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Startups

Sex-Tech: Wenn Gründer das heißeste aller Startup-Pflaster erobern

    Sex-Tech: Wenn Gründer das heißeste aller Startup-Pflaster erobern

Sex-Tech: Ein lukratives Gründungspflaster. (Foto: Vibraa)

Mit dem wachsenden Trend Sex-Tech verbinden Gründer die Bereiche Internet, Elektronik und Erotik in vielerlei Hinsicht. Oft kommen die Ideen skurril daher, in jedem Fall aber tragen sie dazu bei, das milliardenschwere Geschäft mit einem unserer wichtigsten Grundbedürfnisse aus der Schmuddelecke zu holen. Ein Feature von Daniel Hüfner.

Andreas Stockburger hat in den letzten Monaten mehrere sechsstellige Angebote von Investoren abgelehnt. Das Startup des 28-jährigen Schweizers, der auf Frauen in High-Heels nach eigener Beschreibung ebenso steht wie auf Rock’n’Roll, Liegestütze und Innovation, läuft einfach zu gut. Schon seit dem zweiten Monat nach Gründung wächst er mit positivem Cashflow. Dabei ist es immer noch ein Nebenprojekt.

Zwar könne man mit Investorengeldern daraus viel mehr machen, doch er schätze die unternehmerische Freiheit, die er sich dadurch bewahrt. Und die passt ohnehin gut zu dem, was er macht: Gemeinsam mit seinen Kompagnon Marc Schlegel hat Stockburger vor zwei Jahren „Vibraa“ gegründet, einen Online-Shop für anspruchsvolle Sex-Toys – ohne Schmuddelfaktor.

Einer dieser bunten und wenig maskulinen Vibratoren aus dem Vibraa-Store. (Foto: Vibraa)
Einer dieser bunten und wenig maskulinen Vibratoren aus dem Vibraa-Store. (Foto: Vibraa)

„Wir glauben, dass jeder seine Leidenschaften frei ausleben muss, um glücklich zu sein – unabhängig davon, in welchen Bereichen man Leidenschaft empfindet. Leidenschaft bringt Menschen zusammen, lässt uns erleben, dass wir leben“, erklärt Stockburger seine Vision. Entsprechend führt Vibraa über 250 Produkte rund um das Thema Sex im Sortiment: Gleit- und Stimulationsgele, Massageöle, Kondome und bunte Vibratoren. Flankiert wird das Angebot mit Authentizität, Qualität und Information als kommunizierten Werten.

Mit Vibraa haben Andreas Stockburger (rechts) und Marc Schlegel (links) einen Sex-Shop mit Niveau gegründet. Sie bedienen damit den Trend im Bereich Sex-Tech. (Foto: Vibraa)
Mit Vibraa haben Andreas Stockburger (rechts) und Marc Schlegel (links) einen Sex-Shop mit Niveau gegründet. Sie bedienen damit den Trend im Bereich Sex-Tech. (Foto: Vibraa)

Entstanden ist die Idee aus einer Bierlaune heraus an Silvester 2012. „Sex-Toys waren das brisanteste Thema des Abends“, sagt Stockburger, „doch wirklich Ahnung hatten wir davon nicht“. Gepackt von der Neugierde und Faszination ergoogelten beide den Markt für Liebesspielzeug – und wurden schnell enttäuscht: Die Suchergebnisse seien befremdlich, irgendwie abstoßend gewesen. Von der maskulinen und offensiven Präsentation der Produkte habe man sich selbst als Mann nicht angesprochen gefühlt. „Wir haben weniger Orion und Beate Uhse, sondern mehr Nespresso und Apple erwartet.“ Die Idee für Vibraa, einen Shop, der niveauvolles Sex-Spielzeug mit Transparenz und Design verbinden soll, war geboren.

Von coolen Porno-Netzwerken, smarten Dildos und Lieferhelden für Prostitution

„Sex-Tech vereint Internet, Elektronik und Erotik.“

So wie Vibraa aus der Schweiz entdecken seit einigen Jahren immer mehr Startups den Bereich Sex-Tech als lukratives Gründungspflaster. Mit dem Trend verbinden Gründer die Bereiche Internet, mobile Endgeräte und Erotik in vielerlei Hinsicht. MakeLoveNotPorn aus den USA zum Beispiel versteht sich als Soziales Netzwerk, über das Menschen sich über Sex austauschen können. Das klingt zunächst unspektakulär, soll nach dem Willen von Gründerin Cindy Gallop jedoch mit gängigen Klischees aus der Porno-Industrie aufräumen. Die Plattform informiert ihre Nutzer unter anderem darüber, dass eben nicht per se jede Frau im Schambereich rasiert sei und sich gerne von ihrem Partner ins Gesicht ejakulieren lasse. Mit dem an das Netzwerk angeschlossenen Kernfeature MakeLoveNotPorn.tv hat Gallop ihren Nutzern zugleich die Möglichkeit geschaffen, ihre privaten Sex-Videos zu teilen und so ein authentischeres Bild zu erzeugen.

Raus aus der Schmuddelecke will auch das Berliner Startup Peppr. Mit dem Anspruch, das „Lieferheld für die Prostitution“ werden zu wollen, vermittelt es Escort-Dienste per App. Dank GPS und individueller Filter können Nutzer schnell und einfach ihren gewünschten Sexarbeiter finden – weiblich wie männlich, frei nach Vorlieben. Peppr selbst verdient an einer Provision. Weitere Beispiele für Gründungen im Bereich Sex-Tech finden sich mit Amorelie, das ähnlich wie Vibraa einen viel beachteten Shop für Sex-Spielzeuge auf der Höhe der Zeit betreibt.

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Hardware-Boom beflügelt neuen Gründergeist

Sex-Tech in smart: Vibease ist ein Mini-Vibrator, der sich mit dem Smartphone koppelt und ferngesteuert werden kann. (Foto: Vibease)
Sex-Tech in smart: Vibease ist ein Mini-Vibrator, der sich mit dem Smartphone koppelt. (Foto: Vibease)

Der Boom rund um das Thema Sex-Tech hat über Shops und Online-Portale hinaus aber auch noch einen anderen Hintergrund: billige und einfach für Jedermann zu produzierende Hardware. So fördern nicht nur experimentielle Mini-Computer wie Raspberry Pi oder Arduino den Tüftler-Geist. Dank dem langsam massentauglich werdenden 3D-Druck können Gründer auch immer günstiger mit einem echten Prototypen in den Markt einsteigen. Durch spezialisierte Netzwerke haben sie zudem leichteren Zugang zu fernöstlichen, günstigen Manufakturen. Und: Crowdfunding hat sich als alternative Finanzierungsquelle ebenso durchgesetzt wie die Symbiose von Hardware und mobilen Endgeräten im Sinne des Internet of Things.

Dass der Ideenreichtum dabei nicht einzig und allein bei smarten Lichtschaltern oder Thermostaten endet, zeigt das Beispiel Vibease. Vibease ist ein intelligenter Vibrator für Paare in Fernbeziehungen. Unter den Prämissen „tragbar“, „diskret“ und „100 Prozent freie Hand“ kann das pinkfarbene Gadget unauffällig getragen werden – gesteuert und an die persönlichen Vorlieben angepasst wird es per Smartphone-App. Laut Vibease-Erfinder Dema Tio, hätten viele Leute am Anfang über die Idee gelacht, die aus seinem Bedürfnis nach mehr Intimität zu seiner am anderen Ende der Welt lebenden Frau entstanden ist. Doch der Erfolg gibt ihm Recht: Über Indiegogo sammelte Tio letztlich 130.000 US-Dollar für die Fertigung von Vibease ein – noch im September soll das Sex-Spielzeug für die Generation Touch auf den Markt kommen.

Sex-Tech: Probleme nicht nur bei der Finanzierung

Kein Wunder also, dass die – sich aus diesen Entwicklungen für Gründer und Startups ergebenden – Chancen entsprechend groß sind. Zwar mögen Ideen, wie sie Peppr, MakeLoveNotPorn oder auch Vibease umsetzen, zunächst skurril und mitunter auch moralisch fragwürdig erscheinen. An unternehmerischer Potenz aber fehlt es ihnen kaum. Ganz im Gegenteil: Immer klare Zielgruppen, garantierte mediale Aufmerksamkeit und das milliardenschwere Geschäft mit einem der wichtigsten Grundbedürfnisse versprechen hohe Gewinne. Sex sells.

Gründungspflaster Sex-Tech: „It's all about fear of what other people think.“

Das macht es leicht, auch Investoren zu überzeugen. Oder doch nicht? Glaubt man zumindest den Erfahrungen, wie sie sie Cindy Gallop mit ihrer Plattform MakeLoveNotPorn gemacht hat, ist die Realität oft eine andere. Die Probleme im Bereich Sex-Tech kommen ihr zufolge spätestens mit der Finanzierung. So habe ein junger VC-Investor die Verhandlungen mit Gallop schnell abgebrochen, und das, obwohl er sich sogar erst für ihre Idee habe begeistern können. Am Ende sei das Investment jedoch einfach an der Angst gescheitert, die VC-Firma könnte durch eine entsprechende Beteiligung an dem Netzwerk ihren Ruf beschmutzen. „It’s all about fear of what other people think“, bringt es Gallop auf den Punkt.

MakeLoveNotPorn-Gründerin Cindy Gallop kämpft für ein authentischeres Image in der Porno-Welt. Mit ihrem Sozialen Netzwerk verkörpert sie den Bereich Sex-Tech wie keine andere. (Foto: DublinWebSummit)
MakeLoveNotPorn-Gründerin Cindy Gallop kämpft für ein ehrlicheres Image in der Porno-Welt. Mit ihrem Sozialen Netzwerk verkörpert sie den Bereich Sex-Tech wie keine andere. (Foto: DublinWebSummit)

Außerdem stehen Gründern oft auch Geschäftsbedingungen im Weg, die pornographische Inhalte beziehungsweise solche zur „Erwachsenenunterhaltung“ ausschließen. Ein Geschäftskonto bei der Bank? Eine E-Mail-Adresse? Eine Crowdfunding-Kampagne? Hindernisse gibt es reichlich. Mit der Idee, seine smarten Vibratoren über das populärere Kickstarter zu finanzieren, sei Dema Tio von Vibease beispielsweise wegen solcher Restriktionen abgeblitzt. Er musste daraufhin über Indiegogo einen ähnlichen Umweg einschlagen wie das Berliner Startup Peppr, das sein Konzept zur Vermittlung von Escort-Diensten sicher gerne auch als native App auf das iPhone seiner Kunden gebracht hätte. Da Apple bekanntlich aber die meisten Anwendungen mit erotischen Inhalten aus seinem Ökosystem aussperrt, blieb Peppr nur der Kompromiss mit einer responsiven, mobilen Webseite.

„Wer schnell und kreativ ist, kann viel gewinnen“

Auch Andreas Stockburger musste feststellen, dass es oft kreative Mittel braucht, um die Hindernisse als Gründer im Bereich Sex-Tech zu überwinden. Das Thema Social Media habe für Vibraa zum Beispiel gar nicht funktioniert. „Wem gefällt schon ein Vibrator auf seinem Facebook-Newsfeed?“, sagt er. Mit einer viralen Guerilla-Aktion bei der letzten Bundestagswahl, bei der man die Wahlversprechen aus Plakaten auf sein Geschäftsmodell ummünzte, konnte Vibraa laut Stockburger dennoch für einen Konter und mehr Sichtbarkeit im Netz sorgen.

Und so überwiegen für den 28-Jährigen denn auch die unternehmerischen Chancen, die sich für Gründer im Bereich Sex-Tech ergeben. Nicht nur, weil Sex im Unterschied zu Autoreifen oder Rasierklingen praktisch jeden etwas angeht. Vor allem, so sagt er, weil neue Technologien oft nicht bis in diesen Markt vordringen oder von den etablierten Branchendinos nur schleppend adaptiert werden. Entsprechend lukrativ sind Neugründungen. „Wer schnell und kreativ ist sowie nutzerzentriertes Design mit innovativer Technologie agil kombiniert, kann viel gewinnen“, so Stockburger. Sex-Tech, ein bunter Spielplatz mit vielen Möglichkeiten für kreative Jungunternehmer.

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7 Reaktionen
NicoTin
NicoTin

Is ja nun auch kein Geheimnis mehr das sich mit Seiten wie http://partner-vibrator24.de oder anderen Seiten dieser Branche gut Geld verdienen lässt ;)

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Tina1234
Tina1234

Sehr interessantes Startup. Gerade das mit den "Vibratoren" scheinen sehr interessant zu sein.
http://www.partnervibrator-test.de/

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dannywoot
dannywoot

Respekt, Daniel! In der Branche passiert so viel Spannendes, da wurde es mal Zeit für so einen Artikel. Ich bin mit zwei Kollegen auch dabei, mit http://www.radiostim.com ein Adult-Projekt ohne das übliche Schmuddel-Image zu etablieren. Wir setzen dabei rein auf erotische Sounds und wer unsere Website besucht, wird schnell feststellen, dass wir visuell einen ganz anderen Weg einschlagen als das, was man sonst so kennt.

Ich erinnere mich noch, als wir 2012 bei deutsche-startups.de auf dem Radar waren, da wurde Radiostim auch mit den Worten gefeatured "Es klingt wie ein Aprilscherz". Dass man Erotik mit Anspruch machen und damit langsam in den Mainstream vordringen kann, ist noch nicht in so vielen Köpfen angekommen.

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cephei
cephei

@ghfifkvfubrv wo ist den das problem? Jeder gesunde Mensch hat mit diesem "Milljö" zu tun. Wirst du schon verstehn wenn du alt genug bist...

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ghfifkvfubrv
ghfifkvfubrv

Wie soll man es denn seinen Freunden erklären das man in so einem Milljö arbeiten tut?

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Christina
Christina

Sehr geiler Artikel, und nicht zu vergessen:

http://mein-vibrator.de

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Lutz Finsterwalder

Mein Kompliment an den Autor. Im Artikel wird genau beschrieben, auf was es bei wirklich innovativen Gründungen ankommt: Barrieren zu umgehen, Branchen neu zu erfinden, Mumm, Sex und ein Schuss Humor. Das Geld wird dadurch auch einen Weg zu den Gründern finden.

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