Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Digitale Gesellschaft

Sehnsucht nach dem „alten” Web: Die Nostalgie der Fortschrittsbefürworter

    Sehnsucht nach dem „alten” Web: Die Nostalgie der Fortschrittsbefürworter

(Foto: Shutterstock)

Gewöhnlich haben Anhänger des digitalen Wandels wenig Verständnis für die Rückwärtsgewandtheit von weniger netzaffinen Zeitgenossen. Doch auch wir Befürworter des Fortschritts werden manchmal wehmütig. Dann sehnen wir uns voll Nostalgie nach dem freien, wilden und demokratischen Web der Anfangstage. Verständlich ist das, doch vermutlich ebenso hinderlich wie die Nostalgie der Skeptiker und analogen Pessimisten, wie Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World anmerkt.

Web-Nostalgie: Auch wir blicken wehmütig in die Vergangenheit

Der digitale Wilde Westen? Längst Geschichte. (Foto: Shutterstock)
Der digitale Wilde Westen? Längst Geschichte. (Foto: Shutterstock)

Zahlreiche Menschen stehen dem digitalen Wandel skeptisch gegenüber. Entweder aus echter Überzeugung oder schlicht aus Furcht vor Veränderung werden sie nostalgisch, sobald sie an die „gute alte Zeit“ denken, in der ihnen die Welt noch verständlicher und einfacher erschien. Wir, die dem Internet und seinen Möglichkeiten mit Enthusiasmus begegnet sind, kritisieren gerne das Festhalten breiter Gesellschaftskreise an den Vorstellungen und Normen des Analogen. Durchaus zurecht.

Was wir dabei aber leicht übersehen: Auch wir haben einen Hang dazu, wehmütig in die Vergangenheit zu blicken und das Früher zu verherrlichen. Nur liegt dieses Früher noch nicht so weit zurück, sondern bezieht sich auf die initialen Tage des Webs. Die Periode, in der sich plötzliche, totale Freiheit mit der Abwesenheit von formellen Strukturen und traditionellen Hierarchien paarte. Mittlerweile haben wir diese Periode des digitalen Wilden Westens hinter uns gelassen. Viele aber trauern ihr noch nach. Mitunter steht uns dieser Hang zu einer vergangenen Epoche genauso im Weg wie den Reaktionären und Kulturpessimisten ihre pauschalen Zweifel an der globalen Vernetzung und Computerisierung.

Viele Gründe für nostalgische Gefühle

Gründe, nostalgisch zu werden, gibt es reichlich. So erinnern wir uns mit Freude an eine blühende Blogosphäre, gekennzeichnet von unzähligen aktiven, sich regelmäßig verlinkenden Blogs. Diese Blogosphäre wurde zwar kaum von den Leitmedien ernst genommen, aber immerhin konnte man sich als Teil einer gut informierten, eng vernetzten und eingeweihten Community fühlen. Wer es 2007 auf die Spitzenplätze der Deutschen Blog Charts schaffte, konnte mit stolz geschwellter Brust rumlaufen. Erfolgreich waren Blogs auch dank RSS. Selbst führende englischsprachige Blogs boten Full-Text-Feeds – anders als heute. Abonniert wurden RSS-Feeds natürlich mit dem Google Reader (RIP). Dieser beinhaltete sogar ein eigenes kleines Social Network zum Teilen von Inhalten. Das waren noch Zeiten …

„Wer Websites mit Standard-Werbung monetarisieren will, steht vor einer völlig neuen Herausforderung.“

Nostalgie liegt auch immer dann in der Luft, wenn Digital-Pioniere über „das Web” sprechen. Denn das ist heutzutage bedroht. Smartphones sei Dank verlagert sich ein immer größerer Teil der Online-Nutzung in native Apps (und bald womöglich noch viel weiter darüber hinaus). Sie sind vielseitiger, meistens schneller, bieten in das Betriebssystem integrierte Erlös- und Transaktionssysteme und erlauben einen direkten Zugriff auf die Hardware-Komponenten mobiler Geräte. Anders als für frühe Internetnutzer stellt der Browser für die heutige Jugend nicht mehr das wichtigste Werkzeug für den Zugriff auf das Internet dar. Und auch die Early Adopter von einst verwenden oft bevorzugt Apps statt mobiler Websites. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Browser weiter an Bedeutung verliert und irgendwann gar ganz vom Homescreen der meisten Nutzer verschwinden könnte, ist daher weitaus größer als sein Comeback.

Auch das am meisten verbreitete Geschäftsmodell der letzten 20 Internet-Jahre, nämlich Display-Werbung, erlebt einen Niedergang. Manche Site-Betreiber erinnern sich sicherlich noch an den berühmten 468x60-Banner und die enormen Tausenderkontaktpreise, die dafür gezahlt wurden. Das ist vorbei. Wenn schon dann müssen Sonderwerbeformen her. Als zu ineffektiv haben sich die meisten anfänglichen Werbemittel erwiesen. Und überhaupt: Immer weniger Besucher bekommen Display-Werbung in all ihren bunten Formen noch zu Gesicht. Denn AdBlocker sind jetzt ein Massenphänomen. Jüngst wurde bekannt, dass Apple diese künftig sogar für iOS-Browser zulassen will. Wer Websites mit Standard-Werbung ernsthaft zu monetarisieren versucht, steht heute vor völlig neuen Herausforderungen.

Mächtige Gatekeeper bestimmen, wo es lang geht

casual games android ios candy crush saga 5
Die breite Masse ist mit Candy Crush beschäftigt.

Die Online-Werbegelder konzentrieren sich woanders, nämlich verstärkt bei den Social Networks wie Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat. Das sind sie, die neuen Gatekeeper. Neben Apple und Google, die darüber entscheiden, welche Apps in den App Store und Play Store gelangen, fungieren die führenden Social-Plattformen als Content- und Aufmerksamkeits-Verteilerzentralen. Sie nehmen auf verschiedene Weise Einfluss darauf, welche Inhalte unter welchen Rahmenbedingungen welche Nutzer erreichen. Algorithmen entscheiden, wer was sieht. Auch das war mal anders. Einige Nachrichtenportale gehen mehr oder weniger widerwillig Allianzen mit den US-Giganten ein, um zu verhindern, komplett vom Leserstrom abgeschnitten zu werden. Abermals wirkt es reizvoll, sich zurückzuträumen in eine Zeit, als es zwar ebenso wenig tragfähige Geschäftsmodelle für News im Netz gab wie heute. Dafür hatten User aber wenigstens noch eine ausgeprägte Markenloyalität und besuchten die Verlagswebsites direkt über ihre Bookmarks oder als Startseite des Browsers.

Heute zeichnen sich weite Teile des Webs durch massive Kommerzialisierung und Machtkonzentration aus. Einige wenige Giganten geben den Ton vor und nutzen ihre Netzwerkeffekte, um dem Ökosystem als Ganzes ihre Regeln aufzudrängen. Links und rechts davon kann zwar jeder das offene Web noch immer so nutzen wie bisher. Nur schwindet die Aufmerksamkeit der breiten Masse. Denn die ist mit Candy Crush, Instagram und WhatsApp beschäftigt. Zusätzlich sorgen auf fragwürdigen moralischen Fundamenten errichtete Regulierungsmaßnahmen wie das Leistungsschutzrecht oder das Recht auf Vergessen für ganz neue, die Harmonie des Netzes sörende Zustände.

Ich könnte noch ein Weilchen so weitermachen. Aber es wird wohl klar, worauf ich hinaus will: Wenn man es zulässt, kann man sich den ganzen Tag darüber ärgern, wie die Errungenschaften der frühen Internet-Tage sukzessive verloren zu gehen scheinen – und voller Nostalgie an damals denken.

Nur bringt das nichts.

Der Irrweg, die Vergangenheit zu idealisieren

„Nostalgie ist nur dann eine gute Sache, wenn sie zeitlich begrenzt ist und nicht die Sicht nach vorne versperrt.“

Auch ich verfalle häufiger in den Nostalgie-Modus, als mir lieb ist. Gerade, wenn er zu einer Gewohnheit wird, ist es vermutlich ein Fehler und kontraproduktiv. Dann befindet man sich auf dem gleichen Irrweg wie die, auf die die sogenannte Netzgemeinde gerne herabschaut. Man sehnt sich nach einem „Früher“ und hofft, dass sich die Uhren doch noch mal zurückdrehen lassen. Für die einen ist dieses Früher die Zeit von Printmedien und Briefen. Für die anderen die Ära, bevor Gatekeeper, Netzkonzerne und die Politik das Netz gezähmt und an ihre Vorstellungen angepasst haben.

Nostalgie ist immer nur dann eine gute Sache, wenn sie zeitlich begrenzt ist und nicht die Sicht nach vorne versperrt. Es gilt anzuerkennenn, dass das Web nie wieder die Formen von einst annehmen wird. Genausowenig wie die Tageszeitung auf Papier wieder ihren Status als ultimative morgendliche Informationsquelle aller gebildeten Bürger zurückerobern können wird.

Gesunder Pragmatismus und das Bestreben, die weitere Entwicklung konstruktiv mitzugestalten, ist deshalb eine erfolgsversprechendere Strategie als der Kampf für das Web von einst. Unter diesem Gesichtspunkt ist es verständlich und auch klug, dass Verlage bei Facebooks Instant Articles, Snapchat Discovery oder Apple News dabei sein wollen. Einerseits wissen sie, dass sie nur so ihren Einfluss wahren können. Andererseits erlauben ihnen die erwarteten Einnahmen aus der Werbevermarktung auch, eigene Experimente voranzutreiben.

Weg mit der Web-Nostalgie: Die nächste Revolution kommt bestimmt

Die Virtual-Reality-Brille Oculus Rift wird von Kollege Daniel Hüfner getestet. Sein Fazit: Erfrischend neu, aber auch zwei Milliarden US-Dollar wert? (Foto: t3n)
Web-Nostalgie? Vielleicht ist die nächste Revolution gar nicht mehr so weit weg. (Foto: t3n)

Denn niemand weiß heute, ob bald abermals eine Revolution in der Dimension des kommerziellen Internets bevorsteht. Mit Virtual Reality, Mesh-Networks, dem Internet der Dinge, 3D-Druck, VR und AR gibt es einige Kandidaten.

Wer agil bleibt, pragmatisch denkt und nach vorne schaut, kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben. Wer stattdessen gedanklich immer nur im Gestern lebt, wird es zwangsläufig schwer haben, die Zukunft mitzugestalten.

Selbst wenn dieses Gestern am Ende vielleicht tatsächlich der objektiv bessere Zustand gewesen sein sollte. Er ist Geschichte. Für immer.

Übrigens: Auch, was Hard- und Software angeht, schwelgen wir manchmal gerne in Nostalgie. Mehr dazu in zwei Artikel von Maik Klotz: „Cherry, NVIDIA, Soundblaster und Co.: Was aus den IT-Pionieren der 90er wurde“ und „Norton, Winzip, ICQ und Co.: Was aus den IT-Pionieren der 90er wurde“.

Finde einen Job, den du liebst zum Thema Weigerts-World-Kolumne

2 Reaktionen
nk
nk

Link-Building oder was soll dieser Artikel voller Name-Dropping?

Antworten
Alexander Schestag

Das ist mir zu fatalistisch. Das Web hat doch nach wie vor die Formen wie damals. Wir müssen sie nur nutzen. Keiner zwingt uns, Snapchat, Facebook und co. zu nutzen, keiner zwingt uns, Candy Crush zu spielen. Jeder von uns hat die Wahl, ob er sich weiter Zeit verschwendend in sogenannten riesigen "sozialen Netzwerken" rumtreiben und dort sinnfreien Smalltalk betreiben will - oder ob er sein Web zurückerobern und eigene Inhalte in den eigenen digitalen vier Wänden produzieren will. Auch in Blogs gibt es Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Reichweite wird, zumindest wenn man damit kein Geld verdienen will, überschätzt. Im Artikel heißt es: "Wer stattdessen gedanklich immer nur im Gestern lebt, wird es zwangsläufig schwer haben, die Zukunft mitzugestalten.". Welche Zukunft? Meine Zukunft im Web gestalte ich in meinem Teil des Webs. Er mag klein sein und nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die Großen. Aber ich kann ihn aktiv so gestalten, wie ich das möchte.

Kurz: Diese Entwicklung ist nicht fest vorgegeben. Es liegt an uns, den Menschen, die das Web gestalten, was daraus wird. Und wir sollten immer dran denken: Alle großen Webgiganten wären ohne uns nur öde Wüsten. Vielleicht wäre das mal einen Versuch wert?

Antworten

Melde dich mit deinem t3n-Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Abbrechen