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Kolumne

„Sei nicht so neugierig!” – Oder doch?

    „Sei nicht so neugierig!” – Oder doch?

(Foto: Lario / Shutterstock)

Im digitalen Zeitalter stellt das systematische Streben nach neuen Erkenntnissen sowie das Hinterfragen von Etabliertem einen enormen Konkurrenzvorteil dar. Schade, dass „Neugier“ im deutschen Sprachraum so einen schlechten Ruf hat, konstatiert Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World.

Wie Gesellschaften auf technologischen Wandel reagieren und ob sie deren Potenzial erschließen, wird von unzähligen Faktoren beeinflusst. Manche sind offensichtlich, etwa die Art und Weise der Regulierung, Zugang zu Kapital, Vorhandensein erforderlicher Infrastruktur (vor allem schnelles Breitbandinternet) sowie fachliche Qualifikation der in betroffenen Bereichen tätigen Personen.

Andere Faktoren ergeben sich aus Kultur, Geschichte und Mentalität. Diese sind weniger leicht zu fassen und zu messen. In diese Kategorie fällt etwa die in Deutschland häufig beklagte fehlende Akzeptanz des Scheiterns als natürlichen Teil des Innovationsprozesses und Experimentierens, so wie es im Silicon Valley üblich ist. Wenn die Furcht vor Stigmatisierung als Versager Innovatoren und Unternehmer davon abhält, scheinbar absurde und mit großem Risiko verbundene Ideen in Angriff zu nehmen, dann reduziert dies die Chancen, wirtschaftlich und technologisch als globaler Gewinner aus der Digitalisierung hervorzugehen.

Auch Sprache beeinflusst die Haltung zu Veränderung. Den meisten von uns fällt es allerdings schwer, eine Distanz zur eigenen Alltagssprache aufzubauen. Bedeutungsgegenstände, Assoziationen und Worte, die man im Prinzip mit der Muttermilch aufgesogen hat, lassen sich nicht ohne aktives kognitives Eingreifen und bewusstes Herauszoomen trennen. Um es mit den Worten des Motivationskünstlers Les Brown auszudrücken: „You can't see the whole picture from inside the frame“. Und so übersieht man leicht die Auswirkungen, die Sprache auf Denken, Werte und Weltanschauen hat.

Neugier als Schlüsseleigenschaft

Kaum ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt eine wichtige Rolle spielt, verkörpert dies besser als „Neugier“. In einer sich massiv verändernden Welt, in welcher der Zugang zu und die Anwendung von neuen Informationen für Individuen und Organisationen einen enormen Konkurrenzvorteil ausmachen, nimmt Neugier eine essenzielle Funktion ein. Für den Forscher und Autor Stowe Boyd ist Neugier gar die wichtigste aller Eigenschaften in der „postnormalen“ Ära. Er schreibt auf Englisch und nutzt daher das Pendant „Curiosity“. Doch hier liegt der Knackpunkt: Die deutsche „Neugier“ besitzt im Gegensatz zum englischen Äquivalent einen sehr ambivalenten Bedeutungsinhalt.

Curiosity stammt laut Duden vom lateinischen „curiosus“. Neugier dagegen setzt sich aus „neu“ und „Gier“ zusammen. Gier! Abgesehen von Hardcore-Kapitalisten wird dieses Wort bei niemandem besonders positive Gedanken hervorrufen, ganz besonders nicht in Deutschland. Der Begriff, mit dem eigentlich die Massen mobilisiert werden müssten („Seid neugierig, lernt Neues, hinterfragt!“), präsentiert sich in der deutschen Sprache in einem fragwürdigen Licht. Wer hat nicht schon irgendwann einmal die Aufforderung gehört, nicht so neugierig zu sein?!

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„Neugier“ contra „Curiosity“

Im Duden wird Neugier folgendermaßen definiert: „Neugier: Beherrschtsein von dem Wunsch, etwas Bestimmtes zu erfahren, in Angelegenheiten, Bereiche einzudringen, die besonders andere Menschen und deren Privatleben oder Ähnliches betreffen“. Gemäß Wikipedia ist Neugier „das als ein Reiz auftretende Verlangen, um Neues zu erfahren und insbesondere Verborgenes kennenzulernen“. Das klingt wenigstens etwas freundlicher. Doch im nächsten Satz trübt sich das Bild bereits wieder ein: „Neugier kann ausgerichtet sein auf permanent wechselnde Ereignisse, um dadurch eine Lust an Sensationen befriedigen zu können“. Anschließend führt das Nachschlagewerk auch eine weitere Form der Neugier an, nämlich das „Interesse an Wissen“ mit Fokus auf „Forschungsergebnisse oder verstandesmäßige Anteile“. Allerdings existiere für diese „Form der Neugier“ auch der Begriff „Wissbegierde“. Dennoch übersetzen sämtliche von mir getesteten Onlinewörterbücher „Curiosity“ standardmäßig zu „Neugier“.

„Curiosity“ bleibt eine derartige Ambivalenz erspart. So ist in der englischsprachigen Wikipedia zu lesen: „Curiosity is a quality related to inquisitive thinking such as exploration, investigation, and learning, evident by observation in humans and other animals. Curiosity is heavily associated with all aspects of human development, in which derives the process of learning and desire to acquire knowledge and skill. Curiosity als „Qualität“, die für den menschlichen Fortschritt notwendig ist. Neugier als „Reiz“, um Privatsphäre zu verletzen und Sensationslust zu befriedigen. Der Unterschied könnte kaum deutlicher sein. Ich habe einige Englisch-Muttersprachler zu ihren Assoziationen mit Curiosity befragt. Sie bestätigten das Bild eines fast durchweg positiv geprägten Terms.

Was war zuerst, Kultur oder Sprache?

Die konkreten Auswirkungen der Diskrepanz des durch die zwei Begriffe ausgelösten Sentiments auf Handlungen lassen sich vermutlich nicht ermitteln. Und natürlich stellt sich die Frage nach der Henne und dem Ei. Begegnen Menschen im deutschsprachigen Raum der Neugier mit weitaus weniger Euphorie als US-Amerikaner aufgrund des Begriffes und dessen sprachlicher Nähe zur Gier, oder etablierte sich der Begriff aufgrund einer kulturell bereits vorhandenen Ablehnung dessen, wofür er steht? Theoretisch hätte sich anstelle von „Neugier“ auch „Kuriosität“ durchsetzen können, das heute jedoch eine andere Bedeutung einnimmt. Offensichtlich bestand im Volk die Nachfrage nach einem ambivalenteren Ausdruck.

Auch wenn die komplexe Wechselwirkung zwischen Geschichte, Kultur, Sprache und Denken es unmöglich macht, hier und jetzt hochoffiziell Neugier zu einem rein positiven Attribut umzudefinieren, ist es sinnvoll, sich über den potenziellen Einfluss der Sprache auf den gesellschafltlichen Umgang mit bestimmten Entwicklungen bewusst zu sein. Manchmal kann eine bestimmte Sprache für ein spezifisches Thema auch schlicht eine Art Handicap darstellen. Wer fruchtbare Debatten zur digitalen Zukunft führen will, macht vielleicht nichts falsch, diese lieber auf Englisch anstatt auf Deutsch führen. Egal, was Jens Spahn davon hält.

Weitere Kolumnen der Serie Weigerts World findet ihr hier. Ihr könnt die vom Autor täglich kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit englischsprachigen Leseempfehlungen beziehen.

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