech-Mogul Salesforce die E-Commerce-Szene aufmischt

(Foto: Jochen G. Fuchs)

Salesforce-Konferenz Dreamforce: „Nichts macht glücklicher als zu geben“

(Foto: Jochen G. Fuchs)
Die Dreamforce von Salesforce: eine der größten Softwarekonferenzen der Welt. (Foto: Jochen G. Fuchs)

„Salesforce – in Europa weniger bekannt – zählt zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen weltweit.“

„Was ist hier los? Warum tragen alle Menschen diese blauen Bänder?“, fragt ein verblüffter Tourist in den Yerba-Buena-Gardens, einem Mini-Park an San Franciscos größtem Konferenz-Zentrum, dem Moscone-Center. Es gibt in dieser Woche kaum jemanden auf den Straßen rund um das Gelände, der keinen Einlass-Pass für die Dreamforce-Konferenz um den Hals hängen hat. – so nennt sich das viertägige PR-Spektakel des San Franciscoer Cloud-Lösungen-Anbieters Salesforce. Jedes Jahr werden dafür mehrere Straßenzüge um Moscone-Center und Yerba-Buena-Theatre abgesperrt. Nur ein ein paar abgeschaltete Fußgängerampeln auf dem Veranstaltungsgelände erinnern noch daran, zwischen Kunstrasen und Bühnen-Pavillions. Ein Ambiente wie im ZDF-Fernsehgarten. Die vor 15 Jahren gegründete Firma Salesforce – in Europa weniger bekannt – zählt zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen weltweit und wurde in diesem Jahr vom Forbes-Magazin zum vierten Mal in Folge als innovativstes Unternehmen der Welt ausgezeichnet.

Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton, Al Gore, Adriana Huffington, Neil Young sowie Esoterik-Lehrer und Autor Eckhart Tolle: Sie alle stellen sich auf die Bühne, wenn Marc Benioff, der charismatische CEO, zu einer der größten Softwarekonferenzen der Welt lädt: 145.000 registrierte Besucher, 1.400 Sessions, unzählige Aussteller. Zwischen den Produktpräsentationen und Keynotes singen die Beach Boys, Bruno Mars tritt bei einem Benefizkonzert auf. Der Erfolg von Salesforce ist nicht der einzige Grund, warum Politiker und Musiker die Nähe zu Benioff suchen. Der 50-jährige Milliardär und überzeugte Philanthrop postuliert einen Multi-Stakeholder-Kapitalismus, der sich nicht nur den Aktionären, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet. Benioff sagt mit vollem Ernst Dinge wie: „Nichts macht glücklicher als zu geben“ – und hat die gesamte Konferenz unter dieses Motto gestellt. Zur Einstimmung sind die die Besucher aufgerufen, Lebensmittel-Konserven mitzubringen, die an Hungernde gespendet werden.

Wer in San Francisco Geld verdient, soll auch seinen Teil zurückgeben

San Francisco und das Silicon Valley. (Bild: Siddharth Kothari)
San Francisco und das Silicon Valley. (Bild: Siddharth Kothari)

„Wir wollen keine Industrie, die aussieht wie in dem Film Wolf of Wall Street.“

Angesichts den rasant steigenden Mieten, der wachsenden Ungleichheit und den Protesten gegen Tech-Konzerne sind das Töne, die gerne gehört werden in San Francisco – vor allem von den Politikern. Hillary Clinton lobt Benioffs Engagement und fordert andere Firmen auf, sich ein Beispiel an ihm zu nehmen. Und San Franciscos Bürgermeister Edwin Lee schwärmt: „Ihr Philantropismus hat die Beziehungen zwischen Unternehmen, der Regierung und Schulen komplett verändert!“ Lee meint das soziale Engagement der Salesforce-Stiftung in den öffentlichen Schulen. So machen Salesforce-Mitarbeiter die Lehrer fit im Unterrichten mit gespendeten Tablet-Computern. Außerdem hat Benioff einen 100.000 Dollar schweren Fonds für Innovation an Schulen ins Leben aufgelegt. Hilfe, die dringend nötig ist in einer Region, in der die Hälfte aller Schüler aus sozial und finanziell unterprivilegierten Familien stammt.

Außerdem hat Benioffs Salesforce-Stiftung zuletzt jeweils 100 Millionen Dollar in zwei Kinderkrankenhäuser in San Francisco und Oakland investiert, die daraufhin nach ihm benannt wurden. Sein sogenanntes „1-1-1-Modell“ macht mittlerweile sogar Schule im Silicon Valley – unter anderem Google und Yelp haben es übernommen. Sie spenden ein Prozent der Zeit ihrer Mitarbeiter für gemeinnützige Projekte, ein Prozent ihrer Produkte an Non-Profit-Organisationen und ein Prozent ihres Eigenkapitals an Gemeinden. Weil sich einige Tech-Konzerne nicht zu dem 1-1-1-Modell entschließen konnten, hat Benioff im Frühjahr die Initiative „SFgives“ ins Leben gerufen. 20 Unternehmen aus der Region verpflichten sich darin, jeweils 500.000 Dollar zur Bekämpfung von Armut in San Francisco zu spenden. Nicht besonders viel für Firmen wie Microsoft oder Apple, die beigetreten sind, findet Benioff. Er hofft, das Programm bald auszuweiten. Wer in San Francisco Geld verdient, soll auch seinen Teil zurückgeben, sagt er dem San Francisco Chronicle. „Wir wollen keine Industrie, die aussieht wie in dem Film Wolf of Wall Street.“

Salesforce-CEO Benioff: Nicht weniger als die Welt retten

Marc Benioff, CEO & Chairman von Salesforce.com. Foto: Franz Patzig.
Marc Benioff, CEO & Chairman von Salesforce. (Foto: Franz Patzig)

„Benioff lässt seinen Managern von seinem Rabbi erklären, wie man Personal am schonendsten kündigt.“

Benioff genießt seine Rolle als wohltätiger Tech-Mogul sichtlich: Wie ein Entertainer schreitet er durch die Besucherreihen der Konferenzhalle, die aus allen Nähten platzt. Die großen Auftritte, das Verantwortungsgefühl für die Stadt – es liegt ihm wohl im Blut: Sein Großvater war Bürgermeister von San Francisco und treibende Kraft hinter dem Bau der U-Bahn für die Bay-Area, BART. Bei der Themenwahl der Keynotes hat man das Gefühl, als wolle Benioff nicht weniger als die Welt retten: Hillary Clinton doziert über frühkindliche Leseförderung und plädiert für Netzneutralität, Al Gore diskutiert mit Neil Young über die Erderwärmung und erneuerbare Energien, Arianna Huffington mit Eckhard Tolle über Selbstfindung und die Kraft des Augenblicks. Aber natürlich geht es auch um Wahlkampf. Als Klaus Schwab, Leiter des World-Economic-Forum, Clinton fragt, ob es an der Zeit sei, dass die Amerikaner eine starke, brillante Frau wählen, antwortet sie kokett: „Ich will heute keine Schlagzeilen machen.“ „Ist das die beste aller Zeiten?“, ruft Benioff immer wieder.

Die Produkt-Präsentation als Event: Man kennt dieses Konzept von anderen Silicon-Valley-Unternehmen, allen voran Apple. Doch anders als Apple setzt Salesforce nicht auf Exklusivität, sondern auf Masse. Die Dreamforce ist nach Registrierung bis auf einen Tag für alle kostenlos zugänglich. Benioff hat diese Idee schon während seiner Zeit bei der Softwarefirma Oracle kultiviert, wo er mit Anfang 20 anfing und innerhalb kürzester Zeit eine steile Karriere hinlegte. Zuvor hatte er bei einem Sommerjob bei Apple Steve Jobs kennengelernt, den er als wichtigen Mentor bezeichnet. Mit Larry Ellison, dem Oracle-Gründer, der auch in Salesforce investierte, verband ihn lange Zeit eine symbiotische Freundschaft. Die steile Karriere forderte jedoch erst mal ihren Tribut: Benioff fühlte sich mit 31 Jahren schon ausgebrannt und machte ein halbes Jahr Sabbatical in Hawaii und Indien. Seitdem interessiert er sich für Yoga und fernöstliche Religionen, bringt seinen Yogalehrer auch mal mit zu Meetings oder lässt seinen Managern von seinem Rabbi erklären, wie man Personal am schonendsten kündigt.

„Das war die beste Dreamforce aller Zeiten“

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Es geht entspannt und zugleich hektisch zu auf der Dreamforce. (Foto: Jochen. G. Fuchs)

„‚Am Sonntag war sogar Obama hier‘, grummelt der Mann und zieht eine finstere Miene.“

Für manch einen ist das Dreamforce-Spektakel zu viel. „Ich kann nicht glauben, dass alle diese Leute freiwillig hierherkommen“, sagt ein älterer Herr. Er hockt am Rande eines Pavillons auf einem Sitzwürfel und scrollt genervt auf seinem Smartphone. Aus Las Vegas ist er gekommen, um sich auf der Konferenz mit Kunden zu treffen. Leuchtböden für Veranstaltungen vermietet er, diese bunten Fliesen aus den 70er-Jahre-Discos. Aus der Registrierungshalle schallt donnernde Musik, Besucher laufen hektisch umher, vor dem Eingang hat sich eine Menschentraube um einen Mann mit blauer Sonnenbrille gebildet: U2-Frontmann Bono stattet der Konferenz einen Spontanbesuch ab. „Am Sonntag war sogar Obama hier“, grummelt der Mann und zieht eine finstere Miene.

Doch was genau verkauft Salesforce? Das Unternehmen vermietet seine Cloud-basierte Plattform an Firmen, die damit ihr Geschäft, ihren Service und ihre Kundenbeziehungen digitalisieren können – auch die Integration eigener Apps ist möglich. Coca Cola Deutschland zum Beispiel hat eine auf Salesforce basierende App entwickelt, mit der der Konzern die Distribution der Limonade bei seinen Handelspartnern kontrolliert. Die neueste Salesforce-App heißt Wave und verwandelt Geschäftsdaten – etwa Verkaufszahlen nach Regionen – vollautomatisch in auf dem Smartphone abrufbare Grafiken. Für das Geschäftsjahr 2015 erwartet Benioff Erlöse in Höhe von 5,2 Milliarden Dollar, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Digitalisierung des Handels ist ein gewaltiges Geschäft – Salesforce hat das richtige Produkt zur richtigen Zeit.

Die Konferenz neigt sich dem Ende zu. Nach der Erderwärmungs-Präsentation von Al Gore sackt die Stimmung etwas ab. Neil Young fabuliert ausschweifend über seinen neuen Musik-Spieler namens Pono, die hinteren Reihen im Moscone-Center lichten sich. Arianna Huffington hockt sich zur Massenmeditation auf den Boden und erntet Applaus dafür, dass ihre Tochter sich grundsätzlich Social Media verweigert. Eckhard Tolle warnt vor der inneren Stimme im Kopf, die süchtig machen kann. Und Marc Benioff strahlt übers ganze Gesicht: „Das war die beste Dreamforce aller Zeiten.“

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