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Marketing

Mit Sex und iPhone: Wie der Burda-Verlag Google News austrickst

    Mit Sex und iPhone: Wie der Burda-Verlag Google News austrickst

Google und die Nachrichtensuche Google News führen den großen Nachrichtenseiten zahlreiche Besucher zu – entsprechend viel Relevanz hat das Thema SEO bei vielen Verlagen. Einige Publisher verschaffen sich ihre Plätze an der Sonne auch mit recht dubiosen Mitteln – ganz vorne dabei sind hier ausgerechnet die Verlage, die sich vehement für ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger einsetzen, stellt Bernd Kling fest.

Focus.de gelingt es auffallend gut, bei Google News sichtbar vertreten zu sein – mit ein paar kleinen Tricks. Es ist zugleich die Publikation eines Verlags, der sich besonders für ein eigenes Leistungsschutzrecht der Presseverleger stark gemacht hat und von der Suchmaschine Google für diese Platzierungen und die angelieferten kurzen Textausschnitte bezahlt werden möchte.

Die Einführung vom iPhone 5 verspricht nicht nur Apple gute Umsätze, sondern auch Online-Publikationen besonders viele Zugriffe und damit verbundene Werbeeinnahmen. Da mischen alle mit, ziehen jede Kleinigkeit hoch, schreiben öfters um und suchen noch einen übersehenen Aufhänger. Muss alles nicht wirklich neu sein, sondern die Algorithmen von Google News dazu bringen, die eigene Überschrift groß herauszustellen und Leser in Tausenderpacks zu schicken.

Besonders erfolgreich gelang das in den letzten Tagen Focus.de mit den News “Quasi-Monopol der Telekom auf iPhone 5 mit LTE – Apple benachteiligt Vodafone und O2″ sowie “Rufnummer-Fauxpax bei der Telekom: Sex- statt iPhone-5-Hotline für Premium-Kunden”. Nach anderen Meldungen ging es zwar nur um eine versehentlich in einer SMS an iPhone-Vorbesteller genannte Dating-Hotline (Die Welt), selbst die Bildzeitung nannte es eine Flirt-Hotline. Aber die Focus-Macher wissen natürlich dank ihrer akribischen SEO-Expertise, dass sich Sex pur viel besser verkauft.

 

Mit diesen beiden Geschichtchen hielt sich Focus tagelang an der Spitze der iPhone-Berichterstattung, wie sie sich bei Google News darstellt. Was andere Publikationen journalistisch leisteten oder auch nicht, sie wurden immer wieder von Focus überrundet. Die beiden genannten Überschriften – zwischendurch minimal variiert – schoben sich ein ganzes Wochenende lang wie von selbst nach oben.

Sex und iPhone täglich neu

Es passierte aber nicht von selbst. Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass die Burda-Publikation ihre beiden News im Wechsel tagelang immer wieder mit neuem Datum und Zeitpunkt bei Google News einlieferte. Wohl wissend, dass Googles Algorithmen bei News die Aktualität besonders stark gewichten und diese zunächst am angegebenen Zeitpunkt der Veröffentlichung festmachen. Die Kombination von vorgetäuschter erneuter Aktualität mit einer durch aufgesexte Überschriften begünstigten Klickfreudigkeit der Nutzer musste daher immer wieder die journalistische Eigenleistung von Focus nach oben spülen. Völlig unabhängig von der Relevanz der Nachricht oder der Qualität des Textes. Ausgetrickst.

Die iPhone-Sex-Nummer datierte ursprünglich vom Freitag, dem 14. September, 17 Uhr 14. So steht es noch immer über dem Focus-Beitrag selbst. Um etwa 21 Uhr schlug sie erneut bei Google News als frische Schlagzeile ein. Samstag gegen 13 Uhr war sie schon wieder als angeblich neue Meldung da – nur war aus dem “Rufnummer-Fauxpas” in der Überschrift eine “Rufnummern-Panne” geworden. Aber selbst wer sich am Sonntag zu Google News verirrte, bekam die von Focus kolportierte Geschichte schon wieder als brandheiße Nachricht des Tages aufgetischt – der Titel zurückgesetzt auf den ursprünglichen “Rufnummer-Fauxpas” und angeblich gegen 1 Uhr morgens veröffentlicht. Schlafen Burdas SEO-Experten nie?

Der zweifelhafte Erfolg von Focus Online

Tricks in der Art von Focus Online – die Fachsprache kennt das Wort Republishing – sind ein offenes Branchengeheimnis. “Wenn man Google-Optimierung soweit treibt, dass man Google letztlich austrickst und in der Folge den Leser veräppelt, dann schadet man nicht nur sich selbst, weil der Leser vermutlich nicht so gerne wiederkommen wird”, kritisierte Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger im Interview mit Meedia.

In einem Blogeintrag macht Plöchinger außerdem auf eine frappierende Diskrepanz in den ermittelten Reichweitenzahlen aufmerksam. Er stellt zwei Tabellen gegenüber, die Monats-Nutzerzahlen sowie die Zahl der Besuche nennen – also nicht wie viele kommen, sondern wie häufig. Focus Online folgt bei der Zahl monatlicher Nutzer (Unique Users) unter den Top 50 der Nachrichten-Websites ziemlich dicht auf Bild.de und Spiegel Online (13,04, 10,77, 9,13 Millionen). Sieht man sich jedoch an, wie häufig die Besucher kommen (redakt. Visits), bricht Focus Online stark ein (mit nur 36.504.159 hinter 181.289.894 und 133.630.690 Besuchen).

“Wie kann es sein, dass eine Seite sehr viele Besucher hat und zugleich relativ wenige Besuche?” fragt sich der Chefredakteur von Süddeutsche.de – und nicht nur er. “Zahlen-Profis können die Gründe benennen, Suchmaschinenoptimierung und Klicktricks sind die häufigsten.”

Burdas Leistungs-Paradoxon

Burda gehört neben der Axel Springer AG zu den treibenden Kräften, die das Leistungsschutzrecht vorantrieben und durch ihren massiven politischen Einfluss seine Verabschiedung im Bundeskabinett erreichten. Dazu etwas im Widerspruch stand Burdas eigener Nachrichtenaggregator Nachrichten.de, ein wenig erfolgreicher Konkurrent zu Google News, der inzwischen abgestoßen wurde. Nicht gelöst ist damit der ganz große Widerspruch: Der Medienkonzern aus Baden will sich dank Leistungsschutzrecht von Google für seine kurzen “Snippets” bezahlen lassen – unternimmt aber gleichzeitig alles, um bei Google News mit diesen angeblich schutzbedürftigen Anlocktexten vertreten zu sein.

/Bernd Kling – ursprünglich publiziert auf xoomix.de

Anmerkung der Redaktion

t3n lehnt den Gesetzesentwurf zum Leistungsschutzrecht ab. Eine „Google-Steuer" würde überkommene Geschäftsmodelle subventionieren, überfällige Innovationen und Umstrukturierungen in Presseverlagen würden damit nur aufgeschoben. Vielmehr sollten Suchmaschinen und Aggregatoren als Chancen begriffen werden – wir (wie viele andere Verlage) bekommen einen großen Teil unserer Besucher von Google vermittelt.

Weiterhin plädieren wir für eine differenzierte Betrachtung der derzeit emotional sehr aufgeheizten Debatte gegen die „Verlegerlobby". Wir sind bei weitem nicht der einzige Presseverlag, der sich in der IGEL-Initiative oder anderswo gegen das Leistungsschutzrecht ausspricht. Auch gibt es in Verlagen, deren Geschäftsführung das Gesetzesvorhaben unterstützt, viele kritische Stimmen, gerade in den Redaktionen.

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3 Reaktionen
:=)
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Und auch erstmal SEX in die Überschrift :)

Antworten
mstemmle
mstemmle

Ich sehe im SEO-Gebaren von Focus Online (burda) und der LSR-Forderung keinen Widerspruch.

Vielmehr können die jetzt in den Verhandlungen mit google anführen: "Guckt mal unsere journalistische Leistung war für euch von so hoher Relevanz, dass ihr sie zu erst gelistet habt. Ihr müsst uns also auch mehr zahlen."

;)

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Jürgen
Jürgen

Einige Verlage sind ja an Dreistigkeit wirklich nicht mehr zu überbieten, unglaublich! Was das Leistungsschutzrecht angeht, so habe ich beschlossen alle Zeitungs-/Zeitschriftenabos der Verlage, die dieses Gesetz in der Vergangenheit unterstützt haben, zu kündigen, sobald das Gesetz in Kraft tritt. Die brauchen ja dann künftig keine Abonnenten mehr, wenn sie von Google subventioniert werden. ;-) Es wird dann auch als Begründung in der Kündigung drin stehen. Ich glaube zwar nicht, dass es irgendwas bewirkt, aber man kann ja nicht tatenlos alles hinnehmen.

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