Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Marketing

Shitstorms gelassen überstehen – Tipps bei verbalem Starkregen

    Shitstorms gelassen überstehen - Tipps bei verbalem Starkregen
#FLICKR#

Ein Shitstorm ist ein sich über einer Marke in einem oder mehreren sozialen Netzwerken zusammenbrauendes und mit rethorischem Starkregen entladendes Verbalunwetter. Dass die erste Silbe des Wortes einen fäkalen Zusammenhang erahnen lässt, ist dabei mehr als richtig. Was tun, wenn es soweit ist?

Shit(storm) happens: Frau PR-Doktor Hoffmann rät zu Gelassenheit

Mag sein, dass ich mich irre. Aber nach meinem Empfinden hat die Frequenz der Verbalunwetter in sozialen Netzwerken deutlich zugenommen. Das mag zum einen ganz simpel an der steigenden Zahl der Nutzer liegen. Zum anderen würde ich allerdings auch die zunehmende Verrohung im Umgang der Nutzer digitaler Medien miteinander als begründungstauglich erachten.

Kerstin Hoffmann interessiert sich in ihrem nützlichen Blogbeitrag nicht für diese Frage, sondern erläutert, was Betroffene im Vorfeld, mittendrin und im Nachgang eines Shitstorms machen sollten. Hoffmann sortiert Shitstorms nach ihrem Anlass einer von drei Kategorien zu. Danach gibt es:

  • durch eigene Aktivitäten im Social Web ausgelöste Shitstorms
  • durch eigenes, von anderen als Missstand empfundenes Tun oder Unterlassen begründete Shitstorms
  • durch eigene Reaktionen auf Vorwürfe anderer, etwa im Rahmen von Krisenkommunikation initiierte Shitstorms.

Wie man es also dreht oder wendet: Man ist immer selber schuld. Selbst wenn man, wie die Hühnchenverarbeiter von Wiesenhof, gar nicht im Social Web aktiv sei, könne einen der Shitstorm treffen, so Hoffmann. Schützen könne man sich eigentlich nur mit einer Herangehensweise, die ich unter dem Oberbegriff „absolute Ehrlichkeit“ zusammenfassen würde.

Shitstorm: Ähnlich einem Unwetter, aber mit anderer Optik (Foto: Not So Nice Duck / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Zur Verhinderung eines Shitstorms sei es danach nützlich, wenn man gar nicht erst Leichen in seinen Keller legt. Was nicht verborgen wird, kann nicht aufgedeckt werden. Zudem rät Hoffmann zu einer werteorientierten Unternehmenspolitik und einer entsprechenden Kommunikation. So sollte nicht etwas anderes kommuniziert werden, als tatsächlich getan wird. Ein konsequentes Monitoring des eigenen Standing im Social Web sei ebenfalls sinnvoll.

Beachte man diese Tipps, werde man sich eine stabile Basis an Unterstützern aufbauen können und so weniger anfällig gegen einen Shitstorm sein, respektive diesen weit besser verkraften als Marken mit weniger Unterstützern. Für den Fall, dass es dennoch zu einem Verbalunwetter kommt, rät Hoffmann zu einem entspannten, dabei aber entschlossenen, unverzüglichen Vorgehen, das wiederum im Einklang mit der sonstigen PR stehen sollte. So könne es sinnvoller sein, auch mal zu schweigen, anstatt sich um Kopf und Kragen zu reden.

Hoffmanns Tipps sollten sich Markenvertreter ausdrucken und einrahmen, wenn sie auch im Großen und Ganzen nur die Regeln der Anwendung des gesunden Menschenverstandes reflektieren.

Shitstorm is the new black: Was soll das überhaupt?

Perspektivisch betrachtet ist eine weitere Zunahme massiver Angriffe auf Marken vorwiegend in sozialen Netzwerken zu erwarten. Shitstorms scheinen mehr und mehr als eine Art Machtwerkzeug gegenüber Marken und Unternehmen verstanden zu werden. Und je mehr Leute auf etwas draufschlagen, desto mehr Schläger finden sich. So betrachtet, hat ein Shitstorm etwas archaisches.

Waren es in den letzten Jahren vorwiegend die Blogger, die versuchten, über die Reichweite ihrer Leserschaften Einfluss auszuüben, sind es heute, nicht zuletzt wegen des empfundenen Rückgangs der Bloglandschaft, alle Nutzer sozialer Netzwerke.

Deren Bedingungen verbessern sich ständig. Musste man als Blogger noch einen gewissen Aufwand betreiben, um seinen vermeintlichen Einfluss geltend zu machen, bedarf es als Nutzer eines sozialen Netzwerks nur einer kurzen Registrierung und schon kann das fröhliche Fluchen losgehen. Dabei sind die Betreiber sozialer Netzwerke bemüht, den Vorgang der - sagen wir es neutral - Inhaltsbereitstellung noch weiter zu vereinfachen. Auch wenn es in diesem Zusammenhang sicherlich nicht als beabsichtigt gelten kann, steigern sie so das Risiko unreflektierter, quasi reflexhafter, instinktgesteuerter Meinungsäußerung noch weiter.

Spiegel-Redakteur Frank Patalong befasste sich vor gut zwei Wochen unter dem Titel „Beherrsche Dich, Nutzer!“ mit dem Thema Kommunikationskultur im Internet und brachte etliche besonders plakative Beispiele aus dem Spiegel-Online-Kommentaralltag. Kurze Zeit zuvor trug die Klarnamendebatte im Zusammenhang mit Googles neuem sozialen Netzwerk fast militante Züge. Und noch ein bisschen früher schrieb Kathrin Passig einen schönen Beitrag, den sie „Sümpfe und Salons“ nannte. Leider ist der Artikel online nicht mehr abrufbar. Ich selbst rief 2007 unter dem Titel „Eine Meinung ist ein hohes Gut“ dazu auf, sich Meinungen fundiert zu bilden und sie ebenso fundiert zu artikulieren, jedenfalls so, dass es Raum für einen Konsens gibt.

Offenbar lebt der digitale Mensch mit großer Freude und in großer Zahl eine doppelte Identität aus. Ist er im echten Leben entspannt im Umgang mit anderen, kann er in der Virtualität radikal wie ein Taliban auftreten. Ich kenne einige solcher Menschen persönlich.

Shitstorm: Schlägerei in Hemd und Kragen (Foto: HamburgerJung / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Dabei spielt das alte kriminologische Prinzip von der Entfernung zwischen Tat und Täter sicher eine bedeutende Rolle. Bekanntlich begehen Menschen umso leichter umso schwerere Verbrechen, je weiter sie von ihren potenziellen Opfern entfernt sind und je mittelbarer die Auswirkungen der Tat erlebt werden. Will heißen, man rammt jemandem Auge in Auge schwerer ein Messer in die Brust, als dass man einen schweren Stein über eine hohe Mauer wirft und so jemanden erschlägt. Auch Holzklötze von Autobahnbrücken werfen wird in diesem Zusammenhang gern als Beispiel genommen.

Im Web 2.x ist solches Verhalten unproblematisch möglich. Unter Pseudonym aufzutreten ist mehr als üblich und wo man nicht identifiziert werden kann, hindert einen anscheinend nicht mal mehr das eigene Gewissen daran, verbal die Darmtuba zu spielen. Von schwereren Fällen, wie dem zunehmenden, gezielten Cybermobbing will ich gar nicht erst anfangen.

Zum anderen darf man nicht vergessen, dass die Gruppe der Diskutierenden im Web 2.x in keiner Hinsicht homogen ist. Hier treffen Menschen aufeinander, die im wahren Leben zwar möglicherweise aufeinander treffen, aber ohne Umschweife aneinander vorbeigehen würden. Da hätten sonstige nonverbale Faktoren der Vermeidung sozialer Konflikte gegriffen. Korrektive, die wir im Web nicht haben.

Könnte ich erkennen, dass der Kommentator A ein pickeliger 17-Jähriger ist, würde ich sicherlich keinen Aufwand in eine Diskussion mit diesem Burschen stecken. Es sei denn, es ginge um das jüngste Album von Linkin Park. Wüsste ich, dass Kommentator B vor dem Rechner sitzend eine Trachtenjacke und einen Tirolerhut trägt, könnte ich mir eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der CSU-Politik in Bayern gleich sparen. Hätte ich gesehen, dass Kommentator C ein Pentagramm auf der Stirn trägt und auch ansonsten eher durchgehend schwarz gefärbt erscheint, ließe ich die Diskussion über christliche Werte sicher sein.

Was aber helfen uns diese Erkenntnisse nun im Umgang mit Shitstorms? Im Grunde nichts, könnte man sagen. Nach meiner Meinung können sie uns jedoch sehr wohl helfen. Es wird damit viel einfacher, den zentralen Tipp Kerstin Hoffmanns zu verinnerlichen und umzusetzen, nämlich den, einen Shitstorm so gelassen und entspannt wie möglich zu durchleben.

Finde einen Job, den du liebst zum Thema Social Media, Online Marketing

1 Reaktionen
Domingos

Ich denke, das Problem ist oft mit dem Klicktivismus verwandt. Die Leuten halten das für politisches Engagement, wenn sie über einen wohlbekannten Skandal stolpern. Dass die Tiermast jenseits von Gut und Böse ist, sollte jeder Mensch wissen, das ist nun wirklich kein Geheimnis. Die Beschimpfung tritt an die Stelle einer wirklichen Aktivität, vielleicht meidet man noch einen Monat lang Putenfleisch oder eine bestimmte Marke, um dann munter weitzumachen wie vorher, obwohl sich faktisch nichts getan hat.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n-Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Abbrechen