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Gentrifizierung durch Silicon-Valley-Firmen: Worüber auf der TechCrunch Disrupt nicht gesprochen wurde

Gentrifizierung durch Silicon-Valley-Firmen: Worüber auf der TechCrunch Disrupt nicht gesprochen wurde

Die TechCrunch Disrupt hat sich und das Silicon Valley wie jedes Jahr selbst beweihräuchert. Draußen vor der Veranstaltungshalle war der Ton allerdings etwas rauer. Aktivisten nutzten das , um auf die ausufernde Mietsituation in San Francisco aufmerksam zu machen. Ein Bericht von unserem Korrespondenten Andreas Weck.

Gentrifizierung durch Silicon-Valley-Firmen: Worüber auf der TechCrunch Disrupt nicht gesprochen wurde

Protest gegen Gentrifizierung auf der TechCrunch Disrupt. (Foto: Andreas Weck)

Als sich am Pier 48 in San Francisco die Tore der jährlich stattfindende TechCrunch Disrupt langsam schlossen, haben die vielen Gründer, Investoren und Medienvertreter aus der IT-Szene sicher nicht mit einem Abschied vor den Hallen gerechnet, der sich ihnen gegenüber kritisch verhält. Vor der Veranstaltungshalle, in der sich die Besucher mit wirtschaftsrelevanten Themen der Internetbranche beschäftigen, versammelte sich am letzten Tag eine kleine Gruppe von Aktivisten, die bei aller Geschäftstüchtigkeit der Teilnehmer lieber über ein ganz anderes Thema sprechen wollte – nämlich der seit einigen Jahren Einzug haltenden Gentrifizierung in der Stadt.

Aktivisten machen auf die schwierige Mietsituation in San Francisco aufmerksam

TechCrunch Disrupt in San Francisco: Aktivisten wollen Silicon-Valley-Firmen auf die schwierige Mietsituation in der Stadt aufmerksam machen. (Foto: Andreas Weck)
TechCrunch Disrupt in San Francisco: Aktivisten wollen Silicon-Valley-Firmen auf die schwierige Mietsituation in der Stadt aufmerksam machen. (Foto: Andreas Weck)

Der Vorwurf der Aktivisten gegenüber den sonst liberalen und freundlich auftretenden IT-Köpfen wog an diesem sagenhaft heißen Sommerabend schwer: „Die Stadt verändert ihr Gesicht und wird ein Becken für neureiche Firmengründer“, ruft beispielsweise ein Teilnehmer den herauskommenden Besuchern zu. Ein anderer meint, „dass die Gewinner der Branche die Menschen vertreiben, die nicht mehr mit den horrenden Gehältern und den horrenden Mieten mithalten können.“ Vor allem die Innenstadt von San Francisco wird zum Mekka für Gutsituierte – so der Tenor der anwesenden Demonstranten.

Darunter war auch Erin McElroy, die den Protest organisierte und zusammen mit ein paar anderen Einwohnern das Anti-Eviction-Mapping-Project ins Leben gerufen hat. Dahinter verbirgt sich eine Plattform, die anhand von Datenvisualisierungen die stattfindenden Mietsteigerungen und die damit zusammenhängende Gentrifizierung sichtbar machen will. Zudem finden Interessierte auch eine Liste von Hauseigentümern, die in den letzten Jahren besonders dreist die anwesenden Mieter rausekelten und Preise anschließend nach oben getrieben haben. „The Dirty Dozen“ nennen sie diese Personen, was übersetzt das „Dreckige Dutzend“ bedeutet.

Die rothaarige junge Frau vertritt dieser Tage auch auf der Straße eine klare Haltung gegenüber den Protagonisten der IT-Branche und meint: „Die Tech-Unternehmen und die sogenannte Sharing Economy stehen im direkten Zusammenhang mit der immer weiter fortschreitenden Verdrängung alteingesessener und weniger zahlungskräftiger Menschen in San Francisco.“ Ihrer Meinung nach wird bei den vielen Gesprächen, die die Vertreter der IT-Branche mit den lokalen Politikern führen, die Belange anderen Einwohner völlig ignoriert und vergessen. „Wir sind heute hier um den Teilnehmer der TechCrunch Disrupt zu zeigen, dass ihre Revolution auch Schattenseiten hat“, entgegnet sie uns im Gespräch. „Und wir wollen denjenigen eine Stimme geben, die keinen Zugang zu einem notwendigen Dialog finden“, heißt es weiter.

Mission, SoMa und vielleicht bald der Dogpatch? Die Rückzugsorte für Normalverdiener werden weniger

TAX THE RICH-Mural in der Sycamore Street im Mission-District. (Foto: Andreas Weck)
TAX THE RICH-Mural in der Sycamore Street im Mission-District. (Foto: Andreas Weck)

Tatsächlich ist San Francisco längst zu einem Ort für Besserverdienende geworden. 1.300 US-Dollar für ein acht bis zwölf Quadratmeter großes Zimmer im zentralgelegenen Mission District ist keine Ausnahme mehr. Das Viertel, das in den letzten Jahrzehnten vor allem von mexikanischen Einwanderern geprägt wurde, gilt derzeit als die hippe Nachbarschaft der IT-Szene. Die unmittelbare Nähe zum SoMa-District in dem unzählige Startups ihr Zuhause gefunden haben und die trendigen Bars und Restaurants in der Valencia-Street ziehen die Tech-Arbeiter förmlich an. Spaß und Arbeit ist hier binnen weniger Minuten zu Fuß zu erreichen. Wer träumt nicht von so einem Zuhause?

Dabei war der Mission-District vor gut zehn Jahren noch eine Ecke, die vor allem auch für ihre Gang-Kriminalität bekannt war. Die schlechte Situation hat Besserverdienende ferngehalten, die niedrigen Mieten jedoch auch jede Menge Künstler in das Viertel getrieben. Beispielsweise hat an der Ecke Bryant Street und 23th Street noch bis vor zwei Jahren das Kulturzentrum von Million Fishes' sein Zuhause gehabt. Das Eckgebäude war zugleich Heimat vieler Kunstschaffenden und ein öffentlicher Veranstaltungsort für die Bewohner in der Umgebung.

Nach und nach haben sich auch andere Mieter für die Nachbarschaft interessiert. Als der Vermieter das Potential der Immobilie erkannt hat und die Miete des circa 930 Quadratmeter großen Areals auf 13.000 US-Dollar im Monat festlegte, musste Million Fishes' den Platz räumen. Eingezogen ist ein Startup namens Bloodhound, das nach zwei Jahren ebenfalls auszog und allem Anschein nach einen gehörigen Teil seines Investments von circa drei Millionen US-Dollar in den Büroräumen versenkte.

Der Mission-District ist jedoch kein Einzelfall in der kalifornischen Stadt. Den nächsten großen Zulauf könnte das Gebiet rundum den Dogpatch erwarten. Auch hier redet so manch ein IT-Arbeiter schon von einer super Nachbarschaft und meint, dass das Fleckchen sich macht. Anders als im Mission-District wohnen hier allerdings weitaus weniger Menschen. Der streifenförmige Landstrich am westlichen Ufer der San Francisco Bay ist als Teil des Hafengebietes eher für alte Fabrikhallen und Werftanlagen bekannt.

Aktivisten fordern Steuern auf Mieterhöhung und gehen aggressiver gegen die Silicon-Valley-Firmen vor

Aktivisten fordern Steuern auf Mieterhöhung in San Francisco. (Foto: Andreas Weck)
Aktivisten fordern Steuern auf Mieterhöhung in San Francisco. (Foto: Andreas Weck)

Die Stadtvertreter von San Francisco müssen in jedem Fall aufpassen, wie viel sie ihren Einwohnern zumuten. Der Ton wird andernorts durchaus aggressiver, wie man bereits Anfang des Jahres gesehen hat, als Aktivisten und vertriebene Einwohner ihren Frust an den Google-Bussen ausließen. Google ermöglicht seinen Mitarbeitern bereits seit längerer Zeit einen Shuttle-Service von San Francisco in das südlich gelegene Hauptquartier im . Auch durch solche Aktionen vertreten viele die Meinung, dass die Internetfirmen und ihre Mitarbeiter eine Parallelgesellschaft aufbauen, die mit den restlichen Bevölkerungsgruppen nichts mehr zu tun hat.

Übelnehmen kann man es dem Unternehmen jedoch nicht, dass es seinen Talenten viel Geld bezahlt und ihnen das Leben im Rahmen seiner zugegeben immensen Möglichkeiten erleichtert – ein wenig mehr Taktgefühl wäre jedoch ratsam. Der Stadt kann man durchaus übelnehmen, dass sie keine verträglichen Mietbremsen aufsetzt oder Steuern auf Mieterhöhungen erhebt. Für Erin McElroy steht jedenfalls fest, dass die Situation geregelt werden muss: „Es liegt in der Verantwortung von uns allen – den IT-Firmen, der Stadtverwaltung und den Einwohnern – dass wir dieses Problem lösen“.

t3n im Silicon Valley

Andreas WeckAndreas Weck hat 2014 für t3n aus San Francisco und dem Silicon Valley über neue Trends, spannende Tools und interessante Orte des Tech-Epizentrums berichtet. Sein Eindruck: Im Valley gibt es viele schlaue Köpfe und genauso viele bekloppte Geschäftsideen. / Twitter, Facebook.

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Eine Antwort
  1. von @buzzeins am 11.09.2014 (11:18 Uhr)

    nicht alles Gold, was glänzt...

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