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Selbstfahrende Autos: Die überraschende Erkenntnis aus einem Roadtrip [Kolumne]

Selbstfahrende Autos: Die überraschende Erkenntnis aus einem Roadtrip [Kolumne]

Bis zur breiten Markteinführung von selbstfahrenden Autos wird noch einige Zeit vergehen. Doch die intensive Berichterstattung zu den Fortschritten in diesem Sektor sowie der begleitende Diskurs bleiben nicht ohne Wirkung. Martin Weigert beschreibt in seiner Kolumne , wie er vom Autofahr-Enthusiasten zum Befürworter des Zurücklehnens hinterm Steuer wurde.

Selbstfahrende Autos: Die überraschende Erkenntnis aus einem Roadtrip [Kolumne]

Foto: ambrozinio / Shutterstock

Ich besitze kein Auto. Über Ostern habe ich mit einem Mietwagen einen kleinen Roadtrip unternommen. Er öffnete mir die Augen.

Zwei Dinge waren diesmal anders als in der Vergangenheit: Zum einen nahm in den letzten Monaten die Berichterstattung sowie die Dichte an Meldungen zu autonomen Fahrzeugen enorm zu. Im zurückliegenden halben Jahr habe ich mich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt wie nie zuvor. Schlicht weil es omnipräsent und obendrein extrem aufregend ist. Vielen Leserinnen und Lesern geht es sicher ähnlich.

Kritischer Blick auf eigenes und fremdes Fahrverhalten

Wie ich nun bei meiner kleinen Tour feststellen konnte, hat die unentwegte Beschäftigung mit dem Thema mich extrem geprägt: Ich blickte viel kritischer als sonst auf das Treiben auf der Straße. Auf mein eigenes Fahrverhalten, auf das meiner Freundin, die ebenfalls fuhr, sowie auf das aller anderen Verkehrsteilnehmer.

Ich sah den menschlichen Faktor beim Autofahren zum ersten Mal mit neuen Augen: die riskanten Überholmanöver. Die subtile und direkte Aggressivität einiger Fahrzeugführer. Die offensichtlichen Fehler, die glücklicherweise keine schlimmen Folgen hatten. Schlagartig wirkte es auf mich vollkommen anachronistisch, wie Menschen diese tonnenschweren, viele Dutzend Pferdestärken auf kleinster Fläche vereinenden Metallkäfige auf Rädern voller Selbstbewusstsein steuern. Was ja, wie man weiß, tagtäglich zu unzähligen Unfällen, Verletzten und Todesopfern führt.

Tesla Model S. (Bild: Tesla Motors)
Das Tesla Model S besitzt bereits Autopilot-Features. (Bild: Tesla Motors)

Es ist so schön, wenn das Auto die Arbeit macht

Der zweite Punkt, der für mich dieses Mal anders war als bei früheren Autoreisen: Ich saß ich in einem Fahrzeug, das man wahrscheinlich als „intelligent” bezeichnen würde. Und dabei verfügte es noch nicht einmal über die Autopilot-Features, die es heute bei Teslas Model S und anderen Oberklasse-Fahrzeugen bereits gibt. Für Besitzer eines zeitgemäßen fahrbaren Untersatzes ab, sagen wir, untere Mittelklasse, sowie für Autoliebhaber klingt meine Verzückung über heutige Quasi-Standardgimmicks wie abstandsabhängige Geschwindigkeitsautomatik beim Tempomat, Leucht-Hinweise bei Fahrzeugen im toten Winkel oder die Bitte des Boardcomputers, eine Pause zu machen, sicherlich so wie für mich der Erfahrungsbericht von jemandem, der im Jahr 2016 zum ersten Mal ein Smartphone nutzt. Aber ja, bei einer Fahrt wurde mir noch nie so sehr unter die Arme gegriffen wie während dieses Trips. Verstärkt hat sich der Effekt zusätzlich durch das gezielt gebuchte Automatikgetriebe. Früher hätte ich mich aus Prinzip dagegen gewehrt. Heute frage ich mich, warum man das ganze Gekupple noch freiwillig über sich ergehen lässt.

Zum ersten Mal seit fast 15 Jahren Führerscheinbesitz saß ich hinter dem Steuer und war froh darüber, wie viel sich zumindest während weitgehend ungestörter Fahrt auf Autobahnen und Landstraßen automatisieren lässt. Ich, der sich sonst immer wie ein kleines Kind vor Weihnachten freute, wenn ich endlich mal wieder hinters Steuer konnte.

Ein radikal anderer Blick

Die kleine Reise machte mir bewusst, wie der Diskurs und die Fortschritte im Bezug auf smarte und (semi-)autonome Fahrzeuge meine Einstellung radikal verändert haben. Selbst zu fahren und zu steuern, macht mir zwar noch immer Spaß. Aber hat man sich einmal gedanklich von der Vorstellung distanziert, dass Fahrspaß das entscheidende Kriterium bei Fragen zur Zukunft der sicheren, nachhaltigen und effizienten Indivdualbeförderung darstellt, so verschwindet zumindest für mich viel von der Magie, die das Steuern eines Kfz bisher hatte. Sonderlich traurig bin ich darüber nicht. Und das wiederum überrascht mich.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Weigerts World“ findet ihr hier. Hier könnt ihr dem Autor auf Twitter folgen.

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3 Antworten
  1. von Markus am 31.03.2016 (17:35 Uhr)

    Wo ich doch ebenfalls seit 15 Jahren einen Führerschein habe und mich immernoch wie irre freue, wenn ich fahren kann, kann den Rückschluss so gar nicht verstehen??!!?!??! Aha..ich sitze sehr na an der Entwicklung von Informationen, die autonom durch unsere Firma rauschen. Gelenkt von meiner (Un-)Fähigkeit. Im Gesamten kommen diese schneller und zuverlässiger von A nach B als zu Zeiten der Papierprozesse, aber ich möchte nicht in dem Auto sitzen, wo ein Prozess aus dem Tritt kommt. Wo ein wohl getestetes Update unter gewissen Umständen doch mal für ein paar Minuten zu einer Verschlimmbesserung mutiert. In Summe hätte ich kein Vertrauen in mich und damit in kein Unternehmen, wo Menschen sitzen. Das gilt aber nur für mich persönlich, denn ich kenne genügend Verkehrsteilnehmer, wo es nur besser werden kann .. sind meist die Anderen :-)

    Ganz im Ernst .. in einer Welt, wo wir kein Gerät problemlos lauffähig halten können, möchte ich nicht mein Leben einem Gerät anvertrauen.

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    • von Martin Weigert am 01.04.2016 (09:00 Uhr)

      Verstehe ich. Aber das machst du ja im Prinzip schon ständig überall. Im Krankenhaus. Im Flugzeug. Immer häufiger in Zügen und U-Bahnen. In immer mehr Fällen übernehmen Maschinen die grobe Arbeit und der Mensch fungiert nur noch als Überwacher der Funktionalität. Und zumeist funktioniert dies ziemlich gut.

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  2. von Konstantin am 31.03.2016 (23:21 Uhr)

    Der Artikel wirkt künstlich auf einen vermeintlich andere Metaebene gehoben. Die des Grauens der Todesmaschienen da draußen. Ist jetzt die Absicht mit der Inhaltlosigkeit zu polarisieren? Im Übrigen hat Tesla die schlechteste Art Autonom zu fahren. Scheinbar doch nicht so intensiv mit Thema auseinander gesetzt. Vielleicht war es auch die Liebe zu Elon Musk die diese Zeilen schrieb.

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