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Digitale Gesellschaft

Silicon Valleys größter Mythos – und warum er nur ein Ammenmärchen ist

    Silicon Valleys größter Mythos – und warum er nur ein Ammenmärchen ist

Silicon Valley: Es zählt nicht wer du bist, sondern was du kannst. (Bild: iStock.com)

Die Silicon-Valley-Szene behauptet gerne von sich, dass die IT-Branche besonders offen gegenüber anderen Kulturen ist und ein beispielloses System der Chancengleichheit bietet. Ein Mythos, der lange widerlegt ist, meint unser US-Korrespondent Andreas Weck und liefert Argumente.

Die Gegend rundum San Francisco und dem Silicon Valley ist der Geburtsort vieler Mythen und Legenden. Ein bekanntes Beispiel dürfte das Credo des Technologie-Primus Google sein. Der Slogan „Don’t be evil“ gilt als moralischer Kompass, der von Anfang an die Unternehmenskultur bestimmt und die Nutzer vor missbräuchlichen Entscheidungen schützen sowie das Vertrauen in die eigenen Produkte stärken soll. Gern werden die drei Worte fast schon gebetsmühlenartig für die gesamte Branche angeführt. Die IT-Unternehmen wollen nicht mehr und nicht weniger als die Welt zu einem besseren Ort machen, heißt es oft. Das klingt zwar ehrenhaft, jedoch dürfte „Don’t be evil“ für viele Beobachter allerspätestens seit Bekanntwerden der „Prism Leaks“ ein eher zweifelhafter Codex sein.

Auch um die Karriere-Chancen ranken sich viele Geschichten von denen das Silicon Valley lebt. Dass Idole wie Steve Jobs beispielsweise ohne Universitätsabschluss und lediglich mit einer Vision sowie einem gewaltigem Tatendrang die Weichen für die digitale Moderne gestellt haben, wird oft als bezeichnendes Attribut für die gesamte Branche angesehen. Jeder kann mitmachen. Die Legende von der Meritokratie – die besagt, dass nicht zählt wer du bist, sondern was du kannst – hält sich hartnäckig im Technologie-Mekka. Alter, Geschlecht, Bildung, Religion, Sexuelle Orientierung oder Herkunft spielen keine Rolle an der Westküste. Allein deine Idee und die Leistungsbereitschaft entscheiden über Erfolg und Misserfolg. Ein ur-amerikanischer Gedanke, der jedoch ebenso wenig in der Realität angekommen ist, wie das uneingeschränkte Vertrauen in die Produkte der Tech-Unternehmen.

Jeder kann im Silicon Valley mitmachen – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht

Meritokratie im Silicon Valley – es zählt nicht wer du bist, sondern was du kannst.  (Bild: Rawpixel - iStock.com)
Meritokratie im Silicon Valley – es zählt nicht wer du bist, sondern was du kannst. (Bild: Rawpixel - iStock.com)

Die IT-Branche hat insofern ein Problem. Nämlich dass sie ihrer eigenen Mythen viel zu oft nicht gerecht wird. Vor allem in Sachen Chancengleichheit, spricht einiges gegen die hochgelobte Legende. Erfolgreich ist vor allem, wer männlich, weiß und gut gebildet ist. Das belegen Zahlen, die sich kaum anders interpretieren lassen – und die von den Tech-Unternehmen selbst geliefert werden. Der Facebook Diversity-Report, der im Juni dieses Jahres veröffentlicht wurde, spricht dahingehend Bände: Weltweit beschäftigt das Unternehmen 69 Prozent Männer – in den USA sind davon 57 Prozent europäischer, 34 Prozent asiatischer, 4 Prozent hispanischer und 2 Prozent afroamerikanischer Abstammung. In anderen Unternehmen sieht das ähnlich aus. Auch die Zahlen von Google, Twitter, Yahoo oder LinkedIn weisen gleiche Tendenzen auf.

„Im Silicon Valley ist erfolgreich, wer männlich, weiß und gut gebildet ist.“

In der Regel sind also rund zwei Drittel männlich und mindestens ein Drittel weiß. Insofern ist eine schwarze Frau im Management – sei es auch nur im unteren oder mittleren – mindestens genauso selten wie ein Schneesturm in Kalifornien. Rekrutiert werden Technologie-Fachkräfte zudem vor allem in Stanford und dem Massachusetts Institute of Technology. Manager, die einen Abschluss an der Harvard Business School besitzen, werden mit Handkuss genommen. Und Anwälte haben häufig an der Columbia Law School studiert. Für ein Studium in diesen Einrichtungen, muss man entweder hochbegabt oder gutsituiert sein.

Die Silicon-Valley-Clique bleibt lieber unter sich

Doch auch in Sachen Startup-Finanzierung wird neben dem Potential der Idee vor allem auch auf eines geachtet: Beziehungen. Wer sich im Dunstkreis der Valley-Clique bewegt, hat es scheinbar leichter. Das belegen Zahlen die im vergangenen Jahr von der Reuters-Analystin Sarah McBridge veröffentlicht wurden. Sie hat auf 88 Startups im Silicon Valley geschaut, die binnen eines Zeitraums von 2011 bis Mitte 2013 eine „Serie A“-Finanzierung von einem der fünf Top-Risikokapitalgeber erhalten haben. Ihr Ergebnis beweist, dass „70 Unternehmen von Personen gegründet wurden, die man als die traditionelle ‚Silicon Valley Kohorte’ beschreiben könnte." Entweder man ist drin oder nicht. Zyniker würden sagen, dass man mit dem gewissen „Vitamin B“ erfolgreicher ist – es ist eben doch wichtig, wer du bist und wen du kennst.

Dass diese Kritik nicht an den Haaren herbeigezogen ist, hat auch der prominente Risikokapitalgeber Marc Andreessen in einem kürzlich erschienen Interview im New York Magazine durchblicken lassen, als er sagte: „Wie treffen wir unsere Investment-Entscheidungen? Wir bekommen Empfehlungen von Menschen, die wir bereits kennen!“ Eines der wichtigsten Kriterien ist somit auch für ihn der Zugang zum etablierten Netzwerk. Doch klar ist eben auch, dass genau dieser Zugang nicht unbedingt allen gleichermaßen offen steht oder einige zumindest mit Hürden konfrontiert sind. Und das liegt weniger an der Hautfarbe als daran, dass nicht jeder Gründer, die in der IT-Branche gemeinhin als wichtig angesehenen Attribute mitbringt. Die hiesige US-Denkweise unterscheidet sich enorm von der anderer Kulturen. Gerade bezüglich der Selbstdarstellung – manifestiert vor allem in Marketing und Verkauf – wird eine lautstarke Haltung mehr gewürdigt als eine demütige. Vor allem Asiaten stoßen hier besonders oft an ihre Grenzen.

Die Silicon-Valley-Elite kennt keine Verlierer

Wer sich zudem einige Zeit in der hiesigen IT- und Startup-Welt bewegt hat, wird relativ schnell merken, dass auch eine bestimmte ideologische Grundhaltung zur Szene gehört – und zwar die des uneingeschränkten technologischen Optimismus. Wer kritische Worte gegenüber der IT-Branche äußert oder gar die Forderung aufstellt, dass der Markt bestimmten gesetzlichen Regulierungen unterstellt sein sollte, steht schnell im Abseits. Das lässt vor allem auch tief blicken im Bezug auf das Bewusstsein der eigenen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Von Empathie für andere Berufsschichten kann keine Rede sein – die Sicherung der Existenz eines Taxifahrers muss dem Billigmodell eines Uber- oder Lyft-Angebots untergeordnet werden. Es gibt nur Schwarz und Weiß in der Debatte. Der Gedanke liegt insofern nahe, dass kaum jemand in der Verwandtschaft der IT-Arbeiter etwaiger gesellschaftlicher Umwälzungen zum Opfer fällt – ein Anzeichen auf die soziale Herkunft?

Es sind nicht die phänotypischen Merkmale, die ausschlaggebend sind – das muss man den Unternehmen schon zugute halten. Es sind vielmehr kulturell bedingte und charakterliche Eigenschaften sowie der Zugang zu Bildungseinrichtungen und der Angehörigkeit konkreter Schichten, die auch in San Francisco und dem Silicon Valley die Spreu vom Weizen trennen. Damit steht die Tech-Branche nicht alleine da. Sie ist nicht besser und nicht schlechter als andere Industriezweige, die mit derartigen Vorwürfen konfrontiert werden. Allerdings wird auch nirgendwo sonst so vehement behauptet, dass man über derartigen Dingen steht. Chancengleichheit in der IT- und Startup-Szene – auch und gerade in Kalifornien – bleibt ein Mythos, für den es bislang keine Belege gibt. Vielmehr zeichnet sich ab, dass das System sich abschottet und der gelebte Grundsatz nur ein Ammenmärchen ist.

t3n im Silicon Valley

Andreas WeckAndreas Weck hat 2014 für t3n aus San Francisco und dem Silicon Valley über neue Trends, spannende Tools und interessante Orte des Tech-Epizentrums berichtet. Sein Eindruck: Im Valley gibt es viele schlaue Köpfe und genauso viele bekloppte Geschäftsideen. / Twitter, Facebook.

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5 Reaktionen
Clemens
Clemens

Interessante Zahlen. Allerdings sagen sie nichts aus, ohne die Bevölkerungsverteilungen hinsichtlich der genannten Merkmale zu kennen. Auf die schnelle hab ich mal das hier gefunden für die Bay Area, wo ja der Großteil der Angestellten arbeitet und wohnt:
Weisse 42,4%, (FB 57%)
Asiaten/Hawaiianer/Pazifikstämmige 23,6%, (FB 34%)
Afroamerikaner 6,4%, (FB 2%)
Hispanics 23,5% (FB 4%)
(Quelle: http://www.bayareacensus.ca.gov/historical/shrcorace.htm)
Da das Leben in der Bay Area relativ teuer ist (nicht zuletzt wegen FBI, Googles & Apples Gehältern selbst), sollten sich in der Bevölkerungsverteilung bereits der Bildungsfaktor zum großen Teil niedergeschlagen haben.

Was sehen wir? Google beschäftigt überproportional viele Asiaten, dann erst Weiße und besonders wenig Hispanics. Die niedrige Anzahl der Hispanics kann man sich dadurch erklären, dass die Zuwanderung gerade in den letzten Jahren(Jahrzehnten) sehr stark war (ebenfalls in der Quelle nachvollziehbar) und die jungen Hispanics noch nicht den Zug durch die Bildungsinstitutionen (der gern auch mal 1-2 Generationen dauern kann) abgeschlossen haben. Die Asiaten aber schon, die in Kalifornien vor allem seit dem Goldrausch heimisch sind. Für mich ließt sich das so, als würde Google vor allem hochselektiv hochgebildete Arbeitnehmer einstellen, wie sich auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Ob das Bildungssystem hinsichtlich Geschlecht oder Ethnie in den USA gerecht ist, kann ich nicht beurteilen. Einen echten Verdacht auf eine rassistische oder von Stereotypen belastete Einstellungspraxis kann ich aber nicht durch die Zahlen belegt sehen. Sie zeigen einfach, dass Bevölkerungsverteilung und Bildungszugang in SV und der ganzen Bay Area ihre Auswirkungen hinterlassen haben. Auch wenn ich die Darstellung im Artikel damit nicht widerlegen kann (ist ja mehr ein Kommentar), würde ich mich über eine bessere Darstellung der Datenlage freuen, um die Meinung des Autors besser einschätzen zu können.
Und was die Beziehungsgeflechte angeht, kann ich von Deutschland aus natürlich nichts einschätzen.

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Märchen
Märchen

google: discrimination matloff
weist auch noch auf age discrimination hin. Mit 30 ist man raus.

Nicht die Mitarbeiter sondern die Vermieter verdienen vermutlich das meiste.

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Peter Meister
Peter Meister

German Angst at it's best - mittlerweile sogar auf t3n ... Schade!

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Eva Ihnenfeldt

Erst einmal vielen Dank für die Beiträge von Andreas Weck aus Silicon Valley. Gerade dieser macht mich nachdenklich. Auf der einen Seite bewundere ich den "technischen Optimismus" und Tatendrang - doch die Vorstellung, dass sich eine kleine traditionelle Elite ihre eigene "Neuland-Welt" zusammenbastelt, ohne Berührung zu den Menschen, die darin leben werden, ist erschreckend. Weiß, männlich, gut situiert und bestens vernetzt - klingt nicht nach einem Science Fiction, bei dem Liebe, Freiheit, Selbstbestimmung das Ergebnis sind...

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Andreas Weck

Danke für das Danke. Hört man selten.

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