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Samwer-Brüder wollen mit Startups H&M und IKEA übertrumpfen

Es ist mal wieder Zeit für eine Runde Samwer-Euphemismen. Wie die stark polarisierenden Internet-Unternehmer H&M „in die zweite Reihe drängen“ und Ikea gleich komplett abhängen wollen, haben wir uns für euch angeschaut und kommentiert.

Samwer-Brüder wollen mit Startups H&M und IKEA übertrumpfen

In der aktuellen Ausgabe des „Manager Magazins“, die seit heute am Kiosk erhältlich ist, werden unter Berufung auf vertrauliche Investorenunterlagen die neuesten Expansionspläne des umtriebigen Trios veröffentlicht: Die Finanzierungsrunde für die Erweiterung der aktuellen Online-Aktivitäten soll bereits mit Volldampf unterwegs in den sicheren Hafen sein. Die Gebrüder Samwer versprechen ihren Investoren hohe Rendite und riesige Umsätze.

Bilder aus dem Samwer-Imperium (Titelbild: Inter IKEA Systems B.V. Screenshot: Rocket Internet)
Bilder aus dem Samwer-Imperium (Titelbild: Inter IKEA Systems B.V. Screenshot: Rocket Internet)

Milliarden-Umsätze für das Samwer-Imperium prognostiziert

Wer aufmerksam die Medien-Berichte der letzten Jahre verfolgt hat, wird von dieser Ankündigung nicht sonderlich überrascht sein. Schließlich verkündete Oliver Samwer bereits 2011 in seiner mittlerweile „berühmt“ gewordenen E-Mail sinngemäß „dass es Zeit wird die Nummer Eins im Möbel-Geschäft“ zu werden. Amazon und Zappos (ein US-Onlineshop-Gigant für Schuhe) gäbe es bereits, deshalb seien Möbel die letzte noch offene Nische für ein Milliardenprojekt. Eigentlich wollte Samwer bereits im Jahr 2012 im Möbel-Geschäft die Milliardengrenze überschreiten, es wird nun wohl noch etwas länger dauern. Das Manager Magazin zitiert aus den Expansionsplänen gleich mehrere Milliarden-Projekte.

„Demnach soll Dafiti im Jahr 2016 schon rund zwei Milliarden Euro Erlöse (2012: 91 Millionen) einspielen. Die russische Zalando-Schwester Lamoda ist 2016 auf Umsätze von rund 1,5 Milliarden Euro (2012: 45 Millionen) programmiert. Der kaum gestartete lateinamerikanische Amazon-Doppelgänger Linio soll 2017 einen Ertrag von 281 Millionen Euro einfahren, eine angenommene Umsatzrendite von 12 Prozent. Zum Vergleich: Das amerikanische Original Amazon brachte es im vergangenen Jahr auf gut 1,1 Prozent.“

Manager Magazin vom 18.04.2013

Die ersten Namen von Investoren, die an dieser Finanzierungsrunde teilnehmen, haben die Brüder Samwer bereits den Investorunterlagen beigelegt. Laut Deutsche-Startups.de handelt es sich dabei um den indischen Stahlmagnat Lakshmi Mittal mit fünf Millionen Euro für Zalando-Ableger in Lateinamerika, Indien, Russland und Nahost. Weiter sollen Kurt-Rudolf Schwarz, der Erbe der deutschen Pharmadynastie Schwarz, mit zehn Millionen Euro, und der ukrainische Milliardär Victor Pinchuk mit 15 Millionen Euro dabei sein. Den Abschluss macht der kolumbianische Finanzmanager und Bier-Magnat Alejandro Santo Domingo mit einem Investment von 25 Millionen Euro in Dafiti. Das interessanteste Detail zum Schluss: Die versprochene Umsatzrendite beim lateinamerikanische Amazon-Ableger Linio soll sich bis 2017 letztlich auf rund zwölf Prozent einpegeln. Optimistische Worte, wenn man bedenkt, dass Amazon's Umsatzrendite der letzten Jahre zwischen Null-Komma-Irgendwas und Ein-Komma-Irgendwas schwankt. Und die bisherigen Ergebnisse mancher Projekte aus dem Hause Samwer weisen gerade in den Segmenten, die laut der Investorenunterlagen jetzt in Angriff genommen werden sollen, sogar hohe Defizite auf.

„So machte allein das in Südostasien präsente Modeportal Zalora 2012 ein Minus von knapp 70 Millionen Euro, wie aus den Business-Plänen hervorgeht. Auch der in Europa und Lateinamerika tätige Möbelhändler Home24 arbeitet derzeit stark defizitär: 2012 stand ein Verlust in Höhe von rund 40 Millionen Euro an, für 2013 werden Einbußen von fast 43 Millionen Euro erwartet.“

Manager Magazin vom 18.04.2013

Trotzdem ist damit zu rechnen, dass die gleichermaßen charismatischen wie polarisierenden Entrepreneure mit ihrer aktuellen Finanzierungsrunde erfolg haben werden. Die bisherige Geschichte spricht für sie.

Auf dem Weg zum Geld: Die Brüder Samwer. #FLICKR#
Auf dem Weg zum Geld: Die Brüder Samwer. (Foto: 401(K) 2013 / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Kommentar – Wachstum bis zum Exitus

Verblüffend ist immer wieder die Chuzpe der Gebrüder Samwer. Obwohl – eigentlich nicht, man ist deren aggressives und leicht überzogenes Auftreten bereits gewöhnt, ein wenig macht das auch den Reiz (oder die Reizung, je nach Betrachtungswinkel) dieser Persönlichkeiten aus. Schließlich ist Oliver Samwer jemand, der seine Mitarbeiter (um in seiner Sprache zu bleiben) in der „Hitze des Gefechts“ schon mal zum Sterben auffordert: „I am the most aggressive guy on internet on the planet. I will die to win and i expect the same from you!“, wie Techcrunch damals zitierte. Immerhin scheint das Vokabular der aktuellen Investorunterlagen auf pseudo-militärische Euphemismen zu verzichten. Entgleisungen wie „Blitzkrieg”, “den agressivsten Plan der Geschichte“, „wir sitzen im selben Boot und jeder muss seine Mission erfüllen“, von denen Gruenderszene.de damals berichtete, müssen auch wirklich nicht sein. Interessanter ist allerdings, dass die Gewinnsituationen der vielen bestehenden, defizitären Unternehmen nirgends thematisiert wird. Man lässt sich nicht wirklich beunruhigen von der Tatsache dass zum Beispiel Zalando, ein in der Tat mittlerweile eine Milliarde abwerfendes Umsatz-Ungetüm, nicht nur permanent Verluste, sondern permanent steigende Verluste schreibt. Im Jahr der Unternehmensgründung waren es laut Deutsche-Startups.de noch manierliche 1,6 Millionen, dann 2010 bereits rund 20 Millionen, gefolgt von 2011 rund 60 Millionen mit schliesslich 90 Millionen Euro Verlust im letzten Jahr. Würde man jetzt ein Rätselspiel veranstalten nach Art von „vervollständige die Reihe“, dann wäre die Antwort wohl: 110 Millionen Verlust im Jahr 2013. Geschäftsführer Rubin Ritter äußerte sich im Februar bei Deutsche-Startups.de zum letztjährigen Geschäftsergebnis von Zalando:

„Anlaufverluste nehmen wir in Kauf, sie sind Teil unserer Strategie beim Eintritt in neue Märkte. Entscheidend ist, dass sich die Margen bereits in allen Regionen aufgrund des zunehmenden Kundenstamms und wachsender Effizienz positiv entwickeln. Die Tatsache, dass Zalando in der Kernregion nur vier Jahre nach Unternehmensgründung die Gewinnschwelle erreicht hat, belegt den Erfolg unseres Geschäftsmodells. Das Ergebnis bestärkt uns darin, noch schneller in den Aufbau der Marktführerschaft innerhalb der einzelnen Länder zu investieren.“

Deutsche-Startups.de vom 15.02.2013

Gut, Anlaufverluste sind für Unternehmen mit großen Wachstumsraten nichts Ungewöhnliches, aber irgendwann sollte die Gewinnzone schon erreicht werden, sonst führt das exponentiell steigende Wachstum zum Aus. Man wird die Zukunft mit Spannung erwarten dürfen, denn ob die Samwer'schen Prognosen eintreffen oder nicht, bleibt abzuwarten. Eine kleine Irritation hat sich allerdings von Anfang an eingeschlichen, als es nämlich hieß, Ikea solle „abgehängt“ werden: Ein DIY-Möbel-Projekt fehlt nämlich noch in der Samwer-Sammlung, der Zusammenhang mit Ikea ist also (noch) nicht nicht richtig zu erkennen. Aber: Eventuell wird uns ja ein nervig-grölender, grüner Jamba-Frosch demnächst auf YouTube erklären wie man seine Möbel aus der (fiktiven) neuen DIY-Sparte bei Home24 zusammenschraubt. In diesem Sinne, lassen wir den Frosch sprechen: „DängDängderängDängDerängdängDäng“ ...

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2 Antworten
  1. von Mo am 20.04.2013 (00:06 Uhr)

    Christoph, Du sprichst mir aus der Seele! Vielen, vielen Dank auch :)

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  2. von Wirtschaft und Presse am 20.04.2013 (17:20 Uhr)

    "Umsatzrendite" die als Gewinn an Anleger ausgezahlt wird bzw. ohne Abzüge als Buchwert-Steigerung in der Bilanz steht oder "nur" Deckungsbeitrag wo noch diverse "Fix"-Kosten von abgehen ? Und wie hoch ist dort die Inflation ?

    Da muss man also sehr genau doppelt und dreifach hinschauen und einen Bilanzen-Kenner oder Steuerberater fragen was die Wirtschaftspresse leider zu selten macht.

    Reichen Leuten ist wichtig, wenig Steuern zu zahlen. Man kann also 100 Mio einnehmen und 43 Mio an den Finanzminister überweisen oder man macht stattdessen Firmen auf die 40 Mio Verlust pro Jahr machen und irgendwann die Kohle einbringen und muss dann keine 43 Mio überweisen und hat in Barcelona und New York Startup-Büros und kann Champions-League-Spiele schauen oder mit der Geliebten, zweit/dritt-Frau usw. an der Fifth-Avenue einkaufen gehen. Siehe auch Film-Fonds oder sogenannte Abschreibungs-Firmen. Der kleine Steuerzahler und Freiberufler bezahlen dann die Pensionen, Ehrensold und Autobahnen hier und für Schulden-Staaten.

    Samwers arbeiten in Form von "Fabrik-Gründungen" auch eine Stufe höher als (natürlich nur wenige vereinzelte) single-Projekt-Startups die teilweise einen Gönner/Sponsor/... haben und (auch oft nach dem Ende der Firma) gar nicht verstehen das sie nur ein Steuerspar-Projekt sind oder durch günstige Praktikanten den Mietnotstand in der Großstadt vermehren sollen damit der Gönner seine Ghetto-Immobilien teuer vermieten kann. Oder günstige Startup-Büros damit nicht auffällt das der Büro-Tower des Inkubator-Gönner-Promoter-Sponsors nur zu 80% vermietet ist oder man die guten Mitarbeiter fürs eigene Personal abwerben kann... Denn Festanstellung beim Konzern ist besser als Praktikantentum.

    Der Fehler ist also, das die Samwers mit Einzelprojekt-Startups verglichen werden und das sie (weil Zappos vermutlich Zalando nicht aufkaufen wird) ihr altes Geschäftsmodell (Aufkauf durch US-Pendant oder z.B. Ikea bei den Möbel-Projekten) in einigen Projekten vielleicht nicht durchziehen können. Doch die Zeit wird wieder kommen wo Firmen Zilliarden verdienen und weil Dividenden langweilig sind und vielleicht weil größere Bilanzen größere Boni bringen also andere Firmen aufkaufen und die Samwers ihre Firmen vermutlich profitabel an die lokalen Platzhirsche (Mobilfunk-Firmen, Internet-Provider u.ä.) verkaufen können.

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