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Schau mir in die Augen, Handy

Seit es Touchscreens gibt, brauchen wir schon viel seltener unhandliche Geräte wie Computermäuse. Moderne Eye-Tracking-Technologie könnte Tastaturen und Mauspads bald noch öfter hinfällig machen.

Schau mir in die Augen, Handy

Bisher wird Eye-Tracking-Software, die erkennt, wo ein Nutzer gerade hinschaut und daraus schließt, was er tun möchte, vor allem in der Gesundheitsbranche eingesetzt. Dort hilft die Technologie behinderten Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Doch jetzt versuchen Technologiefirmen, auf dem breiten Markt verfügbar zu machen, zum Beispiel bei Videospielen und anderen alltäglichen Anwendungen.

Samsung Electronics und LG Electronics haben die Technologie bereits in ihre mobilen Geräte eingebaut. Ihre neuesten Modelle bemerken, wenn ein Nutzer wegschaut, und halten so lange automatisch Videos an.

In dieser Ausprägung kann die Technologie jedoch nur für ganz bestimmte Aufgaben angewendet werden und ist nach Ansicht vieler Analysten mehr Spielerei als technologische Revolution.

Eye-Tracking in Zukunft in allen Arten von Computern

Das Unternehmen Tobii forscht seit langem im Bereich des Eye-Tracking. (Foto: Tobii)
Eine Firma, die die Eye-Tracking-Funktion der breiten Masse verfügbar machen will, ist Tobii Technology, eine Firma aus Stockholm, die 2001 von drei Ingenieuren gegründet wurde. „Ich bin absolut überzeugt, dass Eye-Tracking in Zukunft in allen Arten von Computern eingesetzt wird“, sagte Henrik Eskilsson, der 38-jährige Chef und Mitgründer der Firma, am Telefon aus Japan, wo er gerade Kunden traf.

Diesen Herbst soll erstmals ein Gerät namens REX auf dem Markt erhältlich sein, das sich per USB-Anschluss an einen Computerbildschirm anbringen lässt, zum Beispiel für neue PCs mit dem Betriebssystem Windows 8. Später soll die Technologie auch für Laptops und Tablets verfügbar werden.

Anstatt mit einer Kamera die Augenbewegungen zu verfolgen, entsendet das Gerät der Firma Tobii Infrarotstrahlen, die ein Muster auf das Auge reflektieren. Ein Sensor liest diese Spiegelung und interpretiert daraus, wo genau ein Nutzer gerade hinschaut. Nutzer müssen lediglich höchstens einen Meter von dem Gerät entfernt sitzen und es vorher speziell auf ihre Augen einstellen.

Eskilsson glaubt, dass vor allem Spiele anfangs von dieser Technologie Gebrauch machen werden. Seine Firma arbeite bereits mit Spieleherstellern zusammen, die er jedoch nicht namentlich nennen wollte. Um die Technologie vorzuführen hat Tobii das erste blickgelenkte Arcade-Spiel namens EyeAsteroids entwickelt, das an das alte Atari-Spiel Asteroids angelehnt ist.

Klicken klappt mit den Augen nicht

„Touchtechnologie ist intuitiv und effizient, wenn man ein Gerät in der Hand hat. Aber wenn man es nicht selbst hält, ist sie nicht besonders nützlich“, sagt Eskilsson. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass wir in Zukunft in unseren Büros sitzen und uns über Touchscreens beugen werden.“

Doch Eye-Tracking ist kein Alleskönner. Nutzer können damit zum Beispiel keine Links öffnen, ohne auf andere Weise noch einen zusätzlichen Befehl zu geben, zum Beispiel über eine Tastatur. „Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir in Zukunft nur mit unseren Augen agieren werden“, sagt Eskilsson.

Eye-Tracking werde wahrscheinlich mit anderen relativ neuen Methoden der Interaktion mit Computern kombiniert werden. Seit Jahren nutzen zum Beispiel Controller für Videospiele wie der Nintendo Wii Controller Bewegungssensoren, Apple hat in seine den Spracherkennungsdienst Siri eingebaut. Das Start-Up Leap Motion aus San Francisco feiert bald den Verkaufsstart eines Bewegungssensors, der Handgesten präzise erkennt und auf einem Bildschirm abbilden kann.

Preis ist noch ein großes Problem

Eye-Tracker werden immer kompakter und leistungsfähiger. (Foto: Tobii)
Der Chiphersteller Intel ist sich ziemlich sicher, dass Mäuse und Tastaturen in Zukunft von intuitiveren Bedienungstechnologien verdrängt werden. Vergangenes Jahr investierte der Chiphersteller 21 Millionen Dollar in einen Anteil von 10 Prozent an Tobii. Außerdem vertreibt die Firma jetzt Softwarepakete für unabhängige Programmierer, die PC-Anwendungen mit Sprach-, Bewegungs- und Augensteuerung entwickeln wollen.

Ein Problem mit der fortgeschrittenen Eye-Tracking-Technologie ist der Preis. Vor fünf Jahren kostete ein Paket mit einer Infrarotkamera, einem Anwendungsprozessor und der passenden Software bis zu 10.000 Dollar. Die Preise sind zwar gesunken und die Geräte dazu kleiner und effizienter geworden, doch die Technologie ist immer noch teuer. Komplette Pakete kosten heute um die 1.000 Dollar.

Tobii hat noch keinen Preis für seine REX-Geräte veröffentlicht. Die Zielgruppe seien jedoch eher Tech-Fans als gewöhnliche Computernutzer. Bisher verkauft die Firma Programme zur Marktforschung und Pakete, die behinderten Menschen dabei hilft, Computer mit ihren Augen zu bedienen.

„Innerhalb des nächsten Jahres wird es Produkte zu Preisen geben, die normalen Nutzern absolut fair erscheinen“, sagt Eskilsson.

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Von Sven Grundberg

Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

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2 Antworten
  1. von Dirk am 03.04.2013 (15:32 Uhr)

    Eyetracking ist momentan noch sinnlos, wenn man das Beispiel als Präzedenzfall heranzieht.

    Wenn man zu müde ist und dann einschläft und deshalb unpraktischerweise das nicht gesehene Video als gesehen markiert wird, dann ist es zwar falsch, aber kann schnell wieder korrigiert werden UND man hat den Lerneffekt, dass man sich mit dem Gerät nicht mehrübermüden lässt, sondern lieber sich vorher schlafen legt.
    Durch solche Gadgets gibt es nun die Mode wenig zu schlafen, was aber schädlich ist und man dadurch seine Lebenszeit extrem verkürzt. D.h. auch wenn man sich früher schlafen legt und man deshalb weniger Zeit zum "Arbeiten" hat, kann man im Leben deutlich mehr erreichen, weil die Lebenszeit nicht extrem verkürzt wird und man deshalb letztendlich mehr und konzentriertere (effektivere) "Arbeitszeit" nutzen kann.
    => Deshalb ist das sogar kontraproduktiv, wenn dies oder etwas prinzipiell ähnliches der einzige "Vorteil" ist.

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  2. von BastianBBux am 08.04.2013 (12:12 Uhr)

    "Ihre neuesten Modelle bemerken, wenn ein Nutzer wegschaut, und halten so lange automatisch Videos an."

    Und das will man?
    Also wenn ich vom Video wegschau, dann mit voller Absicht.
    Und wenn ich es anhalten will, dann tu ich das auch mit Absicht. Und das eine hat mit dem anderen i.d.R. nichts zu tun!
    Naja, für'n bisserl Hype-Journalismus wird's reichen. ;)
    BTW: was wurde eigentlich aus 2nd Life? ...

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